Klimaschutz

Andere Länder haben auch schöne CO2-Preise

Foto: Stefano Guidi/picture alliance/ZUMA Press

Foto: Stefano Guidi/picture alliance/ZUMA Press

Globales Problem, globale Lösung? Weltkugel auf einer Klimademo von Fridays for Future in Turin.

Tim Altegör, 06.08.19
Mit einer Abgabe auf CO2-Emissionen, wie sie gerade diskutiert wird, wäre Deutschland nicht allein. Immer mehr Staaten setzen auf das Instrument, jedoch auf verschiedene Weise – und mit sehr unterschiedlichem Preisschild.

In Deutschland ist mit einem Mal ein Thema weit nach oben auf der politischen Agenda gerückt, das in Expertenkreisen schon seit langem diskutiert wird: Um das Klima zu schützen, sollen CO2-Emissionen einen Preis bekommen. Mehrere neue Regierungsgutachten halten das für sinnvoll, die Regierung will im September einen Beschluss dazu fassen. Eine ebenfalls seit Jahren und auch weiterhin häufig geäußerte Warnung lautet allerdings, Deutschland dürfe keinesfalls einen „nationalen Alleingang“ wagen. Tenor: CO2-Preise sind sinnvoll, aber nur, wenn möglichst viele mitmachen – am besten gleich die ganze Welt.

Industrievertreter wähnen sich sonst im Nachteil gegenüber der Konkurrenz in anderen Ländern. Außerdem würden mit den Betrieben auch die Emissionen nur ins günstigere Ausland verlagert statt vermieden. Dafür gibt es zwar bislang kaum Belege, doch grundsätzlich sehen Ökonomen diese Gefahr durchaus. Ein Blick über den Tellerrand zeigt jedoch: Von einem Alleingang kann nicht die Rede sein. Vielmehr erheben viele Staaten bereits CO2-Abgaben, auch wenn im Detail die Unterschiede groß sind: beim grundsätzlichen System, der Abdeckung und vor allem natürlich beim Preis.

Einen Überblick bietet die Weltbank, die aktuell 57 bereits laufende oder angekündigte Preisinstrumente in 46 Ländern verzeichnet, von Island bis Mexiko und von Chile bis Neuseeland. Dazu kommen regionale Systeme wie in Kalifornien oder im kanadischen Québec. Aufgeführt sind sowohl CO2-Steuern (Prinzip: eine Tonne Emissionen kostet x Euro) als auch Emissionshandel (Prinzip: x Tonnen Emissionen dürfen erzeugt werden, daraus entsteht ein Preis). Unter den europäischen Handel fällt auch Deutschland, er deckt bislang aber nur große Erzeuger und damit rund die Hälfte der Emissionen ab, vor allem Industrie und Kraftwerke. China testet derzeit ebenfalls einen solchen Handel mit Verschmutzungszertifikaten. Eine Steuer erhebt dagegen beispielsweise Argentinien.

Spitzenreiter Schweden

Die meisten Länder mit CO2-Preisen antworten auf die Frage, welche Variante sie bevorzugen, aber schlichtweg: beide. Auch in der EU gibt es zahlreiche Staaten, die das Klimagas über den grenzüberschreitenden Emissionshandel hinaus bepreisen. Die Klimaschutzorganisation Germanwatch hat nachgezählt und kommt auf zwölf Länder (plus Norwegen und die Schweiz), die entweder eine Abgabe für weitere Bereiche wie Heizungen oder Kraftstoffe haben, oder wie Großbritannien einen nationalen Mindestpreis für die Zertifikate im Handel, die dadurch auch bei niedrigen Marktwerten eine Wirkung entfalten konnten. Sie sind zwar nach jahrelangen Tiefstwerten in letzter Zeit teurer geworden (bis zu 30 Euro die Tonne), unterliegen aber den schnelllebigen Preisschwankungen eines Börsenhandels.

Im Unterschied etwa zu Deutschland ist der Anteil von klimaschädlichen Kohlekraftwerken in Großbritannien drastisch eingebrochen. Als 13. EU-Land reihen sich bald die Niederlande ein, die dem britischen Beispiel folgen wollen. CO2-Preise seien „bereits wichtiger Teil des klimapolitischen Werkzeugkastens vieler Länder“, sagte Germanwatch-Referent Linus Herzig. „Von einem nationalen Alleingang kann also keine Rede sein.“

Weltweit betrachtet kam zuletzt Kanada und mit Südafrika erstmals auch ein afrikanisches Land dazu. Laut der Weltbank haben derzeit 20 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen einen Preis, wobei ziemlich genau die Hälfte davon unter zehn US-Dollar die Tonne kosten – nicht besonders viel. Im Emissionshandel hängt das beispielsweise von der Wirtschaftslage ab sowie von der Frage, wie knapp die Zertifikate sind. Auch die globale Preisspanne ist enorm: In Japan fallen für eine Tonne CO2 umgerechnet rund 2,50 Euro an, in Polen keine zehn Cent, in der Schweiz sind es knapp 90 Euro. Spitzenreiter ist mit rund 110 Euro Schweden, wo die Steuer bereits 1991 startete.

Seitdem sei die Wirtschaftsleistung des Landes deutlich gestiegen, während die Emissionen sanken, sagte Leif Jakobsson, Staatssekretär im schwedischen Finanzministerium, bei einer Podiumsdiskussion in Berlin im April letzten Jahres. Laut Regierung verzeichnete das Bruttoinlandsprodukt zwischen 1990 und 2017 ein Plus von 78 Prozent, die Treibhausgase ein Minus von 26 Prozent. „Wir denken, es ist der richtige Weg“, so Jakobsson zur CO2-Steuer.


neue energie kooperiert für repräsentative Umfragen mit dem Umfrageinstitut Civey. Abstimmen kann jeder, doch berücksichtigt werden nur die Abstimmungen registrierter User. Wenn Sie sich registrieren, tragen Sie zu besseren Ergebnissen bei. Alle Informationen zur Methodik finden Sie hier.

Von der Leyens Plan für den Emissionshandel

In Deutschland bringen die Wirtschaftsberater der Bundesregierung noch eine andere Variante ins Spiel, um neben den Industrie-Emissionen auch Ölheizungen in Gebäuden und Spritschlucker im Verkehr zu bepreisen: ein nationales Handelssystem für diese Sektoren, das perspektivisch in den europäischen Handel integriert werden soll. Dieser Ansatz wäre dann tatsächlich ein deutscher Sonderweg, kommentieren die Autoren der Germanwatch-Studie. Dass auf längere Sicht ein Länder-übergreifendes Preissystem sinnvoll wäre, bestreitet kaum jemand, auf dem Weg dorthin gelten Steuern aber als das einfachere Modell.

Dass sich die Regierungen der Welt auf einen globalen Preis einigen, den sich Marktliberale als ultimatives (und einziges) Klimaschutzinstrument erträumen, erscheint in absehbarer Zeit kaum vorstellbar. In den USA etwa setzen sich zwar führende Ökonomen, darunter vier ehemalige Chefs der Notenbank und diverse Nobelpreisträger, öffentlich für einen CO2-Preis ein, der politische Widerstand ist aber groß.

In Europa scheint mehr Koordination immerhin möglich. Die designierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat angekündigt, dass sie den Emissionshandel ausweiten will, unter anderem auf Schifffahrt und Verkehr. Eine Ausgleichssteuer an den EU-Grenzen soll sicherstellen, dass kein Wettbewerbsnachteil entsteht. Reformen des Handelssystems sind allerdings notorisch kompliziert und ziehen sich über Jahre, weil die Interessen aller EU-Staaten ausgeglichen werden müssen.

Ein erster Schritt könnte ein europäischer Mindestpreis für die Zertifikate sein, dem sich Länder ohne EU-Beschluss freiwillig anschließen. Neben den Niederlanden zeigt daran auch Frankreich, ein weiteres Land mit nationalen CO2-Preisen, großes Interesse. Deutschland hält sich dagegen bislang zurück – aber vielleicht ändert sich auch das im September, wenn die Regierung tagt.

 

Kommentare (0)

Kommentar verfassen»

Kommentar verfassen

Aktuelles Magazin

Ausgabe Nr. 10 / 2019

Wollen wir's platzen lassen? Die Regierung scheitert beim Klimaschutz

Bisherige Ausgaben »
Anzeige

Social Media

Anzeige
Anzeige

Advertisement

Anzeige