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Umweltpolitik

„Es geht um Gewinne durch Klimaschutz“

Interview: Astrid Dähn, 22.09.14
Der Nachhaltigkeitsforscher Ernst Ulrich von Weizsäcker über die Klimakonferenzen in New York und Paris und die Rolle von Stiftungen beim Kampf gegen die Erderwärmung.

neue energie: Herr von Weizsäcker, Sie gehören zu den Unterzeichnern eines ganzseitigen Appells, der letzte Woche in der International New York Times veröffentlicht wurde. Darin rufen 160 preisgekrönte Umweltschützer Stiftungen und wohltätige Organisationen dazu auf, sich mehr für den Kampf gegen den Klimawandel zu engagieren. Weshalb diese ungewöhnliche Aktion?

Ernst Ulrich von Weizsäcker: Ich finde, dass gemeinnützige Stiftungen, die Geld anlegen müssen, dieses nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft investieren sollen, also nicht in Kohle und Atomenergie, sondern in erneuerbare Energien und vor allem auch in Energieeffizienz.

neue energie: Und weshalb sprechen Sie gerade Stiftungen an, weshalb nicht große Unternehmen?

von Weizsäcker: Könnte man auch. Aber es hat natürlich eine besondere symbolische Bedeutung, wenn die Stiftungen aktiv werden. Außerdem verwalten die auch ein ziemlich großes Marktvolumen, das Stiftungsvermögen umfasst hunderte von Milliarden Dollar. Der Weltrat der Kirchen, der die nicht katholischen Christen vertritt – immerhin eine halbe Milliarde Menschen –  ist schon mal mit gutem Beispiel vorangegangen: Er zieht sich für seine Geldanlage aus dem Fossilgeschäft vollständig zurück. Stiftungen mit ihrem Anspruch auf Gemeinnützigkeit könnten ähnlich handeln.

neue energie: Was heißt das konkret? Was sollten die Stiftungen mit ihrem Vermögen tun?

von Weizsäcker: Das Stiftungsgeld wird sowieso angelegt. Und in einer Zeit niedriger Zinsen gehen die Stiftungen natürlich furchtbar gerne mit ihrem Geld in Aktien, bei denen eine günstige Dividende gezahlt wird, sodass eine gewisse Versuchung besteht, auch in Öl- oder Kohlekonzerne zu investieren. Das sollten sie künftig unterlassen. Umgekehrt würde es das dann auch Druck auf die Manager der Öl- und Kohlekonzernen ausüben, sich eher im Bereich erneuerbare Energien und Effizienz zu engagieren. Und es würde die bisherige Aufbauarbeit der Stiftungen bewahren helfen. Denn wenn die Stiftungen mit dem Hinterfuß über Investments in fossile Energie das kaputt machen, was sie vorne mit ihren Händen aufrichten, ist das nicht besonders sinnvoll. Es hat beispielsweise keinen Zweck, wenn Stiftungen in einem Land Bewässerungsanlagen errichten, die dann von klimawandelbedingten Dürren oder Überflutungen wieder zunichte gemacht werden.

neue energie: Sie schreiben in dem Appell, das Engagement der Stiftungen solle „einen Überlebensreflex in der Gesellschaft auslösen“. Was meinen Sie damit genau?

von Weizsäcker: Die Formulierung ist nicht von mir, aber ich finde sie richtig. Wenn wir nicht wollen, dass die Generation unserer Kinder und Enkel in einen Zivilisationskollaps reinreitet, dann müssen wir heute Bewusstsein für die Probleme schaffen. Und das Engagement der Stiftungen könnte dazu beitragen, dass die Gesellschaft aufmerkt.

neue energie: Haben Sie den Appell auch deshalb gerade jetzt veröffentlicht, kurz bevor sich in dieser Woche Staats- und Regierungschefs sowie Unternehmensmanager aus aller Welt auf Einladung des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, in New York treffen, um über Maßnahmen gegen die Klimawandel zu sprechen?

von Weizsäcker: Nein, das ergab sich eher zufällig und hatte längerfristige Ziele im Blick. Im April dieses Jahres trafen sich die Umweltpreisträger der Welt in Freiburg auf einer internationalen Konferenz. Und einer von uns, Jeremy Leggett aus England, hat dort die Initiative ergriffen und uns alle von der Notwendigkeit eines solchen Aufrufs überzeugt. Uns war bewusst, dass es im Jahr 2015 um die Wurst gehen wird, dass man dann auf höchster Ebene zum Klimagipfel in Paris zusammenkommen wird. Darauf zielte der Appell ab, nicht auf das Treffen in dieser Woche.

neue energie: Was erwarten Sie denn von dem Treffen  in New York?

von Weizsäcker: Ich fürchte, da wird es nicht viele Ergebnisse geben. Denn bisher überwiegt in allen Ländern der Welt die Meinung: Wenn man auf CO2-Emissionen verzichtet, verzichtet man auf Wohlstand. Und solange das so ist und niemand auf der Welt auf Wohlstand verzichten will, kriegen wir das Kohlendioxid nicht weg.

neue energie: Sie haben in dem Appell sehr drastische Worte gefunden. Sie warnen davor, dass wir uns „nicht mehr ernähren können“, dass uns das „Trinkwasser ausgeht“, und am Ende der „Zusammenbruch unserer Zivilisation“ drohe. Sehen Sie  die Lage tatsächlich so dramatisch?

von Weizsäcker: Ja, ich sehe sie so, nicht kurzfristig, aber langfristig. Das Problem der Politik ist, dass sie nicht langfristig denken kann. Richtig große Katastrophen drohen noch nicht gleich, sondern in 40 bis 80 Jahren. Zum Beispiel das Abbrechen des Grönlandeises und eines Drittels des Antarktiseises: Plötzlich stehen dann die Wohnungen von einer Milliarde Menschen unter Wasser. Das wäre noch hundert Mal schlimmer als Tschernobyl – und das Reaktorunglück will ich damit überhaupt nicht verniedlichen. Ich sehe da eine wirkliche Gefahr auf uns zukommen. Und ich halte es für richtig, dass man heute schon artikuliert, was uns erwarten könnte. Denn von heutigen Entscheidungen hängt es ab, ob es in 30 bis 50 Jahren – das ist ein reiner Schätzwert – ganz schlimm kommt. Wir müssen heute handeln, und nicht erst, wenn es zu spät ist.

neue energie: Der Klimagipfel in Paris ist allerdings schon im Dezember kommenden  Jahres. Können die Stiftungen bis dahin tatsächlich irgendetwas bewirken?

von Weizsäcker: Sie haben Recht. Das ist verdammt kurzfristig. In den letzten fünf Jahren ist der Eifer für den Klimaschutz leider völlig zum Erliegen gekommen, seit der Konferenz in Kopenhagen 2009, auf die alle große Hoffnungen gesetzt hatten. Die Amerikaner, aber auch die Kanadier, die Chinesen, die Inder – alle haben damals gesagt: Ist ja ganz schön, aber wir machen nicht mit. Und damit war plötzlich überall die Puste raus. In der Europäischen Union hat man dann auch noch zugelassen, dass die Handelspreise für CO2-Emissionen in den Keller sacken.

neue energie: Und inwiefern könnten die Stiftungen den Prozess wieder in Gang bringen und die Politik zu mehr Konsens bewegen?

von Weizsäcker: Naja, man weiß immer nicht genau, wo man am besten anfangen soll. Jeremy Leggett hat uns alle überzeugt, dass die Stiftungen symbolisch und vom Marktvolumen her sehr wichtig sind.

neue energie: Sie hätten sich ja auch direkt an die Politik wenden können?

von Weizsäcker: Das tun ja alle. Die Stiftungen anzusprechen ist endlich mal etwas Originelleres.

neue energie: Sie sagen in dem Appell, die Klimakonferenz von Paris sei „die letzte Chance, um die Zivilisation noch zu retten“...

von Weizsäcker: Das stimmt natürlich nicht. Paris wird kommen und gehen. Danach werden alle Klimaschützer sagen: Worauf man sich dabei geeinigt hat, war viel zu wenig. Alle Kohlelobbyisten werden im Gegenzug lamentieren: Es gab viel zu viele Zugeständnisse. Anschließend muss man weiterarbeiten. Und hier kommen die Stiftungen wieder ins Spiel: Wenn man richtig langfristig und systematisch mit den potenziellen Freunden – und das sind die Stiftungen – weltweit ein Bewusstsein dafür aufbaut, dass es jetzt wirklich Korrekturen im Kurs bedarf, dann verliert die Pariser Konferenz an Bedeutung, dann ist es nicht so schlimm, wenn der Klimagipfel nicht die gewünschten Resultate bringt.

neue energie: Was würden Sie sich denn von dem Klimagipfel wünschen?

von Weizsäcker: Mindestens mal die Fortsetzung der Verpflichtungen, die auf dem Klimagipfel in Kioto festgeschrieben wurden, und die Einbeziehung von einigen Ländern, die bei Kioto noch nicht dabei waren. Ich denke zum Beispiel an Mexiko oder Brasilien, beide haben sich in Kioto vornehm zurückgehalten, haben lieber nichts versprochen und sind inzwischen ganz große CO2-Emittenten. Also: Kioto fortsetzen und erweitern, dann möglichst auch verschärfen, aber das wird vorläufig wohl an den Amerikanern scheitern. Wir haben bei den Beschlüssen zum Klima immer das Problem, dass sie einstimmig fallen müssen. Deswegen darf man da die Erwartungen nicht ganz so hoch schrauben. In Amerika darf außerdem nur der Senat, der ein sehr konservatives Parlament ist, die Ratifizierung internationaler Verträge vornehmen. Das macht die Sache extrem schwierig. Die Amerikaner sind ja nicht einmal dem Kioto-Protokoll beigetreten.

neue energie: Das klingt wenig optimistisch…

von Weizsäcker: Ich formuliere die Ziele für Paris so zurückhaltend, weil das meiner Ansicht nach realistisch ist. Gleichzeitig arbeite ich fleißig daran, positivere Perspektiven aufzubauen, nämlich Wege aufzuzeigen, auf welchen die Klimaschützer reicher werden und nicht etwa ärmer.

neue energie: Zum Beispiel?

Ich habe zusammen mit australischen Kollegen ein Buch geschrieben mit dem Titel „Faktor fünf“. Darin erläutern wir, wie wir fünfmal effizienter im Umgang mit Energie werden können als bisher. Nehmen Sie zum Beispiel Passivhäuser. Meine Familie und ich leben in einem Passivhaus. Seitdem ist das Thema Heizkosten aus unserer Familienunterhaltung verschwunden. Und gleichzeitig sind wir große Klimaschützer. Ist das nicht wunderbar? Es geht also um Gewinne durch Klimaschutz. Das muss auf die Agenda – dann machen plötzlich alle mit.

neue energie: Weshalb wird das bislang noch so wenig praktiziert?

von Weizsäcker: Weil in allen Ländern der Welt Energiepreise nach unten subventioniert werden. Das ist Wahnsinn. Da werden hunderte von Milliarden wertvollster Euros und Dollars in das Billig-machen des Verbrechens gesteckt. Das ist der Skandal.

neue energie: Wie könnte man das ändern?

von Weizsäcker: Zum Beispiel, indem man die CO2-Emissionen – oder auch die ganze Energie –  jedes Jahr um gerade um so viel Prozent teurer macht, wie im abgelaufenen Jahr die Effizienz zugenommen hat. Dann verliert kaum einer, und trotzdem löst das ein Wettrennen in Richtung Energieeffizienz aus. Man müsste so einen Mechanismus nur politisch durchgesetzt bekommen – in Deutschland wäre das vielleicht möglich, oder vielleicht in einem Industrieland wie Japan. Die Japaner haben schließlich vor einem Jahr alle Atomkraftwerke stillgelegt – und der befürchtete Industrieeinbruch ist nicht passiert.

neue energie: Japan fängt jetzt allerdings wieder an, die Atomkraft zu forcieren, unter anderem mit dem Argument, dass die Energie im Land derzeit zu teuer für die Industrie sei…

von Weizsäcker: Das ist aus meiner Sicht ein großer Fehler. Aber immerhin haben die Japaner den Nachweis erbracht, dass man in einem hochindustrialisierten Land ein Jahr lang ohne einen einzigen Atommeiler auskommen kann. Das ist doch eine tolle Nachricht! Das ist der empirische Beweis dafür, dass wir längst nicht so viel brauchen, wie ständig herausposaunt wird. In diese Richtung müssen wir beim Klimaschutz weiterdenken.

 

Zur Person: Ernst Ulrich von Weizsäcker (75) war lange Zeit Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Als SPD-Abgeordneter im deutschen Bundestag leitete der Physiker eine Enquête-Kommission zur „Globalisierung der Weltwirtschaft“, er ist Autor mehrer Bücher zu Fragen der Nachhaltigkeit und erhielt für sein Engagement zum Klimaschutz zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und das Große Bundesverdienstkreuz.

 

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