CO2-Prognose

Die Klima-Eintagsfliege

Foto: Christoph Hardt/Geisler-Fotopress/picture alliance

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Schlecht für die CO2-Bilanz: Das RWE-Braunkohlekraftwerk Niederaussem

Joachim Wille, 16.08.21
Deutschland verzeichnet laut Prognose des Thinktanks Agora Energiewende in diesem Jahr den größten CO2-Anstieg seit 1990. Der Effekt des Corona-Lockdowns wäre damit wieder aufgefressen.

Der Corona-Effekt beim Klimaschutz ist wieder verpufft. Voriges Jahr führten die Lockdowns dazu, dass Deutschland sein CO2-Ziel – minus 40 Prozent gegenüber 1990 – unerwartet doch noch erreichte. Inzwischen aber heizen Kraftwerke, Industrie, Verkehr und Haushalte dem Klima wieder ein wie vor der Krise. 2021 werden die Emissionen laut einer Prognose des Thinktanks Agora Energiewende wohl nur noch um 37 Prozent unter dem Niveau von 1990 liegen. Konsequenz: Die nächste Bundesregierung muss einen Turbo einlegen, um auf den beschlossenen Pfad zur Klimaneutralität zu kommen.

Die Treibhausgas-Emissionen werden voraussichtlich um rund 47 Millionen Tonnen CO2 gegenüber 2020 ansteigen. Das wäre sogar der größte Anstieg seit dem Basisjahr 1990. Er fiele damit noch rasanter aus als während der ökonomischen Erholung nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 und 2010. „Der vermeintliche Erfolg von 40 Prozent Emissionsminderung im letzten Jahr war kein wirksamer Klimaschutz, sondern eine Eintagsfliege, bedingt durch Corona und Sondereffekte. 2021 stehen wir wieder an der Startlinie“, kommentierte Agora-Direktor Patrick Graichen.

Fällt Deutschland hinter das 40-Prozent-Ziel zurück?

Anno 2020 lag der Treibhausgas-Ausstoß bei 739 Millionen Tonnen. Das waren 40,8 Prozent weniger als 1990. Die Groko lobte sich dafür, das 40-Prozent-Ziel geschafft zu haben. Allerdings hätte das Minus ohne den Corona-Einfluss nur 37,7 Prozent betragen. Pandemiebedingt war 2020 das Verkehrsaufkommen stark reduziert und die Industrieproduktion deutlich zurückgegangen. Für 2021 hat Agora aufgrund der Daten des ersten Halbjahrs ein Minimal- und ein Maximal-Szenario berechnet. Danach liegen die Emissionen zwischen 760 und 812, also zwischen 35 und 39 Prozent unter dem Wert von 1990. Das heißt: Auch im günstigsten Fall sind die 40 Prozent nicht mehr erreichbar.

Der neuerliche CO2-Anstieg ist vor allem auf die Emissionen aus der Energiewirtschaft, dem Verkehr, der Industrie und der Gebäudeheizung zurückzuführen. Die Stromproduktion hat sich nach den Lockdowns wieder erholt, und vor allem Braunkohle-Kraftwerke mit ihrem hohen CO2-Ausstoß füllen die Lücke, während die Windkraft zumindest im ersten Halbjahr weniger Elektrizität lieferte als im besonders ertragreichen 2020. Agora schätzt das CO2-Plus in dem Sektor auf 30 Millionen Tonnen. Auch für den Verkehrssektor – Stichworte: weniger Home-Office, Normalisierung bei Freizeit und Urlaub – erwartet der Thinktank eine Zunahme um bis zu zehn Millionen Tonnen.

Im Gebäudebereich sei nach einem langen und kalten Winter ebenfalls mit steigenden Emissionen zu rechnen, genauso wie in der Industrie, die ihre Produktion nach dem Corona-Rückgang wieder hochgefahren hat. „Allein die Landwirtschaft ist kaum von der Corona-Krise beeinflusst“, schreibt Agora. Hier wird ein geringfügiger Emissionsrückgang erwartet.

Klima-Sofortprogramm gefordert

Der Thinktank fordert als Konsequenz nun von der nächsten Bundesregierung „das größte Klimaschutz-Sofortprogramm, das es in der Bundesrepublik je gegeben hat“.  Dazu gehöre unter anderem ein vorgezogener Kohleausstieg sowie die Verdreifachung des Ausbaus von Windkraft- und Solaranlagen. Das Ziel Klimaneutralität, also die Netto-Null beim Ausstoß vom Treibhausgasen, peilt die Bundesregierung für 2045 an. Der Beschluss, es um fünf Jahre vorzuziehen, fiel nach dem aufsehenerregenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom April, in dem die Klimapolitik der Groko quasi als nicht enkeltauglich gerügt worden war.

Umweltverbände wie der BUND und Germanwatch sehen sich in ihrer Kritik an der Klimapolitik der Bundesregierung bestätigt. Sie fordern ebenfalls ein Klima-Sofortprogramm, einen Kohleausstieg bis 2030 und eine schnelleren Ökoenergie-Ausbau. Germanwatch-Geschäftsführer Christoph Bals sagte: „Jetzt tritt der Fall ein, vor dem das Bundesverfassungsgericht gewarnt hat: Die knappe Zeit wird verspielt, so dass ohne Sofortmaßnahmen bald nur noch die missliche Alternative zwischen harter Wende mit Einschränkungen für alle und massiven Klimafolgen bliebe. Beides würde die Grund- und Freiheitsrechte stark einschränken.“

Germanwatch bewertet die Agora-Zahlen mit Blick auf das deutsche Mittelfrist-Klimaziel von minus 65 Prozent CO2 bis 2030 im Vergleich zu 1990. „Wenn dieses Ziel in gleich großen Jahresschritten erreicht werden soll, müssten wir in diesem Jahr bei minus 42,5 Prozent landen. Die Kluft zu den von Agora erwarteten 37 Prozent wäre immens.“ Als ersten Schritt, um diese enorme Lücke zu schließen, fordert die Organisation eine sofortige Drosselung der Kohleverstromung „in den dreckigsten Kraftwerken“.

 

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