COP23 in Bonn

„Wir brauchen weltweit höhere CO2-Preise“

Interview: Katja Dombrowski, 30.11.17
… sagt der Ökonom und Klimaforscher Ottmar Edenhofer. So könne auch der Kohleausstieg gelingen. Damit ärmere Länder mitmachen, müsse aber mehr Geld fließen.

neue energie: Sie haben an der COP23 teilgenommen. Welches Fazit ziehen Sie?

Ottmar Edenhofer: Es ging auf dieser Klimakonferenz darum, eine Art Regelbuch zu erarbeiten, um das Abkommen von Paris umzusetzen. Das sind sehr viele technische Fragen. Wir – damit meine ich die Vertragspartner und somit die gesamte Menschheit – haben vor zwei Jahren in Paris den Beschluss gefasst, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Das gibt uns ein Restbudget von etwa 800 Gigatonnen CO2. Wenn man aber die Selbstverpflichtungen der Länder aufaddiert, wären davon bis 2030 schon 600 Gigatonnen verbraucht. Nach 2030 wäre demnach eine enorme Absenkung der Emissionen nötig, die einfach extrem unrealistisch ist. Daher ist jetzt die große Herausforderung: Wie schaffen es die Staaten, ihre Ambitionen zu erhöhen? Dafür sind auch Transparenz und Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Ländern nötig. Es geht also darum, einen gemeinsamen Nenner für die nationalen Selbstverpflichtungen zu finden. Wir sind in eine neue Phase der Klimapolitik eingetreten. Bisher hat die Wissenschaft Argumente dafür geliefert, warum es sinnvoll ist, Klimaschutz zu betreiben. Die Zeit des „Warum“ ist vorbei. Es geht nun um das „Wie“ – also mit welchen konkreten Maßnahmen die Klimaziele umgesetzt werden können.

ne: Auf der COP ist der Eindruck entstanden, dass gute Initiativen im Gang sind, dass aber der Zeitdruck enorm hoch ist und das CO2-Budget vor der Umsetzung der Klimaschutzziele aufgebraucht sein könnte. Was denken Sie?

Edenhofer: Da ist eine gewaltige Herausforderung zu stemmen. Wenn es gelingt, kurzfristig einen Ausstieg aus der Kohle zu finden – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit –, ist es bestimmt noch nicht zu spät. Die Kohleverstromung lediglich effizienter zu machen, was China derzeit stark vorantreibt, reicht aber auf keinen Fall. Auch eine Wende im Transportsektor hin zur Elektromobilität setzt voraus, dass der Stromsektor dekarbonisiert ist.

ne: Demnach ist ein weltweiter Kohleausstieg Ihrer Meinung nach die wichtigste Maßnahme zur Rettung des Weltklimas?

Edenhofer: Ja, kurzfristig, um überhaupt die Tür zu einem ambitionierten Klimaschutz offenzuhalten. Wir reden von zehn bis 15 Ländern, auf die wir uns konzentrieren müssen, allen voran China und Indien. Der Blick muss aber auch nach Afrika gehen, wo die Emissionen heute praktisch noch gar keine Rolle spielen, aber in Zukunft wegen der Wachstumschancen dieses Kontinents eine große Rolle spielen könnten. Manche Länder in Afrika haben zweistellige Ausbauziele für Kohlekraft. Einige multilaterale Entwicklungsbanken unterstützen noch immer die Investitionen in Kohlekraftwerke, das ist für das Weltklima durchaus relevant. Wir brauchen weltweit höhere CO2-Preise. Schon bei einem CO2-Preis von etwa 50 Euro pro Tonne würde die Kohle unattraktiv und dadurch aus dem Markt gedrängt. Ärmeren Ländern, die sich hohe CO2-Preise nicht leisten können, müssen wir einen Teil der Umbaukosten, die zur Modernisierung ihres Energiesystems notwendig sind, erstatten, sonst werden sie ihre CO2-Preise nicht erhöhen. Diese Kostenerstattung könnte zum Beispiel aus dem Green Climate Fund finanziert werden. Dazu ist es aber dringend notwendig, dass die reichen Staaten ihre Zahlungen erhöhen.

ne: Die deutsche Wirtschaft scheint allmählich umzudenken, mehr als 50 Unternehmen haben die künftige Bundesregierung aufgefordert, die erneuerbaren Energien auszubauen und aus der Kohle auszusteigen. Hinkt die Politik der Wirtschaft hinterher?

Edenhofer: Die deutsche Wirtschaft hat da keine einheitliche Position. Die großen Energieversorger wie Eon und EnBW, die
ihre Geschäfte neu aufgestellt haben und jetzt auf Erneuerbare setzen, sind natürlich für eine CO2-Bepreisung und den Kohleausstieg. Es gibt aber auch diejenigen, die den Strukturwandel verhindern oder zumindest stark verzögern wollen. In Braunkohletagebauen oder unter den Kraftwerksmitarbeitern wird es durch die Energiewende natürlich Verlierer geben – um diese Menschen müssen wir uns kümmern. Die Politik sollte sich nicht nur um die mächtigen Lobbygruppen kümmern, sondern um die Verlierer des Strukturwandels, die in unserer Gesellschaft wenig Gewicht haben.

ne: Wichtige Stellschrauben zur CO2-Vermeidung gibt es auch im Alltagsleben. Wie, denken Sie, kann man das Verhalten der Menschen entsprechend lenken? Geht es nur über gesetzlich verankerte Ge- und Verbote?

Edenhofer: Letztlich kann man die Menschen nur dazu bewegen, auf saubere Technologien umzusteigen, wenn diese kostengünstiger sind als schmutzige Technologien. Darum ist ein höherer CO2-Preis so wichtig. Es müssen mehr Anreize geschaffen werden, in CO2-arme Technologien zu investieren, dann sinken auch die Preise. Gesetzlich verankerte Verbote waren in der Vergangenheit durchaus sinnvoll, etwa mit Blick auf FCKW oder verbleites Benzin. Um den CO2-Ausstoß aber zügig und vor allem kosteneffizient zu senken, werden Verbote nicht reichen – wir müssen bei den Preisen ansetzen.

ne: Und was wünschen Sie sich von der neuen Bundesregierung?

Edenhofer: Mein Wunsch ist ganz klar: 2020 sollte die Tonne CO2 in der Europäischen Union 30 Euro kosten, und bis 2025 sollte der Preis auf 40 Euro steigen. Da werden nicht alle EU-Staaten sofort mitziehen. Die neue Bundesregierung müsste sich aber auf europäischer Ebene dafür stark machen, dass einige Länder vorangehen. Frankreich, die Niederlande, die skandinavischen Länder und die Tschechische Republik etwa könnten zusammen mit Deutschland einen Mindestpreis im Europäischen Emissionshandel einführen. Ein höherer CO2-Preis würde den Kohleausstieg in Europa von selbst erledigen.

ne: Sie setzen auf Europa, aber der aktuelle Emissionshandelsbeschluss sieht keinen Mindestpreis vor, und die anstehende Neufassung der Richtlinie zu erneuerbaren Energien dürfte den Ausbau eher bremsen. Hinzu kommen die weichgewaschenen Ziele für die Reduktion des CO2-Ausstoßes von Autos. Wie bewerten Sie die Aktivitäten der EU-Kommission insgesamt?

Edenhofer: Die EU hat ein Paket zur Reform des europäischen Emissionshandels beschlossen: Überschüssige Zertifikate sollen vom Markt genommen werden und Staaten, die Zusatzanstrengungen bei der Emissionsminderung unternehmen, sollen die dadurch freigewordenen Zertifikate löschen dürfen. Die Wirkung auf den CO2-Preis dürfte aber gering sein, weil auch nach der Reform immer noch zu viele Zertifikate auf dem Markt sind. Ein hoher CO2-Preis würde aber nicht nur die fossilen Kraftwerke aus dem Markt drängen, sondern vor allem die erneuerbaren Energien begünstigen. Ein steigender Mindestpreis im europäischen Emissionshandel würde den Ausbau der erneuerbaren Energien befördern. Auch für die Verminderung der Emissionen im Transportsektor wäre ein CO2-Preis hilfreich: Dieser würde Elektroautos rentabel machen. Kurzfristig würde schon eine Aufhebung der Steuerbefreiung für Diesel die Emissionen beträchtlich reduzieren. Die Energiesteuern müssen dringend reformiert werden. In Deutschland wird Strom am stärksten besteuert, Stein- und Braunkohle so gut wie gar nicht. In der EU müssen wir darauf hinarbeiten, dass wir über alle Sektoren hinweg einheitliche und steigende CO2-Preise bekommen. Es ist zu hoffen, dass in der EU-Kommission das Bewusstsein hierfür wächst. Geschieht dies nicht, sehe ich schwarz für die Zukunft der europäischen Klimapolitik.

Das Interview stammt aus der Ausgabe 12/2017 von neue energie.

 

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