UN-Klimakonferenz

Die Klimalücke schließt sich nicht

Foto: picture alliance/REUTERS/Sayed Sheasha

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Michael Hahn, 03.11.22
Im Vorfeld der internationalen Klimakonferenz in Ägypten untermauert eine Studie, wie groß der Handlungsbedarf weiterhin ist. Aktuell steuert die Welt demnach auf eine Erhitzung um 2,8 Grad zu. Um das 1,5-Grad-Ziel zu halten, müsste in nur acht Jahren der globale Treibhausgasausstoß fast halbiert werden.

Am Sonntag (6. November) beginnt im ägyptischen Sharm El-Sheikh die 27. UN-Klimakonferenz COP 27. Bis mindestens zum 18. November verhandeln dort die Vertreterinnen und Vertreter der fast 200 Vertragsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention darüber, wie der Pariser Klimavertrag umgesetzt und ausgestaltet wird. Dieser sieht vor, dass die menschengemachte Erderwärmung möglichst auf 1,5 oder zumindest deutlich unter zwei Grad Celsius begrenzt werden soll.

Wie groß der Handlungsbedarf ist, zeigt der Ende Oktober veröffentlichte „Emissions Gap Report 2022“ des UN-Umweltprogramms Unep. Demnach würde die Umsetzung sämtlicher bisheriger Klimaschutz-Ankündigungen der Staaten die Erderhitzung nur auf 2,4 Grad begrenzen. Immerhin: Im Report von 2021 seien es noch 2,6 Grad gewesen. Betrachte man nur die bereits in Politik umgesetzten Pläne, würden allerdings 2,8 Grad erreicht.

Das Jahr seit der letzten Klimakonferenz in Glasgow sei „verschwendet“ gewesen, heißt es in einer Mitteilung zum Report, der betitelt ist mit: „Das Fenster schließt sich – Die Klimakrise erfordert eine rasche Transformation der Gesellschaften“. Es sei festzustellen, dass die Fortschritte zur Verbesserung der national festgelegten Beiträge – der sogenannten NDCs –, „beklagenswert unzureichend waren“. Die in diesem Jahr eingereichten NDCs würden nur 0,5 Gigatonnen CO2-Äquivalente reduzieren, was weniger als ein Prozent der für das Jahr 2030 prognostizierten globalen Emissionen sei.

Grundlegende Transformation nötig

„Dieser Bericht sagt uns in kalten wissenschaftlichen Worten, was uns die Natur das ganze Jahr über durch tödliche Überschwemmungen, Stürme und wütende Brände gesagt hat: Wir müssen aufhören, unsere Atmosphäre mit Treibhausgasen zu füllen, und zwar schnell“, so Unep-Exekutivdirektorin Inger Andersen. Die Zeit für schrittweise Änderungen sei vorbei. „Nur eine grundlegende Transformation unserer Volkswirtschaften und Gesellschaften kann uns vor einer sich beschleunigenden Klimakatastrophe bewahren.“

Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müssen laut Bericht die jährlichen globalen Treibhausgasemissionen innerhalb von acht Jahren um 45 Prozent im Vergleich zu den derzeitigen Prognosen sinken. Um die Erwärmung zumindest auf zwei Grad zu begrenzen, seien 30 Prozent Minderung nötig. Und auch nach 2030 müssten die Emissionen weiter schnell sinken.

„Es ist eine große, und manche würden sagen, unmögliche Aufgabe, die Weltwirtschaft zu reformieren und die Treibhausgasemissionen bis 2030 fast zu halbieren, aber wir müssen es versuchen“, wird Andersen zitiert. „Jeder Bruchteil eines Grades ist wichtig: für gefährdete Gemeinschaften, für Arten und Ökosysteme und für jeden von uns.“

Zwar wäre es dem Unep-Papier zufolge möglich, den Temperaturanstieg auf 1,8 Grad zu begrenzen. Dafür müssten aber alle NDCs und Netto-Null-Verpflichtungen der Länder umgesetzt werden. Dieses Szenario sei „aufgrund der Diskrepanz zwischen aktuellen Emissionen, kurzfristigen NDC-Zielen und langfristigen Netto-Null-Zielen nicht glaubwürdig.“

Forderung: Kein neues Gas aus Afrika

Um die Klimakatastrophe nicht weiter zu befeuern, forderten Umweltschutzorganisationen von der EU-Kommission und europäischen Staatsoberhäuptern im Vorfeld der COP 27, dass im Zuge der aktuellen Energiekrise keine neuen Gasfelder in Afrika erschlossen werden dürften. Sie unterstützen damit die zivilgesellschaftliche Kampagne „Don’t Gas Africa“.

„Um sicherzustellen, dass Afrika vor der COP 27 nicht an die Produktion fossiler Gase gebunden ist, schließen wir uns Bewegungen in ganz Afrika an, um ein Ende von fossilem Gas und anderen schmutzigen, gefährlichen, veralteten und ungeeigneten Energiesystemen zu fordern“, heißt es auf der Homepage des Bündnisses. Erneuerbare Energien seien der „schnellste und beste Weg, um die Energieausgrenzung zu beenden und die Bedürfnisse der Menschen in Afrika zu erfüllen“.

Die Organisation Germanwatch, die das Anliegen unterstützt, warnte, dass neue Gas-Geschäfte die letzte Chance auf 1,5 Grad zunichtemachen könnten. „Alles spricht für eine Beschleunigung der globalen Energiewende. Wenn Bundeskanzler Scholz nun neue Gas-Deals anstrebt und in Gasfelder in Afrika investieren will, gefährdet er die internationale Glaubwürdigkeit der deutschen Energiewende“, so Kerstin Opfer, Referentin für Energiepolitik und Zivilgesellschaft in Afrika bei Germanwatch.

Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) kündigte laut Nachrichtenagentur DPA im Unterausschuss des Bundestags für Internationale Klima- und Energiepolitik an, Deutschland werde auf der Klimakonferenz eine Zusage zur Minderung des Treibhausgases Methan machen. Zugleich dämpfte sie die Erwartungen an die Konferenz. Das Minimalziel sei, dass diese überhaupt stattfindet. Es sei „in diesen Zeiten nicht automatisch gegeben, dass es ein Abschlussdokument gibt“.

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