Story des Monats

Philippinen: Volle Wasserkraft voraus

Katja Dombrowski, 30.05.14
Eine deutsch-philippinische Firma setzt den bisher dominierenden Großwasserkraftwerken im Inselstaat umweltschonende Kleinanlagen entgegen. Lang erwartete Einspeisetarife machen Investitionen in Erneuerbare attraktiv.

Die Philippinen sind ein Land, verteilt übers Wasser: 7107 Inseln, davon rund 880 bewohnt. Das macht die Stromversorgung zu einer Herausforderung. Zugleich liegt im Wasser auch der Schlüssel zur Lösung: Hunderte Flüsse gibt es auf den Philippinen, und in der Regenzeit stürzen gewaltige Wassermassen vom Himmel. Damit ist das Land prädestiniert für die Nutzung von Wasserkraft.

Schon jetzt ist sie mit einem Anteil am Strommix von rund zwanzig Prozent die wichtigste erneuerbare Ressource. In Zukunft soll sie die wichtigste überhaupt werden. Kohle, zurzeit noch vorherrschend, sowie Öl und Gas werden ganz aus dem Land verbannt: Der philippinische Strom soll bis 2023 zu hundert Prozent aus regenerativen Quellen kommen. Ein ehrgeiziges Ziel, das das Schwellenland mit europäischen Staaten wie Schottland und Dänemark teilt und mit dem es dem grünen Island nacheifert. Hannes Müller hält diese Vision allerdings für utopisch. "Vor allem die komplizierten und langwierigen Genehmigungsverfahren sprechen dagegen", sagt der Geschäftsführer der deutsch-philippinischen Hydrotec Renewables.

Müller spricht aus Erfahrung. Seine Firma, die Kleinwasserkraftwerke in den Philippinen baut und damit nach eigenen Angaben Pionier in dem südostasiatischen Inselstaat ist, habe zwei Jahre für die nötigen Genehmigungen gebraucht. Die Regierung in Manila hat Hydrotec Renewables im November grünes Licht für acht Projekte gegeben, von denen zwei inzwischen im Bau sind. Bis 2016 sollen alle am Netz sein.

Sechs der Kraftwerke entstehen im Abstand von vier bis sieben Kilometern am Fluss Marikina auf der Hauptinsel Luzon, zwei weitere an seinen Zuflüssen. Während es sich bei letzteren um Laufwasserkraftwerke handelt, werden die kaskadenförmig angeordneten Anlagen am Hauptstrom als kleine Pumpspeicherkraftwerke mit jeweils fünf bis sechs Metern Fallhöhe zusammenarbeiten. Die Gesamtkapazität beträgt 25 bis 30 Megawatt (MW).

Drei Millionen Haushalte ohne Strom

Das Pumpspeicherkraftwerk-System passt nicht nur die Stromproduktion dem Bedarf an, sondern macht auch unabhängig von den großen Schwankungen des Wasservolumens in der Regen- und Trockenzeit. "Wir halten die Becken immer voll", erklärt Müller, "dadurch wird auch der Grundwasserspiegel stabilisiert." Als positiver Nebeneffekt werde außerdem der Wasserstand in den Bewässerungsgräben für die Landwirtschaft je nach Bedarf gesteuert. Ein solches Regulierungssystem einzubauen, betrachtet Müller als Teil der sozialen Verantwortung seiner Firma. "Wir geben fünf Prozent unseres Gewinns zurück, etwa in Form von Wiederaufforstung oder der Schaffung von Ökotourismus-Zonen."

Insgesamt habe Hydrotec Renewables Genehmigungen für 38 Projekte mit einer Leistung von zusammen 200 MW beantragt. Die projektierten Standorte liegen im Großraum Manila auf Luzon und auf der Inselgruppe Visayas. Doch die 2010 gegründete Firma streckt ihre Fühler bereits weiter aus, etwa nach Leyte. Die Insel, die ebenfalls zu den Visayas gehört, ist im November stark vom Taifun Haiyan getroffen worden. "Dort prüfen wir gerade drei Flussläufe, die interessant sein könnten, und nehmen hydrologische Messungen vor", erzählt Müller, der damit auch einen Beitrag zum Wiederaufbau leisten möchte. Die Energie-Infrastruktur im Umkreis der Provinzhauptstadt Tacloban sei stark beschädigt worden: "Alle Stromleitungen waren weggeblasen."

Nicht nur in Katastrophengebieten ist die Energiesicherheit ein Thema. 95 Millionen Einwohner leben in den Philippinen, rund drei Millionen Haushalte haben noch gar keinen Zugang zu Strom. In manchen Provinzen besteht die Stromversorgung nur für einige Stunden am Tag, und auch Stromausfälle sind keine Seltenheit. Viele kleine Inseln sind auf Diesel-Generatoren angewiesen. "Dort kann Mikro-Wasserkraft eine Lösung sein", meint Müller. Ein Projekt mit Miniturbinen in Trinkwasserleitungen von fünf bis fünfzig Kilowatt Leistung, mit dem Haushalte in abgelegenen Regionen versorgt werden sollten, ist aber seines Wissens an mangelhafter Technik gescheitert.

Erneuerbaren-Boom

Die Versorgungsengpässe werden durch einen stetig steigenden Energiebedarf verschärft. Mit 7,2 Prozent Wachstum im vergangenen Jahr sind die Philippinen die am stärksten wachsende Wirtschaft Südostasiens. Manilas Energieplan für den Zeitraum von 2012 bis 2030 prognostiziert bis zum Ende seiner Laufzeit einen Bedarf von 29,33 Gigawatt (GW), neuere Schätzungen belaufen sich auf 42 GW. Die installierte Kapazität lag offiziellen Angaben zufolge 2012 bei 17 GW.

Die Voraussetzung dafür, den Herausforderungen mit nachhaltigen Lösungen zu begegnen, legte die Regierung 2008 mit der Verabschiedung eines Erneuerbare-Energien-Gesetzes nach deutschem Vorbild und mit der Einführung einer Einspeisevergütung. Deren lang erwartete Umsetzung in die Praxis, die nach zahlreichen Verzögerungen erst 2013 erfolgte, führte Medienberichten zufolge zu einem Investitionsboom in der Erneuerbaren-Branche. Demnach werden jetzt 320 MW Kapazität zugebaut mit Direktinvestitionen in Höhe von 575 Millionen Euro. Rund 3500 Jobs würden dadurch geschaffen.

Der Einspeisetarif für Strom aus Laufwasserkraftwerken von neun Eurocent pro Kilowattstunde macht diese Art der Stromgewinnung laut Müller zur attraktivsten: Investitionen amortisierten sich bereits nach drei bis fünf Jahren. "Durch die gesetzlich festgelegte Abnahmegarantie ist das außerdem ein sicheres Investment", sagt der Hydrotec-Renewables-Geschäftsführer. Die zweitwichtigste Rolle nach der Wasserkraft spielt die Geothermie. Hier sind die Philippinen, die durch ihre vielen Vulkane über gute Voraussetzungen verfügen, der weltweit zweitgrößte Produzent nach den USA. Die Nutzung anderer regenerativer Energiequellen wie Wind, Sonne und Biomasse, für die ebenfalls große Potenziale identifiziert wurden, steht dagegen noch am Anfang - ihr Anteil am Strommix des Landes liegt zusammen bei unter einem Prozent.

So speist etwa erst eine Windfarm mit einer Kapazität von 33 MW Strom ins Netz ein. Mehrere Projekte befinden sich aber im Bau, andere sind genehmigt und weitere stecken im Planungs- oder Genehmigungsprozess. Auch in den Bereichen Photovoltaik und Biomasse sind Entwicklungen erkennbar. Beispielsweise stellte die Investmentgruppe ThomasLloyd im Februar zusammen mit der Internationalen Finanz-Corporation (IFC) 237 Millionen Euro für den Bau und Betrieb von drei Solar- und drei Biomassekraftwerken auf der Insel Negros zur Verfügung. "Beide Parteien betrachten die Transaktion als Basis für den weiteren Ausbau ihrer Investitionen in diesem Sektor", teilte ThomasLloyd mit. Politischer Wille plus Investitionsengagement  – mit dieser Formel sind die Philippinen auf einem guten Weg zum Hundert-Prozent-Ziel.

 

Kommentare (2)

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  • 01.06.14 - 11:42, Rudi Seibt

    Das hört sich spannend an. Vermutlich gibt es eine starke Lobby, deren Geschäftsmodell Kohle/Öl durch Eco-Energie beeinträchtigt wird. So wie hier in Europa, wo ja auch alles schneller und billiger mit Eco-Energie wäre, gäbe es nicht die Kohle-Kraft der SPD und die Banken, die dahinter stehen.

  • 16.06.14 - 11:05, Axel Joost

    Moin Moin,

    Das Problem auf den Philippinen ist eine relativ hohe Korruption in Verbindung mit Lobbyismus der großen Stromversorger. Wir hatten ein System unseres eCube Island Systems in Verbindung mit 2 PV Panels einer Familie zum Testen zur Verfügung gestellt, um eine Pufferung bei Stromausfällen zu haben. Daraufhin hatte der Energieversorger der Familie eine zusätzliche Abgabe auf den Strompreis aufgeschlagen, mit der Begründung, dass die PV Anlage seine Einnahmen schmälert. Ein Einspruch, dass das eCube Island System nur bei Stromausfällen einspringt, lies er nicht gelten...

    Viele Grüße
    Axel (www.solarelectrix.de)

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