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Story des Monats

Fukushima: „Die Gefahr wird verharmlost“

Ralf Hutter, 03.04.14
Der Journalist Fukumoto Masao untersucht von Berlin aus die gesundheitlichen Folgen der Nuklearkatastrophe von Fukushima. Den Betreibern des havarierten Atomkraftwerks und den Behörden wirft er Messmanipulationen vor. Um eine Abwanderung der Bevölkerung aus dem verseuchten Gebiet zu verhindern, werden Informationen gezielt verheimlicht.

In drei der vier Reaktorblöcke, die vor drei Jahren infolge eines Erdbebens zerstört wurden,  kann immer noch nicht an den Schäden gearbeitet werden. Radioaktiv verstrahltes Wasser muss in immer größeren Mengen in Tanks gelagert werden, von wo es schon unbemerkt ausgetreten ist. Gefiltertes, aber immer noch Strahlung enthaltendes Wasser soll ins Meer geleitet werden, gänzlich ungefiltertes Wasser gelangt ins Grundwasser. Die Schadenssumme, die Kosten für Entschädigungen und Dekontaminationen, schätzen Experten mittlerweile auf zwei- oder dreistellige Milliardenbeträge. Die Katastrophe von Fukushima wird uns selbst in ihren unmittelbaren Auswirkungen noch sehr lange beschäftigen. Einer, der das kritisch begleitet, ist der in Berlin lebende Journalist Fukumoto Masao.

Der 57-Jährige sieht die Kraftwerksbetreiberfirma sehr kritisch: „Tepco verheimlicht immer wieder Informationen. Es ist verantwortungslos.“ Das Unternehmen ist mittlerweile verstaatlicht. Aber auch an staatliche Stellen richtet Fukumoto (so sein Nachname, der in Japan zuerst genannt wird) seine Kritik. Zum einen müsse jemand bei der Präfektur Fukushima im Zusammenspiel mit Tepco die Strahlenmessungen manipuliert haben, sagt der Journalist, denn „die Messwerte von offiziellen Messpunkten sind immer niedriger, als das, was man selbst misst. Vielleicht sind unter den Messpunkten Metallplatten zwischengeschoben, damit man niedrigere Messwerte erzielt.“ Die Präfektur wolle einer Abwanderung vorbeugen.

Zum anderen wirft der in der Thematik erfahrene Autor Premierminister Abe vor, im Herbst 2013 vor dem Internationalen Olympischen Komitee bei der erfolgreichen Bewerbung Tokios um die Olympischen Spiele nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Dort behauptete er, der Unfall werde nie gesundheitliche Auswirkungen auf Tokio haben: „Er hat die Gefahr einfach verharmlost – ungeachtet der Tatsache, dass Japan noch sehr breit kontaminiert ist.“

Frühsterblichkeit steigt

Fukumoto arbeitet nach eigener Auskunft schon seit Jahren mit Fachleuten etwa von der Gesellschaft für Strahlenschutz und vom Helmholtz-Zentrum München zusammen. Er selbst war in der DDR im Anlagenbau beschäftigt, machte sich nach ihrem Ende als Journalist selbstständig und befasst sich seitdem mit Atomkraftwerken, auch für japanische Medien. Sein aktuelles japanisches Buch behandelt die weiterhin schwache Verstrahlung Deutschlands wegen des Unglücks von Tschernobyl. In seinem letzten Dokumentarfilm für einen japanischen Sender geht es um den Abriss des AKW Greifswald. Zur Katastrophe von Fukushima hat Fukumoto Masao jüngst einen Text in der aktuellen Ausgabe der Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik veröffentlicht.

Der kritische Journalist hat mit den erwähnten Fachleuten zu den gesundheitlichen Folgen der Katastrophe geforscht. „Wir wollten frühe Indizien finden“, erklärt er. „Aus der Erfahrung mit der Tschernobyl-Katastrophe wussten wir, welche Daten man braucht. Deshalb habe ich die Daten zu Lebendgeburten, Totgeburten und zur Säuglingssterblichkeit für alle von Strahlung betroffenen elf Präfekturen gesammelt und den Forschern weitergeleitet.“ Die haben sie in Beziehung zu den gesamtjapanischen Zahlen gesetzt. Das Ergebnis, das kürzlich im Informationsdienst Strahlentelex erschienen ist, zeigt: Die Frühsterblichkeit, also bis einschließlich des ersten Lebensjahres, war in diesen elf Präfekturen neun Monate nach der Katastrophe um über fünf Prozent angestiegen. In den vier mutmaßlich am stärksten belasteten Präfekturen erhöhte sich die Totgeburten-Rate sogar um rund 13 Prozent. Damit „zeichnen sich strahleninduzierte genetische Effekte ab, wie sie bereits in Europa nach Tschernobyl beobachtet worden waren“, schließt das Vierer-Team um Fukumoto, zu dem auch zwei Forscher vom Helmholtz-Zentrum München gehören.

Fukumoto wertet zudem die Fallzahlen von Schilddrüsenkrebs und -zysten (letztere kommen ihm zufolge nun viel häufiger vor) bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Präfektur Fukushima aus. Da es in Japan weder aus der Vergangenheit noch aus anderen Landesteilen Vergleichszahlen gebe, sei es zwar unmöglich, einen kausalen Zusammenhang nachzuweisen. Der Tschernobyl-Experte hält aber fest: „In der Ukraine stieg der Schilddrüsenkrebs bei Kindern drastisch an.“ Das Deutsche Kinderkrebsregister jedoch erfasse diese Krebsvariante immer noch nicht.

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