Anzeige
Rufe nach Comeback der Kernenergie

Atomkraft – ja bitte?

Foto: Thomas Frey/dpa

Foto: Thomas Frey/dpa

Langwieriger Rückbau: Das ehemalige AKW Mülheim-Kärlich.

Joachim Wille, 05.06.19
Weil es beim Klimaschutz nicht schnell genug vorangeht, werden nun wieder Stimmen für den Erhalt der Atomenergie laut. Neben Sicherheitsrisiken sprechen jedoch auch wirtschaftliche Gründe dagegen.

Es gibt sie noch, die Freunde der Atomkraft, auch im Aussteigerland Deutschland. Gerade hat sich Volkswagen-Chef Herbert Diess, der seinen Autokonzern auf E-Mobilität trimmt, als solcher geoutet. Er plädierte für längere Laufzeiten der sieben hierzulande noch am Netz befindlichen AKW, die laut Atomgesetz bis 2022 komplett vom Netz gehen werden. Besser wäre erst der Kohle-, dann der Kernkraft-Ausstieg, so sein Petitum. Das sei günstiger fürs Klima und den Umstieg auf eine CO2-freie Mobilität, argumentierte er in einem Interview. Der von der Bundesregierung geplante Kohleausstieg bis 2038 komme zu spät. „Die Prioritäten sind falsch gesetzt“, sagte Diess.

Das ist eine Argumentation, die ähnlich auch von den Experten der Internationalen Energieagentur (IEA) vertreten wird. In einem aktuellen Report warnt die IEA, das sich in den westlichen Industrieländern abzeichnende Auslaufen der Atomstrom-Produktion gefährde die Versorgungssicherheit und die globalen Klimaziele. Der nuklearen Stromerzeugung stehe dort ein „steiler Niedergang“ bevor, heißt es in dem Bericht. Bis 2025 drohten die Industriestaaten bereits ein Viertel ihrer AKW-Kapazitäten zu verlieren und bis 2040 sogar drei Viertel; AKW-Neubauten gibt es zumeist nur noch in Schwellenländern wie China. Das könne zu einem zusätzlichen CO2-Ausstoß von vier Milliarden Tonnen jährlich führen, so die Agentur – was gut dem Vierfachen der aktuellen Emissionen Deutschlands entspricht. „Ohne den wichtigen Beitrag der Atomenergie wird die globale Energiewende viel schwieriger“, kommentierte IEA-Chef Fatih Birol den Report.

Grund für den absehbaren Niedergang der Atomkraft in Europa, Nordamerika und Japan ist, dass viele der zumeist zwischen 1970 und 2000 gebauten Atomkraftwerke ans Ende ihrer planmäßigen Laufzeit kommen und zum Teil auch wegen der Ausstiegspläne mehrerer Länder abgeschaltet werden. Um die Altmeiler weiterbetreiben zu können, wären hohe Investitionen in die Anlagentechnik nötig.

Hinzu kommt, dass die wenigen AKW-Projekte, die im Westen derzeit gebaut werden oder geplant sind, eine Kostenexplosion und Bauzeitverlängerungen sondergleichen erleben. Die beiden Neubauten des Typs EPR (European Pressurized Reactor) des französischen Herstellers Framatome in Flamanville in Frankreich und Olkiluoto in Finnland werden mit elf beziehungsweise zehn Milliarden Euro voraussichtlich dreimal so teuer wie geplant, die baugleichen Anlagen, die in Großbritannien in Hinkley Point geplant sind, könnten noch mehr kosten. Zudem hätten die beiden im Bau befindlichen Reaktoren bereits vor Jahren fertig sein sollen. Im Flamanville-Reaktor wurden im April erneut Mängel an Schweißnähten in wichtigen Bauteilen entdeckt.

Teure Technologie

Eine Analyse der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften kam gerade zu dem Schluss, dass Atomkraft künftig nicht mehr mit anderen Formen der Stromerzeugung wirtschaftlich konkurrieren könne. In freien Strommärkten würden AKW nur noch gebaut, wenn Staaten die ökonomischen Risiken übernehmen – wie in Großbritannien, das 35 Jahre lang einen Abnahmepreis für den Atomstrom aus Hinkley Point garantiert. Die Kosten der Technologie würden durch höhere Sicherheitsanforderungen und die Endlagerung weiter steigen, so die Wissenschaftler.

Die IEA fordert die Industriestaaten, die AKW betreiben, dennoch auf, mehr Geld in deren Laufzeitverlängerung zu stecken und möglichst auch neue Reaktoren zu bauen. Es sei ein „Politikwechsel“ im AKW-Sektor nötig, sonst bestehe die Gefahr, dass stillgelegte AKW-Kapazitäten durch Kohlekraftwerke mit entsprechend hohem CO2-Ausstoß ersetzt werden. Für die Laufzeitverlängerungen müssten zwar hohe Finanzmittel aufgebracht werden, räumte Birol ein, doch seien diese Investitionen wettbewerbsfähig im Vergleich mit anderen Erzeugungsarten, so auch mit neuen Anlagen für Wind- oder Solarenergie. Weltweit liefern die AKW rund zehn Prozent des verbrauchten Stroms, die erneuerbaren Energien kommen auf knapp ein Viertel. Der Löwenanteil ist jedoch weiterhin fossil, Kohle liefert 38, Erdgas 23 und Öl gut drei Prozent.

Die IEA rühmt sich, mit dem neuen Report das „wichtige Thema“ Atomkraft „zurück in die globale Energiedebatte“ zu bringen. Kein Wunder, dass die internationale Lobby der Nuklearbranche, die „World Nuclear Association“, die Steilvorlage sofort aufnahm. Deren Chefin Agneta Rising forderte einen „unvoreingenommenen Blick darauf, wie das Energiesystem aussehen“ müsse und von den Regierungen mehr Anstrengungen, um den Anteil der Kernkraft am Strommix zu erhöhen.

Doch es gibt auch heftige Kritik an der Analyse der IEA, die keine UN-Organisation ist, sondern von 16 Industriestaaten nach der Ölkrise von 1973 gegründet wurde und traditionell als atomkraftfreundlich gilt. Die deutsche Energieprofessorin Claudia Kemfert moniert: „Die Agentur unterschätzt seit Jahrzehnten die Potentiale erneuerbarer Energien, da sie die Kostendegressionen nicht ausreichend berücksichtigt.“ Die Atomenergie sei um ein Vielfaches teurer, berge technische, ökonomische sowie gesundheitliche Risiken, sagte die Leiterin des Fachbereichs Energie beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Sie rechne sich nur mit erheblichen Subventionen. „Anstelle auf veraltete, überteuerte und risikoreiche Atomenergie sollte besser in allen Ländern konsequent auf erneuerbare Energien gesetzt werden“, so die Expertin. Den erneuerbaren Energien, nicht der Atomenergie, gehöre die Zukunft (siehe Infokasten).


neue energie kooperiert für repräsentative Umfragen mit dem Umfrageinstitut Civey. Abstimmen kann jeder, doch berücksichtigt werden nur die Abstimmungen registrierter User. Wenn Sie sich registrieren, tragen Sie zu besseren Ergebnissen bei. Alle Informationen zur Methodik finden Sie hier.


Eine Studie des DIW hatte 2017 ergeben, dass Investitionen in die Atomenergie nicht nur unnötig seien, um das 1,5- bis Zwei-Grad-Erwärmungslimit des Pariser Weltklimavertrags einzuhalten, sondern sogar „kontraproduktiv“ – „auch weil sie die Entwicklung anderer, günstigerer Energieformen behindern" könnten. Ressourcen für Forschung und Entwicklung sowie internationale finanzielle Förderung sollten eher in erneuerbare Energien und Speichertechnologien sowie die Möglichkeiten der „Sektorenkopplung“ gelenkt werden, rät das Institut. Das Konzept der Sektorenkopplung geht davon aus, dass Ökostrom auch in den Bereichen Verkehr und Gebäudeheizung genutzt wird.

Wie hoch die Kosten einer fortsetzten AKW-Strategie sind, zeigt sich aktuell am Beispiel Frankreichs, des „Stammlands“ der Kernenergie mit seinem weltweiten Spitzenwert von über 70 Prozent Atomstrom. Die geplante Ertüchtigung der 58 Reaktoren im Land – gebaut zwischen 1977 und 1997 – für längere Laufzeiten wird auf rund 50 Milliarden Euro alleine bis zum Jahr 2025 taxiert. Hinzu kommen die explodierten Baukosten für neue AKW, die nach den ursprünglichen Plänen die Altmeiler eigentlich ersetzten sollen. Die französische Regierung hat nun Sorge, dass das teure Kernenergiegeschäft sich nicht mehr über die privaten Finanzmärkte, also die Börse, finanzieren lässt.

Paris plant daher, das Atomenergie-Geschäft aus dem bis 2005 teilprivatisierten Energiekonzern Electricité de France (EDF) auszugliedern und komplett an den Staat zu übertragen, der das Geld dann aufbringen müsste. Frankreich setzt, anders als zum Beispiel Deutschland, weiter auf Atomstrom, wobei neben den vergleichsweise niedrigen CO2-Emissionen auch die enge Verflechtung von ziviler und militärischer Nuklearbranche eine Rolle spielt. Der frühere Präsident Francois Hollande hatte noch als Ziel ausgegeben, den Nuklearanteil in der Elektrizität bis 2025 auf 50 Prozent zu senken, Nachfolger Emmanuel Macron plant dies nun erst für 2035.

Erneuerbare immer günstiger

Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien (Irena) hat eine neue Untersuchung zu den Kosten von Solar-, Wind- und Biomasse-Kraftwerken vorgelegt. Danach sind die Ökoenergien „bereits heute in weiten Teilen der Welt die billigste Stromquelle“. Laut dem Report „Renewable Power Costs in 2018“ fielen die Kosten pro Kilowattstunde im letzten Jahr zum Teil deutlich – so bei Solarthermie-Kraftwerken um 23 Prozent, bei Biomasse-Energie um 14, bei Photovoltaik und Windkraft an Land um 13 Prozent. Offshore-Windstrom und Geothermie-Strom dagegen wurden nur um jeweils ein Prozent billiger.

Vier Fünftel der Photovoltaik- und über drei Viertel der Onshore-Windkraft-Anlagen, deren Inbetriebnahme im nächsten Jahr geplant ist, werden laut Irena-Prognose Strom „zu niedrigeren Preisen erzeugen als die günstigsten Kohle-, Öl- oder Erdgas-Optionen“. Die Agentur betont, „dass sie dies ohne finanzielle Unterstützung schaffen werden“. (jw)

Kommentare (0)

Kommentar verfassen»

Kommentar verfassen

Aktuelles Magazin

Ausgabe Nr. 08 / 2019

Der Preis ist heiß - Wie das Klimakabinett Emissionen verteuern könnte

Bisherige Ausgaben »

Social Media

Anzeige
Anzeige