Anzeige
Interview

„Es wird immer Lücken geben, die Attentäter nutzen können“

Interview: Astrid Dähn, 19.05.16
Der Nuklearexperte Wolfgang Renneberg über die Wahrscheinlichkeit von Terroranschlägen auf Kernkraftwerke, atompolitische Machtstrategien und die Konsequenzen für das weltweite Energiesystem.

neue energie: Nach den Anschlägen von Brüssel ist die Angst vor Terrorangriffen gegen Atomkraftwerke wieder aufgeflammt. Denn die Ermittler haben bei den Attentätern auch Informationsmaterial über Atomanlagen und bekannte belgische Nuklearexperten gefunden. Sind Attacken auf Atomkraftwerke in Zeiten des IS tatsächlich wahrscheinlicher geworden?

Wolfgang Renneberg: Es war von Anbeginn eine Schwachstelle der Nukleartechnik, dass sie ein immenses Zerstörungs- und Risikopotenzial in sich birgt. Insofern bestand die Terrorgefahr eigentlich schon immer. Jetzt ist sie jedoch offensichtlicher und drängender geworden: Wenn Terroristen mit einer solchen Radikalität und Irrationalität auftreten wie der IS oder al-Qaida, wenn sie sich von Schutzmaßnahmen nicht schrecken lassen und sogar den Verlust des eigenen Lebens in Kauf nehmen, dann bekommt die Gefahr eine ganz neue Qualität. Auf dem Nukleargipfel in Washington vor wenigen Wochen hat US-Präsident Barack Obama gewarnt, er halte das Terrorpotenzial in Zusammenhang mit Kernkraftwerken und Nuklearanlagen für eine der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts. Das sagt im Grunde alles.

neue energie: Als Risikoforscher und Leiter der deutschen Atomaufsicht haben Sie die Geschichte der Atomkraft ihr gesamtes Berufsleben lang verfolgt. Waren sich die Verantwortlichen des Terrorrisikos bewusst, als sie die Technologie in großem Stil in Deutschland eingeführt haben?

Renneberg: Der Schutz vor „Einwirkungen Dritter“ war in Deutschland von Anfang an eine Genehmigungsvoraussetzung für Kernkraftwerke. In den 60er und 70er Jahren, als die Strategie der zivilen Nutzung der Atomkraft hierzulande propagiert wurde, erschienen Terrorangriffe auf die Kraftwerke praktisch jedoch mehr oder weniger undenkbar . Damals versetzte die Rote Armeefraktion Deutschland in Aufruhr. Deren terroristische Attentate beschränkten sich aber auf politische Repräsentanten, sie waren nicht darauf gerichtet, wie in einem Krieg große Schäden herbeizuführen. Das war eine ganz andere Art von Gefahr. Es gab zwar auch schon lange vor den Anschlägen des 11. September Regelwerke zum Umgang mit dem Terrorrisiko in Atomanlagen. Doch zum Zeitpunkt der großen Genehmigungswelle von Kernkraftwerken stand das Problem nicht im Zentrum der Überlegungen. In den Diskussionen, die ich von damals kenne, ging es im Wesentlichen um Unfallsicherheit und Störfallvorsorge. Erst mit dem 11. September hat sich das geändert.

neue energie: Mit welchen Maßnahmen werden deutsche AKWs inzwischen geschützt?

Renneberg: Da gibt es eine ganze Reihe von Strategien, angefangen bei simplen Vorkehrungen wie Zäunen, Betonhüllen und Eingangskontrollen bis hin zur verfassungsschutzrechtlichen Überprüfung aller Mitarbeiter und speziellen Zugangsbarrieren für besonders sensible Bereiche, sodass auch Innentäter es schwer haben, im Kraftwerk einen Anschlag zu verüben.


  „Wirklich 'sicher' können die Anlagen nicht werden.“


neue energie: Welche Angriffsszenarien sind denn neben Flugzeugattacken und Sabotage von Innen noch denkbar?

Renneberg: Im Einzelnen darüber zu sprechen, ist problematisch. Das sind Dinge, deren öffentliche Diskussion nicht zur Sicherheit beiträgt. Nur so viel: Zum einen sind natürlich bewaffnete Überfälle verschiedenster Art vorstellbar, bei denen Attentäter mit Gewalt in die Anlage eindringen, entsprechende Schalter umlegen, gezielt bestimmte Systeme  zerstören oder auch versuchen, radioaktive Stoffe aus Behältern freizusetzen. Zum anderen könnten Terroristen versuchen, eine Krisensituation im Kernkraftwerk auszulösen, indem sie  die externe Stromversorgung angreifen, den Zufluss von Kühlwasser zum Kernkraftwerk blockieren oder künstlich Überflutungen herbeiführen. Spätestens seit der Katastrophe von Fukushima haben die meisten Kernkraftwerke sekundäre Wasserversorgungen und zusätzliche Notstromaggregate eingebaut. Die sind allerdings ebenfalls angreifbar, wenn sie nicht hinreichend geschützt sind.  

neue energie: Wie sieht das in Deutschland aus?

Renneberg: Bis auf Biblis haben hierzulande inzwischen alle Kernkraftwerke ein verbunkertes Notstandssystem. Das heißt, wenn die vorgesehene Technik, um Störfälle zu beherrschen, ausfällt und in der Leitwarte nichts mehr funktioniert, kann die Anlage immer noch über dieses Notstandssystem gesteuert und gekühlt werden. Solche Systeme sind nach außen gesichert, verfügen über eine separate Stromversorgung und über eine eigene Möglichkeit, Kühlwasser einzuspeisen. Unabhängig davon gilt: Je moderner das Kernkraftwerk, desto besser ist in der Regel auch sein allgemeines Schutzkonzept.

neue energie: Lassen sich also neue Kraftwerke wie etwa der EPR-Reaktor, der in Finnland gerade in Bau ist, weitgehend gegen Terrorangriffe abschotten?

Renneberg: Neuanlagen mit passiven Sicherheitssystemen und stärkeren äußeren Barrieren sind technisch prinzipiell auch besser gegen Terrorgefahren gerüstet als die alten. Wirklich „sicher“ können sie aber nicht werden. Es wird immer Lücken geben, die Attentäter nutzen können. Eine relativ neue Schwachstelle ist zum Beispiel die digitale Steuerungstechnik. Da jüngere Kernkraftwerke stärker digital vernetzt sind, bieten sie auf diesem Feld auch eine größere Angriffsfläche für Terroristen.

neue energie: Viele Computerexperten gehen davon aus, dass Cyberattacken künftig eine der Hauptgefahren für unser Energiesystem und insbesondere für Kernkraftwerke sein werden.

Renneberg: Dieses Risiko sehe ich auch. Die Sicherheitssysteme der alten Kernkraftwerke in Deutschland arbeiten nicht softwaregesteuert, sondern zum großen Teil mit analoger Schalttechnik. Sie ist durch Cyberattacken nicht verwundbar. Seit international aber immer mehr Meiler auf digitale Steuerung umgestellt wurden, lassen sich die Sicherheitssysteme auch per Computersignal erreichen. Wenn also jemand übers Netz in diese Steuerungssoftware eindringen würde, hätte er quasi den Hauptschalter in der Hand, um dort alles durcheinander zu bringen.

neue energie: Gab es denn schon Cyberangriffe auf Nuklearanlagen?

Renneberg: Ich glaube nicht, dass so etwas kommuniziert würde, wenn es denn geschähe. Ein Angriff ist trotzdem bekannt geworden: Die Attacke durch den Computerwurm Stuxnet auf die Steuerungssoftware von Zentrifugenanlagen zur Urananreicherung im Iran. Ich gehe davon aus, dass es auch schon Versuche gab, in die Software von Kernkraftwerken einzudringen, von denen wir aber nichts wissen.


 „Die zivile Ausbreitung der Atomkraft hängt unmittelbar mit der militärischen zusammen.“


neue energie: Nach jüngsten Ermittlungsberichten hat die Polizei bei einem der Attentäter von Paris auch Unterlagen über das ehemalige Kernforschungszentrum in Jülich gefunden. Der Reaktor dort wurde allerdings schon vor Jahren abgeschaltet. Was interessiert Terroristen an einer stillgelegten Nuklearanlage?

Renneberg: Dort sind weiterhin radioaktive Abfälle gelagert, auch hochradioaktive. Das Ziel von Terroristen könnte darin bestehen, Behälter mit radioaktiven Stoffen zu zerstören, um die Umgebung zu verstrahlen. Es könnte aber auch darin bestehen, radioaktive Abfälle zu entwenden, um sie anderweitig in Bomben zu verbauen. Eine solche „schmutzige Bombe“ als Druckmittel einzusetzen ist noch einmal etwas ganz anderes als Atomkraftwerke anzugreifen.

neue energie: Was bezwecken Terroristen mit der Explosion einer solchen Bombe oder mit einer Attacke auf ein Atomkraftwerk?  

Renneberg: Ich denke, im Kern geht es ihnen darum, die Staatsmacht der angegriffenen Länder in Frage zu stellen und der Bevölkerung zu demonstrieren: Seht, euer Staat kann euch nicht schützen. Das Hauptziel ist, öffentliches Vertrauen zu erschüttern, egal wie grausam und mit welchen Verlusten der Weg dorthin verbunden ist. Nach dieser Logik ist es naheliegend, dass Terroristen die höchsten Risikopotenziale nutzen, die in den Gesellschaften, gegen die sie vorgehen wollen, vorhanden sind. Und eines der höchsten ist nun mal die Energieversorgung mit Atomkraft.

neue energie: Welche Schlüsse ergeben sich daraus für die Konzeption unseres Energiesystems?

Renneberg: Je weiter sich die zivile Atomkraft verbreitet, desto größer ist auch das Risiko. Je mehr Anlagen vorhanden sind, desto mehr Schwachstellen gibt es. Aus meiner Sicht ist deshalb rational nicht nachvollziehbar, wie man sich unter diesen Voraussetzungen heute noch für eine Stromproduktion mit Kernkraft entscheiden kann. Angesichts der bestehenden Alternativen halte ich es für gesellschaftlich absurd, solch eine Technik zur Energieerzeugung weiterhin auf Dauer nutzen zu wollen.

neue energie: Weshalb halten viele Länder dann daran noch fest?

Renneberg: Dahinter steht auch ein historischer Prozess. Die zivile Ausbreitung der Atomkraft hängt unmittelbar mit der militärischen zusammen, mit dem Besitz von Atomwaffen. Die großen Mächte, allen voran die USA und Russland, wollten nicht, dass andere Länder auch über Atomwaffen verfügen. Der Gefahr eine weltweiten nuklearen Aufrüstung wollten die Supermächte dadurch begegnen, dass sie sagten: Ok, ihr sollt alle Zugang zur Kerntechnik bekommen, aber nur zu zivilen Zwecken. In diesem Zusammenhang wurde die Internationale Atomenergiebehörde IAEA gegründet, eine Behörde, die Länder bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie fördern sollte, unter der Voraussetzung, dass sie auf den Erwerb von Atomwaffen verzichten. Das war der Deal.

neue energie: Er hat aber nicht funktioniert…

Renneberg: Nein, der Deal ging nicht auf, weil der Aufbau einer zivilen Kernenergie-Infrastruktur immer auch die Möglichkeit schafft, militärische Anwendungen zu entwickeln. Eine klare Grenze lässt sich da nicht ziehen. Wer kann verhindern, dass ein Land sagt: Ich baue mir zu den Kraftwerken auch eine Versorgungskette auf. Dazu gehört zum Beispiel die Anreicherung von Uran – und schon ist dieser Staat mit hoch angereichertem Uran grundsätzlich in der Lage, Atombomben zu bauen. In vielen Ländern ist genau das passiert, etwa in Indien; Pakistan, Israel, Südafrika und Nordkorea. Insofern ist die zivile Nutzung gleichzeitig auch die Ursache für ein immer weiter um sich greifendes Atomkriegsrisiko.


 „Ginge es allein nach den Kriterien des freien Markts, würden keine neuen Atomkraftwerke mehr errichtet.“


neue energie: Was wäre dann also eine sinnvolle Konsequenz?

Renneberg: Deutschland hat die nötigen Konsequenzen gezogen und beschlossen, seine Atomkraftwerke bis 2022 abzuschalten. Der weltweite Ausstieg aus der zivilen Nutzung der Kernenergie ist die Voraussetzung dafür, dass auch das atomare Kriegsrisiko langfristig stark gesenkt oder gar beseitigt werden kann, und natürlich auch die mit Atomkraft verbundene Terrorgefahr. Der Drang nach ziviler Kerntechnik rührt international ja nicht nur daher, dass die Länder ihre Stromversorgung sichern möchten. Die meisten Länder versprechen sich dadurch, in die Gemeinde der Mächtigen und Wichtigen aufgenommen zu werden. Wenn also nicht weltweit nuklear abgerüstet wird, wird es wahrscheinlich auch keine Beendigung der zivilen Nutzung der Kernkraft geben.

neue energie: Die Wirtschaftlichkeit der Meiler spielt dabei keine Rolle?

Renneberg: Doch, die Wirtschaftlichkeitsfrage wird die Zukunft der zivilen Nutzung global sicherlich wesentlich mitbestimmen. Neue Kernkraftwerke sind nicht wirtschaftlich. In den USA schalten Energieunternehmen sogar bereits manche ihrer laufenden Kernkraftwerke aus ökonomischen Gründen ab. Kein Privatinvestor, der mit einem Neubauprojekt  Geld verdienen will, wird bei Banken dafür Kredite ohne erhebliche staatliche Sicherheiten bekommen. Ginge es allein nach Kriterien des freien Markts, würden keine neuen Atomkraftwerke mehr errichtet. Das heißt, es werden heute nur noch dort Kernkraftwerke gebaut, wo staatliche Subventionen das Vorhaben ermöglichen. Das wird zum Beispiel auch bei den zwei geplanten Reaktoren in Großbritannien deutlich. 

neue energie: Und weshalb sollte ein Staat die Technik auf Dauer subventionieren? 

Renneberg: Bleiben wir beim Beispiel Großbritannien. Das Land besitzt Atomwaffen. Und wenn ein Land seine Atomwaffen behalten will, dann braucht es Expertise, technologische Erfahrung und Kontinuität im Umgang mit der Nukleartechnik. Ich könnte mir vorstellen, dass dies einer der Gründe für den Bau der neuen Kernkraftwerke in Hinkley Point ist. Öffentlich wird das so aber natürlich nicht gesagt.

neue energie: Haben Alternativenergien wie die Erneuerbaren angesichts dieser machtpolitischen Zwänge überhaupt eine Chance, die Atomkraft weltweit zu verdrängen?

Renneberg: Das tun sie ja eigentlich schon. Sonne, Wind und Wasserkraft sind auf dem Vormarsch, sogar in China. Es wird zwar noch lange Länder geben, die aus strategischen Überlegungen heraus sagen, wir brauchen die Kernkraft und werden sie fördern, auch mit vielen Verlusten. Aber die Nuklearenergie deckt bislang nur einen marginalen Bereich der globalen Energieproduktion ab. Und der jüngste World Nuclear Industry Status Report zeigt, dass der Anteil der nuklear erzeugten Energie weltweit abnimmt. Nicht in erster Linie, weil das politisch so gewollt wäre, sondern weil es  sich einfach aus der Technologieentwicklung und aus der Stärke der Erneuerbaren ergibt. Dagegen hat die Nukleartechnik keine Chance.

Dies ist eine gekürzte Fassung. Das vollständige Interview mit Wolfgang Renneberg lesen Sie in der Ausgabe 5/2016 von neue energie.

Wolfgang Renneberg leitet das Büro für Atomsicherheit bei Bonn. Bis Ende 2015 hatte der Physiker und Jurist zudem eine Professur am Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der Universität für Bodenkultur in Wien inne. Zuvor war er mehr als zwanzig Jahre lang im Strahlenschutz tätig, unter anderem als Leiter der deutschen Atomaufsicht im Bundesumweltministerium.

Kommentare (0)

Kommentar verfassen»

Kommentar verfassen

Aktuelles Magazin

Ausgabe Nr. 08 / 2019

Der Preis ist heiß - Wie das Klimakabinett Emissionen verteuern könnte

Bisherige Ausgaben »

Social Media

Anzeige
Anzeige