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Interview

„Zwei Grad sind zu viel!“

Foto: Christian Schmid

Foto: Christian Schmid

Interview: Astrid Dähn, 01.11.18
… sagt Daniela Jacob, Klimaexpertin und Leitautorin des jüngsten IPCC-Sonderberichts zum 1,5-Grad-Ziel. Sie fordert, keine Kosten zu scheuen, um rasch Gegenmaßnahmen gegen die globale Erwärmung einzuleiten.

neue energie: Laut Sonderbericht des IPCC ist es technisch noch möglich, die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts bei 1,5 Grad Celsius zu stoppen. Halten Sie das tatsächlich für realistisch?

Daniela Jacob: Es ist eine der wesentlichsten Botschaften des Berichtes, dass es wirklich keine physikalischen, chemischen oder technischen Hinderungsgründe gibt. Das war zuvor immer mal wieder diskutiert worden, aber die wissenschaftliche Literatur zeigt ganz klar: Es ist keine Frage der Technik, es ist eine Frage des politischen Willens. Ob der da ist, darüber kann man natürlich viel spekulieren.

ne: Wie schätzen Sie das ein?

Jacob: Ich persönlich gehöre zu den Optimisten auf dieser Welt. Ich habe ein Kapitel des Berichts mitkoordiniert. Was ich dabei erfahren habe, lässt mich guter Dinge sein. Insbesondere hat mich inspiriert, was ich auf der Abschlusssitzung in Südkorea erlebt habe: Dort hat sich mir der Eindruck vermittelt, dass viele Länder das Verhindern einer Erwärmung von über 1,5 Grad wirklich angehen. In Deutschland scheint der Klimaschutz zwar im Moment nicht gerade höchste Priorität zu haben, um es mal vorsichtig auszudrücken. Aber ich glaube schon, dass die Staatengemeinschaft einen großen Schritt in diese Richtung machen wird. Ob wir dann exakt bei 1,5 landen oder ob es 1,7 werden, lässt sich nicht genau sagen. Aber der Wille der anderen Nationen – Industrieländer, Schwellenländer und Entwicklungsländer – war beeindruckend.

ne: Was tun diese Länder denn konkret?

Jacob: Es gibt viele Zusammenschlüsse von Ländern, die versuchen wollen, so viel wie möglich erneuerbare Energien einzusetzen, etwa die Small Island Developing States (SIDS), darunter viele karibische Staaten. Sie haben erkannt, dass es für sie wesentlich kritischer wird, wenn wir zum Ende des Jahrhunderts bei zwei Grad Temperaturanstieg ankommen, als wenn sie jetzt die Anstrengung auf sich nehmen, nicht genau die gleichen Entwicklungswege zu verfolgen wie die Industrienationen, sondern das Kohlezeitalter quasi überspringen. Viele Länder, vor allem in Afrika, sehen es auch als einen Arbeitsplatzmotor, in die neuen Industrien zu investieren, Innovation nach vorne zu treiben. Sie hoffen damit auf bessere Chancen für die nächsten Generationen.

ne: Und über den Ausbau der Erneuerbaren hinaus – welche Wege werden weltweit sonst noch beschritten?

Jacob: Energieeffizienz ist ein ganz entscheidender Faktor, der zunehmend Berücksichtigung findet. Das kann in der Wohnbebauung sein oder auch im Transportsektor. Es geht letztlich immer darum, das gesamte Lebenskonzept in Richtung Klimaschutz zu bringen. In bevölkerungsreichen Ländern ist auch die Lebensmittelproduktion ein Aspekt, der dringend in das Gesamtkonzept einbezogen werden muss. Diskutiert wird darüber hinaus über Techniken wie die Bioenergienutzung mit anschließender Abtrennung und Speicherung von Kohlendioxid, also über Verfahren, um CO2 aus der Atmosphäre herauszuziehen.

ne: Alle Klimaszenarien, die der IPCC-Bericht durchspielt, gehen davon aus, dass solche Techniken zum Einsatz kommen müssen – je nach CO2-Spar-Quote in unterschiedlichem Maße. Sind diese „negativen Emissionen“ aus Ihrer Sicht ein sinnvoller Rettungsansatz?

Jacob: Was in dem Bericht steht, fasst den Wissensstand der bisherigen Forschungsliteratur zusammen. Darin finden sich eine Menge verschiedener Ansätze, um durch CO2-Entzug aus der Atmosphäre negative Emissionen zu erzeugen. Neben der Speicherung von CO2 aus Bioenergieanlagen kommt dafür zum Beispiel eine großflächige Aufforstung infrage. Wie viel CO2 Wälder in einem bestimmten Zeitraum wiederaufnehmen können, lässt sich recht genau ausrechnen. Andererseits gibt es viele Vorschläge zur CO2-Beseitigung, bei denen sich bislang nicht eindeutig sagen lässt, wie umfassend sie tatsächlich anwendbar sein werden und welche Folgen das für die Umwelt hätte, etwa für die Böden, die Wasserqualität oder den Nahrungsmittelanbau.

ne: Das Thema ist also noch mit großen Unsicherheiten behaftet…

Jacob: Ja, und es ist in jedem Fall deutlich effektiver, von vornherein weniger zu emittieren, als später zu versuchen, den Prozess wieder umzukehren. Deshalb wäre es absolut falsch, jetzt zu sagen: Wir entlassen einfach weiter CO2 in die Atmosphäre und holen dann irgendwann mit technischen Mitteln alles wieder zurück – das wird nicht klappen. Wir müssen die Techniken allerdings trotzdem weiterentwickeln und erproben, um sie einsetzen zu können – falls irgendwann nötig.

ne: Wie wahrscheinlich ist das denn? Auf welchem Kurs befindet sich die Menschheit derzeit, was ihren CO2-Ausstoß anbelangt?

Jacob: Wir sind im Moment weit davon entfernt, die Zielvorgaben einzuhalten. Wenn wir so weiter machen wie bisher, werden wir Ende des Jahrhunderts weit jenseits von 1,5 Grad Temperaturanstieg landen, vermutlich bei einer globalen Erwärmung von um die vier Grad Celsius.

ne: Wäre es angesichts dieses Trends nicht sinnvoller, auf ein etwas leichter erreichbares Ziel zu setzen, etwa zu sagen: Wir lockern die Vorgaben auf zwei Grad, das werden wir dafür aber wirklich einhalten?

Jacob: Zwei Grad sind zu viel! Es geht nicht darum, was leichter erreichbar ist, sondern was notwendig ist, um größeren Schaden für Mensch und Natur abzuwenden. Der IPCC-Bericht bündelt Studien über alle Ökosysteme, über Ozeane, Landmassen, Inseln und Gebirge. Noch nie zuvor war mit wissenschaftlichen Erkenntnissen so eindeutig untermauert, welche Folgen die Erderwärmung bis jetzt schon hatte und welche Folgen sich bei einem weiteren Anstieg um 1,5 oder zwei Grad ergeben werden. Den Menschen, auch uns Forschern, war dabei bisher, glaube ich, nicht bewusst, dass die Risiken zwischen 1,5 und zwei Grad so unterschiedlich hoch sind.

ne: Woran lässt sich das festmachen?

Jacob: Wir sehen an den gesammelten Daten zum Beispiel, dass wir bei einer Limitierung auf 1,5 Grad im Vergleich zu zwei Grad mehrere 100 Millionen Menschen weniger Klimarisiken und damit Armut aussetzen. Wir sehen, dass wir an der Küste bei zwei Grad zehn Millionen mehr Menschen durch den Meeresspiegelanstieg in Gefahr bringen. Und wir sehen, dass wir bei zwei Grad quasi keine Chance haben, die Korallenriffe zu erhalten, wir verlieren insgesamt bei zwei Grad deutlich mehr an Biodiversität als bei 1,5 Grad.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Den ausführlichen Text finden Sie in der Ausgabe 11/2018 von neue energie. Darin äußert sich Daniela Jacob unter anderem zum gewandelten Bild, das Deutschland im Ausland beim Klimaschutz abgibt.

 

Kommentare (1)

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  • 08.11.18 - 14:17, Gernot Kloss

    Eine Erhöhung der Welt-Temperatur unter zwei Grad Celsius ist reines Wunschdenken. Der Klimawandel verläuft nicht linear, sondern progressiv. Deshalb muss, wenn sich nicht Wesentliches ändert, mit Temperatur-Anstiegen von bis zu fünf Grad Celsius und einer Welt, die wir nicht mehr als unsere Welt ansehen können, gerechnet werden.
    Leider kennt die Wissenschaft nur die Ursachen des Klimawandels und deren Auswirkungen, nicht aber deren Abläufe. In meinem demnächst erscheinenden Buch - Wir verwirken unsere Zukunft und die unserer Kinder - werden nicht nur diese Abläufe erklärt, sondern auch dringend benötigte, technische Lösungen zum Absenken der Temperatur-Erhöhungen dargeboten.

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