Gebäudesektor

„Die Wärmeversorgung ist nur ein Teil des Problems“

Foto: Laura Costacarlo

Foto: Laura Costacarlo

Interview: Astrid Dähn, 07.01.22
... sagt Stefan Bauer, Spezialist für regenerative Energietechnik und Mitglied bei „Architects for Future“. Der Verein wirbt für eine nachhaltige Baukultur, die nicht nur auf Energieeffizienz setzt, sondern auch schonend mit Ressourcen wie Land oder Baumaterial umgeht.

neue energie: Die Architects for Future setzen sich dafür ein, das Bauwesen anders zu denken, nachhaltiger zu gestalten. Wie entscheidend ist der Bausektor für die Wärmewende?

Stefan Bauer: Um das zu beantworten, muss man einen ganzheitlichen Blick auf die Immobilienwirtschaft werfen. Uns muss klar werden, welche Rolle der Gebäudesektor bei der Zerstörung des Erdklimas spielt. Wenn man nur den Energieverbrauch der Bauten betrachtet, dann verursacht die Branche rund 18 Prozent der globalen CO2-Emissionen; wenn man den gesamten Prozess von Abbau und Verarbeitung der nötigen Rohstoffe über die Errichtung der Bauten bis zum Betrieb und möglichen Rückbau mit einbezieht, kommt man auf etwa 40 Prozent. Die Wärmeversorgung ist also bloß ein Teil des Problems.

ne: Aber kein ganz unwichtiger...

Bauer: Nein, wir versuchen ja auch schon seit den 70er Jahren, ausgelöst damals durch die Ölkrise, ganz fleißig, Wärmeenergie im Gebäude einzusparen. Problematisch ist allerdings, dass parallel dazu die Wohnfläche pro Person immer weiter gestiegen ist, von rund 20 Quadratmetern in den 60er Jahren auf ungefähr 47 Quadratmeter heute. Was Flächenverbrauch angeht, haben wir inzwischen einen Überkonsum, der für die Wärmewende drastische Folgen hat. Denn wenn man den realen Wärmebedarf der Bevölkerung pro Kopf summiert, ist man dadurch – trotz aller Sparmaßnahmen – auf dem gleichen Niveau wie in den 70ern.

ne: Für eine konsequente Wärmewende müsste man die Wohnfläche pro Person also einschränken?

Bauer: Genau, Flächeneffizienz ist wichtig. Sie können Gebäude nicht einfach massenweise hinstellen, ohne darauf zu achten, wie viel Fläche sie verbrauchen. Das ist nicht nur für den Klimaschutz relevant, sondern auch um das fortschreitende globale Artensterben zu bremsen. Ob man das tatsächlich als Einschränkung betrachten muss, ist allerdings fraglich. Keiner will, dass wir zurück in eine enge Höhle ziehen, in der es die ganze Zeit kalt ist und wir nur ein paar Stunden am Tag mit Holz Feuer machen. Aber obwohl die Gebäudeflächen und auch die Gebäudetechnikkosten enorm gestiegen sind, ergeben viele Umfragen, dass das Wohlbefinden oder, anders formuliert, der ‚Glücklichkeitsfaktor‘ im Gebäude nicht mitgestiegen ist.

ne: Was bedeutet das?

Bauer: Allgemein zeigen soziologische Untersuchungen, dass Konsum bis zu einem gewissen Punkt sehr viel Zufriedenheit bringt, dass sich diese Zufriedenheit aber, wenn der Konsum deutlich über die Grundbedürfnisse hinausgeht, irgendwann nicht mehr steigert. Es geht also darum zu überlegen: Wie viel Fläche brauche ich für diese Grunddeckung meiner Bedürfnisse, und wie viel Wohnqualität kann ich etwa durch geteilte Flächen, Flächen mit Mehrfachnutzung erzielen? Vielleicht brauche ich nur eine kleine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus, dafür aber noch einen großen Raum, der allen Hausbewohnern gemeinsam zur Verfügung steht, in dem man sich treffen und Zeit miteinander verbringen kann. Flächeneffizienz ist ein entscheidender Teil der Wärmewende, der gerne vergessen wird.

ne: Eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen aber sicher auch technische Aspekte.

Bauer: Ja technische Aspekte sind ebenfalls zentral. Das beginnt schon mit dem indirekten Wärmebedarf, dem Bedarf, der bei der Herstellung der Bauprodukte anfällt. Den dürfen wir keinesfalls außer Acht lassen. Die Tendenz, dass Gebäude gebaut und nach immer kürzerer Zeit wieder abgerissen werden, dass Gebäude gewissermaßen als Wegwerfkonsumprodukt verstanden werden, ist kritisch zu hinterfragen. Es schafft keinen nachhaltigen Mehrwert, sondern verursacht einen enormen Energieverbrauch und hat damit auch eine starke indirekte Wirkung auf die Wärmebilanz des Gebäudesektors.

ne: Wie lässt sich da gegensteuern?

Bauer: Das Neubauen muss eingeschränkt werden, Abriss sollte nur in Ausnahmefällen erlaubt sein, stattdessen müsste eine Umnutzung gefördert werden. Leerstehende Bürogebäude könnten beispielsweise in Wohnungen umgewandelt werden. Generell müssten alle CO2-Emissionen, die beim Herstellen eines Gebäudes entstehen, die sogenannten ‚grauen Emissionen‘, in die Klimabilanz mit einfließen. Es braucht eine Lebenszyklus-Betrachtung, um eine ehrliche Einschätzung der Umweltwirkung zu ermöglichen. Ich hoffe, dass solche Ansätze in das deutsche Gebäudeenergiegesetz Eingang finden, das demnächst novelliert werden soll. Alles in allem wird die Wärmewende in erster Linie im Gebäudebestand stattfinden müssen.

ne: Was heißt das konkret?

Bauer: Das ist eine Herausforderung, bei der die von Ihnen angesprochenen technischen Aspekte zum Tragen kommen. Es hat sich zum Beispiel gezeigt, dass Wärmepumpen auch im Bestand einsetzbar sind. Früher hieß es immer, die Vorlauftemperaturen, die für gewöhnliche Heizkörper nötig sind, seien zu hoch für Wärmepumpen. Das stimmt aber nicht. Wärmepumpen könnten die Gasheizungen also schrittweise ersetzen, vielleicht für eine Zwischenphase als Hybridsysteme in Kombination mit Gas. Die Winter werden ja immer milder, sodass die Normaußentemperatur, die in die Berechnung der Heizlast einfließt, inzwischen teilweise angehoben wurde, auch hier in Berlin, wo ich wohne. Wie neuere Messungen belegen, können wir mit der Wärmepumpe so auch in Altbauten, die noch nicht durchsaniert sind, einen erheblichen Teil des Wärmebedarfs decken und müssten dann nur für Verbrauchsspitzen Erdgas mit einbeziehen, bis die Gebäudehülle saniert ist.

ne: Für die Wärmepumpen benötigt man aber eine Menge Strom...

Bauer: Ja, ohne Stromwende ist die Wärmewende nicht denkbar. Man kann es nur mantraartig wiederholen: Wir brauchen PV-Anlagen auf allen Dächern. Die Stadt Berlin deckt im Moment ein Prozent ihres Strombedarfs mit Solarenergie, nach dem neuen Koalitionsvertrag sollen daraus spätestens bis 2035 25 Prozent werden. Man muss das alles zusammen sehen, wir brauchen ein neues Strommarktdesign und sollten mehr in Quartieren denken als in einzelnen Häusern, gerade auch bei der Wärmeversorgung.

ne: Inwiefern?

Bauer: Hier kommen übergeordnete, planerische Aspekte der Wärmewende ins Spiel, Stichwort kommunale Wärmeplanung. In Berlin sind zum Beispiel nur ein Drittel der Gebäude an Fernwärme angeschlossen. Das heißt, es gibt noch viele Häuser, die am Gasnetz hängen oder sogar noch mit Öl beheizt werden. Es braucht daher eine Wärmestrategie, um für ganze Quartiere neue Lösungen zu schaffen, etwa indem man öffentliche Flächen wie Parkplätze oder größere Liegenschaften für eine umfangreiche Geothermieanlage zur Verfügung stellt und so lokale Wärmenetze mitfördert. Das würde es den vielen verschiedenen Wohnungseigentümern eines Viertels erheblich leichter machen, die Umstellung weg von fossilen Brennstoffen zu realisieren.

ne: Könnte man auch einfach auf Wasserstoff setzen, der dann irgendwann über das bestehende Erdgasleitungsnetz ins Haus geliefert würde?

Bauer: Wasserstoff wird zur Dekarbonisierung der Industrie oder von Schwertransporten einen entscheidenden Beitrag leisten, auch als Speicher, etwa für überschüssige Wind- und Solarenergie, bietet sich das Gas an. Man kann es vielleicht auch mal nutzen, um ein Fernwärmenetz weiter zu beheizen, wenn gerade kein Wind weht und keine Sonne scheint. Aber ansonsten halten wir es für hochgefährlich, im Gebäudebereich in großem Stil darauf zu setzen.

ne: Weshalb?

Bauer: Als Infrastrukturgewinner bei der Energiewende sehen wir die Fernwärmenetzbesitzer und die Stromnetzbesitzer. Beim Gasnetz wäre ich vorsichtig. Ich kann zwar nachvollziehen, dass diejenigen, die Anteile am Gasnetz halten – in der Privatwirtschaft oder in den Kommunen –, Angst um ihre Vermögenswerte haben und zum Teil propagieren, die Gasnetze seien alle ‚Wasserstoff-ready‘, könnten also problemlos auf fossilfrei erzeugtes Gas mit H2 umgestellt werden. Aber uns stellt sich schon die Frage, zu welchem Preis und mit welcher realistischen Umsetzungschance ein ganzes Gasnetz dekarbonisierbar ist. Wo kommt der Wasserstoff her und wie viel gibt es davon? Unserer Einschätzung nach sollte ein Gas, das mehrere hundert Grad Celsius bei der Verbrennung erzeugt, nicht zur Beheizung von Gebäuden verwendet werden, die nur Temperaturen um 50 Grad benötigen. Meine Empfehlung an Immobilieneigentümer lautet daher, sich nicht auf das Wasserstoff-Versprechen zu verlassen. Sich jetzt einen großen neuen Gaskessel ins Haus einzubauen kann angesichts der steigenden CO2-Preise sehr, sehr teuer werden.

ne: Wie steht es mit der Wärmedämmung? Wie sinnvoll oder notwendig sind solche Effizienzmaßnahmen im Gebäudebestand?

Bauer: Bei der Wärmewende gibt es drei Säulen. Die beiden, die ich schon erwähnt habe, nämlich Flächenreduzierung und fossilfreie Energieversorgung, und eine weitere: die Energieeffizienz. Dabei ist Dämmung der entscheidende Hebel. Und beim Gebäudebestand haben wir in dieser Hinsicht noch massiven Nachholbedarf. Hier fordern wir, für Bauten mit ungenügender Klimaklasse eine energetische Sanierung verpflichtend zu machen. Grundsätzlicher Konsens sollte jedoch sein, dass wir uns bei der Dämmung keinen Sondermüll an die Häuser kleben.

ne: Was eignet sich denn besonders gut?

Bauer: In jedem Fall müssen das Materialien sein, die zirkulär gedacht, also vollständig wiederverwertbar oder zumindest kompostierbar sind. Ansonsten schaffen wir uns mit der Lösung des Wärmeproblems womöglich wieder ein neues Problem. Das gilt übrigens für alle Baustoffe, nicht nur für Dämmmaterial. Insbesondere nachwachsende Rohstoffe kommen dafür infrage, am besten Materialien, die vor Ort verfügbar sind, um lange Transportwege zu vermeiden und lokale Märkte zu fördern. Ob das eher Holzfaser ist oder Schilf ist dann eine regionale Frage. Auch Lehm hat beim Innenausbau, etwa für die Feuchteregulierung, enorme Vorteile. Und Holz hat sich als Baustoff für Mehrfamilienhäuser und sogar für Hochhäuser gut bewährt. Was die Baustoffe anbelangt, gehen wir also tendenziell wieder ein paar Jahrhunderte zurück. Wir bringen das Alte dabei allerdings mit unseren heutigen Maßstäben für Komfort überein.

ne: Sie sagen, man solle möglichst regional verfügbare Baustoffe wählen. Was bietet sich in Deutschland dafür zum Beispiel an?

Bauer: Deutschland ist ein stark bewaldetes Land, mit einer guten zirkulären Forstwirtschaft. Deswegen kann Holz in der Kaskadennutzung hierzulande definitiv ein zentraler Bestandteil beim Bauen sein. Das gilt nicht nur fürs Tragwerk, sondern auch für Dämmstoffe, etwa aus Restholz. Auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegel soll beispielsweise ein ganzes Quartier komplett aus Holz entstehen. Beim Tiefbau mit Holz hapert es noch ein bisschen, aber das oberirdische Bauen funktioniert prima. Und solche Gebäude haben auch eine hohe Wertstabilität.

ne: Laufen wir mit diesem Trend nicht Gefahr, am Ende zu viele Wälder abzuholzen und so dann wieder dem Klima zu schaden?

Bauer: In Deutschland sehe ich diese Gefahr nicht, dafür steht der Schutz der heimischen Wälder auf unserer Agenda zu weit oben und bisher wird nur ein Bruchteil von dem abgeholzt, was jährlich nachwächst. Aber international muss man sicherlich aufpassen. Es gab zum Beispiel schon Bestrebungen, die Fernwärme in Hamburg mit Buschholz aus Namibia zu dekarbonisieren. Das scheint mir kein zielführender Ansatz zu sein. Grundsätzlich ist es sicher sinnvoll, auf Diversifikation zu achten, also nicht überall den gleichen Baustoff zu verwenden.

ne: Aber von Beton möglichst wegzukommen?

Bauer: Richtig. Beton oder genauer gesagt Zement ist ein massiver Klimatreiber, weil seine Herstellung prozessbedingt mit einem extrem hohen CO2-Ausstoß verbunden ist, In Summe verursacht das weltweit drei Prozent der gesamten CO2-Emissionen, mehr als der Flugverkehr. Und 90 Prozent aller mineralischen, nicht nachwachsenden Rohstoffe werden hierzulande im Bausektor verbraucht. Generell sollte künftig ein Aspekt bei der Bauplanung sein, Gebäude immer auch als Rohstofflager zu sehen.

ne: Sie also so anzulegen, dass man die verwendeten Materialkomponenten hinterher trennen und einzeln weiterverwerten kann?

Bauer: Genau. In der EU gibt es beispielsweise Überlegungen, einen ‚Building Material Passport‘ einzuführen. Er zielt darauf ab, dass Gebäude als eine Art Materialbank fungieren sollen. Auch wir Architects for Future fordern dies in unseren Vorschlägen für eine ‚Muster(Um)bauordnung‘. Dazu muss man vor allem erstmal Transparenz darüber schaffen, was in den Gebäuden jeweils drinsteckt, wo welche Stoffe in welcher Weise verbaut sind, von Kupfer über Alu bis hin zu Holz und diversen Kunststoffen. Wenn die Häuser dann verkauft oder umgebaut werden, weiß man sofort, ob man es mit Schadstoffen zu tun hat oder mit einem Objekt, dessen Bestandteile sich werthaltig trennen lassen. Das erleichtert das sogenannte ‚Urban Mining‘, das in der EU immer ernster genommen wird. Denn Europa kann seinen Bedarf an Ressourcen bei Weitem nicht selbst decken. Und auf dem Weltmarkt mit expandierenden Ländern wie China um Rohstoffe zu konkurrieren wird zunehmend anspruchsvoller. Das ist auch beim Bauen zu spüren. Diese Materialien sorgsam zu verwenden ist insofern nicht nur für Klima und Umwelt hilfreich, sondern auch Teil der europäischen Selbsterhaltungsstrategie im globalen Wettstreit.

Dies ist eine gekürzte Fassung. Das vollständige Interview mit Stefan Bauer lesen Sie in Ausgabe 1/2022 von neue energie.


Stefan Bauer

ist Ingenieur für regenerative Energietechnik und hat sich auf Gebäude-Energiedesign und Erneuerbare-Energien-Contracting spezialisiert. Neben seiner Tätigkeit als selbständiger Berater hat er eine Dozentur an der Hochschule Fresenius in Berlin inne. Bei den Architects for Future engagiert er sich seit gut einem Jahr. Der Verein hat sich 2019 aus Solidarität mit der Fridays-for-Future-Bewegung gegründet und verfügt inzwischen über ein engmaschiges Netzwerk aus mehr als 30 Ortsgruppen in ganz Deutschland.

Auch in der Schweiz, Österreich, Dänemark und Großbritannien gibt es mittlerweile aktive Gruppen. Mitmachen können alle, die sich für das Thema Bauwende interessieren. Die meisten Mitglieder derzeit sind Architektinnen, Bauingenieure oder Energieberaterinnen. Der Verein arbeitet ehrenamtlich und versucht aktuell, die zunehmende Zahl seiner Projekte über eine Crowd-Funding-Kampagne zu finanzieren: https://www.startnext.com/architects4future.

 

Kommentare (1)

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  • 16.01.22 - 19:30, Carlo Reeker

    Ich finde die Antworten von Stefan Bauer gut verständlich und vor allem inspirierend. Persönlich interessieren mich die von ihm benannten Ansätze zur Flächenreduzierung schon seit langem. Das ist ein spannendes gesellschaftspolitisches Thema. Ebenso spannend ist sein Blick auf die Wärmepumpe und die Erneuerbaren. Das zeigt, was noch alles auf uns zukommt.

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