Menschen der Energiewende

„Viele gute Leute sind in schlechten Systemen gefangen“

Foto: Paramount Picture/Jensen Walker

Foto: Paramount Picture/Jensen Walker

Interview: Susanne Götze und Joachim Wille, 07.09.17
Mit seinem neuen Film „An Inconvenient Sequel“ (Eine unbequeme Fortsetzung) ruft Friedensnobelpreisträger Al Gore zum Handeln für den Klimaschutz auf. Im Interview erklärt der ehemalige US-Vizepräsident und Umweltaktivist, wieso er den Glauben an die Zukunft der Menschheit noch nicht aufgegeben hat.

neue energie: Herr Gore, haben Sie bei Ihren Vortragsreisen eigentlich jetzt immer Gummistiefel im Gepäck?

Al Gore: (lacht) Sie meinen, wegen Miami ...

ne: In Ihrem neuen Klimafilm gibt es eine Szene, in der Sie dort durch überflutete Uferstraßen laufen.

Gore: Gummistiefel mitzunehmen ist keine schlechte Idee. Daran sollte ich vielleicht jetzt immer denken, besonders wenn ich Küstenstädte besuche.

ne: Wir sind hier in Berlin, da bringt der steigende Meeresspiegel keine Gefahr ...

Gore: Das nicht. Allerdings hat es in Berlin in diesem Sommer extreme Regenfälle gegeben. Da wären Gummistiefel nicht schlecht gewesen.

ne: Weltweit nehmen die Wetterextreme zu. Es gibt nicht nur mehr Hochwasser, auch Dürren werden intensiver, Hurrikane und Tornados wüten heftiger. Glauben Sie, wir haben überhaupt noch eine Chance, das beherrschbar zu halten?

Gore: Ja, die gibt es. Die Wissenschaftler sagen: Wir können es immer noch schaffen, die schlimmsten Konsequenzen der globalen Erwärmung zu verhindern. Leider hat der Klimawandel bereits einige Schäden angerichtet, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Der Meeresspiegel etwa wird weiter ansteigen, egal, was wir tun – weil einige Eisschilde bereits so weit abgeschmolzen sind, dass sich das nicht mehr stoppen lässt. Auch Schnee und Eis in den Alpen sind in jedem Fall in Gefahr. Aber die wirklich katastrophalen Veränderungen, an die die Menschheit sich nicht anpassen kann, können noch verhindert werden. Es ist so ähnlich wie beim Gespräch zwischen Arzt und Raucher, wo der Raucher sagt: „Ich habe schon so lange geraucht, es nützt nichts mehr, jetzt noch damit aufzuhören.“ Der Arzt aber erklärt ihm, und zwar zu Recht: „Wenn du aufhörst, wird es dir künftig besser gehen, als wenn du weiterqualmst.“

ne: Küstenstädte wie Miami sind schon jetzt bedroht, auch wenn wir auf den Klimaschutz-Arzt hören ...

Gore: Nicht nur Miami und mit ihm große Teile von Florida sind durch den steigenden Meeresspiegel stark gefährdet. Ähnlich ist es in vielen Küstenregionen rund um die Erde. Man kann sie kaum alle aufzählen. Angefangen von den Malediven über Bangladesch, wo Millionen Menschen werden umziehen müssen, bis New York.

ne: Umfragen zeigen: Viele junge Menschen sind wegen des Klimawandels sehr besorgt, aber nur wenige handeln nach ihren Einsichten. Sie leben wie alle anderen, sie fahren Auto, sie fliegen in den Urlaub. Was können sie tun?

Gore: Viele gute Leute sind in schlechten Systemen gefangen. Es ist deswegen ein wichtiger Teil der Lösung, das System zu ändern, also zum Beispiel dem CO2 einen Preis zu gegeben, weil das in unserem Wirtschaftssystem zählt. Tatsächlich verändern auch schon heute viele junge Leute ihr Leben, und nicht wenige ältere auch. Es geht darum, diese Veränderungen einfacher zu machen. Wir müssen die CO2-armen Muster überall verankern, dann wird das Umsteigen einfach.

ne: Aber wie kommt man dorthin? Nur durch Aufklärung und Politik? Oder auch mit radikalen Aktionen? In Deutschland gibt es eine Szene von Aktivisten, die Kohle-Tagebaue blockieren. Gehört der zivile Ungehorsam dazu?

Gore: Ich respektiere solche Aktionen. Meine älteste Tochter ist festgenommen worden, als sie gegen den Neubau einer Erdgas-Pipeline protestierte. Man sieht, wie sich die Zeiten geändert haben, wenn man heute sagt: ‚Ich bin so stolz darauf, dass meine Tochter festgenommen wurde.‘ Der gewaltlose zivile Widerstand ist hier eine durchaus angemessene Strategie – schließlich steht die Zukunft der menschlichen Zivilisation auf dem Spiel.

ne: Der Pariser Klimagipfel hat das Ziel verankert, die Erderwärmung bei 1,5 bis zwei Grad zu stoppen. Er liegt jetzt bald zwei Jahre zurück. Gibt es denn Hoffnung, dass genug passiert, um das Limit einzuhalten?

Gore: Es gibt Signale. Die Bewegung ist stärker geworden, ganz eindeutig.

ne: Bitte ein Beispiel.

Gore: Indien hat in diesem Jahr angekündigt, dass in dem Land 2030 – also in nur 13 Jahren – nur noch Elektroautos zugelassen werden, und zwar kurz nachdem US-Präsident Trump seinen Ausstieg aus dem Paris-Vertrag bekannt gegeben hat. Das ist früher, als Länder wie Frankreich und Großbritannien das planen, die peilen erst 2040 an, und es geht auf jeden Fall schneller als in den USA. Das Paris-Abkommen war nicht nur wichtig, weil es das Temperaturlimit fixiert hat, sondern auch, weil damit ein Signal an die Wirtschaft, die Industrie und die Haushalte gesendet wurde: Die Rahmenbedingungen ändern sich, wir haben ein neues System, ihr müsst euch umstellen.

ne: Und Sie glauben, das reicht aus?

Gore: Es gibt den Anstoß. Lassen Sie mich etwas ausholen. Wenn man versucht zu erklären, warum viele Menschen Klimaskeptiker sind, kommt man zu dem Erklärungsansatz des „System Justification Principle“. Das besagt: Wir alle haben den Wunsch zu glauben, dass die Systeme, in denen wir leben, vom Grundsatz her in Ordnung sind. Wenn jemand aufgeregt hereinkommt und sagt: ‚Alles muss sich ändern!‘ – dann ist unsere natürliche Reaktion: ‚Moment mal. Ich glaube nicht, dass das stimmt.‘ Durch den Paris-Vertrag haben wir aber ein neues System. Die Leitlinie ist nun: Wir gehen herunter auf netto null Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts. Sorgen müssen sich nun diejenigen machen, die die Atmosphäre weiter verschmutzen wollen, nicht die, die das stoppen wollen. Der Zug fährt los, und jeder will mit an Bord sein. Die Investoren treiben die Veränderung inzwischen maßgeblich an. Seit einigen Jahren wird weltweit mehr Geld in Öko-Kraftwerke investiert als in fossile.

ne: Aber immer noch fließen gigantisch hohe Subventionen in Kohle, Erdöl und Erdgas. Rund 6,5 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung werden dafür ausgegeben.

Gore: Richtig, und das ist Wahnsinn.

ne: Sie sagen trotzdem, die erneuerbaren Energien sind ein Job-Motor der Zukunft.

Gore: Sind sie auch. Sie wachsen in den USA schon heute 17-mal schneller als die Wirtschaft im Durchschnitt. Und das wird noch mehr werden. Der Grund: Global basiert die Wirtschaft immer noch zu 80 Prozent auf Energie aus Kohle, Erdöl und Gas. Da die Öko-Energien in den kommenden Jahren in praktisch allen Regionen billiger sein werden als die konventionellen, werden dort zig Millionen Arbeitsplätze entstehen. Der nötige Umbau der Energieversorgung und der sonstigen Infrastruktur ist ein ungeahntes Wachstumsprogramm – vom Bau von Windturbinen über die Wärmesanierung der Gebäude bis zur smarten Umrüstung der Industrieproduktion. Wir werden eine Nachhaltigkeitsrevolution erleben, die vergleichbar mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert ist, aber im Tempo der digitalen Revolution. Es wird die größte Investitionschance und die größte Jobmaschine in der Geschichte sein.

ne: Ihr Optimismus in Ehren, trotzdem braucht es für den Umbau Politiker, die ihn voranbringen, etwa indem sie die fossilen Subventionen senken. Doch Sie sagen selbst in Ihrem Film, die Demokratie in den USA sei „gehackt“ worden. Was heißt das?

Gore: Der Einfluss des großen Geldes hat in meinem Land – und einigen anderen – ein toxisches Maß erreicht. Die Konzerne haben eine ungesunde Macht über die politischen Entscheidungen bekommen. Das heißt: Sie haben unsere Demokratie gehackt, bevor Putin sie gehackt hat. Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat bereits vor Jahrzehnten vor der Gefahr der Re-Feudalisierung der Öffentlichkeit gewarnt, und genau das passiert nun: Die Reichen nutzen ihren Reichtum, um auch große politische Macht zu erlangen. Wir müssen den normalen Bürgern die Möglichkeit zurückgeben, Logik und Vernunft zu gebrauchen, um politischen Einfluss zu bekommen.

ne: Welche Rolle spielt Donald Trump?

Gore: Er hat seine Präsidentschaft ganz offensichtlich dem Ziel gewidmet, den Interessen der großen CO2-Verschmutzer zu dienen.

ne: Das könnte aber doch auch das Gegenteil bewirken. Beispiel: Ohne die Angst vor Trumps Politik wäre der Paris-Vertrag niemals vom Rest der Welt so schnell ratifiziert worden ...

Gore: Das stimmt. Das physikalische Gesetz von Kraft und Gegenkraft wirkt manchmal auch in der Politik. Die Reaktionen auf die Absurditäten von Donald Trump haben den Aktivitäten pro Klimaschutz viel Auftrieb gegeben. Wir haben es nach seiner Rede zum Paris-Austritt gesehen. Ich hatte die Sorge, andere Staaten könnten seinen Schritt zum Vorwand nehmen, selbst aus dem Vertrag auszusteigen. Aber das geschah nicht. Tatsächlich hat der Rest der Welt sein Engagement verdoppelt. So haben sich in den USA Gouverneure, Bürgermeister und Wirtschaftsführer zusammengeschlossen und verkündet: ‚Wir werden den Paris-Vertrag auch ohne Donald Trump einhalten.‘ Trump hat sich in gewisser Weise isoliert. Er kann immer noch viel Schaden anrichten, und er arbeitet hart daran, viel Schaden anzurichten. Aber die Gerichte, der Kongress, Städte, Bundesstaaten und die Graswurzel-Aktivisten sind entschlossen, diesen Schaden zu begrenzen.

ne: Wie konnte es dazu kommen, dass ein Mann wie Trump die Hälfte des Wahlvolks begeisterte?

Gore: Einer der Strukturbrüche, die zur Re-Feudalisierung der Öffentlichkeit geführt haben, war, dass bei den Wahlen nicht mehr die gedruckte Presse das wichtigste Medium ist, sondern das Fernsehen. In meinem Land hatte das massive Folgen für die politische Kultur. Die Kandidaten für die Kongresswahlen verbringen einen großen Teil ihrer Zeit damit, bei reichen Leuten um Geld für ihre Kampagnen zu betteln – um genug Geld für die 30-Sekunden-Werbefilme im TV anzuhäufen, die mehr und mehr den Ausgang der Wahl bestimmen. Die Vernunft spielt immer weniger eine Rolle. Das erinnert mich an die Analyse, mit der ein Habermas-Kollege aus der Frankfurter Schule, Theodor Adorno, die ersten Schritte des Abstiegs Deutschlands in die Hölle der Nazizeit beschrieben hat. Er schrieb, alle Fragen der Wahrheit seien damals zu Fragen der Macht geworden. Das sehen wir nun wieder in den USA. Trump versucht, wissenschaftliche Fakten zu unterdrücken, weil er sie als Frage der Macht betrachtet.

ne: Was kann helfen, um die Demokratie wieder groß zu machen?

Gore: Die dritte Revolution in der Kommunikation. Die Erfindung des Buchdrucks vor 500 Jahren und die Einführung der Zeitungen haben zur Aufklärung und zur vernunftgeleiteten Entscheidungsfindung geführt. Der Aufstieg des Fernsehens im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts hat dann Hürden aufgerichtet, die den Zugang zur Öffentlichkeit beschränken. Nun aber erleben wir eine dritte Revolution durch die internetbasierten Formen der Kommunikation. Auch hier gibt es viele Probleme, das ist klar. Trotzdem, grundsätzlich geben sie den Individuen wieder die Möglichkeit, Vernunft und Informationen zur Grundlage der politischen Macht zu machen. Im vorigen Jahr hat der Demokrat Bernie Sanders in den US-Vorwahlen gezeigt, dass es möglich ist, eine landesweite Kampagne ganz ohne Großspenden zu führen. Er hat seinen Wahlkampf allein mit kleinen Beiträgen finanziert, die von den ganz normalen Bürgern kamen. Diese Entwicklung gibt uns eine Chance, die Vitalität der Demokratie wiederherzustellen.

ne: Noch einmal zurück zum Klimaschutz – und zu Deutschland. Die Bundesrepublik hat ihre Führungsrolle bei der Energiewende verloren, der Kohlendioxid-Ausstoß ist zuletzt sogar wieder angestiegen. Die Kohleverstromung geht viel zu langsam zurück, und der Verkehr trägt nichts zur CO2-Einsparung bei. Was raten Sie der deutschen Politik?

Gore: Die Transformation des Energiesektors in Deutschland ist in einer schwierigen Phase, weil der Atomausstieg nach Fukushima und das schnelle Wachstum der erneuerbaren Energien gleichzeitig ablaufen. Ich bin aber zuversichtlich: Die Zunahme der Öko-Energien wird es Deutschland in Verbindung mit immer billiger werdenden Batteriespeichern erlauben, die Kohleverstromung auslaufen zu lassen.

ne: Aber die Bundesrepublik wird ihr selbst gestecktes Klimaziel für 2020 krachend verfehlen.

Gore: Ich hoffe, dass es nicht so kommt.

ne: Alle Experten sagen: Das Land der Energiewende-Erfinder steuert auf eine Blamage zu. Minus 40 Prozent CO2 gegenüber 1990 sind nicht mehr zu schaffen, wir haben erst 27 Prozent erreicht.

Gore: Ich persönlich habe großes Vertrauen in die politische Führung Deutschlands und die deutsche Wirtschaft. Ich bewundere Bundeskanzlerin Merkel. Ich sage voraus: Deutschland wird wieder in seine Spitzenrolle im Energiesektor zurückfinden.

 

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