Folgen der Klimakrise

Der Hitze-Turbo

Joachim Wille, 25.05.22
Fast 50 Grad, Trockenheit, Waldbrände, Überschwemmungen – Indien, Pakistan und Bangladesch leiden unter Extremwetter. Der Klimawandel hat die Wahrscheinlichkeit dafür stark erhöht.

Indien, Pakistan und Bangladesch werden derzeit von Wetterkatastrophen heimgesucht. Seit zwei Monaten erlebt der Subkontinent eine Hitzewelle mit Maximaltemperaturen bis nahe an 50 Grad Celsius, und in den letzten Tagen kam es in zwei Regionen zu Starkregen und schweren Überflutungen, die Millionen Menschen von der Außenwelt abgeschnitten haben.

Am Montag wurde zudem bekannt, dass in einem der größten Pinienwälder der Welt im Südwesten von Pakistan ein Großbrand ausgebrochen ist, der bereits Hunderte Hektar Waldgebiet vernichtet hat. Eine neue Studie zeigt nun, dass die Extremhitze durch den Klimawandel etwa 30-mal wahrscheinlicher geworden ist, als sie es in einem Klima ohne die Aufheizung durch zusätzliche Treibhausgase in der Atmosphäre gewesen wäre.

Hitzewellen sind auf dem indischen Subkontinent vor dem Einsetzen des Sommermonsuns im Juni/Juli nicht ungewöhnlich. Die aktuelle begann allerdings besonders früh, nämlich im März, und sie hält ungewöhnlich lange an. In den vergangenen Monaten war es so heiß wie noch nie seit Beginn der Wetteraufzeichnung vor 122 Jahren. An Dutzenden Orten in Indien und Pakistan stiegen die Temperaturen auf über 45 Grad, in der Hauptstadt Neu-Delhi wurden 49 Grad erreicht. Auch fiel deutlich weniger Regen als üblich. So lagen die Niederschläge im März in Indien um 62 Prozent unter dem Soll, in Pakistan um 71 Prozent. 

Tote Vögel, fehlender Weizen

Derzeit sind mehr als eine Milliarde Menschen von der enormen Hitze betroffen, wobei besonders ältere Menschen und Kinder gefährdet sind. Laut der Regierung hat die Sterblichkeit aufgrund von Hitze seit 1980 um über 60 Prozent zugenommen. Medizinerinnen warnen, dass die aktuelle Krise tausende Todesopfer fordern könnte. Und auch die Tierwelt leidet unter der Hitze und der Trockenheit. Laut einem Bericht aus dem Bundesstaat Gujarat, im Westen des Landes, fielen dort in den letzten Wochen viele Vögel, die nichts mehr zu trinken fanden, völlig dehydriert vom Himmel. Helfende sammelten täglich Dutzende Tiere von der Straße auf.

Folgen hatten der frühe Beginn der Hitzewelle in Verbindung mit dem fehlenden Regen auch für die indische Weizenproduktion. Die Regierung erließ ein Ausfuhrverbot für Weizen, was die Weltmarktpreise weiter ansteigen ließ. Indien hatte zuvor mit einer Rekordausfuhr von zehn Millionen Tonnen Weizen gerechnet, was dazu beigetragen hätte, den durch Putins Ukraine-Krieg verursachten Mangel teilweise auszugleichen.

Die Zuspitzung der Wettersituation ist laut der jetzt veröffentlichten Studie höchstwahrscheinlich auf den Einfluss des menschengemachten Klimawandels zurückzuführen. Danach ist ein Ereignis wie die aktuelle, langanhaltende Hitzewelle mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Prozent pro Jahr zwar immer noch selten, durch die globale Erwärmung allerdings bereits etwa 30-mal wahrscheinlicher geworden. Das heißt: Ohne den Klimawandel hätte sie wohl nicht stattgefunden. Die Autorinnen erwarten, dass die Wahrscheinlichkeit bei weiter steigenden Temperaturen spürbar ansteigt. Bei zwei Grad Erwärmung sei eine Hitzewelle wie die derzeitige etwa alle fünf Jahre zu erwarten. Seit der Industrialisierung ist bereits ein Plus von 1,2 Grad erreicht. Der Pariser Klimavertrag fordert, die Erwärmung auf möglichst 1,5 und maximal zwei Grad zu begrenzen. 

Wahrscheinlichkeit von Extremwetter steigt massiv

Die Studie wurde von 29 Forschern der „World Weather Attribution Group“ (WWA) durchgeführt, unter anderem von Universitäten und meteorologischen Behörden in Indien, Pakistan, Frankreich, Großbritannien, Neuseeland und den USA. Die WWA ist eine internationale Forschungskooperation, die den möglichen Einfluss des Klimawandels auf extreme Wetterereignisse wie Stürme, extreme Regenfälle, Hitzewellen, Kälteperioden und Dürren analysiert. Frühere Untersuchungen der Gruppe ergaben unter anderem, dass er die verheerenden Stürme in Madagaskar, Malawi und Mosambik in diesem Jahr sowie die jüngsten Überschwemmungen in Südafrika verschlimmert hat.

Ähnliche Ergebnisse zu Indien und Pakistan hatte eine in der vorigen Woche veröffentlichte Untersuchung des britischen Met-Office erbracht, allerdings nicht zu der aktuellen Hitzewelle, sondern zu der etwas milderen von 2010. Sie zeigt: Unter Vor-Klimawandel-Bedingungen wäre sie alle 312 Jahre eingetreten, unter den aktuellen Bedingungen sei alle 3,1 Jahre damit zu rechnen, und bis 2100 könnte das sogar alle 1,15 Jahre passieren.

Fahad Saeed, ein Klimaforscher aus Islamabad, kommentierte die aktuelle Studie so: „Das Besorgniserregende ist, dass die Grenzen der Anpassungsfähigkeit für einen großen Teil der armen Bevölkerung der Region bereits beim derzeitigen Stand der globalen Erwärmung überschritten werden.“ Jede Erwärmung über 1,5 Grad hinaus könne eine existenzielle Bedrohung darstellen, wenn keine wirksamen Anpassungs- und Eindämmungsmaßnahmen ergriffen werden.

 

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