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Finanzmarkt

„Nachhaltigkeit ist ein ganz wesentlicher Renditetreiber“

Interview: Astrid Dähn und Jörg-Rainer Zimmermann, 06.02.20
… sagt Karsten Löffler, Vorsitzender des Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung. Er rät Investoren, genau zu prüfen, ob ihre derzeitigen Geschäftsmodelle in der Welt von morgen noch bestehen können.

neue energie: Blackrock, McKinsey, Leaders for Climate Action – immer mehr Finanz- und Beraterfirmen schreiben sich inzwischen Nachhaltigkeit auf die Fahnen. Weshalb setzt die Finanzwirtschaft derzeit massiv auf grüne Investments? Ist das ökologiegetrieben oder überwiegen ökonomische Motive?

Karsten Löffler: Aus meiner Sicht stehen ökonomische Gründe im Vordergrund. Wobei man bedenken muss, dass es bei Nachhaltigkeit auch um soziale Faktoren und Aspekte der guten Unternehmensführung geht. Wenn solche Faktoren ignoriert werden, kann das sehr schnell negative finanzielle Auswirkungen haben. Diese Einsicht ist mittlerweile in der Breite der Wirtschaft angekommen. Anfangs ging es ethisch motivierten Anlegern darum, Investitionen in bestimmte Bereiche auszuschließen, etwa in Rüstung oder Glücksspiel. Heute geht es darum, die teils langfristigen wirtschaftlichen Risiken zu verstehen, die von Investitionen oder Kreditvergaben ausgehen, wenn diese zum Beispiel mit den Klimaschutzzielen des Pariser Vertrags nicht in Einklang stehen.

ne: Gerade die amerikanische Wirtschaft ist von einer hohen Flexibilität geprägt. Könnte einem Investor der Klimaschutz nicht egal sein, wenn er sein Portfolio stets nur schnell genug umschichtet?

Löffler: Nein, Klimaschutz ist eines der dringlichsten Themen. Darauf müssen auch Finanzmarktakteure achten. Zum einen geht es um physikalische Effekte, die Folgen von Extremwetterereignissen sind ja zunehmend spürbar. Das Rhein-Niedrigwasser von 2018 hatte gravierende Folgen für die Chemie- und Stahl-Industrie. Zum anderen ändert sich die Regulierung der Realwirtschaft. Das kann die Finanzwirtschaft nicht ignorieren. Sie muss vielmehr neue, künftig tragfähige Geschäftsmodelle identifizieren und bestehende Geschäftsmodelle auf ihre Zukunftsfähigkeit prüfen, um rationale Investitions- und Kreditvergabeentscheidungen zu treffen.

ne: Was meinen Sie mit Regulierung der Realwirtschaft genau? Einen gesetzlich festgeschriebenen Kohleausstieg zum Beispiel?

Löffler: Zum Beispiel. Aber man kann das viel breiter sehen. Im Klimapaket der Bundesregierung ist der Einstieg in die CO2-Bepreisung für Sektoren enthalten, die bisher nicht unter das Emissionshandelssystem fallen. Das wird sich über die Zeit hinweg auswirken. Investoren, die die Folgen verstehen, sind vermutlich am Ende erfolgreicher als Investoren, die diese Thematik ignorieren. Sowohl Vermögensverwalter, also Assetmanager, wie auch die Assetowner, die Großanleger und ihre Endbegünstigten, haben ein genuines Eigeninteresse daran, dass ihre Geldanlagen gut performen. Dabei müssen alle materiellen Risiken und Chancen berücksichtigt werden. Das kann nur mit hinreichender Transparenz funktionieren. Auf Unternehmensseite muss klar formuliert werden, wie sich das Management den Weg hin zu einer Netto-Null-Emissionswirtschaft vorstellt. Denn das ist ja das politische Ziel von über 190 Staaten.

ne: Kann staatliche Regulierung nicht auch zu Verunsicherung führen?

Löffler: Man spricht an dieser Stelle von Transition Risks, also Übergangsrisiken, die aus der Veränderung der staatlichen Regulierung entstehen. Ein recht prägnantes Beispiel sehen wir in den Niederlanden. Dort ist die Neuvermietung von gewerblichen Immobilien nur dann zulässig, wenn bestimmte Energieeffizienz-Standards erfüllt werden. Das hat natürlich finanzielle Konsequenzen für die Eigentümer, was wiederum für Investoren von Bedeutung ist, wenn sie potenzielle Investitionsobjekte bewerten.

ne: Wenn Sie sagen, die Investoren reagieren eben bestmöglich auf veränderte Rahmenbedingungen – heißt das, dass der Finanzmarkt komplett ideologiefrei funktioniert und es einfach immer nur um die höchste Rendite geht?

Löffler: Insbesondere institutionelle Anleger – viele davon haben einen sehr langen Anlagehorizont – werden sich immer mehr bewusst, dass Nachhaltigkeitsthemen ein ganz wesentlicher Renditetreiber sind. Es gibt also einen sehr guten, objektiven Grund für nachhaltiges Wirtschaften. Aber sicher gibt es auch professionelle Investoren, denen es nicht so wichtig ist, auf Kosten einer lebenswerten Umwelt kurzfristig noch ein paar Euro mehr zu verdienen – auch wenn das niemand laut zugibt.

ne: Wächst die Zahl der Investoren, die so ökologiebewusst denken?

Löffler: Aus meiner Sicht sind sich immer mehr Investoren der mittel- und langfristigen Risiken, aber auch der Chancen bewusst, die sich aus der Transformation zu einer Netto-Null-Emissionswirtschaft ergeben.

ne: Welche besonderen Klimarisiken sehen Sie denn auf die Unternehmen zukommen?

Löffler: Ich hatte ja schon auf die Veränderungen der physikalischen Umwelt hingewiesen. Das trifft beispielsweise auch Unternehmen, die einen hohen Wasserverbrauch haben. Die stehen vor der Frage, ob in Zukunft in bestimmten Regionen weiterhin ausreichend Wasser verfügbar ist. Und dann sind da die direkten Veränderungen der Landschaften. Ein Beispiel ist Miami. Die Stadt ist gegen den Anstieg des Meeresspiegels nur sehr schwer zu schützen, weil der Untergrund porös ist. Man kann keine Deiche bauen, das Wasser drückt einfach durch den Gesteinsboden nach oben durch. Wer dort Immobilien besitzt, steht vor großen Fragen.

ne: Könnte auch das Nachfrageverhalten der Menschen den Markt umkrempeln?

Löffler: Natürlich. Die Konsummuster werden sich ändern. Wir sehen das ja jetzt langsam an der Automobilindustrie. Das ist ein Prozess, der gerade erst begonnen hat. Und es könnte auch noch andere Industrien treffen. Entscheidend dabei werden Technologiesprünge sein, etwa bei der Energieeffizienz, getrieben durch die CO2-Bepreisung. Man muss sich als Investor also überlegen, ob das Geschäftsmodell, in das ich heute Geld stecke, auch morgen noch existieren kann. Und was das für die Werthaltigkeit meiner Geldanlage bedeutet. Nehmen Sie zum Beispiel ein fossiles Kraftwerk. Da muss sich der Geldgeber doch fragen, wie lange das noch einen Platz im System haben wird.

ne: Zudem gibt es auch juristische Risiken. Immer öfter werden Konzerne für die Umwelt- und Klimafolgen ihrer Geschäftsmodelle vor Gericht gezogen …

Löffler: Ganz genau. Das bekannteste Beispiel hierzulande ist vielleicht das Verfahren eines peruanischen Andenbauers gegen RWE. Aber es gibt auch in anderen Ländern Klagen, etwa in den USA und in Großbritannien. Die Niederlande haben kürzlich nach einer erfolgreichen Klage gegen die Regierung ihre Klimaschutzmaßnahmen verstärkt, unter anderem hat man das Tempolimit auf Autobahnen gesenkt. Und diese Klagerisiken werden künftig vermutlich zunehmen.

ne: Mit welchen Instrumenten könnte hierzulande der ökologische Umbau ohne Verwerfungen und Brüche gelingen?

Löffler: Es gibt zwei ganz wesentliche Punkte. Es braucht ein klares Signal von Regierungsseite, welchen Pfad wir alle zusammen beschreiten sollen. Und dieses Signal muss mit einer positiven Perspektive verbunden sein, schließlich bietet die Transformation enorme Chancen, um Arbeitsplätze und den Technologiestandort Deutschland zu sichern.

ne: Und darüber hinaus?

Löffler: Wenn klar ist, welcher Weg eingeschlagen werden soll, kann die Realwirtschaft ihre Geschäftsmodelle so anpassen, dass die Transformation gelingt. In vielen Branchen gibt es schon sehr gute Ansätze. Die Stahlindustrie etwa kann Kokskohle bei der Produktion durch Wasserstoff ersetzen. Weil das bislang noch recht teuer ist, braucht es allerdings bei den Pilotprojekten staatliche Unterstützung. In Dänemark ist man schon weiter, dort wird Wasserstoff inzwischen großskalig eingesetzt. Es geht also.

ne: Sie spielen den Ball der Politik zu. Die bewegt sich in Deutschland zurzeit aber kaum. Könnte die Finanzwirtschaft stattdessen die treibende Kraft sein?

Löffler: Große Kapitalsammelstellen wie Blackrock spielen sicherlich eine nicht zu unterschätzende Rolle, indem sie die Unternehmen, in die sie investieren, aktiv ansprechen. Nehmen wir den jüngst oft zitierten Brief von Blackrock-Chef Larry Fink. Darin wird klar benannt, dass Nachhaltigkeit ein wichtiger Faktor für wirtschaftlichen Erfolg ist. Das ist in Investorenkreisen weitgehend angekommen. Insofern haben große Investoren sicher Einfluss auf die Unternehmen. Die Finanzwirtschaft setzt selbst aber keine Industrieprojekte um. Das heißt, ohne die Realwirtschaft und eine entsprechende Rahmenregelung durch die Politik wird es nicht gehen.

ne: Sie sind Mitglied des noch recht jungen Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung. Was soll dieser Beirat leisten?

Löffler: Der Beirat soll die Bundesregierung bei der Positionierung zum Thema nachhaltige Finanzierung unterstützen und eine Empfehlung für eine Sustainable-Finance-Strategie erstellen. Letztlich geht es darum, dem Finanzsektor zu helfen, seine Rolle bei der Finanzierung der anstehenden Transformation wahrzunehmen. Sustainable-Finance-Strategien sehen wir in fast allen unseren Nachbarländern. Insofern ist es sehr dringlich, Verständnis dafür zu entwickeln, was nachhaltige Finanzierung speziell für den Standort Deutschland bedeutet.

ne: Hinkt Deutschland demnach seinen Nachbarn hinterher?

Löffler: Deutschland ist jedenfalls nicht vorneweg. Frankreich, die Niederlande, das Vereinigte Königreich, die Schweiz und auch Portugal haben Sustainable-Finance-Strategien. Und die schauen wir uns natürlich alle an.

ne: Welche Konzepte halten Sie für besonders vorbildlich?

Löffler: Natürlich gibt es in den Nachbarländern sehr gute Ansätze. Frankreich ist in puncto Transparenz seit einigen Jahren führend. Aber nicht alles, was für Frankreich passt, passt auch für Deutschland. Das deutsche Wirtschaftsmodell hat ein paar Eigenarten, die es so in unseren Nachbarländern nicht gibt. Die Realwirtschaft ist hierzulande stark von kleinen und mittleren Unternehmen geprägt, anders als im Ausland, wo sie oft zentral auf große Unternehmen ausgerichtet ist. Auch unser Finanzsektor, insbesondere der Bankensektor, ist kleinteiliger strukturiert. Denken Sie an den Sparkassenverbund und die Genossenschaften. Das hat Folgen für eine deutsche Sustainable-Finance-Strategie. Es geht darum, wie wir auch kleinere und mittlere Unternehmen und Finanzinstitutionen in die Lage versetzen können, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit in der gebotenen Dringlichkeit, Tiefe und Ernsthaftigkeit auseinanderzusetzen. Wir versuchen, die deutsche Situation ganzheitlich zu betrachten.

ne: Was heißt das konkret?

Löffler: Ich bin fest davon überzeugt, dass die deutsche Finanzindustrie im Hinblick auf Nachhaltigkeitsrisiken sogenannte Szenario-Analysen und Stresstests einsetzen wird. Diverse Aufsichtsbehörden beschäftigen sich damit sehr intensiv. Eine gute Indikation dafür gibt das letzten Dezember veröffentlichte Merkblatt der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Darin findet sich eine Zusammenfassung dessen, was im Hinblick auf den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken derzeit als State of the Art gilt.

ne: Was aber nicht bedeutet, dass automatisch in neue, saubere Technologien investiert wird?

Löffler: Risiko-Rendite-Profile können auch erkennen helfen, wo bei der Einführung von neuen Technologien noch Hürden bestehen. Mit neuen Technologien gehen immer schwer einschätzbare Risiken einher. Für Finanzmarkt-Akteure ist das ein schwieriges Thema. Im Erneuerbaren-Bereich wurde die Investitionssicherheit deshalb mittels staatlicher Unterstützung erhöht. Die feste Einspeisevergütung hat das nötige Maß an Verlässlichkeit gegeben. Man könnte also prüfen, ob etwas Ähnliches beim Thema Wasserstoff möglich ist. Zudem geht es uns auch um die Frage, was sich tun lässt, damit es überhaupt genug Klimaschutzprojekte gibt, in die investiert werden kann, und die Realwirtschaft nicht zum Flaschenhals wird.

ne: Wann soll die Sustainable-Finance-Strategie vorliegen?

Löffler: Wir planen, Ende Februar einen ersten Zwischenbericht zu veröffentlichen, der den gegenwärtigen Stand der Beratungen des Beirats reflektiert und Hinweise gibt, welche Kernpunkte die Sustainable-Finance-Strategie haben wird. Der Abschlussbericht soll dann nach der Sommerpause vorliegen.

ne: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die Bundesregierung die Strategie am Ende auch umsetzt?

Löffler: Ich glaube, das Interesse der Bundesregierung am Thema Sustainable Finance ist sehr groß. Es wird sicher darauf ankommen, dass der Beirat möglichst konkrete Empfehlungen vorlegt, die es den beteiligten Ministerien* erleichtert, eigene Pläne zu entwickeln. Aber über die grundsätzliche Notwendigkeit, jetzt möglichst rasch entsprechende Maßnahmen auf den Weg zu bringen, besteht meiner Einschätzung nach Einigkeit.

*Federführend sind das Finanzministerium und das Umweltministerium, unter enger Einbindung des Bundeswirtschaftsministeriums.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Den vollständigen Text lesen Sie in der Ausgabe 02/2020 von neue energie.


Karsten Löffler
ist Vorsitzender des Mitte vergangenen Jahres gegründeten Sustainable-Finance-Beirats der Bundesregierung. Das 38-köpfige Gremium soll eine speziell auf Deutschland zugeschnittene Strategie für nachhaltiges Investieren entwickeln. Darüber hinaus ist Löffler Co-Leiter des Frankfurt School – UNEP Collaborating Centres, Mitglied der Technischen Expertengruppe für Sustainable Finance der EU-Kommission und Co-Geschäftsführer des Green and Sustainable Finance Clusters Germany.

 

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