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Digitalisierung

Stromfresser Bitcoin

Foto: Alexander Demianchuk/TASS/dpa

Foto: Alexander Demianchuk/TASS/dpa

Die Internet-Währung Bitcoin wird nicht wie normales Geld von Notenbanken ausgegeben, sondern digital erschaffen.

Joachim Wille, 07.12.17
Die digitale Währung braucht enorme Rechenleistung – und überholt deshalb beim Energieverbrauch bereits ganze Staaten. Ökostrom soll jetzt die CO2-Bilanz retten.

Die virtuellen Goldgräber haben einen irren Hype verursacht. Die digitale Währung Bitcoin hat Ende November erstmals die 10.000-Dollar-Marke übersprungen und Anlegern damit binnen eines Jahres über 1000 Prozent Gewinn beschert. Doch nicht nur der Kursverlauf des im Internet gehandelten Alternativ-Geldes sprengt die normalen Dimensionen, sondern auch der Energieverbrauch der Computer, die für das Bitcoin-Netzwerk gebraucht werden. Inzwischen wird für das virtuelle Zahlmittel mehr Strom verbraucht, als ganze Staaten – zum Beispiel Irland oder Marokko – benötigen.

Seit Anfang November veröffentlicht die Bitcoin-Informationsplattform Digiconomist einen speziellen Index, der den Stromverbrauch des Netzwerks inklusive der Abspaltung Bitcoin Cash täglich darstellt – den „Bitcoin Energy Consumption Index“. Danach werden aufs Jahr hochgerechnet inzwischen über 30 Terawattstunden benötigt. Das entspricht bereits rund 0,14 Prozent des weltweiten Elektrizitätskonsums, wie die Plattform vorrechnet, oder der Produktion von zwei bis drei Kohle- oder Atomkraftwerken. Und die Kurve des Verbrauchs weist stetig nach oben. Allein im November nahm er um rund ein Drittel zu.

Würde man das Bitcoin-System als Staat betrachten, läge es bereits auf Platz 61 im internationalen Energiebedarf, hat kürzlich das britische Strompreis-Vergleichsportal „Power Compare“ ausgerechnet. Stiege der Verbrauch weiter wie bisher, könnte danach im nächsten Oktober bereits das Niveau der Elektrizitätsproduktion des Industrielands Großbritannien und im Laufe des Jahres 2019 sogar das der USA erreicht werden – eine aberwitzige Vorstellung.

Energieverbrauch von zwei Kühlschränken

Dass das Bitcoin-System so viel Energie schluckt, liegt an seiner Konstruktion. Die Internet-Währung wird nicht wie normales Geld von Notenbanken ausgegeben, sondern digital erschaffen, im Digital-Sprech „geschürft“, und dann börsenähnlich gehandelt. Das Geld entsteht, in dem die „Schürfer“ (miners) die Bitcoins über ein mathematisches Konstrukt generieren. Sie müssen dafür die gesamte Kette der bisherigen Transaktionen dokumentieren, wodurch der Aufwand mit jedem neu geschaffenen Bitcoin höher wird. Damit wird immer mehr Rechenleistung eingesetzt, die Anforderungen an die Hardware steigen – und eben auch der Stromverbrauch. Das weltweite Bitcoin-Computernetzwerk verwaltet die Konstrukte in der so genannten Blockchain. Bereits für eine einzige Bitcoin-Transaktion, von der täglich rund 300.000 stattfinden, sind nach Berechnungen des Digiconomist-Experten Alex de Vries 225 Kilowattstunden Strom nötig; damit lässt sich ein Kühlschrank zwei Jahre lang betreiben.

Das „Bitcoin-Mining“ geschieht vor allem in großen Rechenzentren. Professionelle Schürfer betreiben die Serverfarmen, die dafür nötig sind, üblicherweise in Ländern mit sehr niedrigen Stromkosten – die meisten stehen in China, vor allem in der Südprovinz Sichuan, wo Wasserkraftwerke die Elektrizität liefern, und in der Nähe der Kohlemeiler in der Inneren Mongolei. Das Geld-Schürfen ist daher mit hohen Emissionen verbunden, die Umwelt- und Klimabelastung steigt durch die Krypto-Währung an, was natürlich Kritik hervorruft.

In der Bitcoin-Gemeinde gibt es inzwischen Versuche gegenzusteuern. So glaubt ein Start-Up in Österreich, die Lösung für den boomenden Stromverbrauch beim Schürfen gefunden zu haben. Das Wiener Unternehmen Hydrominer hat abgeschriebene Wasserkraft-Anlagen in den Alpen angemietet, um mit dem emissionsfreien Strom Container mit Bitcoin-Servern zu betreiben. Zudem werden die Rechner, die viel Wärme entwickeln, mit Kühlwasser aus den benachbarten Flüssen versorgt.

Ökostrom als Lösung?

Es sei wichtig, „einen möglichst großen Anteil des Energieverbrauchs aus umweltfreundlichen Ressourcen zu gewinnen“, sagte Hydrominer-Gründerin Nadine Damblon der Wiener Kronenzeitung. „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die branchenweit niedrigste CO2-Bilanz auszuweisen.“ Vom Strompreis her kann die Firma sogar mit den Konkurrenten in China mithalten. Verträge hat sie mit Wasserkraftwerken geschlossen, die inzwischen aus der Ökostrom-Förderung herausgefallen sind. Die Betreiber seien gezwungen, ihren Strom ziemlich billig zu verkaufen. „Wir zahlen so um die drei bis fünf Cent je Kilowattstunde“, sagt Damblon. In China liegt der Strompreis im Schnitt bei umgerechnet 3,5 Cent. Die junge Firmenchefin weist Kritik am hohen Stromverbrauch des Bitcoin-Systems zurück: „Bei anderen Gütern machen wir uns darüber ja auch keine Gedanken.“ Man solle allerdings darauf achten, wie der Strom erzeugt wird, und da wolle das Startup eine Vorreiterrolle einnehmen.

Umweltexperten folgen dieser Argumentation nicht unbedingt. „Ökostrom wird da derzeit nichts reißen“, sagt Georg Kobiela vom Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie. Er verweist darauf, dass jeder zusätzlich generierte Strombedarf dazu beiträgt, die schmutzigsten Kraftwerke weiter am Netz zu behalten – und das sind derzeit Kohlekraftwerke, die einen hohen CO2-Ausstoß haben. Auch die ökologisch günstigen österreichischen Wasserkraft-Bitcoins führen ja dazu, dass der dafür genutzte Ökostrom für andere Anwendungen nicht mehr zur Verfügung steht und durch fossilen Strom ersetzt werden muss.

Kobiela sieht den Boom der Digitalwährung denn auch skeptisch: „Bitcoin entwickelt sich derzeit stark hin zu einem Spekulationsobjekt, ohne dabei die Anwenderschaft in sinnvoller Weise zu vergrößern." Generell habe die Blockchain-Technologie allerdings durchaus Potenzial, nicht nur als – reformierte – Kryptowährung und als internes System zur Vertragsabwicklung in Banken, sondern auch für den dezentralen Stromhandel. Das sei besonders für die erneuerbaren Energien interessant. Der Experte verweist auf das Beispiel der Stadtwerke Wuppertal. Diese haben gerade eine Handelsplattform für Ökostrom eröffnet, mit der etwa Windräder auch nach Auslaufen der EEG-Förderung weiter betrieben werden können.

 

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