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Story des Monats

Kinoreifes Missmanagement

Ralf Hutter, 31.01.14
Mit Dokumentarfilmen wollen Aktivisten Spaniens Bevölkerung auf Ungereimtheiten in der Energiepolitik des Landes aufmerksam machen. Angespornt durch den Erfolg einer Fernsehreportage über die Versorgungsmängel auf der Halbinsel planen sie einen Vierteiler in Kinoqualität zum Umbau des Energiesystems – finanziert mit Spenden aus dem Internet.

Es hat geklappt: Oligopoly Off wird kommen. In den vergangenen Tagen sammelte die spanische  Plattform für ein neues Energiemodell die letzten 200 der knapp 24 000 Euro ein, die für die  Produktion ihres nächsten Dokumentarfilms nötig sind.

Die Plattform tut es damit nun schon zum zweiten Mal dem Journalisten Jordi Évole nach, der das Land mit einer Dokumentation über den spanischen Stromsektor aufgerüttelt hatte und erst kürzlich von der "Vereinigung der Madrider Presse" (APM)  mit dem Preis für den besten Journalisten 2013 ausgezeichnet worden war. Mit seiner populären sonntäglichen Reportage- und Interviewsendung Salvados im spanischen Privatfernsehsender La Sexta „bringt er dem Bürger die großen Themen nahe, die in diesen Krisenzeiten am meisten Sorgen bereiten, immer mit einem humanen, umgangssprachlichen Ton und dem Versuch, Ereignisse und Prozesse, die wir erleben, zu vereinfachen, ohne ihre große Bedeutung zu verheimlichen“, heißt es in der Begründung.

Ein Klassiker der Salvados-Reihe ist die dreiviertelstündige Reportage Oligopoly von November 2012. Évole reist darin durchs Land, um den Energiesektor zu durchleuchten. Es geht ihm dabei auch um Benzinpreise, vor allem aber um den Stromsektor: Warum werden Spaniens Strompreise nur noch von denen Maltas und Irlands übertroffen, die als Inselstaaten denkbar schlechtere Voraussetzungen haben? Warum steigt der Strompreis weiterhin? Warum ist die Preisbildung bei der Erzeugung so intransparent? Warum machen die spanischen Stromkonzerne doppelt so hohe Gewinne wie ihre europäische Konkurrenz?

Die Antwort: In Spanien wird der Energiesektor von einem Oligopol dominiert. Der Kampf der Regierung gegen die Energiewende war Ende 2012 zwar noch nicht so stark fortgeschritten wie heute, aber Évole konnte genug Stimmen einfangen, um die politische Mitverantwortung herauszuarbeiten. Ebenfalls 2012 gründete sich in der Auseinandersetzung um die Energiewende die Plattform für ein neues Energiemodell, die heute (Stand 31. Januar 2014) nach eigener Aussage knapp 280 Organisationen und mehr als 2200 Einzelpersonen umfasst. Sie tat es Évole sofort nach und produzierte eine Doku mit demselben Konzept: „Oligopoly2. Das elektrische Imperium gegen alle", erschienen im Mai 2013. Der Film wurde von politischen Gruppen gezeigt und im Internet verbreitet.

Crowdfunding für Oligolopoly global

Nun will die Plattform noch einen draufsetzen: Ein weiterer Film soll die Verhältnisse inner- und außerhalb Spaniens beleuchten und dabei eine noch stärkere Wirkung entfalten. Sein Name: „OligopolyOff“. Er soll größere Verbreitung als Oligopoly2 finden, etwa auch auf Filmfestivals laufen. Deshalb muss er technisch höchste Qualität haben.

Um umfassende Professionalität bei der Herstellung zu garantieren, ist ein bestimmtes Budget nötig. Deswegen das Crowdfunding-Projekt, das die Plattform für ein neues Energiemodell kurz vor Weihnachten eröffnete. Auf der Internetseite wurden, wie beim Crowdfunding üblich, kleine und große Spenden erbeten, für die es im Gegenzug kleine und größere Geschenke gab. Der Ertrag der Spende ist aber vor allem ein ideeller, politischer: der fertige Film. So ist beispielsweise die Belohnung für 50 Euro Spende nur ein Filmplakat, und für 150 Euro gibt es das Plakat plus je eine DVD von Oligopoly2 und OligopolyOff.

An der Erarbeitung der im Film zu behandelnden Themen waren nach Angaben der Plattform für ein neues Energiemodell 60 Menschen beteiligt. Insgesamt sollen vier Teile von je 20 bis 25 Minuten gedreht werden: Im Ersten geht es um den Klimawandel und andere globale wirtschaftliche und ökologische Probleme, im Zweiten um den spanischen Energiesektor und die gegenwärtigen Planungen für die weitere Nutzung fossiler Energiequellen, im Dritten um positive Beispiele für eine Energiewende außerhalb Spaniens, und im Vierten um entsprechende Bewegungen und Möglichkeiten in Spanien.

In einem Land, in dem trotz vieler erneuerbarer Energiequellen massig fossile Brennstoffe importiert werden, in dem die Zusagen zur Förderung von Erneuerbaren zurückgenommen werden und die Eigenproduktion auf Hausdächern per Gesetz unrentabel gemacht wird, in dem ein Teil der Politik-Elite spätestens nach dem Regierungsposten in den Aufsichtsrat eines Stromkonzerns wechselt und in dem im Winter immer mehr Menschen Probleme haben, Strom und Heizung zu bezahlen (diesen ganzen Winter schon gibt es in spanischen Städten immer wieder Kundgebungen zur Erinnerung an die schwierige Lage) – in dieser Situation soll Oligopoly Off informieren, aufrütteln, mobilisieren und Selbstvertrauen geben, damit sich mehr Menschen für ein ökologisches, soziales und demokratisches Energiesystem einsetzen.

Dieser Text ist auch auf www.energiezukunft.eu erschienen.

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