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Kernkraft in Europa

Atomstrom-Erzeugung sinkt 2014 auf Tiefstand

Bernward Janzing, 06.05.15
Aktuelle Zahlen zeigen: Zuletzt wurde in Europa so wenig Strom aus Atomkraft gewonnen, wie seit 20 Jahren nicht mehr. Der rapide Rückgang in vielen Staaten geschieht eher unfreiwillig: Alternde Kraftwerke werden zunehmend wegen technischer Probleme abgeschaltet. Aber auch ihre vermeintlichen Nachfolger kämpfen mit gravierenden Fehlern.

In der EU wurde im vergangenen Jahr so wenig Atomstrom erzeugt, wie zuletzt vor 20 Jahren. Damit hat sich 2014 ein seit zehn Jahren erkennbarer Abwärtstrend fortgesetzt: Gegenüber dem historischen Höchststand aus dem Jahr 2004 ist die Erzeugung um 13 Prozent zurückgegangen, wie sich aus Zahlen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO und der Statistikbehörde Eurostat ergibt. Ein wesentlicher Grund für die Entwicklung sind wachsende technische Probleme mit dem alternden Kraftwerkspark. Speziell in Belgien und Großbritannien mussten im Jahr 2014 Reaktoren älterer Baujahre aufgrund von Schäden abgeschaltet oder in ihrer Leistung gedrosselt werden.

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Den Pariser Atomenergieberater Mycle Schneider überrascht diese Entwicklung nicht: „Zuverlässigkeit und Produktivität werden weiter sinken, die Kosten für Nachrüstungen werden steigen und damit auch der Druck auf die finanziell gebeutelten Betreiber." Das Durchschnittsalter der weltweit betriebenen Atomkraftwerke überschreite 2015 die Marke von 30 Jahren – „keine guten Aussichten für die nukleare Sicherheit."

Risse im Reaktorbehälter

Belgien ist dafür ein gutes Beispiel: Das Land erzeugte bis Ende Dezember im Vorjahresvergleich insgesamt 20 Prozent weniger Atomstrom, weil in den Reaktordruckbehältern der beiden Kraftwerke Doel 3 und Tihange 2 Risse entdeckt wurden. Die Schäden an den vor 33 Jahren gebauten Blöcken sind so schwerwiegend, dass es als unwahrscheinlich gilt, dass sie je wieder ans Netz gehen werden.

Auch in Großbritannien nagt der Zahn der Zeit an den Atomanlagen: Im vergangenen Sommer gingen vier englische Reaktoren wegen Kesselproblemen vom Netz: die baugleichen Doppelblöcke von Heysham und Hartlepool. Die Meiler laufen seit den 1980er Jahren und werden vom französischen Staatskonzern Électricité de France (EDF) betrieben. Zum Teil sind sie zwar wieder am Netz, dürfen aber nur noch mit deutlich verminderter Leistung betrieben werden. Aufgrund dieser Restriktionen erzeugte Großbritannien 2014 rund zehn Prozent weniger Atomstrom gegenüber 2013.

Ähnlich sieht es in Schweden aus, wo der inzwischen 40 Jahre alte Reaktor 2 des Kernkraftwerks Oskarshamn auf Verlangen der Atomaufsichtsbehörde umfangreich nachgerüstet werden muss. In Deutschland blieb die Atomstromerzeugung 2014 dagegen praktisch unverändert.

Der älteste Reaktor der Welt läuft weiter

Der Alterung des Anlagenparks zum Trotz: Einige europäische Länder reizen die Leistung ihrer Meiler derzeit maximal aus. Frankreich steigerte bei unveränderter Anlagenzahl seine Atomstromerzeugung zuletzt um gut zwei Prozent. Die Schweiz quetschte aus ihren fünf Meilern sechs Prozent mehr Strom heraus als im Vorjahr – und damit mehr als je zuvor. Mit dem 1969 in Betrieb genommenen Block Beznau 1 verfügt das Alpenland über den ältesten Reaktor der Welt.

Wer glaubte, der Neubau von Reaktoren werde den Rückzug der europäischen Atomkraft stoppen, sieht sich zunehmend eines Besseren belehrt. Nicht nur zahlreiche Altanlagen haben enorme technische Probleme, sondern auch die beiden europäischen Neubauten im finnischen Olkiluoto (mehr dazu in der Mai-Ausgabe von neue energie) und im französischen Flamanville. Anfang April wurde bekannt, dass der weltgrößte Atomkonzern Areva beim Bau des Reaktordruckbehälters in Frankreich offenbar geschlampt hat; die Zusammensetzung des Stahls soll fehlerhaft sein, was zur Rissbildung führen kann. Branchenkenner spekulieren bereits, das Milliardenprojekt in der Normandie könnte gänzlich scheitern.

Unabhängig vom Fortgang der beiden Neubauten dürfte die Erzeugung von Atomstrom in Europa auch in den kommenden Jahren weiter sinken. Ein Beitrag dazu kommt in diesem Jahr auch von Deutschland: Der Reaktor Grafenrheinfeld in Bayern wird Ende Mai endgültig abgeschaltet. Dann werden noch 130 Reaktoren in der EU am Netz sein – der niedrigste Stand seit den frühen achtziger Jahren.

 

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