Portrait

Kernkraft-Kritiker aus Leidenschaft

Bernward Janzing, 09.04.15
Mycle Schneider ist einer der gefragtesten Kernenergie-Kenner weltweit, seine jährlichen Berichte zur internationalen Nuklearwirtschaft gelten in Expertenkreisen als Standardwerke. Dabei hat der Atomkraftkritiker nie einen Hochschulabschluss gemacht, das nötige Fachwissen hat er sich selbst beigebracht.

Er ist ein Freund griffiger Formulierungen: „Technologie-Geriatrie“ seien die Laufzeitverlängerungen von Meilern, die man derzeit in vielen Ländern erlebe. Aber keine Renaissance der Atomkraft, sagt Mycle Schneider. Dann rechnet er vor: 2002 war das Jahr des weltweiten Maximums an Reaktoren, seither bröckeln die Zahlen. Aktuell sind nach seinen Erhebungen noch 391 Anlagen in Betrieb. Viele davon seien so alt, dass die Zahl in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter sinken werde; in dem Umfang, wie Altmeiler vom Netz gehen werden, könne man nämlich keine neuen bauen. Die einzige Möglichkeit, den rapiden Schrumpfungsprozess der weltweiten Atomwirtschaft hinauszuzögern, seien massive Laufzeitverlängerungen – Geriatrie eben, für eine überalterte Technik.

Zwar spricht die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) derzeit noch von 439 laufenden Reaktoren, doch darunter sind viele Karteileichen. Zum Beispiel zählt die IAEO noch immer 48 japanische Meiler mit, obwohl das Land seit September 2013 keine einzige Kilowattstunde Atomstrom mehr erzeugt hat. Die zuständige Genehmigungsbehörde hat im September letzten Jahres erlaubt, die beiden Reaktoren Sendai1 und 2 rund tausend Kilometer südlich von Tokio wieder hochzufahren, bisher ist das jedoch nicht geschehen.

„Es ist an der Zeit, die internationalen Atomenergiestatistiken an die Realität anzupassen“, sagt Schneider. Er hat in seinen Auswertungen daher die neue Kategorie „Long-Term Outage“ eingeführt. Darunter fallen Meiler, die im gesamten Vorjahr und im ersten Halbjahr des Berichtsjahrs keinen Strom erzeugt haben. Doch die IAEO will diese Sichtweise nicht übernehmen. Schließlich wäre damit offenkundig, dass die Zahl der laufenden Reaktoren heute auf das Niveau von Mitte der achtziger Jahre zurückgefallen ist.

Mit solchen akribischen Analysen, die Schneider inzwischen alljährlich in seinem World Nuclear Industry Status Report publiziert, hat sich der gebürtige Kölner als einer der weltweit besten Kenner der Atomwirtschaft profiliert. Und das, obwohl er Autodidakt ist. Der heute 56-Jährige trägt keinen akademischen Titel, hat sich aber umso engagierter des Themas angenommen.

 

Kommentare (1)

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  • 14.03.16 - 18:51, Herbert Bruderreck

    Sehr geehrter Herr Jantzing,
    Ihr Artikel über Herrn Mycle Schneider kam mir leider erst kürzlich zur Kenntnis.
    Viele der dort getroffen Aussagen halte ich als "alter Ingenieur" für zweifelhaft, manche sogar für falsch.
    Leider habe ich keine Möglichkeit gefunden mit Herrn Schneider direkt in Kontakt zu kommen. Vielleicht können Sie mir behilflich sein. Es könnte eine interessanter Meinungsaustausch werden.

    Hochachtungsvoll
    H.Bruderreck
    Dipl.Ing.(FH) mult. em.

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