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Interview

„Das Ende des fossilen Zeitalters ist auch an den Finanzmärkten eingeleitet“

Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 09.07.15
…sagt Jörg Weber, Chefredakteur von ECOreporter. Er hält nichts von Investments in die konventionelle Energiewirtschaft.

neue energie: Europäische Energiekonzerne, darunter etwa Eon und RWE, haben in den vergangenen Jahren massiv an Börsenwert verloren. Ist ein Ende des Negativtrends ohne Umstellung der Geschäftsmodelle auf Erneuerbare denkbar?

Jörg Weber: Diese Konzerne müssen ihr Geschäftsgebaren weitgehend umstellen. Selbst wenn sie von ihrem Credo ablassen, dass Atomenergie und Kohle für eine sichere Energieversorgung unabdingbar sind, selbst wenn sie ernsthaft und nicht nur alibimäßig auf erneuerbare Energie setzen würden, hätten sie nicht automatisch wieder Erfolg. Sie müssten kleinteilig denken, um Kunden kämpfen, schnell sein, aufgrund von Leistung überzeugen und nicht durch Beziehungen und politische Flankierungen. Sie müssten sich selbst neu erfinden. Ich halte das nicht für wahrscheinlich.

neue energie: Wie lange halten die Konzerne das noch aus? Oder gilt hier der Spruch „Too big to fail”?

Jörg Weber: Für den Netzbetrieb wird es große Unternehmen brauchen, auch in ferner Zukunft. Für die Stromproduktion nicht. Etliche Unternehmen betreiben ja heute schon eigene Großkraftwerke, selbst hier haben die Stromkonzerne Gegenwind.

neue energie: Raten Sie Aktionären, besonders Kleinanlegern, zum sofortigen Ausstieg?

Jörg Weber: Es wollte wohl kaum jemand hören, aber wir haben schon vor drei Jahren dazu geraten.

neue energie: Ist der RWE-Vorschlag eines AKW-Rückbaus über eine Atom-Stiftung sinnvoll?

Jörg Weber: Ungerecht, aber vielleicht sinnvoll. Natürlich sträubt sich einem bei dem Gedanken daran alles, denn erst die Gewinne aus der Atomenergie einzustecken und dann die Kosten zu sozialisieren ist nicht das, was man sich in einer Marktwirtschaft von unternehmerischer Seite wünscht. Aber wenn die großen Stromkonzerne sowieso niedergehen, dann ist eine Stiftung nicht die allerschlechteste Lösung.

neue energie: Derzeit wird die Carbon Bubble beschworen. Droht deshalb tatsächlich ein neuer Zusammenbruch der Finanzmärkte? Oder hat man das Problem erkannt und steuert jetzt durch Divestment, also den Abzug von Kapital, früh genug gegen?

Jörg Weber: Ich denke, von Steuerung kann noch keine Rede sein. Es gibt einzelne, die handeln. Auch große Investoren. Aber leider ist das noch keine geplante, strukturierte Wirtschaftsbewegung. Die Chancen des Divestments werden sich erst zeigen, wenn die Finanzmärkte einmal großflächig betroffen sein werden. Dann wird es Widerstände geben. Und erst danach wird sich zeigen, wie Robust der Trend zum Divestment ist. Es spricht aber vieles dafür, dass sich die Finanzmärkte allmählich auf Verlagerungen der Weltwirtschaft einstellen. Wenn selbst die IEA feststellt, dass in 15 Jahren die Erneuerbaren weltweit 60 Prozent der Stromversorgung decken können und müssen, so ist das Ende des fossilen Zeitalters definitiv eingeleitet.

neue energie: Welche Belastung entstünde bei Insolvenzen von RWE und Co für Finanzmärkte und Volkswirtschaften? Ich denke bei der Frage auch an die vielfältigen „Ewigkeitslasten“ aus Kohle und Atom...

Jörg Weber: Man muss sich einfach darüber im Klaren sein, dass die Ewigkeitslasten so groß sind, dass es egal ist, ob RWE und Co in die Insolvenz gehen oder weiterwirtschaften. Sie könnten diese Lasten selbst mit den bisherigen Gewinnen nicht ausgleichen. Und auch wenn RWE und Co sich  erholen sollten und wieder richtig verdienen würden, dann werden sie ja nicht anfangen, die Ewigkeitslasten abzutragen. Das haben sie die letzten 40 Jahre auch nicht getan. Als Ruhrpottler hat man auch die gesundheitlichen Folgen der Kohlekraftwerke deutlich gesehen. RWE und andere hat das nicht bewegt, auf erneuerbare Energie zu setzen. Insofern: RWE und Co am Leben zu erhalten, um ihre vergangenen Lasten abzutragen, das wird nicht funktionieren.

neue energie: Verschärfen sich diese Probleme durch Divestment aber nicht zusätzlich?

Jörg Weber: Sie werden sich verlagern. Die großen Konzerne werden Probleme haben, sie werden auch Arbeitsplätze verlieren. In großer Zahl. Andere Unternehmen werden ihren Platz einnehmen, mit nicht weniger Arbeitsplätzen. Der Gesamtenergiebedarf wird ja wohl nicht sinken. Aber man sollte nicht so naiv sein zu glauben, dass diejenigen, die ihren Arbeitsplatz bei RWE verlieren, einen Arbeitsplatz bei einem kleinen Konkurrenten bekommen werden. Davor darf man den Kopf nicht in den Sand stecken. Die Energiewende ist eben ein Strukturwandel. Übrigens wiederum etwas, mit dem das Ruhrgebiet seit Jahrzehnten mittelmäßig erfolgreich kämpft.

neue energie: Sind andere Probleme, wie etwa Folgeschäden durch Klimakatastrophen, volkswirtschaftlich nicht viel gefährlicher als das Platzen einer Carbon Bubble? Oder ist alles ganz anders – und multinationale Mischkonzerne setzen bereits auf neue Technologie-Märkte zur Anpassung an den Klimawandel?

Jörg Weber: Die volkswirtschaftlichen Folgen des Klimawandels werden gravierend sein. Etwa für die Lebensmittelbranche. Auch für Lieferketten ist es ein Problem, wenn sich Wetterextreme häufen und somit Lieferverbindungen häufiger unterbrochen werden. Aber den Ausstieg aus Kohle und Öl zu verlangsamen, um das Platzen einer Carbon Bubble zu verhindern, ist kein Ansatz. Der Ausstieg hat bereits begonnen, er schreitet jetzt nur offenkundiger voran – der Weg ist noch lang und das Tempo zu gering. Da platzt nichts, sondern die Luft entweicht. Aber es gilt auch folgendes: In dieser paradoxen Welt wird das Bruttosozialprodukt durch die Kosten für diejenigen Reparaturmaßnahmen steigen, die der Klimawandel erforderlich machen wird. Egal, ob die Reparaturen erfolgreich sein werden oder nicht. Das wird die volkswirtschaftliche Gefahr durch Klimakatastrophen etwas abmildern. Die reale Gefahr für Menschen und Umwelt ist natürlich ein ganz anderes Problem. Und um dieses Problem zu lösen, wäre das Platzen der Carbon Bubble vielleicht hilfreich, alleine wegen der Signalwirkung.

Die in diesem Interview enthaltenen Einschätzungen stellen keine offizielle Anlageberatung dar (siehe Disclaimer).

Mehr zu diesem Thema lesen Sie in Ausgabe 07/2015 von neue energie.

Zur Internetseite von ECOreporter.

 

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