Interview

„Die Nachfrage aus Deutschland bleibt bis 2017 stark“

Interview: Jörg-Rainer Zimmermann, 09.07.15
…prognostizieren die Finanzmarkt-Experten Jörg Weber (Chefredakteur) und Jürgen Röttger (Aktienanalyst) des Magazins ECOreporter für den Windmarkt. Generell räumen sie Erneuerbaren-Unternehmen gute Chancen ein, wenn diese in den Wachstumsmärkten der Schwellenländer Fuß gefasst haben.

neue energie: Nach einer langen Durststrecke konnten Solaraktien zuletzt zulegen, Experten empfehlen den Einstieg. Ist die Solarindustrie über den Berg?

ECOreporter: Der weltweite Solarmarkt wächst seit Jahren stark und wird in den kommenden Jahren wohl noch kräftiger zulegen. Weil Solarmodule billiger werden, steigt die Nachfrage auch in ärmeren Ländern enorm an, weil sie einen hohen Bedarf an dezentral erzeugter Energie haben. Viele Hersteller von Solarmodulen haben zwar den Preisverfall der letzten Jahre nicht überstanden. Die Preise gehen jetzt aber langsamer zurück, die Hersteller haben Zeit, Kosten zu senken und die Margen stabil zu halten. Wer in den aufstrebenden Solarmärkten Asien und Lateinamerika nicht gut aufgestellt ist, wird jedoch Probleme bekommen. Das gilt auch für Solarprojektier und Zulieferer, etwa Hersteller von Wechselrichtern.

neue energie: Welche Branchensegmente erscheinen besonders aussichtsreich?

ECOreporter: Die Margen im Geschäft mit Solarprojekten sind recht attraktiv, vor allem für Unternehmen, die zugleich Solarmodule produzieren und diese in eigenen Projekten verbauen können. Reine Solarhersteller und ihre Zulieferer von Material und Rohstoffen können nur auf die Masse setzen. Je größer ihre Produktion ist, desto mehr verdienen sie je Stück. Aber die meisten der größten Solarhersteller haben sich massiv verschuldet, um ihre Produktion zu steigern. Manchen droht daher die Pleite oder Zerschlagung. In jedem Fall sind reine Solarhersteller sehr anfällig für starke Preisschwankungen und die Aktien daher riskant. Maschinenbauer, die Fertigungstechnik für die Solarhersteller liefern, können zwar wieder auf Aufträge hoffen, da neu in die Produktion investiert wird. Aber ihnen ist mehr Konkurrenz aus Fernost erwachsen.

neue energie: Können sie deutsche Solartitel empfehlen?

ECOreporter: Es sind nur Aktien von Solarkonzernen aussichtsreich, die eine große Produktionskapazität bei Solarmodulen mit einem etablierten Projektgeschäft kombinieren. Und die nicht nur in China beziehungsweise Japan oder in Nordamerika große Umsatzanteile erwirtschaften, den beiden derzeit größten Absatzregionen für Solarmodule, sondern die auch in Schwellenländern mit großem Wachstumspotential bei der Photovoltaik aktiv sind. Das trifft für kein deutsches Unternehmen zu.

neue energie: Wie sieht es mit amerikanischen Solarfirmen aus?

ECOreporter: First Solar aus Arizona erfüllt die genannten Anforderungen. Auf lange Sicht dürfte der Konzern in der Weltspitze mithalten. Aber 2016 endet in den USA ein wichtiges Solar-Förderinstrument. First Solar muss das auffangen. Die im Frühjahr verabredete Kooperation mit SunPower aus Kalifornien im Projektgeschäft signalisiert, dass beide Unternehmen an Lösungen arbeiten. Auch SunPower erfüllt die obigen Anforderungen. Und beide Solarkonzerne produzieren bereits im großen Stil in Asien. Langfristig sind das zwei aussichtsreiche Unternehmen mit krisenerprobtem Management.

neue energie: Der asiatische Börsenmarkt hat lange Zeit zugelegt, jetzt geben Chinas Indizes stark nach. Sind davon auch die Solaraktien betroffen?

ECOreporter: Chinesische Solarunternehmen lassen sich nur schwer einschätzen. Ihre Verbindungen zu den staatlichen Banken und zu politischen Entscheidungsträgern sind oft kaum zu durchschauen, aber von entscheidender Bedeutung. Daher bestehen bei chinesischen Solaraktien stets extrem hohe Anlagerisiken. Das ist schwerwiegender als mögliche Auswirkungen des Auf und Ab am chinesischen Aktienmarkt. Chinesische Solaraktien haben sogar das Potential, dort gegen den Trend zu steigen. Die Staatsführung verfolgt bei der Photovoltaik sehr ehrgeizige Ausbauziele und kann es sich kaum leisten, sie zu verfehlen.

neue energie: Welche Entwicklung sehen Sie bei nationalen und internationalen Windtiteln?

ECOreporter: Energiekontor und Nordex sind zwei deutsche Windaktien, die zuletzt sehr gut gelaufen sind. Der Projektierer Energiekontor ist ein Pionier der deutschen Windkraftbranche, aber auch seit langem erfolgreich im europäischen Ausland aktiv.  Mit seiner großen Erfahrung und den guten Referenzen dürfte das Unternehmen sich weiter mit Erfolg im Markt behaupten. Nordex gehört zwar nicht zu den größten Herstellern, hat es aber zuletzt sehr gut verstanden, neue Märkte wie Südafrika oder Uruguay früh zu erschließen und den Platzhirschen im Weltmarkt voraus zu sein. Daneben profitiert Nordex von der großen Nachfrage aus Deutschland, die bis 2017 stark bleiben wird, weil dann auch Windkraftprojekte über Ausschreibungen vergeben werden. Wer einen deutschen Windpark plant, wird den vorher umsetzen wollen.


 „Gamesa ist besonders aussichtsreich.“


Bei ausländischen Windaktien ist Gamesa aus Spanien besonders aussichtsreich. Der Konzern ist einer der weltweit größten Hersteller von Windkraftanlagen, projektiert und betreibt aber auch im großen Stil Windparks. Dabei setzen die Spanier stark auf wachstumsträchtige junge Märkte wie Indien und Brasilien, riesige Länder mit großen Ausbauplänen für Erneuerbare. Für Gamesa spricht auch, dass das Unternehmen der ausländische Windkraftkonzern mit dem größten Marktanteil in China ist. Die Volksrepublik ist der mit Abstand bedeutendste Windmarkt der Welt, nirgends wird pro Jahr mehr Windkraftleistung errichtet. Nur Gamesa ist es gelungen, sich dort gegen die einheimische Konkurrenz wirklich zu behaupten. Das zeigt, wie flexibel die Spanier auf schwierige Marktbedingungen reagieren können.

neue energie: Werden bald auch andere Bereiche der Energiewende – also E-Mobilität über Tesla hinaus oder die Effizienzbranche – für einen Einstieg interessant?

ECOreporter: Es gibt etliche interessante Aktien aus dem Bereich der Energieeffizienz. Allerdings handelt es sich hierbei in der Regel um Technologiekonzerne, die ein breites Spektrum anbieten, wobei Energieeffizienz nur eines ist. Interessant ist zum Beispiel die italienische Prysmian, ein Kabelhersteller mit Hauptsitz in Mailand, der vom Ausbau intelligenter Netze (Smart Grids) indirekt profitiert. Einen direkten Nutzen davon, dass immer mehr in Smart Grids investiert wird, hat Itron aus den USA. Ihr Vorteil ist, dass sie an der Schnittstelle von zwei Zukunftstrends agiert: dem Ausbau der klimafreundlichen Stromversorgung und dem verstärkten Einsatz von Computertechnologie zur effizienten Steuerung von Energieströmen.

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Anders sieht es im Bereich Elektromobilität aus. Jenseits der weit überteuerten Tesla-Aktie kommen eigentlich nur Dienstleister und Zulieferer in Frage. Und auch bei ihnen ist noch unsicher, wie sich ihre Geschäfte in der näheren Zukunft entwickeln werden. Alternative Antriebstechnologie auf Basis von Brennstoffzellen bieten etwa Hydrogenics und Ballard Power Systems an, beide aus Kanada. Der französische Alstom-Konzern hat kürzlich einen Großauftrag an Hydrogenics vergeben, will mit deren Brennstoffzellentechnik Straßenbahnen für den Einsatz in Europa ausstatten. Dass sie solch einen prominenten Kunden an der Angel hat, dürfte es Hydrogenics erleichtern, weitere Aufträge von diesem Kaliber zu bekommen. Brennstoffzellentechnik von Ballard Power Systems  wird dagegen für den Antrieb von Bussen eingesetzt. Zuletzt erhielt das Unternehmen dafür Großaufträge aus China. Dort ersticken die Großstädte im Smog und gibt es daher eine enorme Nachfrage für emissionsarme Antriebstechnologie. Ballard Power Systems hat im Geschäft mit chinesischen Straßenverkehrsgesellschaften jetzt den Markteintritt geschafft und gute Chancen auf weitere Aufträge. Die Aktienkurse dieser beiden Firmen schwanken sehr stark, sodass der Einstieg nur für sehr risikofreudige Anleger in Frage kommt.

neue energie: Bei Investments in so genannte Exchange-traded funds (ETF) wird das Schwankungsrisiko von Einzelaktien nivelliert. Was bietet sich im Erneuerbaren-ETF-Bereich Anlegern an?

ECOreporter: Man sollte vorausschicken, dass die Wertentwicklung von EE-Indizes enorm schwankt. Als vor einigen Jahren vor allem Solar- und Windaktien massive Kurseinbrüche erlitten, wurden auch einige Erneuerbaren-ETF vom Markt genommen. Wir nennen hier mal drei ETF, die seit rund acht Jahren am Markt sind. iShares Global Clean Energy (DE000A0M5X10) bildet den weltweit ausgerichteten S&P-Global-Clean-Energy-Index ab. Der enthält 30 Konzerne mit Aktivitäten im Erneuerbaren-Sektor, zum Beispiel Versorger mit großem Ökostrom-Portfolio wie China Longyuan Power, neben Solarherstellern und Windturbinenbauern. Dieser ETF liegt über fünf Jahre leicht im Minus, hat seinen Wert in den letzten drei Jahren aber fast verdoppelt.

Der Lyxor ETF New Energy (FR0010524777) spiegelt den World-Alternative-Energy-Index (WAEX) der französischen Société Générale. Der WAEX enthält die 20 größten Firmen der Welt, die im Bereich der Erneuerbaren tätig sind. Das sind Produzenten wie Brookfield Renewable Energy aus Kanada, aber auch Akteure aus dem Bereich intelligente Netztechnologie wie Itron aus den USA. Dieser ETF liegt über fünf Jahre 15 Prozent im Plus und über drei Jahre rund 66 Prozent. Der PowerShares Global Clean Energy ETF (IE00B23D9133) orientiert sich am WilderHill-New-Energy-Global-Innovation-Index. Die Unternehmen in diesem Index müssen hauptsächlich in den Bereichen erneuerbare Energien und Umwelttechnologie aktiv sein. Er enthält unter anderem auch die Aktie des Elektroautobauers Tesla. Hier ähnelt die Wertentwicklung dem des Lyxor ETF New Energy.

Generell sehen wir das Problem, dass sich die Erneuerbare-Energie-Märkte sehr schnell verändern. Ein aktives Fondsmanagement kann zügig reagieren, allerdings fallen dafür Gebühren an. Die Titelzusammensetzung in einem Index ist träger, weil sie nur in größeren Zeitabständen verändert wird, allerdings fallen für ETFs keine Managementgebühren an. Das macht dieses Finanzmarktprodukt besonders für langfristig orientierte Anleger interessant.

Die in diesem Interview enthaltenen Einschätzungen stellen keine offizielle Anlageberatung dar (siehe Disclaimer).

Eine gekürzte Fassung ist in der Ausgabe 07/2015 von neue energie erschienen.

Zur Internetseite von ECOreporter.

 

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