Dossier: E-Mobilität

Mehr Vielfalt an Batterien war nie

Ein Markt kommt in Bewegung: Batterien aus Lithiumeisenphosphat machen den klassischen Akkus verstärkt Konkurrenz, nun sind auch Alternativen mit Natriumionen serienreif.
Von:  Jan Oliver Löfken
28.08.2025 | 8 Min.
Erschienen in: Dossier: E-Mobilität
Automatisierte Produktion: Industrieroboter bauen Lithium-Ionen-Batterien zusammen.
Automatisierte Produktion: Industrieroboter bauen Lithium-Ionen-Batterien zusammen.
Foto: IM Imagery/ Adobe Stock

Unsere Simulationen zeigen, dass Europa bis 2030 seinen Bedarf mindestens zur Hälfte selbst decken wird“ Patrick Plötz
Batterien für die Elektromobilität werden immer besser. Durch stetige Optimierung plus Massenfertigung sind die Preise innerhalb von zehn Jahren bis auf 50 Euro pro Kilowattstunde Speicherkapazität gefallen. Zugleich steigt die Kapazität der Akkus. Mit einer Batterieladung 400 Kilometer und weiter zu kommen, ist mittlerweile eher Standard als Ausnahme. Zudem halten die Batterien deutlich länger als bisher gedacht. Praxisstudien belegen, dass die Stromspeicher selbst nach 15 Jahren und gut 300 000 Kilometern Fahrleistung noch immer mehr als 90 Prozent ihrer ursprünglichen Speicherkapazität bieten können. „Kein Weltmarkt ist derzeit so dynamisch wie die Batterieindustrie“, heißt es im jüngsten Battery Monitor, die von der RWTH Aachen und der Unternehmensberatung Roland Berger herausgegeben wird. Die sinkenden Preise sind sowohl der Skalierung mit zahlreichen neuen Gigafactories als auch den Überkapazitäten vor allem in China zu verdanken. Stetige Anpassungen von Zelldesign und Materialkombinationen für Kathode, Anode und Elektrolyt – die Kernkomponenten jeder Batterie – führen zu höheren Speicherkapazitäten und gesteigerter Langlebigkeit. 

Das Leichtmetall Lithium ist nach wie vor das Schlüsselelement in fast allen gefertigten Batterien für Elektromobile. Ein genauerer Blick auf die verwendeten Materialien für den Pluspol, die Kathode, offenbart die Dynamik in der Entwicklung. Noch vor fünf Jahren dominierten Kathoden, die neben Lithium aus Nickel, Mangan und Kobalt – kurz NMC – bestehen. Zahlreiche Varianten von NMC111 über NMC622 bis NMC811 und NMC900 wurden entwickelt. Die Zahlen zeigen, dass die Kathoden immer weniger Mangan und teures Kobalt, dafür aber immer mehr Nickel enthalten. Das senkt Kosten und steigert die Speicherkapazität. Parallel behaupten sich noch Elektroden aus Nickel, Kobalt und Aluminium – kurz NCA – am Markt, doch deren Anteil hat sich von 21 Prozent (2021) auf aktuell 12 Prozent halbiert.

Shootingstar Lithiumeisenphosphat

Der Shootingstar unter den Batteriematerialien für die Kathoden ist Lithiumeisenphosphat und als Variante Lithium-Mangan-Eisenphosphat, kurz LFP und LMFP. „Dass LFP so stark wird, hat vor zehn Jahren wegen der damals geringen Energiedichte im Vergleich zu anderen Materialien niemand gedacht“, sagt Patrick Plötz, Leiter Energiewirtschaft am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. Zu bescheiden waren seinerzeit die Speicherkapazitäten. Doch heute erreichen LFP-Batterien ganz ohne Kobalt und Nickel gut 400, LMFP-Batterien gar bis zu 550 Wattstunden pro Liter (Wh/l). Dieser Wert für die Energiedichte ist von zentraler Bedeutung: Je höher er liegt, desto weniger Platz braucht die Batterie. NCA- und NMC-Batterien liegen mit 600 bis 750 Wh/l zwar darüber, kosten dafür aber rund ein Drittel mehr als die LFP- und LMFP-Akkus.

Kein Weltmarkt ist derzeit so dynamisch wie die Batterieindustrie“ Battery Monitor
Vor allem chinesische Autobauer wie BYD setzen verstärkt auf LFP-Batterien, um möglichst günstige Elektromobile mit guter, aber eben nicht überragender Reichweite anbieten zu können. Für Kleinwagen, die vor allem durch Städte rollen, reichen sie allemal. Neben den geringeren Kosten überzeugen LFP- und LMFP-Batterien mit ihrer Stabilität. Die besten Varianten lassen sich bis zu 5000-mal wieder aufladen. NMC-Batterien rangieren dagegen bei 1000 bis 2000 Ladezyklen. Die hohe Zyklenfestigkeit prädestiniert LFP/LMFP daher auch für innerstädtische Lieferfahrzeuge, die auf Kurzstrecken viele Kilometer sammeln und mindestens einmal pro Tag aufgeladen werden. So überrascht es nicht, dass mittlerweile ein Drittel aller gefertigten Batterien mit LFP/LMFP-Kathoden ausgestattet sind. Bis 2030 könnte der Anteil am Batteriemarkt sogar auf 38 Prozent steigen, wie die Forschenden um Florian Degen von der Fraunhofer-Einrichtung Forschungsfertigung Batteriezelle FFB in Münster jüngst in der Fachzeitschrift Journal of Industrial Ecology berichteten.

Anoden mit Silizium?

Die Vielfalt an Optionen bei der Kathode fehlt beim Minuspol, der Anode. Meist basiert sie auf Kohlenstoff, genauer auf Grafit. Darin lagern sich Lithiumionen beim Aufladen ein und wandern beim Entladen wieder zurück zur Kathode. Mit Silizium lässt sich bei Prototypen die Energiedichte um mehr als 40 Prozent steigern, also bis zu 1000 Wattstunden pro Liter statt nur 700. Leider gibt es dabei ein Problem. Das Silizium „atmet“, es dehnt sich beim Aufladen auf das Vierfache seines Volumens aus. Stabile Batterien lassen sich damit nicht produzieren. Weltweit wird derzeit an Lösungen dieses Problems getüftelt. Mit nanostrukturierten Siliziumeinlagerungen und Mischanoden aus Silizium und Grafit bekommen die Entwickler die unerwünschte Ausdehnung allmählich in den Griff. Laut Battery Monitor könnten Anoden mit Silizium schon bald in die Serienfertigung gelangen.

Natrium statt Lithium

„Auch in Zukunft wird es immer zu Verschiebungen bei den Materialien kommen“, sagt Fraunhofer-Forscher Plötz. Neue Varianten bereichern den Markt, ältere Varianten fallen raus. Ein relativ neuer Batterietyp verzichtet sogar komplett auf das etablierte Lithium. Der Ersatz: Natrium. Ebenso wie Lithium ist es ein Alkalimetall. Natrium hat den Vorteil, dass es weltweit in großen Mengen vorkommt, als Natriumchlorid – vulgo: Kochsalz – in Salzstöcken oder schlicht gelöst im Meerwasser. Nachschubprobleme oder gar Abhängigkeiten gäbe es schlicht nicht, zudem sind Natriumsalze sehr günstig.

Seit gut einem Jahr fahren erste Kleinwagen des 2023 gegründeten Herstellers Yiwei mit Natrium-Ionen-Batterien auf chinesischen Straßen. Die Zellen in der Batterie mit 25 Kilowattstunden Kapazität haben eine gravimetrische Energiedichte von 140 Wh/kg. Das ist gut 30 Prozent weniger als bei LFP-Zellen, doch sind theoretisch deutlich höhere Werte möglich. Auch der führende Hersteller für Lithium-Ionen-Batterien, CATL, setzt zusätzlich auf Natrium-Ionen-Batterien und hat dieses Jahr eine Serienproduktion angekündigt. „Mittlerweile kommen Natrium-Ionen-Batterien schon an die Energiedichte von LFP-Batterien heran“, sagt Aleksandr Kondrakov, Principal Scientist Next Generation Cathode Materials bei BASF Battery Materials in Ludwigshafen. Er koordiniert seit Anfang des Jahres das Forschungsprojekt SIB:DE – Sodium-Ion-Battery Deutschland-Forschung – mit Dutzenden Partnern aus Forschung und Wirtschaft. Kondrakov hält es nicht für unwahrscheinlich, dass Gigafactories für Natrium-Ionen-Batterien auch in Europa errichtet werden. Einen uneinholbaren Vorsprung Chinas sieht er nicht. „Das Potenzial von Natriumionen ist noch lange nicht ausgeschöpft“, sagt Kondrakov. Der Forschungsstand entspreche dem von Lithium-Ionen-Zellen vor 25 Jahren: „Da geht noch deutlich mehr.“

Aktuell lernen Kondrakov und seine Partner viel dazu. So sind Natrium-Ionen-Batterien nicht nur potenziell günstig, sie bieten noch einige weitere Vorteile gegenüber der auf Lithium basierenden Batteriechemie. So zeigen Natrium-Ionen-Batterien eine deutlich höhere Stabilität bei Kälte. „Bis minus 40 Grad liefern die immer noch 90 Prozent der Leistung“, sagt Kondrakov. Dadurch sind diese Stromspeicher beispielsweise für Elektromobile geeignet, die in Regionen mit strengem Winterfrost fahren. Zudem kann für beide Elektroden – Pluspol und Minuspol – Aluminium anstelle von Kupfer als leitfähiges Trägermetall genutzt werden. Aluminium ist deutlich günstiger und verfügbarer als Kupfer. So droht bei der enormen Anzahl an benötigten Batterien in den kommenden Jahrzehnten kein Materialengpass. Nicht zuletzt darf man Natrium-Ionen-Batterien im Unterschied zu Lithium-Ionen-Systemen komplett entladen. Das erhöht die Sicherheit beim Transport. So ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Produktion von Natrium-Ionen-Batterien in den kommenden Jahren sehr stark steigen wird. Laut Studie von Fraunhofer FFB könnten diese Stromspeicher schon 2030 einen nennenswerten Marktanteil erreichen, 2035 ein Fünftel und 2040 sogar mehr als ein Drittel.

Wann kommt die Festkörperbatterie?

Konkurrenz droht allerdings von den oft angekündigten Festkörperbatterien. Die verfügen über einen festen anstelle eines flüssigen Elektrolyts zwischen Kathode und Anode und gelten als extrem sicher. Die Anoden können aus Lithium-Metall bestehen und dadurch die Speicherkapazität der besten Lithium-Ionen-Batterien weit in den Schatten stellen. Elektroautos mit Reichweiten von bis zu 1000 Kilometern und mit kurzen Ladezeiten wären vorstellbar.

Trotz vieler Ankündigungen gibt es offenbar Probleme. „Es sind noch immer große Hürden zu überwinden, um konzeptionell die Energiedichte gegenüber konventionellen Lithium-Ionen-Batterien zu steigern und die Lebensdauer bei gleichzeitig sicherem Betrieb zu verbessern. Auch muss das Schnellladeverhalten noch weiter verbessert werden“, sagt Helmut Ehrenberg, Leiter des Instituts für Angewandte Materialien – Energiespeichersysteme am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Erst dann gehe es um Fragen einer umfassenden Nachhaltigkeitsbetrachtung und einer kostengünstigen Produktion. Entgegen vollmundiger Ankündigungen werde es noch einige Jahre dauern bis zu einer Markteinführung. „Dabei ist noch lange nicht entschieden, ob dies auch gelingen wird“, sagt Ehrenberg. Die Technologie sei nach wie vor in Entwicklung und verspreche zwar durchaus Verbesserungen, die aber noch nicht eingelöst sind.

Noch weiter von einer Serienfertigung entfernt sind andere Ansätze, die noch höhere Speicherkapazitäten, schnellere Ladezeiten und größere Sicherheit versprechen. Das Spektrum reicht von Lithium-Schwefel-, Sauerstoff- und Aluminium-Ionen-Batterien bis zu Systemen aus Zinnschäumen und Metall-Luft-Batterien. Die Vielfalt der Methoden ist fast unüberschaubar groß, aber meist befinden sie sich auf einem sehr frühen Entwicklungsstand mit Prototypen im Labormaßstab.

Das Potenzial von Natriumionen ist noch lange nicht ausgeschöpft. Da geht noch deutlich mehr.“ Aleksandr Kondrakov
Ob und wann solche Ansätze in den kommenden Jahrzehnten marktreif werden, ist nicht absehbar. Doch schon mit den aktuell verfügbaren Batteriesystemen zeichnet sich ein klarer Trend ab. „In der Anwendung nimmt die Diversifizierung mit großer Wahrscheinlichkeit zu“, sagt Plötz. So könnten günstige Kleinwagen mit Natrium-Ionen-Batterien ausgestattet werden und Lieferfahrzeuge mit Lithiumeisenphosphat-Akkus fahren. LFP und LMFP dürften sich auch am Pkw-Markt behaupten können. Für sehr sportliche Modelle und Premiumfahrzeuge würden eher leistungsstärkere Varianten wie NMC oder NCA verwendet. Sogar Hybridlösungen sind möglich und bereits von einigen Herstellern angekündigt. Sie kombinieren mehrere Batterietechnologien mit unterschiedlichen Vorteilen in einem Fahrzeug.

Was sich ebenfalls diversifiziert: die Produktionsstätten. „Unsere Simulationen zeigen, dass Europa bis 2030 seinen Bedarf mindestens zur Hälfte selbst decken wird“, sagt Fraunhofer-Forscher Plötz. Die Hälfte dieser Fabriken könnten europäischen Unternehmen gehören. Denkbar sei sogar, dass Europa ab 2030 bis zu 90 Prozent seines Jahresbedarfs an Batterien selbst produzieren könnte. Das wären Batterien mit einer Kapazität von bis zu einer Terawattstunde, also einer Milliarde Kilowattstunden. Jedes Jahr, Tendenz steigend. Unwahrscheinlich: ja. Unmöglich: nein.

 

Kommentar verfassen

Hinweis: Kommentare werden vor der Freischaltung zunächst gesichtet. Dies kann unter Umständen etwas Zeit in Anspruch nehmen.

*Pflichtfelder

Die E-Mailadresse wird nicht gespeichert, sondern gelöscht, sobald Sie eine Bestätigungsmail für Ihren Kommentar erhalten haben. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung


Captcha Image
=
Automatisierte Produktion: Industrieroboter bauen Lithium-Ionen-Batterien zusammen.
Foto: IM Imagery/ Adobe Stock
Termine
10.02.2026 bis 11.02.2026
2026_webse-2t | Windenergie - Standortsicherung

10.02.2026 bis 12.02.2026
con|energy agentur gmbh

11.02.2026
2026_webinar | Windenergie - Realisierung

12.02.2026
Webseminar | Solarenergie - Betriebsführung