UN-Bericht

Viel zu viel Fossiles in der Pipeline

Ohne Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas sind die internationalen Klimaziele unerreichbar. Doch eine aktuelle Bestandsaufnahme zeigt: Weltweit setzen Regierungen weiter langfristig auf fossile Energien.
Von:  Joachim Wille
09.11.2023 | Aktualisierung: 09.01.2024 | 3 Min.

Der UN-Klimarat IPCC hat als Leitlinie vorgegeben: Die globalen CO2-Emissionen müssen bis 2030 praktisch halbiert werden, damit die Welt das 1,5-Grad-Limit der Erderwärmung nicht überschreitet. Ein neuer Report zeigt nun jedoch, dass die Regierungen der Länder mit großen Erdöl-, Erdgas- und Kohlevorkommen viel zu hohe Produktionsziele verfolgen. Sie planen danach, mehr als doppelt so viele fossile Brennstoffe zu gewinnen, als es mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbar wäre, nämlich 110 Prozent zu viel. Und selbst beim weniger ambitionierten Zwei-Grad-Limit sind es noch 69 Prozent zu viel.

Laut dem Report, an dessen Erstellung das UN-Umweltprogramm Unep beteiligt war, würden die Regierungspläne zu einem Anstieg der weltweiten Kohleproduktion bis 2030 und der weltweiten Öl- und Gasproduktion sogar bis mindestens 2050 führen. Dadurch werde die Lücke zwischen den CO2-Einsparerfordernissen und den Emissionen aus fossilen Brennstoffen im Laufe der Zeit immer weiter wachsen. Das Autorenteam verweist darauf, dass diese Pläne auch an der erwarteten Entwicklung der weltweiten Nachfrage nach Kohle, Öl und Gas vorbei gehen. Diese soll, etwa nach den Prognosen der Internationalen Energie-Agentur (IEA), im laufenden Jahrzehnt ihren Höhepunkt erreichen. 

CO2-Einlagerung keine Lösung

Der Bericht empfiehlt einen fast vollständigen Ausstieg aus der Kohleproduktion und -nutzung weltweit bis 2040 und eine Reduzierung der Produktion und Nutzung von Öl und Gas um mindestens drei Viertel bis 2050 gegenüber dem Stand von 2020. Keine großen Chancen geben die Autorinnen und Autoren den Plänen, die Emissionen der fossilen Energien durch Kohlenstoff-Abscheidung und -Lagerung im tiefen Erd-Untergrund (das sogenannte CCS-Verfahren) unschädlich zu machen. Sie seien unwägbar und risikoreich, heißt es dazu. Empfohlen wird Regierungen, die über größere Möglichkeiten zum Ersatz fossiler Brennstoffe verfügen, ehrgeizigere Reduktionen als bisher anzustreben und den Übergangsprozess in ärmeren Ländern zu unterstützen.  

UN-Generalsekretär António Guterres kommentierte den Bericht mit den Worten: „Die Regierungen verdoppeln buchstäblich die Produktion fossiler Brennstoffe; das bedeutet doppeltes Ungemach für die Menschen und den Planeten.“ Es sei unmöglich, die Klimakatastrophe zu bewältigen, ohne ihre Ursache zu bekämpfen, nämlich die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Der anstehende UN-Klimagipfel COP28 in Dubai müsse ein klares Signal aussenden, „dass das Zeitalter der fossilen Brennstoffe vorbei ist, dass sein Ende unausweichlich ist“. Nötig seien dort glaubwürdige Zusagen für den Ausbau der erneuerbaren Energien, den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe und die Steigerung der Energieeffizienz bei gleichzeitiger Gewährleistung eines gerechten und ausgewogenen Übergangs. Die COP28 beginnt am 30. November. 

Hoffnung auf den Klimagipfel

Obwohl die fossilen Brennstoffe die Hauptursache für die Klimakrise sind, wurden sie bei den internationalen Klimaverhandlungen in den letzten Jahren weitgehend ausgeklammert. Auf der COP26 in Glasgow Ende 2021 verpflichteten sich die Länder, die Bemühungen um den „schrittweisen Ausstieg aus der ungebremsten Kohleverstromung und die Beendigung ineffizienter Subventionen für fossile Brennstoffe“ zu beschleunigen, sie setzten sich jedoch keine konkreten Ziele dafür. Die Hoffnung ist nun, dass die COP28 das nachliefert.

Der Bericht über die „Produktionslücke 2023“ enthält Länderprofile für 20 wichtige fossile Brennstoffe produzierende Länder, nämlich Australien, Brasilien, China, Deutschland, Großbritannien, Kanada, Kolumbien, Indien, Indonesien, Kasachstan, Kuwait, Mexiko, Nigeria, Norwegen, Katar, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, die USA und die Vereinigten Arabischen Emirate. Diese Profile zeigen, dass die meisten dieser Regierungen die Produktion fossiler Brennstoffe weiterhin politisch und finanziell in erheblichem Umfang unterstützen.  Neben dem Unep waren das Stockholm Environment Institute (SEI) und die Thinktanks Climate Analytics, E3G sowie das International Institute for Sustainable Development (IISD) daran beteiligt. 

 

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