Für derartige Temperaturen seien weder unsere Körper gemacht noch unsere Städte und Infrastrukturen, so Myrivili. „Die Dämme, die Wasserstraßen, die Autobahnen, die Zugstrecken – sie sind sorgsam gefertigt worden für ein Klima, das nicht länger existiert.“ Einfach die Klimaanlagen hochzudrehen werde nicht reichen. Um der Hitze zu begegnen, müssten Städte vollkommen neu gedacht und umgebaut werden. Und zwar in erster Linie, indem die Natur einen weitaus größeren Platz darin einnimmt.
Die Anpassung an Klimawandelfolgen ist alternativlos
Das Klima verändert sich und die Folgen sind bedrohlich – wer das nicht einsehen will, muss mittlerweile nicht nur die komplette Klimawissenschaft ignorieren, sondern zunehmend auch die eigenen Sinne. Es wird heißer, nasser, trockener, stürmischer, insgesamt extremer. Mittlerweile hat die globale Erderhitzung bereits die berühmte Marke von 1,5 Grad Celsius erreicht, die sie laut dem Pariser Klimaabkommen möglichst nicht hätte überschreiten sollen.
Selbst wenn wir morgen alle fossilen Energien abschaffen würden, müssten wir uns dennoch an die Folgen des Klimawandels anpassen. Dem Großteil der deutschen Bevölkerung scheint das auch bewusst zu sein. Regelmäßig seit 1996 fragt das Umweltbundesamt das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung ab. Laut dem letzten Meinungsbild, das im Mai 2025 veröffentlicht wurde, fühlen sich rund zwei Drittel gesundheitlich mittel bis stark von Hitzeperioden belastet.
Umbau der Infrastruktur und Namen für Hitzewellen
Was genau Klimaanpassung beinhaltet, ist je nach Ort und betroffenem Sektor unterschiedlich und meist kleinteilig. Mal geht es darum, einen Parkplatz umzubauen, wie in der Ruhrgebietsstadt Herne. Der drohte sich dort im Sommer massiv aufzuheizen und bei Starkregen das Wasser zur angrenzenden Grundschule zu leiten. Jetzt ist die Fläche aufgebrochen, das Wasser kann im Boden versickern und fließt ansonsten zu einem Sportplatz ab. Zudem bieten neu gepflanzte Bäume Schatten.
Mal geht es auch darum, das Bewusstsein für Gefahren zu schärfen, wie in Sevilla. In der südspanischen Stadt bekommen Hitzewellen seit 2022 einen Namen und eine Kategorie, wie man es von Hurrikans kennt. Ob das jeweils nötig ist, entscheiden die Rahmenbedingungen wie Maximaltemperaturen, Luftfeuchtigkeit und nächtliche Abkühlung.
Anpassungen an Klimawandel nur bis zu einem bestimmten Grad möglich
Das Thema betrifft jedenfalls alle und alles, in Deutschland beispielsweise die Wasserversorgung, den Betrieb der Stromnetze, das Gesundheitswesen und die Landwirtschaft. Zugleich gibt es Grenzen der Anpassungsfähigkeit. Unter Menschen und Organisationen, die Klimaschutz verhindern oder verzögern wollen, lautet ein beliebtes Argument, man könne sich an den Klimawandel ja anpassen. Doch das funktioniert nur bis zu einem gewissen Grad, im wahrsten Sinne des Wortes. An welcher Stelle genau alles kippt und menschliche Anpassung ob der extremen Veränderungen aussichtslos wird, kann niemand sagen. Aber das Ziel, bei 1,5 oder wenigstens deutlich unter zwei Grad Celsius zu bleiben, ist an diesem Risiko ausgerichtet. Nur durch die konsequente Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen kann Klimaanpassung also überhaupt gelingen. Laut Prognosen steuern wir ohne Politikwechsel stattdessen auf drei Grad Erderhitzung zu.
Im Dezember 2024 hat das Bundeskabinett die Deutsche Klimaanpassungsstrategie (DAS) mit 33 Zielen und 45 Unterzielen beschlossen, die bis 2030 beziehungsweise 2050 erreicht werden sollen. Alle vier Jahre soll die Strategie aktualisiert werden. Basis ist das Klimaanpassungsgesetz des Bundes (KAnG) der Ampel-Koalition von Juli 2024, das den gesetzlichen Rahmen für Klimaanpassung in Bund, Ländern und Kommunen bildet. Die Klimaanpassungsstrategie sieht unter anderem Maßnahmen zum Umgang mit Hitze und Starkregen in urbanen Gebieten vor – etwa die Schaffung kühlender Grünflächen und versickerungsfähiger Oberflächen. Außerdem fordert die Strategie Aufklärungskampagnen und Informationen darüber, wie sich die Bevölkerung vor starker Hitze und UV-Strahlung schützen kann. Bis Januar 2027 sind zudem alle Bundesländer verpflichtet, eine Klimaanpassungsstrategie vorzulegen und zu bestimmen, bis wann die Landkreise und Kommunen entsprechende Konzepte entwickeln müssen. Erste Kommunen haben bereits eine eigene Strategie und pflanzen zum Beispiel klimaangepasste Bäume, renaturieren Gewässer oder legen sie neu an und binden die Bevölkerung ein. Doch in vielen Fällen fehlt in den Städten und Gemeinden das Geld für weitere, umfassende Maßnahmen.
Spärliche Fördergelder für örtliche Klimaanpassung
Aktuell können Kommunen auf Beratungsangebote zurückgreifen, etwa durch das Zentrum Klimaanpassung, und Fördergelder beantragen, um zum Beispiel örtliche Klimaanpassungsmanager einzustellen. Es handelt sich dabei um begrenzte Ressourcen und Modellprojekte. Für ärmere Gemeinden ist Anpassung oder auch nur die Erfassung örtlicher Klimarisiken kaum finanzierbar. Ein Lösungsansatz für die Finanzierungsfrage lautet, Klimaanpassung als sogenannte Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz aufzunehmen. Denn der Bund darf den Kommunen nicht einfach Geld überweisen. Für diese Aufgaben – derzeit die Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur, der Agrarstruktur und des Küstenschutzes – gilt aber eine Ausnahme. So könnten Bund und Länder sich die Kosten aufteilen.
Klimaanpassung auf globaler Ebene bleibt Verhandlungssache
In der internationalen Politik gibt es ähnliche Debatten. Der Pariser Klimavertrag enthält zwar ein Kapitel zur Klimaanpassung, das aber unkonkret bleibt. Seit 2021 tagt eine Arbeitsgruppe dazu, ein globales Anpassungsziel zu formulieren. Tatsächlich wurden 2025 bei der COP 30 im brasilianischen Belém 100 konkrete Indikatoren zur Klimaanpassung vorgelegt. Eine eindeutige Einigung auf den Vorschlag gab es allerdings nicht – das Thema wurde auf die nächste Versammlung verschoben.
Lokal wie global: Die Folgen des Klimawandels drohen, bestehende soziale Ungleichheiten zu verschärfen. Klimaanpassung kann nur als gelungen gelten, wenn sie das verhindert – so formuliert es auch das Bundes-Klimaanpassungsgesetz. Das Ziel: die „Bewahrung gleichwertiger Lebensverhältnisse“. Anders gesagt, in Straßen mit begrünten Häuserfassaden sollen alle leben können.
Artikel ist in leicht anderer Fassung zuerst in der Ausgabe 12/2023 von neue energie erschienen.