neue energie: Zum Beispiel bei außergewöhnlich hohen Temperaturen im Sommer belasten die Folgen des Klimawandels Mensch und Tierwelt. Inwiefern bedrohen die Veränderungen unser körperliches Wohlbefinden?
leitet den Lehrstuhl für Umweltmedizin an der Universität Augsburg und ist Direktorin der Hochschulambulanz für Umweltmedizin am dortigen Universitätsklinikum. Seit 2023 ist die Allergiespezialistin zudem Sonderbeauftragte für Klimaresilienz und Prävention des bayrischen Gesundheitsministeriums.
ne: Extremtemperaturen im Sommer sind aber nicht der einzige Risikofaktor...
Traidl-Hoffmann: Nein, eine weitere Gefahr sind zum Beispiel Pollenallergien. Denn die Pollen in der Luft nehmen infolge der steigenden Durchschnittstemperaturen und der verbundenen längeren Vegetationszeiten massiv zu. Das macht besonders Lungenkranken zu schaffen. Weil sich die Ökosysteme verändern und vermehrt Krankheitsüberträger wie Mücken und Zecken aus anderen Weltregionen zu uns einwandern, haben wir zudem mit ganz neuen Infektionen zu kämpfen, etwa mit dem West-Nil-Fieber-Virus. Gleichzeitig erhöht sich die Zahl der Borreliose- und Frühsommer-Meningoenzephalitis-Fälle.
ne: Wie kann sich das Gesundheitssystem auf die neuen Gefahrensituationen einstellen?
ne: Wie könnte das konkret gelingen?
Traidl-Hoffmann: Prävention beginnt bei der Edukation. Wir müssen Patienten schulen, wir müssen beispielsweise Informationskampagnen zu den neuen klimawandelbedingten Risiken fahren. Wir brauchen eine öffentliche Kommunikation, die etwa auf die Gefahren von Hitze für Kleinkinder hinweist, als Gegenpol zu den irreführenden Werbeplakaten, auf denen Kinder im Sommer immer nur fröhlich ein Eis schleckend dargestellt werden. Präventionsmaßnahmen lassen sich den Leuten auch oft mit dem Hinweis auf einen doppelten Gewinn näherbringen: Wenn ich mich pflanzendominiert ernähre, dann ist das gut für mich und gut für den Planeten. Wenn ich mich aktiv bewege, mehr Fahrrad fahre oder zu Fuß gehe, dann ist das gut für mich und spart CO2-Emissionen.
ne: Solche Aufklärungskampagnen dienen der Gesundheitsvorsorge und dem Klimaschutz, aber helfen sie auch bei der Anpassung an den Klimawandel?
Traidl-Hoffmann: Ja, denn, wie schon gesagt, sind Menschen mit Vorerkrankungen besonders vulnerabel in der Krise. Wenn wir es also umgekehrt schaffen, die Menschen gesund zu halten, sind sie auch resilienter gegenüber den Folgen des Klimawandels.
ne: Präventionsmaßnahmen reichen aber vermutlich nicht, um die Medizinlandschaft auf die veränderte Lage einzustellen. Wie können sich zum Beispiel Krankenhäuser darauf vorbereiten?
ne: Wie sieht der aus?
Traidl-Hoffmann: Es ist ein Stufenplan, je nachdem, welche Temperaturen draußen herrschen. Er umfasst zum einen Schutzmaßnahmen für die Patienten. Wir hatten zum Beispiel bisher nur ein Kühlbecken für Menschen mit Überhitzung. Da haben wir ein System entwickelt, wie wir notfalls auch mehrere Patienten behandeln können. Auch für die Aufstockung der Kapazität an Intensivbetten, die im Extremfall zur Verfügung stehen, gibt es Vorgaben, ganz ähnlich wie bei Umweltkatastrophen. Zum anderen bezieht sich der Plan auf das Krankenhauspersonal. Wir haben zum Beispiel Kühlwesten für die Mitarbeiter bereitgestellt. Die richtige Medikamentenlagerung bei höheren Temperaturen ist ebenfalls Teil des Konzepts.
ne: Gibt es viele Krankenhäuser in Deutschland, die sich ähnlich intensiv für klimabedingte Ausnahmesituationen rüsten wie die Uniklinik Augsburg?
Traidl-Hoffmann: Nein, wir gehören eher zu einer Minderheit, die das macht. Ich bin Sonderbeauftragte für Klimaresilienz und Prävention des bayerischen Gesundheitsministeriums. In dieser Funktion habe ich alle Kliniken Bayerns angeschrieben und darauf hingewiesen, wie wichtig solche Maßnahmen sind und dass es dafür mittlerweile Vorlagen als Blaupausen für die Kliniken gibt.
ne: Was Sie bisher geschildert haben, klingt nicht gerade nach Hightech. Gibt es auch Anpassungsmaßnahmen im Medizinsektor, die auf neuartigen technologischen Konzepten beruhen?
ne: Inwiefern?
Traidl-Hoffmann: Wenn es um die Auswirkungen der Klimakrise geht, muss man auch mit dem Unvorhersehbaren, mit sogenannten Black-Swan-Ereignissen rechnen. Es kann demnach sein, dass die gesamte Elektronik, die ganze herausragende Technik plötzlich nicht mehr funktioniert, zum Beispiel bei einer Flutkatastrophe wie im Ahrtal. Auch für solche Fälle brauchen wir Konzepte. Wir müssen sicherstellen, dass wir Menschen mit Herzschrittmacher oder Diabetes unter diesen Bedingungen immer noch erreichen können.
ne: Eine Voraussetzung dafür ist vermutlich ein Gefahrenbewusstsein, das weit über die Spezialabteilungen an den Kliniken hinausreicht. Welche Rolle spielen Hausärzte für eine gelungene Klimavorsorge?
ne: Gibt es entsprechende Fortbildungen?
Traidl-Hoffmann: Die meisten Ärztekammern in den Bundesländern bieten so etwas an. Ich bin beispielsweise in der bayerischen Landeskammer aktiv. Dort halten wir regelmäßig mehrtägige Fortbildungen zum Thema Klimawandel und Gesundheit ab. Die bayerische und andere Ärztekammern stellen dazu auch Videos ins Netz, die sich jeder nach eigenem Zeitplan ansehen kann. Die Kolleginnen und Kollegen sehen zum Teil allerdings den Bedarf noch gar nicht, da müssen wir noch sehr viel tun.
ne: Reicht es, die Fachwelt zu sensibilisieren? Bräuchte es nicht in der gesamten Bevölkerung mehr Aufklärung, um Risiken wie eine Hitzewelle im Ernstfall gemeinschaftlich angehen zu können?
ne: Was macht den Unterschied aus?
Traidl-Hoffmann: Das lässt sich leicht zusammenfassen: Frankreich ist Deutschland in dieser Hinsicht um 20 Jahre voraus. Die massive Hitzewelle im Sommer 2003 hat in Frankreich extrem viele Menschenleben gefordert. In den Pariser Kühlhallen stapelten sich damals die Toten. Das waren schreckliche Bilder, die sich bei den Franzosen eingebrannt haben. Unter diesem Eindruck haben sie anschließend einen sehr gut funktionierenden Hitzeschutzplan entwickelt, der unter anderem auf Solidarität und Nachbarschaftshilfe basiert. Und ich glaube, so etwas würde auch bei uns funktionieren. Bei Katastrophen aller Art haben sich die Menschen schließlich bislang immer als enorm solidarisch erwiesen.
ne: Woran hakt es dann in Deutschland? Warum geht es mit der Klimaanpassung im Gesundheitssystem nicht schneller voran?
ne: Sie haben die Kosten angesprochen. Anpassung kostet ja nicht nur Geld, sondern auch Ressourcen, wenn man etwa die Klinikeinrichtungen besser klimatisiert oder für Hitzewellen weitere Betten bereitstellt. In Ihrem Buch „Überhitzt“ schreiben Sie, dass der jährliche Energiebedarf eines zusätzlichen Krankenhausbetts mit dem Verbrauch eines Einfamilienhauses vergleichbar ist. Lässt sich die Klimaanpassung im Gesundheitsbereich so gestalten, dass sie gleichzeitig zum Klimaschutz beiträgt und die CO2-Emissionen nicht noch weiter nach oben treibt?
Traidl-Hoffmann: Zunächst mal haben wir keine Wahl. Wir können ja nicht einfach sagen, ein weiteres Bett ist zu energieintensiv, also überlassen wir die Kranken sich selbst. Aber natürlich müssen wir das Gesundheitssystem zugleich nachhaltiger gestalten. Das wurde über Jahrzehnte hinweg verschlafen, weil sich die Verantwortlichen dachten: Das Gesundheitswesen ist so wichtig, da können wir so viel Dreck machen, wie wir wollen. Wäre der globale Gesundheitssektor ein Land, stünde er an Platz 5 der Staaten, die am meisten CO2 ausstoßen. Er hat folglich ein enormes Hebelpotenzial.
ne: Wo könnte man den Hebel ansetzen?
ne: Gibt es im medizinischen Bereich auch Grenzen der Anpassungsfähigkeit?
Traidl-Hoffmann: In jedem Fall. Schon rein biologisch kann sich der Mensch nicht an alles anpassen. Bei 42 Grad Körpertemperatur ist Ende Gelände. Die Geschwindigkeit, mit der Hitzeperioden zurzeit vielerorts zunehmen, überfordert unseren Organismus. Klar gibt es Menschen, die schon in Gegenden mit höheren Durchschnittstemperaturen leben, in Ländern wie Dubai oder Katar. Aber wo halten die sich auf? Zumeist in klimatisierten Innenräumen. Die Menschen passen also nicht sich selbst an, sondern sie passen nur ihre Infrastruktur an. Insofern ist die Anpassungsfähigkeit des Menschen massiv eingeschränkt.
ne: Und die Anpassungsmöglichkeit von medizinischen Versorgern wie Kliniken?
ne: Wird das gemacht?
Traidl-Hoffmann: Meistens nicht. Das Gegenargument sind dann immer die Kosten. Aber das ist viel zu kurz gegriffen, denn das Teuerste, was wir jetzt tun können, ist nichts. Dann werden wir später den Schaden haben, werden die Gebäude für wahnsinnig viel Geld umrüsten müssen.
ne: Und wie schätzen Sie generell die Chancen ein, dass der klimagerechte Umbau des Gesundheitssystems in Deutschland gelingt?
Artikel ist in leicht anderer Fassung zuerst in der Ausgabe 12/2023 von neue energie erschienen.