Klimaschutz polarisiert. Zwischen der Angst vor einem wirtschaftlichen Abstieg, Desinformationen und Ermüdungen werden Energiewende, Verkehrswende und Ernährungswende zerrieben. Eine aktuelle Studie von Ipsos zeigt den Stimmungswandel in der Bevölkerung: Nur etwas mehr als die Hälfte der Deutschen (53 Prozent) sehen sich noch in der Verantwortung, selbst zu handeln, um den Klimawandel im Interesse künftiger Generationen zu bekämpfen. 2021 waren es mehr als zwei Drittel (69 Prozent).
Was ist geschehen, seit Fridays for Future die Straßen mit Hunderttausenden Menschen füllten?
Anfang 2024 blockierten stattdessen Traktorfahrer die Autobahnen, um subventionierten Agrardiesel zu retten. Es ist nicht so, dass wir mit dem Klimaschutz auf gutem Kurs sind – im Gegenteil. Wir sehen jeden Tag neue Bilder von Dürren und Überschwemmungen, wir erleben auch hierzulande, wie Häuser weggeschwemmt werden und Bäume verdorren. Um es mit den Worten des UN-Generalsekretärs António Guterres zu sagen: „Wir sind auf dem Highway in die Klimahölle und haben den Fuß auf dem Gaspedal.“ Dennoch sind jetzt andere Themen wichtiger geworden: die Aufrüstung, der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands – und dass das Leben so weitergeht, wie wir es kennen. Offensichtlich geht mit den dicht aufeinanderfolgenden Zumutungen von Corona-Pandemie, Migrationswelle, Ukrainekrieg und Inflationsdruck die Bereitschaft zu einer konstruktiven Bearbeitung der ökologischen Krise als Erstes verloren.
Sicher ist: Weiterhin unterstützt eine Mehrheit der Bevölkerung den umwelt- und klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft im Allgemeinen. Aber die erbittert geführten Auseinandersetzungen um das Heizungsgesetz und um den Umbau des Verkehrsraums zugunsten von Fußgängerinnen und Radfahrern zeigen, wie schnell die Akzeptanz schwindet, wenn es um spürbare Veränderungen im eigenen Leben geht.
Gleichwohl gibt es viele Menschen, die diese Veränderungen weiterhin wollen. Warum drohen sie in die Defensive zu geraten?
Der Soziologe Dennis Eversberg gibt dafür eine plausible Erklärung: Der Konflikt um die sozial-ökologische Transformation ist nach seinen Untersuchungen ein Klassenkonflikt, in dem das ökosoziale Spektrum zwischen einem wirtschaftlich privilegierten, konservativ-steigerungsorientierten und einem prekären, defensiv-reaktiven Spektrum aufgerieben wird. Klima- und Umweltpolitik wird hierbei zum Sündenbock für Verteilungskonflikte, die als solche merkwürdigerweise kaum wahrgenommen oder ausgetragen werden.
Es ist schon lange bekannt: Emissionen und Naturverbrauch hängen direkt mit materiellem Wohlstand zusammen. Das gilt im Vergleich der Länder: Eine durchschnittliche Person in einem Land mit hohem Einkommensniveau verursacht mehr als 30-mal so hohe Emissionen wie eine Person in einem Land mit niedrigem Einkommensniveau. Ebenso gilt für Deutschland: Der CO₂-Ausstoß der reichsten zehn Prozent ist fast doppelt so hoch wie derjenige der ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung. Daher empfinden viele es als ungerecht, wenn sozial Benachteiligte im Namen des Klimaschutzes Verzicht leisten sollen, während Reiche und Mächtige weiterhin ungestört Jachten kaufen und mit Privatjets fliegen.
Aber: Die dadurch ausgelöste Wut richtet sich derzeit fast überhaupt nicht gegen den Skandal der Ungleichheit und führt nicht zu Forderungen nach gerechterer Verteilung, sondern wendet sich gegen die Klimapolitik selbst. Diese Diskursverschiebung wird auch medial inszeniert und befeuert, da es starke wirtschaftliche Interessen gibt, dass sich weder an der Wohlstandsverteilung noch an der fossilen Energieversorgung etwas ändert.
Wie können wir mit dieser unglücklichen Verknotung von Umweltdebatte und Klassenkonflikten umgehen?
Bei etwas genauerem Hinsehen zeigt sich, dass auch die Umweltpolitik ihren Anteil an der gegenwärtigen Blockade hat. Das ist die Schattenseite des sogenannten Green Growth: In der Hoffnung, Umwelt- und Klimaschutz könnten ein neues Wirtschaftswunder einläuten, hat die Umweltpolitik besonders dort gewirkt, wo man auf private Investitionsbereitschaft gehofft hat – wer Elektroautos und Wärmepumpen kauft, kann auf Zuschüsse hoffen; und wer sich das leisten kann und das ökologisch Richtige tut, kann sich freuen, dass er oder sie zudem wirtschaftlich davon profitiert.
Aber die meisten Leute bleiben bei dieser Art von Klimapolitik außen vor. Damit kann Umweltpolitik weder ökologisch gewinnen noch sozial überzeugen. Wie der Sozial-Klimarat zutreffend sagt: Ein Pfad, auf dem zwar 40 Prozent aller Haushalte effizient klimaneutral werden, der aber für die anderen 60 Prozent gar nicht gangbar ist, ist nicht der richtige Pfad. Vernachlässigt wurden bisher gemeinschaftliche infrastrukturelle Lösungen: ein gut ausgebauter öffentlicher Verkehr statt Millionen Elektroautos; öffentliche Wärmenetze mit regenerativ erzeugter Fernwärme anstelle von Millionen Wärmepumpen. Das heißt nicht, dass wir Elektroautos und Wärmepumpen nicht brauchen werden – aber sie sind nur ein Teil der Lösung. Gemeinschaftliche Lösungen sind in der Gesamtheit oft effektiver und kostengünstiger – und, besonders im Fall des Verkehrs, insgesamt gesellschaftsverträglicher.
Einem solchen Umdenken in den Akzenten der Klimapolitik sollte eine veränderte Kommunikation entsprechen. Es hilft uns wenig, weiter zu moralisieren und über Lebensstile und individuelles Konsumverhalten zu debattieren. Im Vordergrund sollte stehen, was für uns alle besser werden kann. Dabei kann es sogar helfen, dass wir mit weiterem Fortschreiten des Klimawandels uns immer mehr gezwungen sehen, uns daran anzupassen – mit grüneren Städten, kühlenden, wasserreichen Oasen und einem bewussteren Umgang mit dem Regenwasser.
Menschen sind durchaus in der Lage, langfristig zu denken und eigene Interessen zugunsten zukünftiger Generationen zurückzustellen. Das zeigt sich etwa in der Forstwirtschaft, wo die Nachhaltigkeitsidee ihren Ursprung hat: Den Wald, den wir heute pflanzen, werden erst spätere Generationen bewirtschaften. Dennoch erfreut uns das frische Grün der jungen Bäume schon heute. In dieser Weise sollte Klimaschutz in die Zukunft gedacht sein – aber zugleich direkten Nutzen bringen.
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