neue energie: Herr Schellnhuber, die US-Regierung unter Donald Trump hat angekündigt, aus der Weltklimakonvention auszusteigen. Zudem will das Land die Verbindungen zum Weltklimarat IPCC kappen, ebenso zum Weltbiodiversitätsrat IPBES. Und im eigenen Land werden gerade alle Klimaschutzmaßnahmen eingestellt. Schockiert Sie das?
ne: Haben Sie damals, als das Pariser Abkommen geschlossen wurde, eine solche Entwicklung für möglich gehalten?
Schellnhuber: Damals nicht. Aber bereits kurz danach, als Trump Ende 2016 zum ersten Mal gewählt wurde. Da war eigentlich klar, dass er eine Agenda verfolgt, die uns in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg oder sogar ins 19. Jahrhundert zurückführen soll, als die Großmächte die Erde unter sich aufgeteilt hatten und es um industrielle Ausbeutung von Ressourcen ging.
ist Generaldirektor des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (International Institute for Applied System Analysis, IIASA) in Laxenburg bei Wien. Der Klimaforscher war bis 2018 Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), das er auch gegründet hat. Schellnhuber ist Mitherausgeber mehrerer wissenschaftlicher Zeitschriften und war 28 Jahre Mitglied und zeitweise Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU). Er ist für seine Arbeiten zu den Kippelementen des Klimas bekannt.
ne: Trump löst zudem das National Centre for Atmospheric Research auf, das wichtigste US-Forschungszentrum zum Klimaschutz. Welche Folgen könnte das haben?
Schellnhuber: Wir trudeln in ein neues Zeitalter des Aberglaubens hinein. Und das ist absurd, denn gerade die USA sind eine Supermacht der Wissenschaft. Denken Sie an die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), die seit Jahrzehnten Klimadaten von unschätzbarem Wert liefert, oder an die großen medizinischen Forschungseinrichtungen wie die National Institutes of Health (NIH), die entscheidende Durchbrüche in der Krebsforschung und Genmedizin ermöglicht haben.
ne: Geraten die USA mit Trump auf einen absteigenden Ast?
ne: Könnte das die Rettung für das Klima bringen? Die zehn Jahre seit dem Pariser Abkommen waren ja eine verlorene Zeit.
ne: Wenn die 1,5 Grad und eventuell sogar die 2 Grad kippen, bleibt dann wirklich keine Rettung mehr?
Schellnhuber: Doch, und zwar mit einer Doppelstrategie. Wir müssen einerseits die Emissionen entschlossen reduzieren und sie bis 2050 global auf null herunterfahren. Und wir müssen eine zweite gewaltige Aufgabe bewältigen, nämlich CO₂ wieder aus der Atmosphäre entfernen. Das nennt man Overshoot-Management. Wenn es gelingt, die Kurve der Erderwärmung bei etwa 2,5 Grad Celsius zu stoppen und dann wieder zurückzubiegen, könnten wir die wichtigsten Kippelemente im Erdsystem vermutlich schützen. Dafür müssten wir pro Jahr rund zehn Milliarden Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre entfernen, und zwar über einen Zeitraum von 100 oder gar 200 Jahren.
ne: Kann das funktionieren? Zehn Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr entsprechen der Menge, die die Menschheit derzeit in einem Vierteljahr in die Atmosphäre bläst.
Schellnhuber: Es ist möglich. Es gibt zwei sinnvolle Lösungsansätze, um Kohlenstoff in großem Stil langfristig einzulagern: erstens in die gebaute Umwelt und zweitens in die Böden. Das heißt: Gebäude werden in Kohlenstoffspeicher verwandelt, indem man mit nachwachsenden Rohstoffen baut, die beim Wachstum das CO₂ aus der Atmosphäre aufgenommen haben. Also Holz, Bambus, Stroh und Lehm statt Beton, Stahl, Glas, Plastik. Nebeneffekt: Man könnte mit den heutigen Verfahren dann auch besseren Wohnraum für viele Millionen, vielleicht sogar Milliarden Menschen schaffen. Bei den Böden geht es darum, sie dank veränderter landwirtschaftlicher Praktiken von einer CO₂-Quelle zur CO₂-Senke zu machen, vor allem mit schonender Bearbeitung und dem Einlagern von kohlenstoffhaltigen, aus Pflanzen gewonnenen Biomaterialien. Mit diesen Hebeln könnte man in die nötigen Dimensionen vorstoßen. Man braucht dazu kein Geoengineering mit Schwefelinjektion in die Atmosphäre oder Meeresdüngung mit Algen, wie es manchen vorschwebt.
ne: Bewegt sich etwas in diese Richtung?
Schellnhuber: Durchaus, wie ein Beispiel aus Baden-Württemberg zeigt. Dort werden schon heute 40 Prozent der neuen Ein- und Zweifamilienhäuser in Holzbauweise errichtet – dank Förderung, aber auch weil es schön und gesund ist, in diesen Häusern zu leben. Das muss jetzt noch bei höheren Gebäuden und im Gewerbebau zum Standard werden; technisch und hinsichtlich der Ressourcenverfügbarkeit ist das kein Problem. Also, hier sind wir auf dem Weg. Es braucht jedoch eine Anpassung der Bauvorschriften, die überwiegend noch aus der Zeit während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg stammen. Damals versuchte man, Gebäude im wahrsten Sinne des Wortes bombensicher zu machen. Heute steht der moderne Holzbau dem Beton- oder Stahlbau in nichts nach. Im Gegenteil: Für die meisten Gebäudetypen ist er genauso tragfähig und oft sogar widerstandsfähiger gegenüber Feuer und Erdbeben. Und auch beim zweiten großen Hebel, der Kohlenstoffspeicherung in Böden, gibt es überzeugende Beispiele aus der Praxis. Eine davon ist die Bodenbearbeitung ohne tiefes Pflügen, wie sie etwa in Argentinien praktiziert wird – Stichwort: Direktsaat. Hinzu kommen regenerative Methoden wie Agroforstsysteme oder Agrophotovoltaik, bei denen Bodenfruchtbarkeit, Kohlenstoffeinlagerung und Flächennutzung gleichzeitig profitieren.
ne: Kann man mit solchen Methoden nach einem Überschießen auf vielleicht 2,5 Grad wieder auf 1,5 Grad herunterkommen?
Schellnhuber: Das ist grundsätzlich möglich. Würde man die Emissionen schon vor der Jahrhundertmitte auf null bringen und alle Potenziale der Klima-Baurevolution sowie der naturbasierten Lösungen inklusive Aufforstung und Wiedervernässung von Mooren ausschöpfen, könnte man langfristig sogar einen Rückgang auf plus ein Grad anpeilen, was eine verträgliche Erderwärmung wäre. Das halte ich allerdings erst weit im kommenden Jahrhundert für möglich.
ne: Ist das realistisch?
Schellnhuber: Technisch ist es machbar. Vermutlich wird es so aber nicht passieren.
ne: Was halten Sie für wahrscheinlich?
Schellnhuber: Wahrscheinlich werden sowohl die Emissions-Null als auch das Entfernen von CO₂ aus der Atmosphäre zu spät umgesetzt. Das verlängert die erhöhte Temperaturkurve in die Zukunft, und das Zurückführen des Overshoots dauert länger. Das bedeutet dann, dass wir die ersten Klimakipppunkte leider überschreiten. Das dürfte die wichtigen tropischen Korallenriffe schwer schädigen, eventuell sogar komplett vernichten. Die entscheidende Frage ist, wie die Eisschilde von Grönland und der Antarktis reagieren, weil das über die Bewohnbarkeit der Küstenzonen der Erde entscheidet, und welche Folgen das für den Golfstrom und seine Wirkung auf Europa hat. Ob die Eisschilde ein temporäres Überschießen der Temperatur über zwei Grad halbwegs intakt überstehen oder eine irreversible Abschmelzdynamik in Gang kommt, ist aktuell die spannendste wissenschaftliche Frage überhaupt.
ne: Was gibt Ihnen nach mehr als 30 Jahren in der Klimawissenschaft angesichts der fossilen Renaissance Mut, weiter an diesen Themen zu forschen?

