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Overshoot-Management

Bauen, Böden, Balance: Wege aus der Klimakrise

Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber spricht im Interview über die Folgen des drohenden Overshoots – und wie wir die Atmosphäre wieder entlasten können.
Interview: Joachim Wille
19.03.2026 | 9 Min. | 1
Erschienen in: Ausgabe 03/2026
Gletscherschmelze: Die Eisschilde der Arktis und Antarktis sind massiv bedroht.
Gletscherschmelze: Die Eisschilde der Arktis und Antarktis sind massiv bedroht.
Sven Taubert / Adobe Stock

neue energie: Herr Schellnhuber, die US-Regierung unter Donald Trump hat angekündigt, aus der Weltklimakonvention auszusteigen. Zudem will das Land die Verbindungen zum Weltklimarat IPCC kappen, ebenso zum Weltbiodiversitätsrat IPBES. Und im eigenen Land werden gerade alle Klimaschutzmaßnahmen eingestellt. Schockiert Sie das?

Hans Joachim Schellnhuber: Es ist ein tiefer Einschnitt. Die USA ziehen sich komplett aus der internationalen Zusammenarbeit zum Klimaschutz zurück. Sie sind das einzige Land, das aus der Klimarahmenkonvention austritt, die auf dem Erdgipfel von Rio de Janeiro 1992 erarbeitet wurde und der 197 Staaten angehören. Das bedeutet: Die globale Herausforderung, die menschengemachte Erderwärmung zu stoppen, muss jetzt ohne die reichste und mächtigste Nation der Welt bewältigt werden. Das ist eine extrem schlechte Nachricht – gerade jetzt, da sich die Problematik des Klimawandels zuspitzt, wie unzählige Daten belegen. Das ist, als würde man mit dem Auto auf eine Wand zurasen und dabei das Gaspedal weiter durchdrücken.

ne: Haben Sie damals, als das Pariser Abkommen geschlossen wurde, eine solche Entwicklung für möglich gehalten?

Schellnhuber: Damals nicht. Aber bereits kurz danach, als Trump Ende 2016 zum ersten Mal gewählt wurde. Da war eigentlich klar, dass er eine Agenda verfolgt, die uns in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg oder sogar ins 19. Jahrhundert zurückführen soll, als die Großmächte die Erde unter sich aufgeteilt hatten und es um industrielle Ausbeutung von Ressourcen ging.

Hans Joachim Schellnhuber

ist Generaldirektor des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (International Institute for Applied System Analysis, IIASA) in Laxenburg bei Wien. Der Klimaforscher war bis 2018 Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), das er auch gegründet hat. Schellnhuber ist Mitherausgeber mehrerer wissenschaftlicher Zeitschriften und war 28 Jahre Mitglied und zeitweise Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU). Er ist für seine Arbeiten zu den Kippelementen des Klimas bekannt.

Er setzt das in seiner zweiten Amtszeit nun konsequent um. Das ist nicht nur aus Sicht des Klimaschutzes fatal, sondern auch weil er alles abräumt, was seit 1989 an Völkerverständigung und globaler Kooperation mühsam erreicht wurde. Bestimmten Gruppen der Gesellschaft, nicht nur in den USA, war schon lange die Haltung ein Dorn im Auge, die auf Gleichheit, Diversität, soziale Fairness und eben auch Umwelt- und Klimaschutz achtet. Die gegenwärtige US-Regierung hat solche Strömungen politisch salonfähig gemacht. Der jetzige Kurs setzt stark auf nationale Interessen, kurzfristige wirtschaftliche Vorteile und eine Abkehr von kooperativen Prinzipien der Nachkriegszeit. Diese Prioritätensetzung findet derzeit aber leider großen Anklang bei vielen Wählerinnen und Wählern.

ne: Trump löst zudem das National Centre for Atmospheric Research auf, das wichtigste US-Forschungszentrum zum Klimaschutz. Welche Folgen könnte das haben?

Schellnhuber: Wir trudeln in ein neues Zeitalter des Aberglaubens hinein. Und das ist absurd, denn gerade die USA sind eine Supermacht der Wissenschaft. Denken Sie an die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), die seit Jahrzehnten Klimadaten von unschätzbarem Wert liefert, oder an die großen medizinischen Forschungseinrichtungen wie die National Institutes of Health (NIH), die entscheidende Durchbrüche in der Krebsforschung und Genmedizin ermöglicht haben.

Die Vereinigten Staaten haben über viele Jahrzehnte am meisten vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt profitiert. Jetzt aber soll dieser Fortschritt kommerzialisiert werden, betrieben vor allem in privaten Labors, die wirtschaftliche Interessen haben. Genauso läuft es bei der Rückkehr zu den fossilen Energiequellen. Dabei geht es um Gewinne für Großaktionäre, während die Öffentlichkeit über die Klimafolgen getäuscht wird. Es ist zwar klar, dass Trumps Rückkehr zum Aberglauben auf Dauer nicht funktionieren wird, aber aktuell kommt er damit seiner Wählerklientel entgegen. Seine Anhänger würden ihm auch folgen, wenn er ihnen sagen würde, die Erde sei eine Scheibe oder ein Big Mac.

ne: Geraten die USA mit Trump auf einen absteigenden Ast?

China nimmt die Rolle ein, die die USA nach dem Zweiten Weltkrieg hatten. Für die EU bedeutet das, sie muss sich stärker von den USA lösen und mehr mit China kooperieren.“
Schellnhuber: Bestimmt. Sie sind gerade dabei, als zukunftsfähige Nation Selbstmord zu begehen. Man muss das vor allem im Kontext der gleichzeitigen Entwicklung in China sehen. Dieses Land wird wohl in den kommenden zehn Jahren zur Wissenschaftsnation Nummer eins werden. China investiert massiv in erneuerbare Energien, Speichertechnik, künstliche Intelligenz und andere disruptive Technologien, die nachhaltig und auch kommerziell gewinnbringend sind. Das heißt: China nimmt die Rolle ein, die die USA nach dem Zweiten Weltkrieg hatten. Für die EU bedeutet das, sie muss sich stärker von den USA lösen und mehr mit China kooperieren, ohne freilich alles gutzuheißen, was dort geschieht. Europa könnte gemeinsam mit aufstrebenden afrikanischen Ländern ein eigenes Kraftfeld bilden und in vielen innovativen Bereichen Weltmarktführer werden, etwa beim klimafreundlichen Bauen, beim intelligenten Stromnetzmanagement, bei systemischer Energiespeicherung, kompostierbaren Polymeren, biobasierten Verbundwerkstoffen, regenerativer Landnutzung und nachhaltigen Ernährungssystemen.

ne: Könnte das die Rettung für das Klima bringen? Die zehn Jahre seit dem Pariser Abkommen waren ja eine verlorene Zeit.

Schellnhuber: Das Weltklimaabkommen war ein historischer Erfolg, das darf man nicht kleinreden. Die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, habe ich zwar von Anfang an nicht als realistisch angesehen. Aber das Zwei-Grad-Ziel als Leitplanke gegen die Destabilisierung wichtiger Klimakippelemente schien damals bei gutem Willen aller erreichbar, zumal China und die USA 2015 noch an einem Strang zogen. Immerhin haben sich die Temperaturprojektionen von damals plus 4 Grad Celsius auf plus 2,5 bis 2,8 Grad verbessert, weil viele Staaten bereit waren, die Emissionen zu senken. Die Aussichten sind nun infolge von Trumps Kurs wieder schlechter. Zugleich ist klar geworden, dass das Klimasystem noch sensitiver reagiert, also noch nervöser ist, als wir vor zehn Jahren dachten. Die Gefahr besteht durchaus, dass wir das Rennen gegen den selbst verschuldeten Klimawandel verlieren.

ne: Wenn die 1,5 Grad und eventuell sogar die 2 Grad kippen, bleibt dann wirklich keine Rettung mehr?

Schellnhuber: Doch, und zwar mit einer Doppelstrategie. Wir müssen einerseits die Emissionen entschlossen reduzieren und sie bis 2050 global auf null herunterfahren. Und wir müssen eine zweite gewaltige Aufgabe bewältigen, nämlich CO₂ wieder aus der Atmosphäre entfernen. Das nennt man Overshoot-Management. Wenn es gelingt, die Kurve der Erderwärmung bei etwa 2,5 Grad Celsius zu stoppen und dann wieder zurückzubiegen, könnten wir die wichtigsten Kippelemente im Erdsystem vermutlich schützen. Dafür müssten wir pro Jahr rund zehn Milliarden Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre entfernen, und zwar über einen Zeitraum von 100 oder gar 200 Jahren.

Wir müssen einerseits die Emissionen entschlossen reduzieren und sie bis 2050 global auf null herunterfahren. Und wir müssen CO₂ wieder aus der Atmosphäre entfernen. Das nennt man Overshoot-Management.“
Das Überschießen der Zwei-Grad-Marke würde eine weitere enorme Anstrengung erfordern, um die Menschheit an das extremere Klima anzupassen. Aber dann wäre wenigstens die Perspektive einer Rückkehr in erträgliche Verhältnisse erkennbar. Dennoch sollten wir uns nichts vormachen: Das Zurückbiegen der Temperaturkurve durch aktive CO₂-Extraktion wäre vermutlich das größte industrielle Projekt in der Geschichte der Menschheit.

ne: Kann das funktionieren? Zehn Milliarden Tonnen CO₂ pro Jahr entsprechen der Menge, die die Menschheit derzeit in einem Vierteljahr in die Atmosphäre bläst.

Schellnhuber: Es ist möglich. Es gibt zwei sinnvolle Lösungsansätze, um Kohlenstoff in großem Stil langfristig einzulagern: erstens in die gebaute Umwelt und zweitens in die Böden. Das heißt: Gebäude werden in Kohlenstoffspeicher verwandelt, indem man mit nachwachsenden Rohstoffen baut, die beim Wachstum das CO₂ aus der Atmosphäre aufgenommen haben. Also Holz, Bambus, Stroh und Lehm statt Beton, Stahl, Glas, Plastik. Nebeneffekt: Man könnte mit den heutigen Verfahren dann auch besseren Wohnraum für viele Millionen, vielleicht sogar Milliarden Menschen schaffen. Bei den Böden geht es darum, sie dank veränderter landwirtschaftlicher Praktiken von einer CO₂-Quelle zur CO₂-Senke zu machen, vor allem mit schonender Bearbeitung und dem Einlagern von kohlenstoffhaltigen, aus Pflanzen gewonnenen Biomaterialien. Mit diesen Hebeln könnte man in die nötigen Dimensionen vorstoßen. Man braucht dazu kein Geoengineering mit Schwefelinjektion in die Atmosphäre oder Meeresdüngung mit Algen, wie es manchen vorschwebt.

ne: Bewegt sich etwas in diese Richtung?

Schellnhuber: Durchaus, wie ein Beispiel aus Baden-Württemberg zeigt. Dort werden schon heute 40 Prozent der neuen Ein- und Zweifamilienhäuser in Holzbauweise errichtet – dank Förderung, aber auch weil es schön und gesund ist, in diesen Häusern zu leben. Das muss jetzt noch bei höheren Gebäuden und im Gewerbebau zum Standard werden; technisch und hinsichtlich der Ressourcenverfügbarkeit ist das kein Problem. Also, hier sind wir auf dem Weg. Es braucht jedoch eine Anpassung der Bauvorschriften, die überwiegend noch aus der Zeit während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg stammen. Damals versuchte man, Gebäude im wahrsten Sinne des Wortes bombensicher zu machen. Heute steht der moderne Holzbau dem Beton- oder Stahlbau in nichts nach. Im Gegenteil: Für die meisten Gebäudetypen ist er genauso tragfähig und oft sogar widerstandsfähiger gegenüber Feuer und Erdbeben. Und auch beim zweiten großen Hebel, der Kohlenstoffspeicherung in Böden, gibt es überzeugende Beispiele aus der Praxis. Eine davon ist die Bodenbearbeitung ohne tiefes Pflügen, wie sie etwa in Argentinien praktiziert wird – Stichwort: Direktsaat. Hinzu kommen regenerative Methoden wie Agroforstsysteme oder Agrophotovoltaik, bei denen Bodenfruchtbarkeit, Kohlenstoffeinlagerung und Flächennutzung gleichzeitig profitieren.

ne: Kann man mit solchen Methoden nach einem Überschießen auf vielleicht 2,5 Grad wieder auf 1,5 Grad herunterkommen?

Schellnhuber: Das ist grundsätzlich möglich. Würde man die Emissionen schon vor der Jahrhundertmitte auf null bringen und alle Potenziale der Klima-Baurevolution sowie der naturbasierten Lösungen inklusive Aufforstung und Wiedervernässung von Mooren ausschöpfen, könnte man langfristig sogar einen Rückgang auf plus ein Grad anpeilen, was eine verträgliche Erderwärmung wäre. Das halte ich allerdings erst weit im kommenden Jahrhundert für möglich.

ne: Ist das realistisch?

Schellnhuber: Technisch ist es machbar. Vermutlich wird es so aber nicht passieren.

ne: Was halten Sie für wahrscheinlich?

Schellnhuber: Wahrscheinlich werden sowohl die Emissions-Null als auch das Entfernen von CO₂ aus der Atmosphäre zu spät umgesetzt. Das verlängert die erhöhte Temperaturkurve in die Zukunft, und das Zurückführen des Overshoots dauert länger. Das bedeutet dann, dass wir die ersten Klimakipppunkte leider überschreiten. Das dürfte die wichtigen tropischen Korallenriffe schwer schädigen, eventuell sogar komplett vernichten. Die entscheidende Frage ist, wie die Eisschilde von Grönland und der Antarktis reagieren, weil das über die Bewohnbarkeit der Küstenzonen der Erde entscheidet, und welche Folgen das für den Golfstrom und seine Wirkung auf Europa hat. Ob die Eisschilde ein temporäres Überschießen der Temperatur über zwei Grad halbwegs intakt überstehen oder eine irreversible Abschmelzdynamik in Gang kommt, ist aktuell die spannendste wissenschaftliche Frage überhaupt.

ne: Was gibt Ihnen nach mehr als 30 Jahren in der Klimawissenschaft angesichts der fossilen Renaissance Mut, weiter an diesen Themen zu forschen?

Wir werden immer wieder ein paar überraschende Möglichkeiten finden, die Welt zu retten.“
Schellnhuber: Wir wissen heute, dass der nötige Umbau der globalen Energieversorgung technisch machbar ist. Die Entwicklung der erneuerbaren Energien in China ist dabei nicht nur ein Hoffnungsschimmer, sondern ein sehr heller Hoffnungsstrahl. Die Dinge bewegen sich zwar zunächst später und erst mal langsamer, als man es erhofft hat. Aber dann kommen sie mit ungeheurer Kraft. Mich persönlich ermutigt beispielsweise, dass es möglich war, neue Konzepte für das Overshoot-Management zu entwickeln, und dass diese Konzepte international aufgegriffen werden. Vor zehn Jahren hat sich kaum jemand für ein grundlegend verändertes Bauwesen interessiert. Damals ging es höchstens um mehr Energieeffizienz und Fassadendämmung. Heute aber entsteht daraus ein ganzes Transformationsfeld: vom Neuen Europäischen Bauhaus (NEB) über die europäische Roadmap für kreislauforientiertes Bauen bis hin zu nationalen Strategien für kohlenstoffspeichernde Materialien. Das zeigt: Man kann immer wieder eine Tür öffnen, und man entdeckt dahinter einen Raum voller neuer Möglichkeiten. Die Reise hört nicht auf, die Neugier ist nach wie vor groß. Und wir werden immer wieder ein paar überraschende Möglichkeiten finden, die Welt zu retten.

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Kommentare (1)

Zitat von Herrn Schellnhuber: Wir werden immer wieder ein paar überraschende Möglichkeiten finden, die Welt zu retten.“ .............Dies aber nur, wenn wir den Klimawandel wirklich verstehen und das fällt selbst der Klimaforschung schwer. Neue Erkenntnisse hierüber liefert das Sachbuch "Warum wir versagen im Kampf gegen den Klimawandel"

29.03.2026 - 15:30 | Gernot Kloss

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