CO₂-Emissionen

CO₂ aus der Luft zurückholen: Welchen Nutzen haben Clean-up-Zertifikate?

Clean-up-Zertifikate könnten Europas CO₂-Bilanz fast halbieren, stellt eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung fest. Kritiker warnen jedoch vor einer gefährlichen Illusion und betonen, dass der Fokus auf CO₂-Vermeidung liegen sollte.
Von:  Bernd Skischally
08.05.2026 | 4 Min.
Staubsauger: Im Kanton Zürich betreibt das Schweizer Unternehmen Climeworks eine der weltweit ersten Anlagen zur CO₂-Abscheidung.
Staubsauger: Im Kanton Zürich betreibt das Schweizer Unternehmen Climeworks eine der weltweit ersten Anlagen zur CO₂-Abscheidung.
Climeworks / Julia Dunlop

Die Idee klingt bestechend einfach – und genau das macht sie verdächtig: Wer CO₂ in die Atmosphäre bläst, verpflichtet sich gleichzeitig, es später wieder herauszuholen. Nicht als vages Versprechen, sondern als Vertragspflicht, eingebettet in den europäischen Emissionshandel. Forschende des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) nennen dieses Instrument Clean-up-Zertifikate. Ihre im Februar 2026 im Journal of Environmental Economics and Management veröffentlichte Studie offenbart, wie viel an der Methode belastbare Ökonomie ist – und wie viel Wunschdenken.

Ausgestoßenes CO₂ wieder aus der Atmosphäre entnehmen

Das Prinzip, das PIK-Forscher Kai Lessmann, Co-Autor Ottmar Edenhofer und ihr Team vorschlagen, ist eine Übertragung der erweiterten Produzentenverantwortung auf die Klimapolitik: Wer eine Pfandflasche in Umlauf bringt, nimmt sie zurück – wer CO₂ emittiert, holt es aus der Atmosphäre zurück, so der Gedanke. Lessmann betont, dass es in Teilen der Wirtschaft längst Praxis sei, das Ausstoßrecht an eine Rückholpflicht zu koppeln. Ein Unternehmen erwirbt also nicht nur das Recht zu emittieren, sondern übernimmt zugleich die Pflicht zur CO₂-Entnahme – etwa durch Direct Air Capture (DAC): die technische Filterung von Kohlendioxid aus der Umgebungsluft.

Ausgangspunkt für die Berechnung der Clean-up-Zertifikate ist ein Restbudget von 14 Gigatonnen CO₂, das ab dem Jahr 2030 innerhalb der Europäischen Union insgesamt noch ausgestoßen werden darf, um das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens von 2015 nicht zu verfehlen. Im Modell der Studie wurde die Menge der von den Regierungen der EU vergebenen Clean-up-Zertifikate auf 17 Gigatonnen CO₂-Emissionen begrenzt. Für je zehn ausgegebene Clean-up-Zertifikate würden dann vier einfache Emissionsrechte vom Markt genommen werden, und die Firmen würden sich durch den Kauf dieser Zertifikate verpflichten, insgesamt 6,8 Gigatonnen CO₂ mehr zurückholen, als sie emittiert haben.

Europas Beitrag zum Klimawandel wird also fast halbiert.“ PIK-Studie

Im Ergebnis ist die Belastung aus CO₂-Handel und Klimaschäden laut den PIK-Forschenden um vier Prozent geringer als ohne Clean-up-Zertifikate. Der Kampf gegen die Erderhitzung werde dadurch enorm gestärkt, heißt es in einer Veröffentlichung des Instituts. „Statt der insgesamt 14 Gigatonnen CO₂ emittiert die EU dann ab dem Jahr 2030 unterm Strich, inklusive der Rückhol-Anstrengungen laut den Verpflichtungen, nur 7,2 Gigatonnen CO₂. Europas Beitrag zum Klimawandel wird also fast halbiert.“

Zwei Annahmen sind für den Erfolg des Modells entscheidend: Zum einen müssen die Kosten bei der Investitionsplanung mit einem kalkulatorischen Zinssatz diskontiert werden können. Zum anderen, und noch viel wichtiger: Die Kosten für Entnahmetechnologien wie DAC würden aufgrund des technologischen Fortschritts deutlich sinken. Das Direct-Air-Capture-Verfahren, bei dem CO₂ durch chemisch-technische Prozesse aus der Umgebungsluft entzogen wird, kostet aktuell noch mehrere Hundert US-Dollar pro Tonne – weit jenseits jeder wirtschaftlich tragfähigen Schwelle.

CO₂-Emissionen zu vermeiden, hat Priorität

Die fundamentalste Kritik im Zusammenhang mit Verfahren wie den Clean-up-Zertifikaten gibt es in der Debatte um die sogenannte Mitigation Deterrence. So wird die Sorge genannt, dass eine versprochene CO₂-Entnahme den Druck mindert, bereits jetzt die Emissionen zu senken. Wijnand Stoefs, Experte für CO₂-Entnahme bei der Rechercheplattform Carbon Market Watch in Brüssel, formuliert es deutlich: „Emissionsreduktion hat absolute Priorität, Entnahmetechnologien dürfen sie nicht untergraben.“ Denn die Atmosphäre lasse sich nicht austricksen – Entnahme könne Reduktionen zwar ergänzen, aber niemals ersetzen. „Solange die Zertifikate als Offsetting-Instrument einsetzbar sind, droht eine Verlangsamung der Dekarbonisierung statt deren Beschleunigung“, so Stoefs.

Emissionsreduktion hat absolute Priorität, Entnahmetechnologien dürfen sie nicht untergraben.“ Wijnand Stoefs, Carbon Market Watch

Auch das World Resources Institute warnt: Ohne separate Ziele für Emissionsreduktion und CO₂-Entnahme könne eine Abhängigkeit von Dekarbonisierungstechnologien die Klimaziele gefährden. Jetzt zu emittieren und später zu entfernen, sei nicht dasselbe, wie gar nicht erst zu emittieren – Treibhausgase richteten bereits während ihrer Verweildauer irreversible Schäden an, insbesondere wenn Kipppunkte überschritten werden.

Zusätzlich zeigt eine vom Öko-Institut für Carbon Market Watch erstellte Analyse aus dem Jahr 2025, dass die EU-Zertifizierungsmethodiken für CO₂-Entnahme in Schlüsselbereichen hinter den Standards des sogenannten Clean Development Mechanism zurückbleiben – eines Instruments, das die EU wegen Integritätsmängeln aus dem Emission Trading System (ETS) verbannt hatte.

Fördern Fehlanreize leichtsinniges Verhalten von Unternehmen?

Das Potsdamer Forschungsteam ist sich dieser möglichen Einwände offenbar bewusst. So adressiert die Studie explizit das viel diskutierte Problem des moralischen Risikos, wonach Unternehmen sich aufgrund ökonomischer Fehlanreize verantwortungslos oder leichtsinnig verhalten und somit das ursprüngliche Problem noch verstärken. Die PIK-Veröffentlichung liefert allerdings einen zentralen Gegeneinwand: Werden Clean-up-Zertifikate nicht zusätzlich ausgegeben, sondern ausschließlich gegen bestehende Emissionsrechte getauscht, bleiben die CO₂-Preise und Mitigationsanreize intakt. Zudem schlagen die Autoren die Gründung einer Europäischen Kohlenstoff-Zentralbank als institutionellen Rückversicherer vor.

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