neue energie: Obwohl wir wissen, wie der anthropogene Klimawandel funktioniert und welche Folgen er hat, steigen die CO₂-Emissionen immer weiter. Haben Politik und Wirtschaft ein Erkenntnisproblem, Herr Stöcker?
leitet seit 2016 an der HAW Hamburg den Master-Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte, die sich mit der Wechselwirkung von digitaler Medientechnologie und Öffentlichkeit befassen. Zuvor arbeitete der promovierte Psychologe als Redakteur im Wissenschaftsressort von Spiegel Online. In seinem Buch „Männer, die die Welt verbrennen“ von 2024 enthüllte Stöcker die Hintergründe und Hauptverantwortlichen der globalen Kampagne der Fossilindustrie gegen die Energiewende, darunter etliche Konzernchefs, politische Entscheider und Medienschaffende.
ne: In Ihrem Buch „Männer, die die Welt verbrennen“ nennen Sie Unternehmen, Lobbyorganisationen und politische Akteure, die den Klimaschutz ausbremsen. Weshalb ist es wichtig, diese Verantwortlichkeiten konkret zu benennen?
Stöcker: Das ist absolut zentral. Wenn Sie sich aktuell eine beliebige Diskussion über Klima- und Energiepolitik anhören, wird irgendwann jemand sagen: „Das Problem ist, dass die Leute nicht selbst die Verantwortung übernehmen, weniger fliegen und Fleisch essen.“ Das ist zwar nicht ganz falsch, aber es nimmt die Verantwortlichen, nämlich die Fossilindustrie und die von ihr beeinflussten Politiker, komplett aus der Pflicht. Sie zu benennen, ist dringend nötig.
ne: Wen zum Beispiel?
Stöcker: US-Präsident Barack Obama wollte 2009 einen CO₂-Preis einführen. Das Repräsentantenhaus hatte das Gesetz bereits verabschiedet. Doch dann mobilisierte der Multimilliardär Charles Koch seine vermeintlichen Graswurzelorganisationen und bezahlten Demonstranten, entzog republikanischen Befürwortern des Gesetzes Spenden und schob den innerparteilichen Gegnern des Gesetzes große Geldbeträge zu – unter der Voraussetzung, dass sie die Klimakrise leugnen. So sorgte er dafür, dass das Gesetz im Senat keine Chance hatte; es kam gar nicht erst zur Abstimmung. Ein einzelner Ölmagnat manipulierte die parteiinterne Debatte der Republikaner und verhinderte ein Gesetz, das uns allen geholfen hätte.
ne: Woran machen Sie das fest?
ne: Welche Rolle spielt dabei die gezielte Desinformation?
Stöcker: Eine sehr große. Das wird unter anderem aus den Gerichtsakten eines Prozesses gegen RWE vor 20 Jahren deutlich. Darin kann man beispielsweise nachlesen, dass die Anwälte des Energiekonzerns behaupteten, der Zusammenhang zwischen CO₂-Emissionen und Erderwärmung sei wissenschaftlich nicht gesichert. Das war Desinformation in Reinform.
ne: Ein Einzelfall?
Ein weiteres Beispiel war die absurde Behauptung, man könne mit Photovoltaikanlagen auf dem Dach Wasserstoff herstellen und deshalb seine Gasheizung behalten. Auch das ist Quatsch. Die Botschaft suggeriert den Menschen aber, man müsse nichts gegen den Klimawandel tun, weil sie künftig angeblich CO₂-neutral mit ihrer Gasheizung heizen könnten. Die Wirkung solcher Erzählungen besteht darin, Sorglosigkeit zu erzeugen und den Eindruck zu vermitteln, dass sich am bestehenden System nichts Grundlegendes ändern müsse.
ne: Je deutlicher die Folgen des Klimawandels zutage treten, desto geringer scheint seine gesellschaftliche und politische Dringlichkeit zu werden. Wie erklären Sie sich das?
Stöcker: Das ist ein Irrtum. Es ist das erfolgreichste Stück Meta-Desinformation überhaupt. Es stimmt nicht, dass die Menschen die Energiewende nicht mehr wollen. Im KfW-Energiewendebarometer sagen mehr als 80 Prozent der Deutschen, die Wende sei wichtig oder sehr wichtig. Im ZDF-Politbarometer antwortete auf die Frage, ob die Energiewende zu schnell, zu langsam oder gerade richtig vorangehe, eine deutliche Mehrheit: zu langsam. Nur eine Minderheit hält das Tempo für zu hoch. Bei den unter 35-Jährigen sagen sogar rund zwei Drittel, es gehe zu langsam. Auch internationale Befragungen kommen auf solche Größenordnungen. In einer Studie mit Menschen aus 125 Ländern antworteten 89 Prozent, ihre eigene Regierung solle mehr gegen die Klimakrise tun. Andere Studien der Vereinten Nationen und kommerzieller Akteure kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Dass das Thema angeblich in den Hintergrund getreten sei, ist eine medial-politisch hergestellte Fiktion, die inzwischen auch die Parteien selbst glauben.
ne: Warum schlägt sich die Haltung der Bevölkerung so wenig in der Politik nieder?
ne: Desinformation ist nur eines der Instrumente. Inzwischen erleben wir direkte politische Eingriffe gegen den Ausbau der erneuerbaren Energien. Ist das ein Zeichen dafür, wie verbissen die Branche um ihr Geschäftsmodell kämpft?
Stöcker: Es ist ein Indiz dafür. Donald Trump setzt als vehementer Fürsprecher der US-amerikanischen Ölindustrie um, was ihm reaktionäre Konzerne im sogenannten Project 2025 ins Aufgabenheft geschrieben haben: Er wickelt die Klimaforschung ab, setzt Klimawandelleugner als Wissenschaftsfunktionäre ein und sabotiert den Ausbau der Windkraft. Das alles geschieht, während die erneuerbaren Energien weltweit massiv ausgebaut werden. Selbst in den USA bestanden in den vergangenen Jahren mehr als 90 Prozent der neu ans Netz angeschlossenen Kapazitäten aus Sonne, Wind und Batteriespeichern, trotz Donald Trump und trotz dieses erbitterten Widerstands. Denn der Preisvorteil erneuerbarer Energien ist so groß, dass ihr Siegeszug nicht aufzuhalten ist – auch nicht von einem US-Präsidenten, der als Knochenbrecher für die Ölindustrie auftritt.
ne: Gab es in den vergangenen Jahrzehnten einen Moment, an dem ein anderer klimapolitischer Kurs möglich gewesen wäre?
Stöcker: Allerdings. Das schon erwähnte Waxman-Markey-Gesetz von 2009 in den USA hätte ein Wendepunkt sein können. Wenn man sich damals dazu bekannt hätte, dass CO₂-Emissionen Schäden erzeugen und sie marktwirtschaftlich eingepreist werden müssen, würden wir heute in einer anderen Welt leben.
ne: Was gibt Ihnen Anlass zur Hoffnung, dass wir die Klimakrise noch eindämmen können?