Interview

„CCS ist kein Ersatz für eine drastische Reduktion der Emissionen“

Felix Schenuit von der Stiftung Wissenschaft und Politik über mögliche wirtschaftspolitische Strategien, den Hochlauf von Carbon-Management-Technologien wie CCS zu unterstützen – ohne dabei den Ausstieg aus fossilen Energien zu verzögern.
Interview: Astrid Dähn
05.04.2024 | Aktualisierung: 05.04.2024 | 8 Min.

neue energie: Die Bundesregierung hat gerade ihr Konzept für eine ‚Carbon-Management-Strategie‘ vorgestellt. Was halten Sie davon?

Felix Schenuit: Erst mal ist es gut, dass diese Eckpunkte jetzt vorliegen. Das ist noch keine fertige Strategie. Aber es ist ein Fortschritt, dass die Bundesregierung zumindest mal ihre Prioritäten dargelegt hat. Daraus wird klar, dass Treibhausgasneutralität ohne Carbon Capture and Storage nicht erreichbar ist; dass CCS aber auch kein Ersatz für eine drastische Reduktion der Emissionen ist. Und was auch deutlich wird: CCS ist nicht gleich CCS. Es gilt, zu unterscheiden zwischen CCS, das in der Industrie angewendet wird, und CCS, das zur CO2-Entnahme aus der Atmosphäre führt, zu sogenannten Negativemissionen.

ne: Das klingt aber alles nicht sehr konkret...

Schenuit: Nein, das Greifbarste an dem Eckpunktepapier ist die Novelle des Kohlendioxid-Speicher-Gesetzes, das dem Entwurf zufolge demnächst Kohlendioxid-Speicher- und Transportgesetz heißen wird. Anders als bisher sollen danach Transport und Speicherung von CO2 erlaubt und damit die rechtlichen Hürden für CCS in Deutschland ausgeräumt werden. Der Entwurf dazu befindet sich derzeit in der Ressort-Abstimmung und soll noch in diesem Jahr beschlossen werden.

ne: Gibt es aus Ihrer Sicht wichtige Punkte, die der Strategieentwurf unberücksichtigt lässt?

Schenuit: Was fehlt, ist eine Präzisierung der geplanten Förderbedingungen, also etwa zu unterscheiden, welche CCS-Anwendungen staatlich unterstützt werden und welche nicht. Wirtschaftsminister Habeck hat zwar klargemacht, dass CCS in Gaskraftwerken nicht verboten, aber auch nicht gefördert werden soll. Wie eine Differenzierung für weitere CCS-Anwendungen am Ende genau aussehen soll, wurde jedoch bislang nicht festgelegt. Da müsste die Bundesregierung in der finalen Strategie noch Details liefern, etwa durch eine Präzisierung des Begriffs ‚schwer vermeidbare Emissionen‘. Diese Konkretisierung ist auch für den Abgleich des deutschen Vorgehens mit den Entwicklungen auf europäischer Ebene wesentlich.

ne: Die EU-Kommission hat kürzlich ebenfalls ein Carbon-Management-Konzept vorgelegt. Wie passen die Vorschläge der Bundesregierung in den europäischen Rahmen? Zeichnen sich Unstimmigkeiten ab?

Schenuit: Auch die Strategie der Kommission ist nur ein erster Aufschlag, mit ihr sind noch keine konkreten Gesetzgebungsvorschläge verbunden. Damit wird sich dann die nächste Kommission nach den Europawahlen im Juni befassen. Tatsächlich ist aber schon jetzt die eine oder andere Spannung zwischen den beiden Initiativen erkennbar. Ein zentraler Unterschied besteht etwa darin, dass die deutschen Eckpunkte CCS vor allem für ‚schwer vermeidbare Emissionen‘ vorsehen, also etwa für Industrien wie Zement, Kalk, oder die Abfallverbrennung. Auf europäischer Ebene ist der Anwendungsfokus dagegen breiter gefasst. Den Modellierungen in ihrem Strategiepapier zufolge geht die EU-Kommission zum Beispiel davon aus, dass der Einsatz von CCS in der fossilen Stromproduktion noch bis 2050 zunehmen wird. Dabei sollte die Priorität hier eindeutig auf dem Umstieg auf erneuerbare Energien liegen, um Kohlendioxid einzusparen. Das ist ein Punkt, der in Deutschland für Irritationen gesorgt hat und sicher auch in Brüssel weitere Debatten nach sich ziehen wird.

ne: Aber nicht der einzige...

Schenuit: Nein, es wird in Zukunft auch Diskussionen um die Frage geben, wo das künftige CO2-Transportnetz verlaufen soll. Da haben die verschiedenen Mitgliedsstaaten und Regionen jeweils eigene Interessen. Umso wichtiger ist es, dass die Kommission ihr Konzept mit dem Zielbild eines europäischen Binnenmarkts für Carbon Management vorgestellt hat. Es reicht eben nicht, wenn jeder Mitgliedsstaat seine eigene Strategie entwickelt. Denn Industrie-Cluster hören ja auch nicht an den Staatsgrenzen auf. Insofern ist es ist wichtig, das europäisch zu denken.

ne: Und welche Rolle kann Deutschland innerhalb eines solchen CO2-Binnenmarkts spielen?

Schenuit: Eine zentrale. Zum einen wegen der geografischen Lage. Deutschland hätte das Potenzial, als eine Art Transitland für den Transport zu fungieren, weil die Nordsee voraussichtlich große Speicherkapazitäten für CO2 bietet. Zum anderen sind hierzulande viele große Industriebetriebe angesiedelt, also große Punktquellen für Kohlendioxid. Deshalb ist es für Deutschland von besonderem Interesse, das CO2-Transportnetzwerk in Kooperation mit anderen Mitgliedstaaten gut auszubauen.

ne: Diese Einsicht ist doch eigentlich nicht neu. Weshalb kocht die Debatte um eine Carbon-Management-Strategie erst jetzt so richtig hoch?

Schenuit: Carbon Management war in Deutschland lange Zeit ein toxisches Thema in der Klimapolitik. Nachdem CCS in Verruf geraten war, weil man die Technik vor 15 Jahren in Kohlekraftwerken einsetzen wollte, hat sich niemand mehr an die Sache herangetraut. Aber jetzt ist der Druck hoch, denn die Politik hat gemerkt, dass sie sich auch mit den unbequemen Emissionen auseinandersetzen muss, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen tatsächlich, wie beschlossen, auf netto Null sinken soll. Gleichzeitig wird klar, dass Carbon Management langfristig eine standortpolitische Frage ist. Wenn die Produktion komplett emissionsfrei werden muss, aber kein Anschluss an eine entsprechende Carbon-Management-Infrastruktur für schwer vermeidbare Emissionen besteht, dann hat die Industrie möglicherweise an dem Standort keine Zukunft mehr.

ne: Wobei es beim Carbon Management aber nicht nur um die Dekarbonisierung von Industrieanlagen geht...

Schenuit: Nein, Carbon Management ist ein Sammelbegriff, der im Grunde für drei Gruppen von Technologien steht. Das eine ist CCS in der Industrie, wobei zum Beispiel das in der Kalk- oder Zementproduktion anfallende CO2 abgetrennt, abtransportiert und am Ende an einem geeigneten Speicherort unterirdisch verpresst wird. Der zweite Ansatz besteht darin, CO2 nach der Abscheidung als Ressource zu nutzen, zum Beispiel als ein Grundbaustein für die Chemieindustrie, das nennt sich dann CCU, Carbon Capture and Utilization. Die dritte Variante ist die CO2-Entnahme aus der Atmosphäre, zum Beispiel durch die Verbrennung von Biomasse mit anschließender Abtrennung und Speicherung von CO2 oder durch Direct Air Capture, wobei man das Kohlendioxid mit technischen Mitteln direkt aus der Luft filtert. Der Grundgedanke ist in beiden Fällen ähnlich, nur dass die Pflanzen das im Verbrennungsprozess abgetrennte Kohlendioxid zuvor durch ihre Photosynthese aus der Luft geholt haben. Indem man das Gas nun unter die Erde verpresst, erzeugt man mit beiden Varianten negative Emissionen, entzieht also der Atmosphäre CO2.

ne: Kritiker befürchten, dass die Einführung von Carbon-Management-Technologien in großem Stil die weltweiten CO2-Sparbemühungen und damit den Klimaschutz konterkarieren könnte. Wie schätzen Sie die Gefahr ein?

Schenuit: Das ist ernstzunehmen. Um etwa zu verhindern, dass die Technologien die Lebensdauer der fossilen Kraftwerke verlängern, muss die Förderpolitik entsprechend gestaltet werden. Das Bundeswirtschaftsministerium hat bereits verkündet, CCS an Gaskraftwerken nicht unterstützen zu wollen. Das scheint mir ein sinnvoller Weg, um ein Signal zu setzen, wozu Carbon Management nicht genutzt werden sollte.

ne: Weshalb hat die Bundesregierung dann überhaupt ihre bisherige Linie geändert und CCS in der Stromerzeugung zugelassen?

Schenuit: Das hat Gründe auf verschiedenen Ebenen, denke ich. Einerseits hat das eine europäische Dimension. CCS in Gaskraftwerken national zu verbieten, während die Technologie gleichzeitig auf EU-Ebene zum Beispiel bereits in den ETS eingebunden ist, wäre schwierig. Andererseits liegt das vermutlich an der Debatte innerhalb der Koalition. Die Diskussion über CCS in Gaskraftwerken ist in den Verhandlungen erst spät ins Spiel gekommen.

ne: Zuvor hat die Bundesregierung für die Dekarbonisierung systemrelevanter Gaskraftwerke immer auf einen Wechsel zu Wasserstoff als Brennstoff gesetzt...

Schenuit: Stimmt, das setzt aber voraus, dass ausreichend grüner, mit Erneuerbaren-Strom produzierter Wasserstoff zur Verfügung steht. Und erdgasbasierter blauer Wasserstoff erzeugt bei seiner Herstellung ebenfalls CO2, das mittels CCS beseitigt werden muss.

ne: Wie sehen andere Länder das Thema? Ist es im Ausland eher konsensfähig, CCS auch für die Fossilindustrie zu nutzen?

Schenuit: In Teilen schon. In Europa sagen beispielsweise Polen und Ungarn ganz explizit, dass sie das Verfahren einsetzen wollen, im Zweifel sogar in bestehenden Kohlekraftwerken. In anderen Weltregionen stellt sich die Situation grundsätzlich anders dar. Indien und China etwa bauen heute noch viele neue Kohlekraftwerke. Dort gibt es keine Diskussion über eine Verzögerung der Energiewende durch CCS, vielmehr betrachten die Regierungen die Technologie als Chance zu verhindern, dass die neuen Meiler über ihre gesamte Lebensdauer hinweg CO2 in die Atmosphäre ausstoßen. CCS wird dort eher als pragmatischste Klimaschutzoption gewertet. Trotzdem gilt auch hier: Man muss aufpassen, dass dieses Framing nicht als Feigenblatt missbraucht wird, um erstmal nichts tun zu müssen und die Lösung des Emissionsproblems in die Zukunft zu verschieben.

ne: Wie könnte man dem vorbeugen und zumindest in Europa sicherstellen, dass die Carbon-Management-Technologien ökonomisch und klimatechnisch möglichst effektiv eingesetzt werden?

Schenuit: Die entsprechenden Investitionsentscheidungen werden heute und in den kommenden Jahren getroffen. Also muss die EU die Förderanreize jetzt so ausgestalten, dass die richtigen Weichenstellungen erfolgen. Es geht darum, wirklich zu priorisieren, welche Art von CCS-Anwendung wir wollen.

Dies ist eine gekürzte Fassung des Interviews. Der vollständige Text ist in Ausgabe 04/2024 von neue energie erschienen.


 

Felix Schenuit

ist Mitglied im Forschungscluster Klimapolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Im Rahmen des Projekts „Governance der CO2-Entnahme“ hat der promovierte Politologe in den letzten Jahren an zahlreichen Studien zum Carbon Management und dem Aufbau eines europäischen CO2-Binnenmarkts mitgewirkt.

 

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