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Klimapolitik

„Wirklich ein Blackout“: Experte fordert Nachschärfung beim Klimaprogramm

Die Bundesregierung hat ihr neues Klimaschutzprogramm verabschiedet. Damit soll bis 2030 eine Treibhausgas-Minderung um 65 Prozent gegenüber 1990 erreicht werden. Umweltexperte Axel Friedrich fordert Nachbesserungen – sonst werde das Ziel verfehlt.
Interview: Joachim Wille
01.04.2026 | 5 Min.
Drohende Krise: Der Klimaschutzplan reicht aus Sicht von Experten nicht aus, um dem Klimawandel etwas entgegen zu setzen.
Drohende Krise: Der Klimaschutzplan reicht aus Sicht von Experten nicht aus, um dem Klimawandel etwas entgegen zu setzen.
Foto: David Mark, Pixabay

neue energie: Herr Friedrich, die Bundesregierung erwartet, dass dank Milliardenförderung viele Menschen auf E-Autos und Wärmepumpen umsteigen, damit die Nachzügler-Sektoren Verkehr und Gebäude beim Klimaschutz aufholen. Ist das realistisch?

„Wirklich ein Blackout“: Experte fordert Nachschärfung beim Klimaprogramm
Axel Friedrich

ist Verkehrs- und Umweltexperte. Er war bis 2008 Abteilungsleiter für Verkehr und Lärm im Umweltbundesamt. Bekannt wurde der promovierte Chemiker 2015 durch die Aufklärung des Dieselskandals bei Pkw, vor dem er zehn Jahre lang gewarnt hatte. Er hat die NGO International Council on Clean Transportation (ICCT) mitgegründet, die den Skandal mit aufdeckte. Heute berät er unter anderem Regierungen sowie Umweltverbände wie die Deutsche Umwelthilfe.

Axel Friedrich: Erwartungen sind keine Umsetzung. Damit die Erwartungen in reales Handeln münden, müssten die Anforderungen ambitionierter formuliert werden. Und vor allem darf Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nicht laufend gegenteilige Signale senden – wie zuletzt, als sie dafür plädierte, die Klimaneutralität der EU zu verschieben. Es braucht die klare Botschaft an die Menschen und die Wirtschaft: Gas und Öl sind keine Zukunftsenergien, auch nicht als Brückentechnologien. Denn diese Brücken tragen nicht.

ne: Elektroautos und Wärmepumpen sind technisch überlegen, weil sie die eingesetzte Energie besser ausnutzen als Verbrenner und fossile Heizungen. Das spricht sich langsam herum. Wird das kein Selbstläufer?

Friedrich: Es geht darum: Die Umstellung auf diese Technologien muss so schnell wie möglich umgesetzt werden. Da braucht es einen Turbo. Der Klimawandel beschleunigt sich immer mehr, aber man hat den Eindruck, das interessiert die breite Öffentlichkeit und damit auch die Politik nicht mehr. Man redet von Wasserstoff oder E- Fuels, die erheblich ineffizienter und teurer sind, mal abgesehen davon, dass sie in der nächsten Zukunft nicht verfügbar sein werden. Ein Beispiel: Wenn ein Einfamilienhaus heute einen Jahresverbrauch von 12.000 Kilowattstunden Erdgas hat, läge der Stromverbrauch mit einer effizienten Wärmepumpe unter 3000. Mit Wasserstoff als Energieträger wären es hingegen mehr als 12.000 Kilowattstunden, die erheblich höheren Energieverluste bei Herstellung, Speicherung und Transport kämen noch dazu. Von den Kosten ganz zu schweigen.

ne: Was schlagen Sie konkret vor, damit die Kosten etwa bei den Gebäuden im Rahmen bleiben?

Friedrich: Bei allen Maßnahmen muss man in der Tat auch die Kostenbilanz beachten. Es macht nicht viel Sinn, ein altes Haus sehr stark zu dämmen. Aus meiner Sicht reicht es, das Gebäude auf einen Energiebedarf von 100 bis 120 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr herunterzubringen. Das ist in der Regel mit kostengünstigen Maßnahmen wie einer Dämmung der obersten Geschoss- und der Kellerdecke möglich, und dann sollte man eine effiziente Wärmepumpe verwenden. Das ist spart Kosten und belastet auch das Stromnetz weniger.

ne: Im Klimaschutzprogramm kommt das Thema Energieeffizienz kaum vor. Wie erklären Sie sich das?

Friedrich: Hier herrscht wirklich ein Blackout, und das ist für mich völlig unverständlich. Die Energierichtlinie der Europäischen Union verlangt von den Mitgliedsstaaten und damit auch von Deutschland, den Primärenergieverbrauch bis 2030 um 26,5 Prozent zu verringern, bezogen auf das Jahr 2008. Bis 2024 hat die Reduktion nur 13 Prozent betragen. Bleibt es bei dieser Reduktionsrate, werden wir 2030 nur bei 18 bis 20 Prozent landen. Mit anderen Worten: Es bedarf dringend zusätzlicher Maßnahmen, um das Ziel für das Jahr einzuhalten.

ne: Wie könnte die Energieeffizienz gefördert werden?

Friedrich: Bei Förderprogrammen etwa im Gebäudebereich muss die Förderhöhe von der Energieeffizienz abhängig gemacht werden. Bisher erhält man zum Beispiel bei Wärmepumpen die gleiche Förderung für ein ineffizientes wie für eine hocheffizientes Gerät, obwohl der Wirkungsgrad bei der hocheffizienten Anlage zirka 80 Prozent höher ist. Dass muss geändert werden. Denn effiziente Geräte führen dazu, dass dann entsprechend weniger Heizkosten anfallen und zudem das Stromnetz weniger belastet wird.

ne: Gibt es dieses Problem auch bei der E-Auto-Förderung?

Friedrich: Hier ist es genauso. Bei einem Elektroauto bekommt man die gleiche Förderung, egal, ob der Wagen zwölf oder 24 Kilowattstunden pro 100 Kilometer braucht. Es ist für mich völlig unverständlich, dass es keine Verbrauchsobergrenze für Elektroautos gibt, aber eine für Staubsauger und Kühlschränke.

ne: Auch in der Industrie gibt es noch Einsparpotenziale. Was müsste hier für mehr Energieeffizienz geschehen?

Friedrich: In der Industrie gibt es schon Vorgaben für die Energieeffizienz, hier passiert relativ viel. Großen Nachholbedarf gibt es noch beim Thema Wärme-Rückgewinnung, etwa bei in der Chemie- und der Autoindustrie. Hier sind noch sehr große Potenziale vorhanden. Hier muss die Politik entsprechende Vorgaben machen.

ne: Und wie ist es bei den Haushalten? Braucht es, um die Potenziale zu heben, auch Einschränkungen beim Komfort? Weniger Autofahren, niedrigere Raumtemperaturen, weniger Elektronikgeräte? Oder kann alles so bleiben wie gewohnt?

Friedrich: Es kann nicht alles so bleiben wie es ist – das liegt doch auf der Hand. Der Klimawandel spitzt sich zu, die globalen Temperaturen steigen noch schneller als erwartet. Dass selbst eine kleine Einschränkung wie ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen und Landstraßen nicht eingeführt wird, zeigt, dass die Dramatik in der Politik nicht angekommen ist. Oder: Warum hat man die wegen der von Putin ausgelösten Energiekrise 2022 eingeführte Heizgrenze von 19 Grad Celsius in öffentlichen Gebäuden wieder abgeschafft? Das und viele andere Maßnahmen könnten uns jetzt, in der neuesten, der Trumpschen Energiekrise helfen.

ne: Sollte das Klimaschutzprogramm ergänzt werden?

Es braucht dringend eine Überarbeitung des ganzen Klimaschutzprogramms."
Friedrich: Unbedingt. Denn es gibt leider zu viele Leerstellen. Es werden ja nicht einmal die einfach umzusetzenden technischen Möglichkeiten zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen genutzt – etwa bei Methan. Man muss wissen, Methan ist pro Gramm mehr als 82-mal so klimaschädlich wie CO2 und für mehr als ein Drittel der globalen Temperaturerhöhung verantwortlich. Die Methan-Minderung, etwa bei Biogas- und Kläranlagen sowie in der Öl- und Gasindustrie ist sehr kostengünstig, oft werden dabei sogar Kosten eingespart. Doch dazu steht im neuen Klimaschutzprogramm kein einziges Wort – und das, obwohl Deutschland sich gemeinsam mit vielen anderen Ländern auf dem UN-Klimagipfel 2021 in Glasgow verpflichtet hat, die Methanemissionen bis 2030 um mehr als 30 Prozent zu verringern. Bisher liegt noch nicht einmal ein Minderungsplan vor, von einer Umsetzung von Maßnahmen ganz zu schweigen. Wenn nicht einmal das ins Klimaschutzprogramm aufgenommen wurde, braucht es dringend eine Überarbeitung des ganzen Projekts.

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