Die Zeit läuft: Bereits in den 2030er Jahren könnte die Erderwärmung erstmals die Grenze von zwei Grad Celsius überschreiten, falls die Weltgemeinschaft nicht entschlossener handelt. Doch selbst wenn die Staaten der Erde die Emissionen rasch auf null senken würden, wäre das nicht ausreichend, um die Temperatur auf einem vertretbaren Niveau zu stabilisieren. Die Konzentration von Kohlendioxid in der Atmosphäre ist bereits höher als 425 ppm (Teile pro Million Teile Luft), fast 150 ppm mehr als in vorindustrieller Zeit; und die Klimaforschung weist seit Jahren darauf hin, dass ohne die aktive Entnahme von CO2 aus der Atmosphäre das Überschreiten von Kipppunkten kaum mehr zu verhindern ist. Vor diesem Hintergrund hat der Thinkinktank Energy Watch Group (EWG) nun in einem Policy-Paper den Vorschlag einer Abkühlung des Planeten durch den großflächigen Anbau von Makroalgen auf den Weltmeeren durchdekliniert.
Es gibt eine Reihe von Ideen, um die CO2-Konzentration in der Atmosphäre abzusenken – technische, wie die Injektion von Schwefelverbindungen in oberen Luftschichten, um die Sonneneinstrahlung zu dimmen, und natürliche wie die Wiederaufforstung und die Wiedervernässung trockengelegter Moore. Das Anlegen von schwimmenden Algenfarmen, ebenfalls seit Längerem diskutiert, ist gewissermaßen ein Mittelding dazwischen. Laut EWG ließen sich damit binnen vier Jahrzehnten rund 1700 Milliarden Tonnen CO2 binden – rund die Hälfte der seit Beginn der Industrialisierung entstandenen Emissionen. Damit könne die CO2-Konzentration auf 350 ppm und die Erwärmung mittelfristig auf rund ein Grad Celsius reduziert werden.
Algen als Rohstoffe, CO2-Speicher und Wirtschaftsfaktor
Entstehen sollen die Farmen vorzugsweise in den subtropischen Wirbelzonen der Ozeane – also großräumigen Strömungssystemen wie dem Nordpazifk- oder dem Südatlantik-Wirbel, in denen kaum Fischerei oder Schifffahrt stattfindet. Dort würden schwimmende Plattformen oder Netzkonstruktionen mit schnell wachsenden Makroalgen wie etwa Braunalgen besetzt werden. Diese Gebiete gelten als besonders geeignet, weil dort vergleichsweise stabile Strömungen herrschen und die Farmen frei treiben könnten.
Die Initiative trägt den Namen Mission #BioOcean2040 und soll nach dem Willen der EWG eine Art globales Investitions- und Forschungsprogramm anstoßen. Die Ozeane würden dabei nicht nur zum CO2-Speicher, sondern auch zu einem Ort neuer Wertschöpfungsketten. In der Veröffentlichung heißt es, das sogenannte Ocean-Farming könne „neue nachhaltige Wirtschaftssysteme schaffen, insbesondere für Länder des Globalen Südens“. So könnten neue Arbeitsplätze und Exportmöglichkeiten entstehen – und zugleich ein ökologischer Nutzen, da Algenfarmen die Meere auch von Übersäuerung entlasten und Lebensräume für Fische und andere Arten bieten.
Riesenfarmen bergen ökologische Risiken
Auch renommierte Wissenschaftsakademien in den USA (National Academies of Science, Engineering, and Medicine) haben das Ocean-Farming 2022 in einer Untersuchung von meeresbasierten Methoden zur Kohlenstoffentnahme positiv bewertet. Darin heißt es: Die Kultivierung von Großalgen sei ein vielversprechender Ansatz, um große Mengen CO2 zu binden, dauerhaft zu speichern und dabei als Zusatznutzen neue Arbeitsplätze zu schaffen.
Doch die Idee hat auch Schattenseiten. Einige Forschende haben etwa davor gewarnt, dass derartige Riesenfarmen ökologische Risiken bergen könnten. Algen verbrauchen Nährstoffe, die dem Phytoplankton fehlen könnten, das die Basis mariner Nahrungsketten bildet. Eine 2023 veröffentlichte Studie der Universität Nantes weist darauf hin, dass Makroalgen-Kulturen erhebliche Mengen an Stickstoff und Phosphor binden und damit die Verfügbarkeit für andere Organismen einschränken könnten. Allerdings zielt der EWG-Vorschlag auf die Nährstoffe in einigen Hundert Metern Tiefe, die an die Oberfläche transportiert werden; dadurch soll es keine Nahrungskonkurrenz zum Phytoplankton geben. Auch die Auswirkungen auf die Artenvielfalt, die Lichtverhältnisse in der Wassersäule oder auf Meeressäuger sind bislang kaum erforscht.
Investitionen in Milliardenhöhe erforderlich
Als weiteres Problem gilt die Anfälligkeit der Algenkulturen. Bereits bestehende Algenfarmen in Asien, die dort vor allem für die Nahrungsmittelproduktion dienen, haben regelmäßig mit Schädlingsbefall und Krankheiten zu kämpfen. Forschende bringen vor, dass dies bei globalen Großprojekten die Stabilität und Planbarkeit der CO2-Bindung erheblich gefährden könnte.
Trotz aller Einwände und möglicher Probleme hält die EWG an ihrem Vorschlag fest: „Algenfarmen sind eine wichtige Lösung, um den Planeten abzukühlen“, heißt es in dem Positionspapier. Nur wenn diese Säule neben Emissionsminderung und Anpassung trete, könnten die internationalen Klimaziele überhaupt noch in Reichweite bleiben.
