Ganz in der Nähe, in Sichtweite der Baustelle, steht das Atomkraftwerk Brokdorf. Die alte Welt, wenn man so will. An der neuen Welt wird an diesem Sommertag noch gewerkelt. Über Stahltreppen geht es in die Baugrube hinunter, die Sohle liegt 21 Meter unterhalb der Ackerkrume der holsteinischen Wilstermarsch. Seit Februar 2025 frisst sich Elsa, die 190 Meter lange Tunnelvortriebsmaschine, rund um die Uhr durch Lehm, Sand, Kies und Torf. Hinter ihrem Bohrschild kleidet sie das Loch mit insgesamt 24.000 Tübbingen aus, das sind vorgefertigte Betonsegmente.
Ende Juni erreichte Elsa ihr Ziel in Wischhafen auf der anderen Elbseite. Von dort werden die Kabel komplett unterirdisch in den Süden der Republik geführt. Eine Schneise von 40 Metern muss dafür von Nord nach Süd geschlagen werden. Nach der Fertigstellung wird Landwirtschaft auf der Trasse wieder möglich sein, denn die Kabel liegen mindestens anderthalb Meter unter der Oberfläche. Freileitungen hätten nur ein Drittel gekostet, halten länger und sind zudem bei technischen Defekten schneller zu reparieren. Doch Widerstände in den Gemeinden gegen die „Monstertrassen“ führten dazu, dass der Gesetzgeber Suedlink komplett unter die Erde verbannte: teuer erkaufte Akzeptanz.
Suedlink: Stromtrassen durchs Bergwerk
Von der Elbe aus verlaufen die beiden Suedlink-Trassen weitgehend parallel, bevor eine in Unterfranken abzweigt und bei Schweinfurt am Verknüpfungspunkt Bergrheinfeld endet. Die andere Trasse endet beim Netzverknüpfungspunkt Großgartach unweit von Heilbronn. Dort hat die EnBW-Tochter Transnet BW bereits zwei Konverterhallen fertiggestellt. Sie sind notwendig, wenn auf Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) gesetzt wird. HGÜ-Kabel sind reine Punkt-zu-Punkt-Verbindungen, also quasi Stromautobahnen ohne Abfahrten. Bei Wechselstromleitungen hingegen kann man unterwegs mittels eines Umspannwerks problemlos Strom abzapfen.
Nicht nur Konverterhallen, auch der Förderturm des Salzbergwerks Bad Friedrichshall ist in Großgartach zu sehen. 16 Kilometer der Kabel werden in 200 Meter Tiefe durch die Stollen des Bergwerks geführt. Es ist neben der Elbe das zweite große Sonderbauwerk im Trassenverlauf. Was Transnet BW in Oedheim am Kocher zu bewältigen hatte, war verglichen damit als Problem überschaubar: Weil man in einen Weinberg ansonsten hätte eine lange Schneise schlagen müssen – keine gute Idee in wertvollen Lagen –, unterquerte man den Rebhang per Horizontalbohrung von gut 900 Meter Länge.
Suedlink transportiert auf zwei weitgehend parallel laufenden Leitungen die im Norden gewonnene Windenergie über rund 700 Kilometer nach Bayern und Baden-Württemberg. Die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen (HGÜ) haben eine Leistung von insgesamt vier Gigawatt. Die Bauarbeiten für das 10-Milliarden-Euro-Projekt hätten bereits 2016 beginnen sollen, starteten aber erst 2023. Keiner der insgesamt sieben Trassenabschnitte ist bereits fertiggestellt, frühestens Ende 2028 kann Suedlink den Betrieb aufnehmen.
Ultranet verbindet das Rheinland mit Baden-Württemberg und bildet gemeinsam mit Suedlink den sogenannten Korridor A. Anders als bei Suedlink werden die Stromleitungen nicht unterirdisch verlegt, sondern über die mehr als 300 Kilometer weitgehend über Strommasten geführt. Die Bauarbeiten, die vor allem für die Umwandlung von Gleich- in Wechselstrom durch sogenannte Konverter nötig sind, wurden 2020 begonnen. Zum Jahresende soll Ultranet in Betrieb gehen.
Ultranet: vom Norden nach Baden-Württemberg
Einfacher hat es Transnet BW beim Projekt Ultranet – der zweiten HGÜ-Verbindung, die künftig aus dem Norden in Baden-Württemberg ankommen wird. Sie verläuft als Freileitung, die Leiterseile können komplett auf bestehenden Hochspannungsmasten geführt werden. Aufgrund der Geometrie der Masttraversen musste man die Spannung allerdings auf 380 Kilovolt beschränken.
98 Masten stehen auf der 42 Kilometer langen Ultranet-Strecke in Baden-Württemberg, einer davon am Mannheimer Rangierbahnhof. Ein Hubsteiger erlaubt eine Fahrt zur Spitze des Mastes. So eröffnet sich in 67 Meter Höhe der Blick über den Rangierbahnhof. „Wir mussten bis zu 27 Meter hohe Schutzgerüste innerhalb der Gleisanlagen errichten, um den Bahnverkehr auch während der Arbeiten zu gewährleisten“, sagt Klaus Kaufmann, Projektleiter Leitungsbau Netzprojekte bei Transnet BW. Auf dem Hochspannungsmast werden gerade die 32 Millimeter dicken Leiterseile aus stahlverstärktem Aluminium montiert.
Bereits Ende 2026 soll der erste Strom fließen, vor allem Windstrom. Von Emden werden HGÜ-Erdkabel über den sogenannten Korridor A nach Meerbusch-Osterath in Nordrhein-Westfalen geführt. Dort beginnt dann Ultranet und endet nach 340 Kilometern im nordbadischen Philippsburg. Zwei Leitersysteme mit einer Kapazität von zusammen 2000 Megawatt werden dort ankommen. Die Konverterhallen hier wurden auf der Fläche der einstigen Kühltürme des Atomkraftwerks Philippsburg gebaut. Das ist kein Zufall: Suedlink und Ultranet orientieren sich an den Standorten früherer Kernkraftwerke, genauer gesagt: an deren Netzinfrastruktur.
