Mehr als 280 Milliarden Euro bis 2037, weitere 80 Milliarden bis 2045 – so viel soll, ab heute gerechnet, der Ausbau des deutschen Stromübertragungsnetzes mindestens kosten. Im Dezember haben die vier Netzbetreiber 50 Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW den ersten Entwurf zum neuen Netzentwicklungsplan (NEP) vorgestellt. Mit Übertragungsnetz ist das Hochspannungsnetz gemeint, das dem überregionalen Stromtransport dient. Es wird in Deutschland von diesen vier Unternehmen betrieben. Die regionalen und lokalen Stromnetze werden Verteilnetz genannt.
Für alle Stromnetzbetreiber gilt: Kosten für Netzerweiterungen müssen ihnen keine Kopfschmerzen bereiten, denn sie werden über die Netzentgelte auf alle Stromverbraucher (außer einen Teil der Schwerindustrie) umgelegt. Jedes Projekt ist ein sicheres Geschäft, denn die Netzbetreiber bekommen für ihre Investitionen gesetzlich garantierte Renditen, und zudem werden die Projekte von der Bundesnetzagentur genehmigt.
Stromtransport wird in Deutschland nicht in Rechnung gestellt
An der europäischen Strombörse bezahlen alle Käufer, die in Deutschland Strom verbrauchen wollen, denselben Preis. Es ist also egal, wo der Strom erzeugt und wo er verbraucht wird – der Transport wird nicht in Rechnung gestellt. Seit den frühen 2010er Jahren wird der große und sehr teure Ausbau des Übertragungsnetzes mit dem Schlagwort „Windstrom für den Süden“ gerechtfertigt. Das ist Unsinn, denn die angeblich dafür vorgesehenen, sich mittlerweile um viele Jahre verspätenden Leitungen – vor allem das sogenannte Südlink – hätten auch dänischen Kohlestrom und schwedischen AKW-Strom transportiert. Kaum jemand fiel der Widerspruch auf, dass dieselben Bundes- und Landesregierungen, die während der gesamten 2010er Jahre den Ökostromausbau sabotierten, die großen Gleichstromtrassen für den weiträumigen Transport mit der Energiewende rechtfertigten. Die Stromnetzplanung hatte damals auch ganz offiziell nichts mit der Energiewende zu tun.
Nord-Süd: Innerdeutsches Strompreisgefälle
Jeder NEP rechnet mehrere langfristige Szenarien durch. Im aktuellen Entwurf ist über den Szenariorahmen zu lesen, dass er „die Entwicklung der nationalen und europäischen Energieversorgung abbildet“. Es gehe um eine Simulation des europäischen Strommarkts. Schon im März 2020 schrieb das damalige Bundesministerium für Wirtschaft und Energie auf seiner Website, dass die in der EU-Strommarktverordnung geforderten großen Austauschkapazitäten mit Nachbarländern „für erhebliche Engpässe im innerdeutschen Stromnetz sorgen“.
Das aktuelle Netzausbauszenario A verursacht Investitionen von geschätzt rund 283 Milliarden Euro bis 2037 und weiteren fast 80 Milliarden Euro bis 2045. In diesem Szenario wird aber „der gesetzlich vorgeschriebene Ausbaupfad der erneuerbaren Energien deutlich unterschritten“, wie im NEP-Entwurf zu lesen ist. Szenario B ist auf Linie der offiziellen Klimaschutzziele, kostet aber 17 Milliarden Euro mehr bis 2037 und weitere 24 Milliarden Euro bis 2045, verschlingt also mehr als 400 Milliarden Euro in den kommenden 19 Jahren.
Haben regionale Netze Vorteile?
Angesichts dieser hohen Summen stellt sich die Frage, wie viel es die Stromverbraucher zusätzlich zum heutigen Preisgefüge kosten würde, wenn der Netzausbau nicht stattfände. Darauf antwortet die gemeinsame Pressestelle der vier Netzbetreiber ausweichend: „Der gesetzliche Auftrag an die Übertragungsnetzbetreiber besteht darin, das Übertragungsnetz so auszubauen, dass ein weiträumiger Transport von Strom aus erneuerbaren Energien möglich wird. Ohne den weiteren Ausbau des Übertragungsnetzes könnte die Energiewende nicht weiter vorangetrieben werden.“
In den meisten liberalisierten Strommärkten außerhalb Europas werde darauf geachtet, so Mindrup, dass gehandelter Strom transportiert werden kann. Die Diskrepanz zwischen Strommarkt und Transportkapazität sorgt in Europa für die vielbeschworenen Netzengpässe, beispielsweise, wenn im Norden viel Wind weht. Dieses Modell macht dann sowohl teure kurzfristige Eingriffe ins Netz nötig als auch den noch teureren Netzausbau auf der Hochspannungsebene.