Netzbildende Batteriespeicher

„Wir können mit Speichern kurzfristige Störungen des Netzes ausgleichen“

Batteriespeicher reagieren meist auf die Strombörse. Doch für ein stabiles Netz reicht der Blick auf den eigenen Anschlusspunkt nicht aus: Volker Schöller, Geschäftsführer und Chief Technical Officer von Schoenergie, erklärt, wie eine netzorientierte Betriebsführung von Speichern lokale Engpässe erkennen und Anschlusspunkte besser ausnutzen kann.
22.09.2026 | 4 Min.
Volker Schöller ist Geschäftsführer und Chief Technical Officer von Schoenergie.
Volker Schöller ist Geschäftsführer und Chief Technical Officer von Schoenergie.
Foto: Schoenergie

neue energie: Was bedeutet „netzorientierte Betriebsführung“ bei Speichern konkret?

Volker Schöller

gründete 2008 gemeinsam mit seinen Brüdern die Schoenergie GmbH, ein deutschlandweit tätiger Dienstleister für nachhaltige Energielösungen. Seit der Gründung trägt er als Chief Technical Officer (CTO) die Verantwortung für die technologische Ausrichtung der Schoenergie Gruppe.

Volker Schöller: Wenn wir als Batteriespeicherbetreiber einen Netzeinspeisepunkt zugewiesen bekommen, dann sehen wir auf diesem Netzeinspeisepunkt grundsätzlich immer nur unser eigenes Verhalten. Das heißt, der Speicher kennt seine eigene Situation vor Ort, aber die Situation im Umspannwerk des Netzbetreibers kennt er nicht. Was macht er dann? Der Speicher schaut in Leipzig auf die Strombörse, um dort Energie günstig einzukaufen oder teuer zu verkaufen. In 95 Prozent der Fälle passt das Verhalten zum Bedarf vor Ort, denn: Wenn wir sehr viel Energie im Netz haben, ist der Strompreis niedrig und der Speicher möchte laden.

Aber eben nicht immer. Es kann beispielsweise lokal sehr viel Solarstrom erzeugt werden, während die Strompreise deutschlandweit gleichzeitig hoch sind. Dann möchte der Speicher aus wirtschaftlicher Sicht einspeisen – obwohl das lokale Netz beziehungsweise das Umspannwerk bereits stark belastet ist. Genau hier liegt der entscheidende Hebel: Wenn wir den Speicher nicht nur nach dem Börsenpreis, sondern zusätzlich nach der tatsächlichen Situation am Umspannwerk steuern, kann er gezielt auf lokale Netzengpässe reagieren. Er lädt, wenn vor Ort zu viel Erzeugung vorhanden ist, und speist ein, wenn entsprechende Kapazitäten verfügbar sind.

In Kombination mit Wind- oder PV-Anlagen wird dieses Prinzip besonders interessant. Denn auch Umspannwerke, die heute als vollständig ausgelastet gelten, sind nicht zu jeder Stunde tatsächlich voll ausgelastet. Diese zeitweise freien Kapazitäten können wir intelligent nutzen. So lassen sich zusätzliche Erzeugungsanlagen anschließen, vorhandene Netzinfrastruktur effizienter nutzen und lokale Schwankungen zwischen Erzeugung und Verbrauch besser ausgleichen.

ne: Was ist denn nötig, damit Speicher bei lokalen Schwankungen im Netz schnell einspringen können?

Schöller: Wir möchten gern im Umspannwerk messen, um die Möglichkeit zu haben, uns die Situation vor Ort anzusehen, zu bewerten und zu reagieren. Die Batteriespeicher regeln ihre Einspeisung aktuell auf den Netzanschlusspunkt. Das ist, als würde ich vor einem Spiegel stehen und nur mich sehen. Was aber hinter dem Spiegel passiert, sehe ich nicht. Dabei könnte der Speicher aber das Feuer, das hinter dem Spiegel brennt – sprich ein plötzlicher Strombedarf im Netz – löschen, wenn er davon wüsste. Das bedeutet: Im Ernstfall könnten wir mit der Einspeisung aus dem Speicher kurzfristige Störungen des Netzes ausgleichen.

ne: Sie setzen dabei auf netzbildende Speicher. Was ist deren entscheidender Vorteil gegenüber klassischen Batteriespeichern?

Schöller: Wir können mit den Speichern im Millisekunden-Bereich kritische Situationen korrigieren. Wenn zum Beispiel ein großes Industrieunternehmen eine Störung hat und sofort vom Netz geht, dann löst der Trafoschutz innerhalb von 1,4 Sekunden aus, um einen Totalausfall im Stromnetz durch den verlorenen Verbraucher zu vermeiden. Das kann heute kein Netzbetreiber beherrschen. Das Umspannwerk ist definitiv aus, bevor der Netzbetreiber weiß, dass er ein Problem hat. Der Speicher kann aber im Millisekunden-Bereich diese Situation korrigieren, eine rote Lampe anschalten und dem Netzbetreiber melden, dass ein Problem an diesem Umspannwerk vorliegt. Der Speicher hält die Situation für die nächsten fünf Minuten konstant, damit nichts passieren kann. Dafür bekommen wir im Gegenzug mehr Leistung an den Umspannwerken beziehungsweise können uns die Restkapazitäten nehmen.

ne: Dieser Ansatz ist keine Theorie mehr, sondern Sie erproben ihn bereits in einem Praxisprojekt, richtig?

Schöller: Genau, das ist das Projekt SUREVIVE, das wir mit Westnetz, dem Fraunhofer ISE und der Universität Stuttgart seit zweieinhalb Jahren umsetzen. Hier haben wir einen netzbildenden Speicher, der Momentanreserve liefern kann und schwarzstartfähig ist. Wenn das Umspannwerk eine Störung hat und plötzlich ausfällt, könnten wir das komplette Umspannwerk und alle anliegenden Einfamilienhäuser in der Strominsel auffangen und das Netz mit unserem Speicher weiter betreiben. Wir sind mit unseren Forschungen heute schon weiter als wir für diesen Zeitpunkt eigentlich geplant hatten. Unsere bisherigen Erkenntnisse nach zwei Feldversuchen waren zum Beispiel Grundlage für die Erarbeitung der geplanten Momentanreserve-Vermarktung der Übertragungsnetzbetreiber.

ne: Was müsste sich bei Regulierung und Marktdesign denn ändern, damit Speicher netzdienlicher eingesetzt werden können?

Schöller: Das, worüber wir hier sprechen, ist keine Zukunftstechnologie – das ist alles schon da. Wir sind heute in der Lage, mit Speichern die komplette Netzinfrastruktur zu stabilisieren. Das möchten wir gern zeigen und flächendeckend umsetzen. Was uns noch fehlt, ist das Vertrauen von Politik und Netzbetreibern in die Technik und in unser Können. Wir müssen am Umspannwerk messen dürfen – brauchen hier also auch die rechtlichen Rahmenbedingungen, die es noch nicht gibt. Und wir brauchen die Märkte für eine dezentrale Schwarzstartfähigkeit und dementsprechend eine Dezentralisierung der Netze. Das hätte große wirtschaftliche Vorteile: Aktuell sind 800 Milliarden Euro an Netzausbaukosten bis 2040 geplant. Ich stelle die These auf: Wir bräuchten nur die Hälfte, wenn wir Speicher netzorientiert betreiben würden.

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