Das Stromnetz braucht Balance, und dafür gelegentlich kurzfristig einen Energieschub. Diese sogenannte Momentanreserve lieferten früher die Rotoren von Kohle- und Gaskraftwerken mit ihrer Masseträgheit. Jetzt müssen neue Wege gefunden werden, um das Stromnetz zu stabilisieren. Helfen soll der Markt. Wer den Netzbetreibern über einen Zeitraum von zwei bis zehn Jahren verbindlich Momentanreserve zur Verfügung stellt, kann damit Geld verdienen. Anbieter erhalten eine Vergütung, deren Höhe sich nach der Verfügbarkeit richtet.
Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber Tennet, Amprion, 50 Hertz und Transnet BW haben sich auf zwei Varianten verständigt. Bei der Premium-Variante liegt die Vergütung zwischen 805 und 888,50 Euro pro Megawattsekunde und Jahr. Dafür müssen die Systeme mindestens 90 Prozent der Zeit Momentanreserve bereitstellen können. Beim Basis-Produkt werden 30 Prozent Verfügbarkeit mit 76 bis 109,50 Euro vergütet. Ob ein System verfügbar ist, wird anhand viertelstündlicher Messwerte festgestellt. Wird die geforderte Verfügbarkeit übererfüllt, steigt die Vergütung stufenweise auf die höheren Werte.
Batteriespeicher als Baustein der Stabilität des Stromsystems
Für diese Aufgabe gefragt sind vor allem die Batteriespeicher von Solar- und Windparks. Sie seien nunmehr „Baustein für die Stabilität des Stromsystems“, sagt Netzbetreiber Tennet. Wer einen Batteriespeicher betreibt und den Wechselrichter nicht voll auslastet, kann die freie Leistung für Momentanreserve nutzen. Das kann sich finanziell lohnen. In einem vom Wechselrichter-Unternehmen SMA veröffentlichten Beispiel kann ein 100-Megawatt-Batteriespeicher zusätzlich rund 62 Megawatt an Boost-Leistung bereitstellen. Bei einer idealen Verfügbarkeit von 100 Prozent ergeben sich daraus jährliche Einnahmen von mehr als 13.000 Euro – pro Megawatt.
Um als Kurzfristreserve einspringen zu können, brauchen die Speicher allerdings netzbildende Wechselrichter. Bisher seien Erneuerbare-Energiequellen und Batteriespeicher meist über netzfolgende Umrichter angebunden, erklärt Bastian Maucher, Experte in der Zertifizierungsstelle Netzverträglichkeit beim TÜV Süd. Netzbildende Wechselrichter hingegen tragen zu einer stabilen Netzfrequenz bei, indem sie das Verhalten einer rotierenden Synchronmaschine durch intelligente Algorithmen simulieren. So können sie auf plötzliche Ungleichgewichte im Netz reagieren.
Es fehlt an Zertifikaten über die technischen Fähigkeiten der Anlagen
Die Übertragungsnetzbetreiber sehen im neuen Markt auch eine Chance, die Technologien für die Momentanreserve voranzutreiben. Das ist allerdings stark in die Zukunft geschaut. Derzeit ist die Nachfrage überschaubar, was Tennet diplomatisch formuliert: „Grundsätzlich sehen wir ein positives Interesse auf Anbieterseite zu einer möglichen Teilnahme am Markt.“ In den ersten fünf Monaten nach dem Start konnte allerdings noch kein Anbieter alle Voraussetzungen erfüllen. Erste „Vertragsabschlüsse werden noch einige Zeit in Anspruch nehmen“, informiert 50 Hertz im Namen aller Übertragungsnetzbetreiber. Der Grund: Es fehle nach wie vor an den Zertifikaten über die technischen Fähigkeiten der Anlagen.