Energieinfrastruktur

Unter Beschuss: Warum die Energiewende eine Frage der nationalen Sicherheit ist

Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev zeigt eindringlich, wie gezielte Angriffe auf Energieinfrastruktur Menschen und Staaten verwundbar machen. Warum dezentrale erneuerbare Energien nicht nur Klimaschutz, sondern auch eine Frage der Sicherheit sind.
09.02.2026 | 3 Min.
Erschienen in: Ausgabe 02/2026
Oleksii Makeiev auf dem BEE-Energiedialog: In seinem Impulsvortrag sprach der ukrainische Botschafter über die Herausforderungen für den Energiesektor.
Oleksii Makeiev auf dem BEE-Energiedialog: In seinem Impulsvortrag sprach der ukrainische Botschafter über die Herausforderungen für den Energiesektor.
Foto: BEE, Liesa Johannssen

Als der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev seine Rede auf dem Branchentreff des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) am 20. Januar auf dem Euref-Campus in Berlin beginnt, wird es im Saal ganz still. „Ich gebe Ihnen fünf Zahlen“, schickte er vorweg und beschrieb dann anschaulich, wie seine Mutter derzeit den harten Winter in dem kriegsgeschüttelten Land erlebt – und überlebt: „Minus 15 Grad waren es in der Nacht, draußen in Kyiv. Zwölf Grad sind gerade in ihrer Wohnung. Für drei Stunden hatte meine Mutter Strom. Drei Stunden – in der Hauptstadt eines europäischen Staates.“ In dieser Zeit beziehe sie erneuerbaren Strom über ein Solar-Notstromaggregat mit einer Kapazität von gerade einmal 2048 Watt. Das reiche für genau 57 Minuten Kühlschrank und Heizung. Warmes Wasser gebe es längst nicht mehr.

Strom und Wärme sind neuralgische Punkte, um Gegner zu zermürben. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs zerstört das russische Militär gezielt die Energieinfrastruktur der Ukraine: Kraft- und Umspannwerke, Stromnetze und Leitstellen. Inzwischen sind mehr als 60 Prozent der Anlagen offline. Mitte Januar hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Notstand im Energiesektor ausgerufen.

Makeiev schildert mit eindringlichen Worten die bittere Realität in einer Welt, in der das Recht des Stärkeren zum entscheidenden Zünglein an der geopolitischen Waage geworden ist. Sein Vortrag macht die derzeitige Verwundbarkeit der kritischen Infrastruktur auf dramatische Weise sichtbar.

Blackout in Berlin: Der Anschlag war ein Weckruf

Einen Vorgeschmack auf diese neue Realität erlebten die Menschen im Südwesten Berlins, als dort am 3. Januar 2026 der Strom ausfiel. Ein Brandanschlag an einer Kabelbrücke im Bezirk Steglitz-Zehlendorf hatte die Stromversorgung in mehreren Stadtteilen lahmgelegt. Plötzlich ging nichts mehr: Supermärkte blieben geschlossen, Straßen dunkel – Menschen saßen ohne Heizung in ihren Wohnungen. Bei Außentemperaturen bis zu minus zwölf Grad. Erst nach fünf Tagen konnten die betroffenen 45.000 Haushalte und mehr als 2000 Gewerbebetriebe wieder aufatmen. Es war der längste Blackout der Berliner Nachkriegsgeschichte.

Der Anschlag war vor allem eines: ein Weckruf, der zeigt, wie fragil das Energiesystem auch hierzulande ist. Und während wir noch über die Bezahlbarkeit der Energiewende diskutieren, spielen Autokraten Monopoly mit den Ressourcen der Erde – koste es, was es wolle.

Verteidigungsausgaben auch in die Energieinfrastruktur investieren

Energieimporte machen uns strategisch angreifbar. Es ist eine fossile Art der Kriegsführung.“ Stefan Bayer, German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS)
Für Stefan Bayer, Forschungsleiter am German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS) in Hamburg, ist die Energieunabhängigkeit der Knackpunkt: „Energieimporte machen uns strategisch angreifbar. Es ist eine fossile Art der Kriegsführung“, warnt er eindringlich und rät, stattdessen die dezentrale, erneuerbare Energieversorgung zu stärken. Sein Appell an die Politik: die auf dem Nato-Gipfel im Juni beschlossene Erhöhung von zusätzlichen 1,5 Prozent für verteidigungs- und sicherheitsrelevante Ausgaben auch in die Erneuerung der Energieinfrastruktur zu investieren.

„Ohne eine solche Energieinfrastruktur fällt uns die zukünftige Verteidigung zunehmend schwerer. Wir müssen uns gegen geopolitische Erpressungsversuche zur Wehr setzen können.“ Aus seiner Sicht kann der Umbau zu einem dezentralen, erneuerbaren Energiesystem das Land in vielerlei Hinsicht stärken, nicht nur verteidigungspolitisch, sondern auch volkswirtschaftlich. Streitkräfte, die weniger fossile Brennstoffe benötigen, seien zudem operativ einsatzfähiger.

 

Eine zentrale Energieinfrastruktur sei immer anfällig

„Energie ist nicht nur ein abstrakter Begriff“, sagt Botschafter Oleksii Makeiev am Schluss seiner Rede auf dem BEE-Energiedialog. „Es geht um Sicherheit und Souveränität.“ Selbst unter stabilen politischen Bedingungen sei eine zentrale Energieinfrastruktur anfällig. Die Ukrainer haben inzwischen gelernt, sich an die neue Situation anzupassen: Sie haben in eine dezentrale Strom- und Wärmeversorgung investiert. Essenziell sei außerdem die lückenlose Kommunikation zwischen den Netzbetreibern und den Kunden. Ein digitales Netz zeigt, wann der Strom wieder fließt – auch in diesem Punkt hat das deutsche Energiesystem noch Nachholbedarf.

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