Cybersicherheit

Energiewende trifft Cyberrisiko: Wenn Hacker das Licht ausschalten könnten

Cyberangriffe auf Energieversorger nehmen zu. Die voranschreitende Digitalisierung der Energiewirtschaft schafft neue Möglichkeiten für Sabotage – und macht Cybersicherheit zur Schlüsselaufgabe.
Von:  Ralph Diermann
15.06.2026 | 5 Min.
Wechselrichter verwandeln Gleich- in Wechselstrom. Zugleich sind sie allerdings ein mögliches Einfallstor für Cyberkriminelle.
Wechselrichter verwandeln Gleich- in Wechselstrom. Zugleich sind sie allerdings ein mögliches Einfallstor für Cyberkriminelle.
Foto: Zaiets Roman, iStock

2025 endete in Polen fast mit einem Blackout: Am 29. Dezember griffen mutmaßlich russische Saboteure mit einer Schadsoftware mehrere Umspannwerke an, die Strom aus Wind- und Solarparks sowie einem großen Heizkraftwerk übertragen. Die installierte Security-Software konnte gerade noch verhindern, dass im Land die Lichter ausgingen.

Zu vergleichbaren Cyberattacken kommt es regelmäßig auch in Deutschland. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) stuft die Bedrohungslage als hoch ein, die Zahl der Angriffe auf Versorger und Netzbetreiber nähmen zu. Neben staatlich unterstützten, auf Destabilisierung und Spionage zielenden Hackern etwa aus Russland und China sieht das BSI kriminelle Gruppen am Werk, die Energieunternehmen erpressen, indem sie Daten verschlüsseln und damit unzugänglich machen.

Schwachstelle: Viele Anlagen sind digital vernetzt

Den Angreifern kommt das immer kleinteiligere Energiesystem zupass. 4,8 Millionen Photovoltaikanlagen zählt das Statistische Bundesamt, dazu mehr als 30.000 Windräder. Dazu kommen zwei Millionen Wärmepumpen, ungefähr 1,5 Millionen private Wallboxen sowie knapp 200.000 öffentliche Ladepunkte, die ins System integriert werden müssen. „Mit der Energiewende hat sich die Angriffsfläche deutlich erhöht“, sagt Alexander Giehl vom Fraunhofer-Institut für Angewandte und Integrierte Sicherheit (Aisec). „Die Zahl möglicher Einfallstore für Cyberattacken ist stark gewachsen.“

Saboteuren spielt dabei in die Karten, dass viele Anlagen über Internet, Mobilfunk oder andere Kanäle vernetzt sind, um sie aus der Ferne überwachen und steuern zu können. So bündeln Unternehmen ihre Erneuerbare-Energien-Anlagen und Batteriespeicher zu virtuellen Kraftwerken, um am Strommarkt mitzumischen. Servicefirmen nutzen digitale Plattformen zur Fernwartung von Anlagen, IT-Systeme regeln von zentraler Stelle aus den Betrieb von Wärmepumpen und Wallboxen. Dringen Angreifer in ein Steuerungs- oder Kommunikationssystem ein, können sie dadurch erheblichen Schaden anrichten – etwa indem sie Wärmepumpen in schnellem Rhythmus ein- und ausschalten, um die Netzfrequenz und damit die Versorgung zu destabilisieren.

Ein weiteres Einfallstor sind Anlagenkomponenten, die manipuliert ausgeliefert werden. Giehl nennt ein Beispiel: „Untersuchungen haben gezeigt, dass manche nicht-europäischen Solar-Wechselrichter mit Hintertüren ausgestattet sind, die es theoretisch ermöglichen, alle angeschlossenen Anlagen abzuschalten“, sagt der Fraunhofer-Forscher. „Dadurch entstehen Kaskadeneffekte, die weitreichende Konsequenzen bis zu einem großflächigen Stromausfall haben könnten.“

Relativ kleine Schutzmaßnahmen haben bereits eine große Wirkung

Bei all dem ist entscheidend, dass die Cybersicherheit ganz oben im Unternehmen aufgehängt wird.“ Müller-Lahn, Allgeier Cyris
Wie können sich Versorger, Anlagen- und Netzbetreiber vor Angriffen schützen? „Unternehmen ist es möglich, schon mit relativ einfachen Mitteln viel für ihre Cybersicherheit zu tun“, sagt Johannes Müller-Lahn, Geschäftsführer des Cybersicherheits-Dienstleisters Allgeier Cyris. Dazu gehöre zum Beispiel, ein leistungsstarkes System zur Früherkennung von Angriffen zu installieren, geeignete Endpoint-Protection-Maßnahmen zum Schutz von Laptops, Smartphones und anderen Geräten zu ergreifen und regelmäßig Penetrationstests durchzuführen. Diese Tests simulieren Cyberattacken auf IT-Systeme, Netzwerke oder Anwendungen, um Sicherheitslücken rechtzeitig vor den Cyberkriminellen zu erkennen.

„Bei all dem ist entscheidend, dass die Cybersicherheit ganz oben im Unternehmen aufgehängt wird“, erklärt Müller-Lahn. „Die Geschäftsführung muss dafür sorgen, dass sich alle Mitarbeiter der Bedeutung des Themas bewusst werden.“ Das verringere auch das Risiko, dass Beschäftigte den Angreifern unfreiwillig helfen, in ein System einzudringen, etwa durch das Öffnen infizierter E-Mail-Anhänge.

Cybersicherheit: KI wird auf beiden Seiten eingesetzt

Auch KI-Werkzeuge leisten beim Schutz vor Cyberangriffen gute Dienste, sagt Nikolai Puch, ebenfalls am Fraunhofer Aisec tätig. „Beim Erkennen von Anomalien ist KI den alten regelbasierten Verfahren weit überlegen, weil sie Abweichungen von der Norm viel früher und flexibler erkennt.“ Solche Instrumente würden bereits vereinzelt in der Praxis eingesetzt.

Puch erwartet, dass KI-Schutzsysteme künftig stark an Bedeutung gewinnen werden. Forscher arbeiten intensiv an deren Weiterentwicklung. Allerdings rüstet die Gegenseite ebenfalls auf: Hacker nutzen KI-Instrumente etwa, um Schwachstellen in den Schutzwällen zu identifizieren oder per Phishing Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu manipulieren.

Das Bewusstsein für die Bedrohung kritischer Infrastruktur wächst

Das Verständnis für die Bedeutung von Cybersicherheit ist laut Experte Müller-Lahn in den allermeisten Unternehmen mittlerweile groß. In der Umsetzung gebe es allerdings hier und da Nachholbedarf. „Manche Systeme arbeiten noch mit veralteter Software, weil versäumt wurde, regelmäßig Updates vorzunehmen.“ Auch die Systeme selbst seien mitunter nicht auf dem neuesten Stand, ebenso Protokolle. Ähnlich beurteilt Alexander Giehl die Lage. „Das Thema ist angekommen, in der gesamten Energiewirtschaft“, sagt der Fraunhofer-Forscher. Gerade große Unternehmen hätten zuletzt viel für den Schutz ihrer Anlagen und Systeme getan. „Bei manch kleinen gibt es allerdings noch Defizite, vor allem, weil dafür die nötigen Ressourcen fehlen.“

Gute Gründe für die Politik, jetzt Druck zu machen: Die EU hat mit der sogenannten NIS-2-Richtlinie die Anforderungen an die Cybersicherheit deutlich erhöht. Die Bundesregierung hat die Vorgaben im vergangenen Dezember in nationales Recht umgesetzt. Das Gesetz verpflichtet die Netzbetreiber sowie viele Anlagenbetreiber und Anbieter digitaler Dienste, ihre Schutzmaßnahmen zu verstärken. Dazu gehört unter anderem, die IT-Sicherheit der Zulieferer zu prüfen und vertraglich abzusichern. Auch die Meldepflichten wurden verschärft. Das Gesetz nimmt Geschäftsführer persönlich in die Haftung, wenn die Maßnahmen nicht wie gefordert umgesetzt werden. „NIS 2 ist ein sehr wichtiger und längst überfälliger Schritt für mehr Cybersicherheit in der kritischen Infrastruktur“, sagt Fraunhofer-Experte Giehl. Die BSI-Präsidentin Claudia Plattner spricht gar von einem „Game changer für die Sicherheit und Stabilität unseres Landes“.

Chinesische Wechselrichter: eine gefährliche Abhängigkeit?

China ist nicht der einzige Lieferant von kritischer Energietechnik, bei dem wir uns fragen sollten, ob wir ihm voll und ganz vertrauen können.“ Müller-Lahn, Allgeier Cyris
Noch weiter zum Schutz vor Cyberkriminalität will die EU-Kommission mit der Neufassung des Cybersecurity Act gehen, deren Entwurf sie im Januar vorgestellt hat. Der Rechtsakt soll es möglich machen, potenziell sicherheitsgefährdende Technik zu verbieten. Damit zielt die EU vor allem auf Solar-Wechselrichter aus China, über die sich daran angeschlossene Photovoltaikanlagen womöglich fernsteuern lassen.

„Angesichts der neuen geopolitischen Lage ist es sehr sinnvoll, dass die EU nun genauer hinschaut, ob wir uns mit den chinesischen Solar-Wechselrichtern nicht in eine gefährliche Abhängigkeit bewegen“, sagt Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Bundesverbands WindEnergie, „zumal wir in Europa eine eigene, starke Wechselrichter-Fertigung haben.“

Sicherheitsexperte Müller-Lahn hingegen fragt sich, wie sinnvoll ein Verbot wirklich ist. Attacken seien schließlich nicht nur über Wechselrichter, sondern auch über andere Hardware möglich. Er plädiert deshalb dafür, die Diskussion weiter zu fassen und konsequenterweise auch Produkte aus anderen Ländern vom europäischen Markt zu verbannen. Müller-Lahn: „China ist schließlich nicht der einzige Lieferant von kritischer Energietechnik, bei dem wir uns fragen sollten, ob wir ihm voll und ganz vertrauen können.“

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Wechselrichter verwandeln Gleich- in Wechselstrom. Zugleich sind sie allerdings ein mögliches Einfallstor für Cyberkriminelle.
Foto: Zaiets Roman, iStock