2025 endete in Polen fast mit einem Blackout: Am 29. Dezember griffen mutmaßlich russische Saboteure mit einer Schadsoftware mehrere Umspannwerke an, die Strom aus Wind- und Solarparks sowie einem großen Heizkraftwerk übertragen. Die installierte Security-Software konnte gerade noch verhindern, dass im Land die Lichter ausgingen.
Zu vergleichbaren Cyberattacken kommt es regelmäßig auch in Deutschland. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) stuft die Bedrohungslage als hoch ein, die Zahl der Angriffe auf Versorger und Netzbetreiber nähmen zu. Neben staatlich unterstützten, auf Destabilisierung und Spionage zielenden Hackern etwa aus Russland und China sieht das BSI kriminelle Gruppen am Werk, die Energieunternehmen erpressen, indem sie Daten verschlüsseln und damit unzugänglich machen.
Schwachstelle: Viele Anlagen sind digital vernetzt
Saboteuren spielt dabei in die Karten, dass viele Anlagen über Internet, Mobilfunk oder andere Kanäle vernetzt sind, um sie aus der Ferne überwachen und steuern zu können. So bündeln Unternehmen ihre Erneuerbare-Energien-Anlagen und Batteriespeicher zu virtuellen Kraftwerken, um am Strommarkt mitzumischen. Servicefirmen nutzen digitale Plattformen zur Fernwartung von Anlagen, IT-Systeme regeln von zentraler Stelle aus den Betrieb von Wärmepumpen und Wallboxen. Dringen Angreifer in ein Steuerungs- oder Kommunikationssystem ein, können sie dadurch erheblichen Schaden anrichten – etwa indem sie Wärmepumpen in schnellem Rhythmus ein- und ausschalten, um die Netzfrequenz und damit die Versorgung zu destabilisieren.
Ein weiteres Einfallstor sind Anlagenkomponenten, die manipuliert ausgeliefert werden. Giehl nennt ein Beispiel: „Untersuchungen haben gezeigt, dass manche nicht-europäischen Solar-Wechselrichter mit Hintertüren ausgestattet sind, die es theoretisch ermöglichen, alle angeschlossenen Anlagen abzuschalten“, sagt der Fraunhofer-Forscher. „Dadurch entstehen Kaskadeneffekte, die weitreichende Konsequenzen bis zu einem großflächigen Stromausfall haben könnten.“
Relativ kleine Schutzmaßnahmen haben bereits eine große Wirkung
„Bei all dem ist entscheidend, dass die Cybersicherheit ganz oben im Unternehmen aufgehängt wird“, erklärt Müller-Lahn. „Die Geschäftsführung muss dafür sorgen, dass sich alle Mitarbeiter der Bedeutung des Themas bewusst werden.“ Das verringere auch das Risiko, dass Beschäftigte den Angreifern unfreiwillig helfen, in ein System einzudringen, etwa durch das Öffnen infizierter E-Mail-Anhänge.
Cybersicherheit: KI wird auf beiden Seiten eingesetzt
Auch KI-Werkzeuge leisten beim Schutz vor Cyberangriffen gute Dienste, sagt Nikolai Puch, ebenfalls am Fraunhofer Aisec tätig. „Beim Erkennen von Anomalien ist KI den alten regelbasierten Verfahren weit überlegen, weil sie Abweichungen von der Norm viel früher und flexibler erkennt.“ Solche Instrumente würden bereits vereinzelt in der Praxis eingesetzt.
Puch erwartet, dass KI-Schutzsysteme künftig stark an Bedeutung gewinnen werden. Forscher arbeiten intensiv an deren Weiterentwicklung. Allerdings rüstet die Gegenseite ebenfalls auf: Hacker nutzen KI-Instrumente etwa, um Schwachstellen in den Schutzwällen zu identifizieren oder per Phishing Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu manipulieren.
Das Bewusstsein für die Bedrohung kritischer Infrastruktur wächst
Gute Gründe für die Politik, jetzt Druck zu machen: Die EU hat mit der sogenannten NIS-2-Richtlinie die Anforderungen an die Cybersicherheit deutlich erhöht. Die Bundesregierung hat die Vorgaben im vergangenen Dezember in nationales Recht umgesetzt. Das Gesetz verpflichtet die Netzbetreiber sowie viele Anlagenbetreiber und Anbieter digitaler Dienste, ihre Schutzmaßnahmen zu verstärken. Dazu gehört unter anderem, die IT-Sicherheit der Zulieferer zu prüfen und vertraglich abzusichern. Auch die Meldepflichten wurden verschärft. Das Gesetz nimmt Geschäftsführer persönlich in die Haftung, wenn die Maßnahmen nicht wie gefordert umgesetzt werden. „NIS 2 ist ein sehr wichtiger und längst überfälliger Schritt für mehr Cybersicherheit in der kritischen Infrastruktur“, sagt Fraunhofer-Experte Giehl. Die BSI-Präsidentin Claudia Plattner spricht gar von einem „Game changer für die Sicherheit und Stabilität unseres Landes“.
Chinesische Wechselrichter: eine gefährliche Abhängigkeit?
„Angesichts der neuen geopolitischen Lage ist es sehr sinnvoll, dass die EU nun genauer hinschaut, ob wir uns mit den chinesischen Solar-Wechselrichtern nicht in eine gefährliche Abhängigkeit bewegen“, sagt Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Bundesverbands WindEnergie, „zumal wir in Europa eine eigene, starke Wechselrichter-Fertigung haben.“
Sicherheitsexperte Müller-Lahn hingegen fragt sich, wie sinnvoll ein Verbot wirklich ist. Attacken seien schließlich nicht nur über Wechselrichter, sondern auch über andere Hardware möglich. Er plädiert deshalb dafür, die Diskussion weiter zu fassen und konsequenterweise auch Produkte aus anderen Ländern vom europäischen Markt zu verbannen. Müller-Lahn: „China ist schließlich nicht der einzige Lieferant von kritischer Energietechnik, bei dem wir uns fragen sollten, ob wir ihm voll und ganz vertrauen können.“