Ist die Versorgungslage beim Strom bereits kritisch? Die Debatte über die künftige Struktur des Stromnetzes ist durch eine neue Studie des Energiekonzerns Uniper angeheizt worden. Die Botschaft: Bei dem bereits erreichten Anteil von über 50 Prozent Ökostrom (vor allem Solar, Wind, Biogas) seien die sogenannten Dunkelflauten „kein seltenes Extremereignis, sondern ein strukturelles Merkmal des Stromsystems“. Sie seien bereits der „Normalfall“. Umstritten ist aber, welche politischen Schlussfolgerungen daraus gezogen werden sollen – und wem sie nutzen.
Uniper definiert Dunkelflauten als Phasen von mindestens zehn Stunden, in denen Wind- und Solarstrom zusammen weniger als zehn Prozent ihrer installierten Leistung liefern. Kurze Ausschläge nach oben werden über einen gleitenden Sechs-Stunden-Durchschnitt herausgefiltert. Das Ergebnis: Im untersuchten Zeitraum 2016 bis 2025 zählt Uniper 1435 solcher Ereignisse. Im Schnitt traten sie häufiger als alle drei Tage auf. Die mittlere Dauer lag bei 12,9 Stunden. Eine 24-stündige Dunkelflaute gebe es nahezu monatlich, dreitägige Ereignisse etwa zweimal pro Jahr. 2023 habe es sogar eine fast einwöchige Dunkelflaute von 161 Stunden gegeben.
Ausschreibungen von Flexibilitäten und gesicherter Leistung sollen kommen
Die Studie trifft eine Debatte, die politisch ohnehin heiß läuft. Die Bundesregierung arbeitet an Rahmenbedingungen für Ausschreibungen von Flexibilitäten und gesicherter Leistung. Im Kern geht es darum, welche Technologien künftig dafür bezahlt werden, Strom bereitzustellen, wenn Wind und Sonne schwächeln. Für die möglichen Betreiber neuer Backup-Gaskraftwerke ist das eine zentrale Frage. Zugleich warnen Speicherunternehmen und Energiewende-Verbände davor, die Regeln so zu schreiben, dass am Ende fast nur neue Gaskraftwerke zum Zug kommen.
Nötig ist die Kombination aus Lastverlagerung, Speichern und Wasserstoff-Kraftwerken
Der Berliner Energie-Professor Volker Quaschning hält die Uniper-Analyse für problematisch. Dass Deutschland regelmäßig Dunkelflauten habe, auch länger als zehn Stunden, sei „keine wirklich neue Erkenntnis“, sagte er der Frankfurter Rundschau. Dies sei in Studien für ein klimaneutrales Deutschland längst berücksichtigt worden. Einen sachlichen Grund, mit Begriffen wie „strukturelle Unterversorgung“ oder „kritische Versorgungslage“ zu einer allgemeinen Verunsicherung beizutragen, sieht Quaschning nicht. Natürlich müssten Lösungen umgesetzt werden. „Aber diese sind auch schon lange bekannt.“ Nötig sei eine Kombination aus Lastverlagerung, Batteriespeichern, anderen Speichern und am Ende auch Wasserstoff-Kraftwerken.
Quaschning widerspricht vor allem dem Eindruck, Batterien seien für Dunkelflauten praktisch irrelevant. Es stimme zwar, dass sie allein die Dunkelflauten nicht abdecken könnten. Falsch sei jedoch die Suggestion, Batteriespeicher könnten in solchen Phasen keinen Beitrag leisten. Sie könnten sehr wohl helfen, die Nachfrage während einer Dunkelflaute zu glätten und so den Bedarf an Wasserstoff-Kraftwerken zu verringern. Genau hier liegt der Kern des Streits: Werden Batterien und dezentrale Flexibilitäten anerkannt – oder werden die Anforderungen so gesetzt, dass sie aus zentralen Ausschreibungen herausfallen?
Deutsche Haushalte zahlen nach einer Auswertung des Energieunternehmens 1Komma5° deutlich mehr für Strom als der EU-Durchschnitt. Auf Basis aktueller Daten der EU-Kommission kommt das Unternehmen auf rund 39 Cent je Kilowattstunde inklusive Steuern und Abgaben. Der EU-Mittelwert liegt demnach bei 29 Cent. Nur in Irland ist Strom mit gut 40 Cent noch teurer.
1Komma5° sieht die Ursache nicht in einem Zuviel an erneuerbaren Energien, sondern in zu wenig Flexibilität. Solange Kohle- oder Gaskraftwerke den Börsenpreis setzen, bleibe Strom über das Merit-Order-Prinzip an fossile Kosten gekoppelt. Hinzu kämen hohe Netzentgelte. Produktchef Jannik Schall fordert mehr intelligente Steuerung, Smart Meter und Speicher. Eine Roland-Berger-Studie beziffere das Einsparpotenzial dadurch bei Netzinvestitionen auf bis zu 1,4 Milliarden Euro pro Jahr.
Biogaskraftwerke könnten Option gegen Dunkelflauten sein
Eine weitere Option gegen Dunkelflauten könnten Biogaskraftwerke sein. Quaschning hält es für sinnvoll, die bestehende Biogasanlagen entsprechend umzurüsten und anders zu fahren. Heute erzeugen die bundesweit rund 9300 Anlagen Strom rund um die Uhr, also auch dann, „wenn wir im Sommer bereits mittags im Solarstrom ertrinken“. Sinnvoller sei es, das Biogas länger zu speichern und die Stromproduktion stärker auf Zeiten knapper Erzeugung zu verlagern. Dafür müssten vor Ort allerdings die Gasspeicher vergrößert werden, die bisher nur für kurze Zeiträume ausgelegt sind. „Komplett lösen können Biogaskraftwerke das Problem aber nicht; dafür reichen die heimischen Potenziale nicht aus“, so der Experte.