Uniper-Studie

Wem nützt die Angst vor der Dunkelflaute? Streit um neue Regeln für Stromsicherheit

Lange Flauten bei Wind und Sonne treten regelmäßig auf – doch Uniper beschreibt Dunkelflauten in einer Studie als strukturelles Risiko. Energie-Professor Volker Quaschning kritisiert das Spiel mit der Angst und fordert mehr Speicher und flexible Biogasanlagen statt neuer fossiler Kraftwerke.
03.06.2026 | 4 Min.
Im Dunkeln: Woher kommt möglichst erneuerbarer Strom während der Dunkelflaute?
Im Dunkeln: Woher kommt möglichst erneuerbarer Strom während der Dunkelflaute?
Foto: Rauschenberger, pixabay

Ist die Versorgungslage beim Strom bereits kritisch? Die Debatte über die künftige Struktur des Stromnetzes ist durch eine neue Studie des Energiekonzerns Uniper angeheizt worden. Die Botschaft: Bei dem bereits erreichten Anteil von über 50 Prozent Ökostrom (vor allem Solar, Wind, Biogas) seien die sogenannten Dunkelflauten „kein seltenes Extremereignis, sondern ein strukturelles Merkmal des Stromsystems“. Sie seien bereits der „Normalfall“. Umstritten ist aber, welche politischen Schlussfolgerungen daraus gezogen werden sollen – und wem sie nutzen.

Uniper definiert Dunkelflauten als Phasen von mindestens zehn Stunden, in denen Wind- und Solarstrom zusammen weniger als zehn Prozent ihrer installierten Leistung liefern. Kurze Ausschläge nach oben werden über einen gleitenden Sechs-Stunden-Durchschnitt herausgefiltert. Das Ergebnis: Im untersuchten Zeitraum 2016 bis 2025 zählt Uniper 1435 solcher Ereignisse. Im Schnitt traten sie häufiger als alle drei Tage auf. Die mittlere Dauer lag bei 12,9 Stunden. Eine 24-stündige Dunkelflaute gebe es nahezu monatlich, dreitägige Ereignisse etwa zweimal pro Jahr. 2023 habe es sogar eine fast einwöchige Dunkelflaute von 161 Stunden gegeben.

Ausschreibungen von Flexibilitäten und gesicherter Leistung sollen kommen

Für Uniper folgt daraus: Je größer der Anteil wetterabhängiger Erzeugung wird, desto wichtiger wird gesicherte Leistung. Im Jahr 2025 stammten nach Konzernangaben rund 47 Prozent der öffentlichen Stromerzeugung aus Wind und Solarenergie. Wenn diese Einspeisung schwach ist, müssen andere Kraftwerke, Importe, Lastflexibilität und Speicher einspringen. Batteriespeicher seien wichtig, könnten Dunkelflauten von zehn Stunden oder mehr aber nicht verlässlich überbrücken. Uniper-Chef Michael Lewis dazu: „Versorgungssicherheit braucht Systemrealismus, kein Wunschdenken. Ein verlässliches Energiesystem entsteht nur im Zusammenspiel aus erneuerbaren Energien, Flexibilitätsoptionen wie Batterien und gesicherten Kraftwerkskapazitäten – sie ersetzen sich nicht, sie ergänzen sich.“

Die Studie trifft eine Debatte, die politisch ohnehin heiß läuft. Die Bundesregierung arbeitet an Rahmenbedingungen für Ausschreibungen von Flexibilitäten und gesicherter Leistung. Im Kern geht es darum, welche Technologien künftig dafür bezahlt werden, Strom bereitzustellen, wenn Wind und Sonne schwächeln. Für die möglichen Betreiber neuer Backup-Gaskraftwerke ist das eine zentrale Frage. Zugleich warnen Speicherunternehmen und Energiewende-Verbände davor, die Regeln so zu schreiben, dass am Ende fast nur neue Gaskraftwerke zum Zug kommen.

Nötig ist die Kombination aus Lastverlagerung, Speichern und Wasserstoff-Kraftwerken

Der Berliner Energie-Professor Volker Quaschning hält die Uniper-Analyse für problematisch. Dass Deutschland regelmäßig Dunkelflauten habe, auch länger als zehn Stunden, sei „keine wirklich neue Erkenntnis“, sagte er der Frankfurter Rundschau. Dies sei in Studien für ein klimaneutrales Deutschland längst berücksichtigt worden. Einen sachlichen Grund, mit Begriffen wie „strukturelle Unterversorgung“ oder „kritische Versorgungslage“ zu einer allgemeinen Verunsicherung beizutragen, sieht Quaschning nicht. Natürlich müssten Lösungen umgesetzt werden. „Aber diese sind auch schon lange bekannt.“ Nötig sei eine Kombination aus Lastverlagerung, Batteriespeichern, anderen Speichern und am Ende auch Wasserstoff-Kraftwerken.

Quaschning widerspricht vor allem dem Eindruck, Batterien seien für Dunkelflauten praktisch irrelevant. Es stimme zwar, dass sie allein die Dunkelflauten nicht abdecken könnten. Falsch sei jedoch die Suggestion, Batteriespeicher könnten in solchen Phasen keinen Beitrag leisten. Sie könnten sehr wohl helfen, die Nachfrage während einer Dunkelflaute zu glätten und so den Bedarf an Wasserstoff-Kraftwerken zu verringern. Genau hier liegt der Kern des Streits: Werden Batterien und dezentrale Flexibilitäten anerkannt – oder werden die Anforderungen so gesetzt, dass sie aus zentralen Ausschreibungen herausfallen?

Strom in Deutschland besonders teuer – wegen fehlender Flexibilität

Deutsche Haushalte zahlen nach einer Auswertung des Energieunternehmens 1Komma5° deutlich mehr für Strom als der EU-Durchschnitt. Auf Basis aktueller Daten der EU-Kommission kommt das Unternehmen auf rund 39 Cent je Kilowattstunde inklusive Steuern und Abgaben. Der EU-Mittelwert liegt demnach bei 29 Cent. Nur in Irland ist Strom mit gut 40 Cent noch teurer.

1Komma5° sieht die Ursache nicht in einem Zuviel an erneuerbaren Energien, sondern in zu wenig Flexibilität. Solange Kohle- oder Gaskraftwerke den Börsenpreis setzen, bleibe Strom über das Merit-Order-Prinzip an fossile Kosten gekoppelt. Hinzu kämen hohe Netzentgelte. Produktchef Jannik Schall fordert mehr intelligente Steuerung, Smart Meter und Speicher. Eine Roland-Berger-Studie beziffere das Einsparpotenzial dadurch bei Netzinvestitionen auf bis zu 1,4 Milliarden Euro pro Jahr.

Biogaskraftwerke könnten Option gegen Dunkelflauten sein

Das Bundeskabinett hat ein Strom-Versorgungssicherheits- und Kapazitätsgesetz (StromVKG) beschlossen, nach dem Backup-Lösungen eine Bereitstellungsdauer von mehr als zehn Stunden nachweisen müssen. Dadurch werden Batteriespeicher faktisch ausgeschlossen, vor allem Gaskraftwerke erfüllen die Bedingungen. Uniper stoße mit seiner Studie „offenbar in das gleiche Horn“ wie etwa der Stromkonzern EnBW, sagte Quaschning. „Dies legt den Verdacht nahe, dass beide Akteure von solch einer Regelung profitieren wollen, da dies die Konkurrenz zu den von ihnen geplanten Gaskraftwerken reduzieren würde.“

Eine weitere Option gegen Dunkelflauten könnten Biogaskraftwerke sein. Quaschning hält es für sinnvoll, die bestehende Biogasanlagen entsprechend umzurüsten und anders zu fahren. Heute erzeugen die bundesweit rund 9300 Anlagen Strom rund um die Uhr, also auch dann, „wenn wir im Sommer bereits mittags im Solarstrom ertrinken“. Sinnvoller sei es, das Biogas länger zu speichern und die Stromproduktion stärker auf Zeiten knapper Erzeugung zu verlagern. Dafür müssten vor Ort allerdings die Gasspeicher vergrößert werden, die bisher nur für kurze Zeiträume ausgelegt sind. „Komplett lösen können Biogaskraftwerke das Problem aber nicht; dafür reichen die heimischen Potenziale nicht aus“, so der Experte.

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