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Speicherinfrastruktur

Batteriespeicher im Boom: Schlüssel zur Energiewende mit Nebenwirkungen

Batteriespeicher sollen Strom aus Wind und Sonne flexibler nutzbar machen. Doch ihr Fokus auf Marktpreise kann die Stromnetze zusätzlich belasten. Neue Anreize und Netzentgelte könnten das System stabilisieren.
20.04.2026 | 6 Min.
Der Boom beginnt: Es gibt Hunderte neu geplanter BESS-Projekte im Gigawatt-Bereich.
Der Boom beginnt: Es gibt Hunderte neu geplanter BESS-Projekte im Gigawatt-Bereich.
Foto: AdobeStock

Woher kommen Wind- und Solarenergie, wenn keine Brise weht und keine Sonne scheint? Speichern lässt sich Strom nun mal schlecht. Das „Dunkelflauten“-Argument begleitet die Energiewende von Anfang an, und tatsächlich ließen die Speicheroptionen lange zu wünschen übrig. Das ändern moderne Batteriespeicher. Ihre Lithium-Ionen- und als preiswertere Variante zunehmend Lithium-Eisenphosphat-Batterien halten die Energie problemlos vier Stunden vor. Neue Projekte peilen sogar Speicheroptionen von zehn oder mehr Stunden an.

Selbst damit lassen sich Dunkelflauten zwar nur bedingt abpolstern, dafür wird aber ein anderes Problem gelöst: Da insbesondere Solaranlagen mittags und nachmittags reichlich Strom produzieren, fallen an den Börsen aufgrund des Überangebots die Preise – häufig sogar in den negativen Bereich. Betreiber von Solarparks zahlen also mitunter drauf, wenn sie ihren Strom mittags ins Netz einspeisen. Dieses Problem lässt sich dank BESS vermeiden: Die Battery Energy Storage Systems speichern den Strom, bis die Sonne sinkt und die Preise wieder steigen.

Batteriespeicher optimieren den Strompreis

Die Preise an den Strombörsen ändern sich alle paar Minuten. Wind- und Solarparks können aber nicht wählen, wann sie produzieren. Diese Aufgabe übernehmen Startups wie Terra One, die per künstliche Intelligenz (KI) steuern, wann der Strom am Markt platziert wird. Zwei Terabyte an Daten fließen täglich in die Terra-One-Modelle, die den nächsten Richtungswechsel im Strompreis vorhersagen sollen. „Das ist angewandte Wahrscheinlichkeitsrechnung“, sagt Dennis Hager, bei Terra One zuständig für Business Development & Sales. „Die KI erkennt Muster einfach schneller.“

Batteriespeicher optimieren den Strompreis, das ist derzeit das Geschäftsmodell. Vernachlässigt wird dabei, wie sehr der Fokus auf den optimalen Preis die Auslastung der Netze ignoriert. Technisch wäre das kein Problem: Ist das Stromnetz bis zum Anschlag ausgelastet, könnten die Batterien weiteren Strom für einige Stunden zurückhalten. Diese scheinbare Ignoranz habe weniger mit fehlendem Willen als mit fehlenden Signalen zu tun, sagt Hager. „Wenn Netzbetreiber ein lokales dynamisches Preissignal setzen, reagieren Speicher automatisch netzentlastend – weil es sich dann lohnt.“

Stromspeicher brauchen netzdienliche Anreize

Bislang übernehmen BESS diese Entlastung eher zufällig und ohne erkennbare Absicht, wie die Studie Netzdienlichkeit von Großbatterien herausarbeitet. Daher brauche es „netzdienliche Anreize“, sagt Georg Gallmetzer, Geschäftsführer von Eco Stor und Auftraggeber der Studie. „Wenn wir dies hinbekommen, würden alle Beteiligten davon profitieren können – Speicherbetreiber, Netzbetreiber, Verbraucher und Wirtschaft.“

Die bisherige Ausrichtung an Marktsignalen kann Netzengpässe verschärfen." Tennet
Das sehen die Übertragungsnetzbetreiber ähnlich. „Die bisherige Ausrichtung an Marktsignalen kann Netzengpässe verschärfen und damit den Netzausbaubedarf sowie die -kosten negativ beeinflussen“, heißt es in einem Tennet-Positionspapier. Das liege an der Preisorientierung der Betreiber, sekundiert Amprion. Weil sich die Vermarktung sekündlich ändern kann, ist das Verhalten kaum vorherzusagen. „Die Netzbetreiber müssen große Sicherheitsaufschläge in ihren Netzberechnungen einkalkulieren und unter Umständen mehr teure Eingriffe in den Netzbetrieb vornehmen.“ Und dann wird der Strom teurer.

Während Batteriespeicher immer billiger werden: Laut Bloomberg NEF sind die Preise für Lithium-Ionen-Batterien seit 2010 um mehr als 90 Prozent gefallen und rangieren mittlerweile auf etwa 60 Dollar pro Kilowattstunde bei Lithium-Ionen-Batterien, bei Lithium-Eisenphosphat-Batterien liegt der Preis sogar noch tiefer. Auch deshalb steigt das Interesse, neue Batteriespeicher zu bauen. Von einem Batterie-Tsunami ist daher die Rede, mit Hunderten neu geplanten Projekten im Gigawatt-Bereich.

Differenzierte Netzentgelte für Speicher-Integration nötig

Trotzdem geht es nur zögerlich voran. Ein Grund dafür ist das sogenannte Windhund-Verfahren: Zuerst gestellte Anträge werden auch zuerst bearbeitet. Das soll jetzt geändert und Anträge mit Aussicht auf positiven Bescheid bevorzugt behandelt werden. Derzeit nutzen die Netzbetreiber gern flexible Netzanschlussvereinbarungen (FCA, Flexible Connection Agreements), um die Einspeiseleistung von Erneuerbare-Energie-Anlagen auf einen festgelegten Maximalwert und oder bestimmte Zeitfenster zu begrenzen. So können Batteriespeicher ans Netz angeschlossen werden, was sonst nur nach umfangreichen Netzverstärkungen möglich wäre. Auch können sich mehrere Parks denselben Netzanschlusspunkt teilen, ohne dass die Infrastruktur auf die Maximalleistung aller Einspeiser ausgelegt sein muss.

Die FCAs sind allerdings nur eine Übergangs- oder Notlösung. Sinnvoller seien „dynamische und lokal differenzierte Preissignale“, etwa über entsprechende Netzentgelte, argumentiert die Analyse Großbatteriespeicher effizient integrieren der Deutschen Energieagentur. Dafür gibt es verschiedene Ansätze. Einer davon ist die Aufteilung des bislang bundesweit einheitlichen Strompreises in diverse Regionen. Eine andere Idee sind sogenannte nodale Preise, die an jedem Netzknoten gebildet werden. Ein dritter Vorschlag setzt auf zeitlich und örtlich differenzierte Netzentgelte – diesen Ansatz favorisiert Terra-One-Manager Hager. „Solange ein bundesweites System für dynamische Netzentgelte fehlt, ist der Vorwurf an Speicherbetreiber, sie würden nur auf den Preis schauen, etwas kurz gedacht.“ Ähnlich argumentiert auch Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur: „Wir haben keine ausreichend wirksamen Signale, wie und wo Anlagen kostengünstig betrieben werden können, um einen unnötig teuren Ausbau der Netze zu vermeiden.“ Auch Müller kritisiert, dass es aktuell „keine Anreize gibt, die flexibles Verhalten belohnen, eher im Gegenteil“.

Was heißt das eigentlich: netzdienlich?

Netzdienliches Verhalten muss belohnt, es darf nicht bestraft werden.“ Ursula Heinen-Esser, Bundesverband Erneuerbare Energien
Ob die von der Bundesnetzagentur geplante Anreizregulierung: Gestaltung der Netzentgelte für Speicher, kurz Agnes, diesen Zustand ändern kann, ist umstritten. Laut geltendem Gesetz sind Batteriespeicher, die vor dem 4. August 2029 ans Netz gehen, für zwei Jahrzehnte von Netzentgelten befreit. Auf diese Regelung stützen Projektierer, Betreiber und Kapitalgeber ihre Planungen. Im Laufe des Agnes-Prozesses wird diese Befreiung zur Diskussion gestellt, wie im Februar bekannt wurde. Völlig nachvollziehbar findet das der Übertragungsnetzbetreiber Amprion: „Die Subvention für Batteriespeicher geht auf Kosten der Netznutzer – denn die Speicher müssen sich nicht an eventuell durch sie verursachten Kosten im Netzbetrieb beteiligen.“ Die Bundesnetzagentur sende ein völlig falsches Signal aus, kritisiert hingegen Ursula Heinen-Esser, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE): „Netzdienliches Verhalten muss belohnt, es darf nicht bestraft werden.“ Zugleich fordert sie, verbindlich festzulegen, was überhaupt als netzdienlich gilt.

Die Antwort des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE): „Netzdienlich ist ein Batteriespeicher in einer Co-Location zu einem Solar- oder Windpark, der die Spitzen am nahen Umspannwerk reduzieren hilft“, sagt Bernhard Wille-Haußmann, Experte für intelligente Netze am Fraunhofer ISE. Je besser ein BESS diese Aufgabe erfülle, desto netzdienlicher. Wille-Haußmann sieht in der Co-Location, also der Kombination von BESS und Solar- oder Windpark, die Zukunft. „Das Geschäftsmodell der Stand-alone-Speicher ist langfristig nicht tragbar“ – zu einseitig auf Profit ausgelegt, zulasten der Netze.

Speicher warten auf den Netzausbau

Die Stromleitungen müssen allerdings ausgebaut werden, um die steigenden Mengen an erzeugtem und verbrauchtem Strom aufzunehmen, zu transportieren und zu verteilen. Viel Hoffnung liegt auf Südlink: Die Stromautobahn von Nord nach Süddeutschland soll 2028 in Betrieb gehen. „Die Verteilnetze vor Ort erfahren nicht so viel Aufmerksamkeit, obwohl auch bei den Niederspannungsnetzen eine Menge passiert“, sagt Fraunhofer-ISE-Experte Wille-Haußmann, und sie damit die Stromversorgung stabilisieren.

Mit einem überraschenden Vorschlag, wie die Netze zusätzlich stabilisiert werden können, wartet der norwegische Energiekonzern Statkraft in seiner Studie Green Transition Scenarios auf. Die Idee: Interkonnektoren ersetzen bis zu 70 Terawattstunden an teuren Überkapazitäten und gleichen wetterbedingte Schwankungen aus. In Deutschland könnten diese Verbindungen zu den Stromnetzen benachbarter Staaten im Jahr 2050 bis zu 26 Prozent der flexiblen Kapazität ausmachen. Die Folge dieser steigenden Flexibilität laut Statkraft: „Der Batteriespeicher-Boom kommt erst noch.“

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