- Repowering – der Ersatz alter Windräder durch leistungsstärkere Anlagen am gleichen Standort – gilt als wichtiger Baustein, um die Ausbauziele der Windenergie zu erreichen, ohne zusätzliche Flächen zu beanspruchen.
- Große Hürden sind langwierige Genehmigungsverfahren, fehlende Netzkapazitäten sowie rechtliche und organisatorische Herausforderungen, etwa bei Grundstücken oder Planungsrecht.
- Der Rückbau alter Windenergieanlagen ist technisch und logistisch aufwendig. Er umfasst Demontage, Entsorgung, Recycling und die Einhaltung umfangreicher Umwelt- und Naturschutzvorgaben.
- Mit der neuen DIN-Norm 4866 werden erstmals einheitliche Standards für den Rückbau von Windkraftanlagen geschaffen.
- Fachleute fordern schnellere Genehmigungen, mehr Rechtssicherheit und pragmatischere Regelungen, um Repowering-Projekte zügiger umzusetzen und die Energiewende voranzubringen.
Deutschland braucht mehr Strom aus Windrädern, um die Klimaziele zu erreichen und sich unabhängiger zu machen von Kriegen um Öl und Gas. 115 Gigawatt (GW) an Leistung wird von den deutschen Windkraftanlagen schon 2030 erwartet, erst 68 GW liefern sie derzeit. Neue Windparks können die Lücke nicht schließen: zu wenig Zeit, nicht genug Flächen. Daher richtet sich der Fokus auf die 29.230 existierenden Anlagen. Mehr als ein Drittel davon – 9700 Windräder – sind schon länger als 20 Jahre in Betrieb, ausgefördert und ohne garantierte Einspeisevergütung.
Hier setzt Repowering an: Alte Windräder werden durch leistungsstärkere Anlagen ersetzt, auf derselben Fläche oder in unmittelbarer Nähe. Das Ergebnis: weniger Türme, mehr Leistung. Es wird kein neues Land bebaut. Und die Anwohner haben den Windpark vor der Haustür längst akzeptiert.
Großes Repowering-Potenzial, aber überforderte Netze
Das Problem: Die Stromnetze stoßen schon heute regelmäßig an ihre Grenzen. Daher gibt es in Deutschland laut Beratungsunternehmen Afry rund 40.000 Projekte, die auf einen Anschluss warten. Könnten sie ihre Energie ins Netz einspeisen, hätte Deutschland seine Ausbauziele bei den Erneuerbaren auf einen Schlag erreicht. Doch der Ausbau der Verteilnetze gilt rechtlich nicht als Vorhaben von „überragendem öffentlichen Interesse“, was zu langen Genehmigungsverfahren führt. Die Kosten sind eh immens: Laut Wirtschaftswoche veranschlagen Studien den Ausbau der deutschen Strominfrastruktur bis 2045 auf etwa 600 Milliarden Euro.
Konflikte rund um Grundstücke und rechtliche Vorgaben
Das zweite Problem ist rechtlicher Natur. „Einige Bestandsanlagen stehen in Gebieten, in denen die neuen Anlagen planungsrechtlich ausgeschlossen sind“, sagt Müller. Eine Standardeinwendung seien zudem luftverkehrsrechtliche Restriktionen aufgrund der mitunter wesentlich größeren Höhe der Neuanlagen, besonders für Repowering in Hubschraubertiefflugstrecken und in Flugplatznähe.
Repowering-Projekte sind bürokratisch ähnlich aufwendig wie neue Projekte
Dazu kommt, Problem Nummer drei, die Bürokratie. Wer repowert, beantragt neu. „Ein Repowering-Projekt unterscheidet sich in der Projektentwicklung kaum von einem Projekt auf neuen Flächen“, sagt Elisabeth Düthorn, Senior-Projektleiterin beim Windparkentwickler Abo Energy. „Sie besteht weiterhin unter anderem aus der Antragsvorbereitung, der Kommunikation mit der Genehmigungsbehörde, der Beteiligung der Träger öffentlicher Belange und dem normalen Genehmigungsprozess.“
Seit 2024 genügt ein vereinfachtes Verfahren, die sogenannte Deltaprüfung. Die Behörden prüfen, ob die neue Anlage hinsichtlich Schallschutz, Schattenwurf oder Artenschutz schlechter abschneidet. Ist das nicht der Fall, geht es schneller. Doch es bleibt ein Aufwand. In vollem Umfang zu prüfen sind die Regeln bezüglich Raumordnung, Bauordnung, Arbeitsschutzvorgaben und das Recht von Schutzgebieten. Und: Wer Standort, Größe oder Netzanschluss wesentlich ändert, fällt zurück ins Vollverfahren, inklusive Umweltverträglichkeitsprüfung.
Zuerst kommt der Rückbau, dann das Repowering
Beim Thema Rückbau betritt man noch mal eine eigene Welt. Es braucht Genehmigungen, ein Rückbau- und Entsorgungskonzept. Ressourcen müssen frühzeitig angefragt werden, also Kräne und Maschinen für Abbau und Verwertung sowie Sondergenehmigungen eingeholt werden für den Abtransport von Material und Anlagenteilen. Dann werden die Anlagen vom Netz getrennt und Betriebsstoffe wie Trafoöle, Getriebeöle, Kühlmittel entfernt und fachgerecht entsorgt. Anschließend beginnt der eigentliche Rückbau: Die Rotorblätter werden zuerst demontiert, dann die Nabe, die Gondel und der Turm. Schließlich werden die Fundamente entfernt und zuletzt Wege und Kranstellflächen. Die Anlage findet ihren Weg in die Wiederverwendung – als ganze Anlage oder als Einzelkomponenten – oder ins Recycling, wobei die Rotorblätter die größte Herausforderung bleiben.
Anforderungen an den Rückbau von Windrändern steigen
Voßhenrich wünscht sich weniger Regulierung und mehr Pragmatismus: „Insbesondere die Verwendung dieses Materials beim Wegebau für neue Windenergieanlagen sollte aus unserer Sicht grundsätzlich zugelassen werden.“ Nicht zu vergessen sind Vorgaben des Naturschutzes: „Schützenswerte Hecken, Knicks oder Brutstätten müssen berücksichtigt und in die Rückbauplanung integriert werden“, sagt Voßhenrich.
DIN-Norm 4866: Einheitliche Standards für den Rückbau
Unterm Strich kann ein Repowering-Projekt „durchaus drei bis vier Jahre in Anspruch nehmen“, rechnet Elisabeth Düthorn von Abo Energy vor. Das ist lang angesichts der ambitionierten Ziele der Energiewende. Andere Länder zeigen, wie es schneller gehen könnte. Genehmigungsprozesse wie in Dänemark findet RDR-Wind-Vorstand Moritz Müller attraktiv: „Nur noch eine Behörde pro Bundesland regelt alles.“ Auch die niederländische Flächenpolitik beeindruckt ihn: „Altanlagen rigoros abbauen, um Platz für hocheffiziente Megawatt-Cluster zu machen.“ Am wichtigsten ist Müller allerdings Rechtssicherheit nach spanischem Vorbild: „Wer am selben Standort modernisiert, bekommt ein Express-Verfahren ohne jahrelange neue Gutachtenschleifen.“