Dem deutschen Wald geht es schlecht. Vier von fünf Bäumen haben Probleme, erkennbar an der sogenannten Kronenverlichtung, bei denen die Bäume oben allmählich kahl werden. Im Harz sind mehr als 90 Prozent der Fichten abgestorben; in Teilen von Franken und Brandenburg stirbt jede vierte Kiefer, deutschlandweit gelten nur noch 13 Prozent der Bestände als gesund. Das ist nicht nur für den Wald bedrohlich, sondern auch für die privaten wie öffentlichen Waldbesitzer. Deren „Brotbäume“ Fichte und Kiefer galten jahrzehntelang als verlässliche Holzlieferanten und damit als Garanten für stabile Einkünfte. Das hat sich komplett gedreht, weshalb jetzt nach Ersatz gesucht wird. Diskutiert werden vor allem Küstentanne und Douglasie, importiert aus Nordamerika. Beide Baumarten wachsen schnell und können ebenfalls als Monokulturen angelegt werden.
Auf Monokulturen zu setzen ist allerdings riskant, wie sich in den vergangenen Jahren gezeigt hat: Sie sind anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Widerstandsfähiger zeigen sich Mischwälder, in denen eine Vielzahl unterschiedlicher Baumarten wachsen. Wie diese Mischung idealerweise aussieht, hängt immer von den Gegebenheiten vor Ort ab. So einfach zu ernten wie Douglasien- oder Küstentannen-Plantagen, wo die Bäume in Reih und Glied stehen, sind Mischwälder allerdings nicht.
Pachteinnahmen durch Windräder finanzieren Wiederaufforstung
Dabei ist durchaus umstritten, was als „Wald“ gilt. In alte und intakte Mischwälder dürfen eigentlich keine Windräder gestellt werden, ebenso wenig in Naturschutzgebiete. Die Betreiber weisen gern darauf hin, dass sie ihre Anlagen vor allem für bereits geschädigte Flächen oder in Monokulturen planen. Zahlen darüber, inwieweit diese Absicht auch umgesetzt werden kann, gibt es allerdings nicht.
Wind im Forst: hohe Auflagen und umfangreiche Gutachten nötig
„Die Erstellung der vielen unterschiedlichen benötigten Gutachten erstreckt sich oft über viele Jahre“, sagt Julian Klassen, Projektentwickler bei UKA. So war es auch im nordhessischen Hombressen, unweit von Kassel, wo der Projektentwickler für Wind- und Solarparks insgesamt neun Windenergieanlagen errichtet hat. Fünf davon stehen im Offenland, vier im angrenzenden Forst. Dort wachsen vor allem Fichten und andere Nadelbäume, dazu kommen forstlich genutzte Eichenmischbestände. Auf diesen Kalamitätsflächen haben sich Pionierpflanzen angesiedelt. Sie schützen den freigelegten Boden vor Erosion und werden natürlicherweise nach einigen Jahren von Pionierbäumen wie Birken oder Ebereschen abgelöst.
Windräder im Wald nutzen starke Luftströmungen weit über den Wipfeln
„Die Standorte für die Windenergieanlagen im Forst haben wir so ausgewählt, dass sie gut erreichbar sind“, sagt UKA-Projektleiter Klassen. „Basis sind immer erst einmal die Forstwege.“ Diese werden so verstärkt und ausgebaut, dass auch Schwertransporte durch den Wald kommen. Standard ist eine Breite von viereinhalb Metern. „In Kurven können es bis zu sieben Meter werden“, sagt Klassen, „die werden anschließend aber zurückgebaut.“ Ebenso verhält es sich bei den eigentlichen Anlagen: In Hombressen beansprucht jedes einzelne Windrad höchstens einen halben Hektar an Fläche, für das Windrad und als Kranstellfläche. Letztere wird freigehalten, um bei eventuellen Reparaturen direkt einen Kran zur Anlage fahren zu können. Beim Bau selbst wird doppelt so viel Fläche benötigt. „Wir hatten in Hombressen den Vorteil, dass wir die mehr als 80 Meter langen Rotorblätter statt im Forst nebenan im Offenland lagern konnten“, sagt Projektleiter Klassen. Ist das nicht möglich, werden möglichst Flächen neben bestehenden Wegen genutzt.
Windenergie im Forst: Aufforstung ist Pflicht
UKA-Experte Pick beobachtet, „dass die meisten Waldbesitzer Interesse an einem resilienten Wald haben und daher auf Mischwald setzen“. Er sieht Windparks als ein Vehikel, um den Waldumbau zu gestalten. „Der muss häufig aktiv vorangetrieben werden“, sagt Pick, „und das kostet.“ Bei Veranstaltungen stellt er regelmäßig fest, wie wenig bewusst vielen Menschen die Notwendigkeit eines Waldumbaus ist. „Mit Windkraft von der Monokultur zum Mischwald? Für viele ist das ein Aha-Erlebnis.“ Auch im Hombressener Forst wachsen künftig mehr Laubbäume. UKA-Experte Pick findet das erfreulich: „Forste sind nach dem Errichten der Windräder meist klimaresilienter und artenreicher als vorher.“