Wind im Forst

Windräder über den Wipfeln: Was der Windpark Hombressen für den Waldumbau bedeutet

Pachteinnahmen für Windräder auf ihrem Grund und Boden unterstützen Waldbesitzer beim Umbau ihres Waldes. Die Windparkprojektierer und -betreiber helfen dabei, wie ein Beispiel aus dem nordhessischen Hombressen zeigt.
26.10.2026 | 5 Min.
Windräder bei Hombressen: Mit den Einnahmen aus der Pacht treibt Besitzer Hessen Forst den Waldumbau voran.
Windräder bei Hombressen: Mit den Einnahmen aus der Pacht treibt Besitzer Hessen Forst den Waldumbau voran.
Foto: UKA

Dem deutschen Wald geht es schlecht. Vier von fünf Bäumen haben Probleme, erkennbar an der sogenannten Kronenverlichtung, bei denen die Bäume oben allmählich kahl werden. Im Harz sind mehr als 90 Prozent der Fichten abgestorben; in Teilen von Franken und Brandenburg stirbt jede vierte Kiefer, deutschlandweit gelten nur noch 13 Prozent der Bestände als gesund. Das ist nicht nur für den Wald bedrohlich, sondern auch für die privaten wie öffentlichen Waldbesitzer. Deren „Brotbäume“ Fichte und Kiefer galten jahrzehntelang als verlässliche Holzlieferanten und damit als Garanten für stabile Einkünfte. Das hat sich komplett gedreht, weshalb jetzt nach Ersatz gesucht wird. Diskutiert werden vor allem Küstentanne und Douglasie, importiert aus Nordamerika. Beide Baumarten wachsen schnell und können ebenfalls als Monokulturen angelegt werden.

Auf Monokulturen zu setzen ist allerdings riskant, wie sich in den vergangenen Jahren gezeigt hat: Sie sind anfälliger für Schädlinge und Krankheiten. Widerstandsfähiger zeigen sich Mischwälder, in denen eine Vielzahl unterschiedlicher Baumarten wachsen. Wie diese Mischung idealerweise aussieht, hängt immer von den Gegebenheiten vor Ort ab. So einfach zu ernten wie Douglasien- oder Küstentannen-Plantagen, wo die Bäume in Reih und Glied stehen, sind Mischwälder allerdings nicht.

Pachteinnahmen durch Windräder finanzieren Wiederaufforstung

Ob Monokultur mit Douglasien oder Waldumbau zum Mischwald: Es kostet die Waldbesitzer eine Menge Geld, die neue Ausrichtung anzustoßen. Entsprechend hilfreich sind Pachteinnahmen durch Windräder auf dem eigenen Grund und Boden. „Die durch den Betrieb von Windparks generierten Einnahmen dienen auch einer nachhaltigen Wiederaufforstung der durch massive Sturm-, Dürre- und Borkenkäferschäden betroffenen Wälder“, sagt daher der Windparkprojektierer und -betreiber WPD. „Viele Grundstückseigentümer nutzen die Pachten, um ihre Wälder wieder aufzuforsten“, bestätigt Martin Vollnhals, Director Business Development Germany beim Energiekonzern Statkraft. In einem seiner Projekte besitzt der Eigentümer 800 Hektar Wald – davon sei bereits die Hälfte dem Klimawandel zum Opfer gefallen. „Eine Aufforstung dieser Fläche, bei Kosten von 5000 bis 7000 Euro pro Hektar, ist eine enorme Belastung“, sagt Vollnhals. „In der Tat helfen hier die Pachteinnahmen.“ Pacht für Windräder, die im Wald aufgestellt werden.

Dabei ist durchaus umstritten, was als „Wald“ gilt. In alte und intakte Mischwälder dürfen eigentlich keine Windräder gestellt werden, ebenso wenig in Naturschutzgebiete. Die Betreiber weisen gern darauf hin, dass sie ihre Anlagen vor allem für bereits geschädigte Flächen oder in Monokulturen planen. Zahlen darüber, inwieweit diese Absicht auch umgesetzt werden kann, gibt es allerdings nicht.

Wind im Forst: hohe Auflagen und umfangreiche Gutachten nötig

Die Erstellung der vielen unterschiedlichen benötigten Gutachten erstreckt sich oft über viele Jahre.“ Julian Klassen, UKA
Rechtlich wird der Bau von Windkraftanlagen zwischen Bäumen besonders eng begleitet. Es muss eine offizielle forstrechtliche Genehmigung beantragt werden, um die Waldfläche dauerhaft in eine technische Infrastrukturfläche umzuwidmen. Um Brandschutz sicherzustellen, haben Genehmigungsbehörden oft spezielle Auflagen und fordern beispielsweise die Errichtung von Löschwasserzisternen, die dann auch unabhängig vom Windpark dem Brandschutz des Waldes zugute kommen. Umfangreiche Gutachten müssen belegen, dass der Artenschutz ausreichend berücksichtigt wird. Und jeder für eine Windenergieanlage genutzte Quadratmeter muss anderswo wieder aufgeforstet werden – selbst wenn das Windrad auf einer Kahlfläche errichtet wird.

„Die Erstellung der vielen unterschiedlichen benötigten Gutachten erstreckt sich oft über viele Jahre“, sagt Julian Klassen, Projektentwickler bei UKA. So war es auch im nordhessischen Hombressen, unweit von Kassel, wo der Projektentwickler für Wind- und Solarparks insgesamt neun Windenergieanlagen errichtet hat. Fünf davon stehen im Offenland, vier im angrenzenden Forst. Dort wachsen vor allem Fichten und andere Nadelbäume, dazu kommen forstlich genutzte Eichenmischbestände. Auf diesen Kalamitätsflächen haben sich Pionierpflanzen angesiedelt. Sie schützen den freigelegten Boden vor Erosion und werden natürlicherweise nach einigen Jahren von Pionierbäumen wie Birken oder Ebereschen abgelöst.

Windräder im Wald nutzen starke Luftströmungen weit über den Wipfeln

Der Startschuss für das Projekt fiel bereits vor zehn Jahren, doch der Bau des Windparks begann erst 2025. In diesem Jahr wurde die Anlage schrittweise in Betrieb genommen. Zu entscheiden, wo genau die Windräder hingestellt werden, ist aufgrund der behördlichen und planerischen Vorgaben anspruchsvoll. Eine der Vorgaben: je mehr Wind, desto besser. Für die optimale Windhäufigkeit ist eine Nabenhöhe von mindestens 160 Metern sinnvoll, da der Wind durch die Reibung an den Baumkronen in Bodennähe schwächer wird. Tatsächlich haben die Windenergieanlagen in Hombressen eine Nabenhöhe von 163 und 175 Metern, um die stabil starken Luftströmungen weit über den Wipfeln zu nutzen.

„Die Standorte für die Windenergieanlagen im Forst haben wir so ausgewählt, dass sie gut erreichbar sind“, sagt UKA-Projektleiter Klassen. „Basis sind immer erst einmal die Forstwege.“ Diese werden so verstärkt und ausgebaut, dass auch Schwertransporte durch den Wald kommen. Standard ist eine Breite von viereinhalb Metern. „In Kurven können es bis zu sieben Meter werden“, sagt Klassen, „die werden anschließend aber zurückgebaut.“ Ebenso verhält es sich bei den eigentlichen Anlagen: In Hombressen beansprucht jedes einzelne Windrad höchstens einen halben Hektar an Fläche, für das Windrad und als Kranstellfläche. Letztere wird freigehalten, um bei eventuellen Reparaturen direkt einen Kran zur Anlage fahren zu können. Beim Bau selbst wird doppelt so viel Fläche benötigt. „Wir hatten in Hombressen den Vorteil, dass wir die mehr als 80 Meter langen Rotorblätter statt im Forst nebenan im Offenland lagern konnten“, sagt Projektleiter Klassen. Ist das nicht möglich, werden möglichst Flächen neben bestehenden Wegen genutzt.

Windenergie im Forst: Aufforstung ist Pflicht

Forste sind nach dem Errichten der Windräder meist klimaresilienter und artenreicher als vorher.“ Daniel Pick, UKA
Was an Waldfläche dauerhaft wegfällt, muss andernorts neu gepflanzt werden. Das verlangt das Gesetz. Es reicht dabei nicht aus, irgendwo irgendwelche Bäume zu pflanzen und zu hoffen, dass sie gedeihen. „Die sogenannte Funktionsfähigkeit der Pflanzungen muss gegeben sein“, sagt Daniel Pick, Teamleiter für Natur- und Artenschutz bei UKA. Der Fortschritt werde über mehrere Jahre überwacht. Falls die Wiederaufforstung hinter dem gesetzten Ziel zurückbleibt, „muss nachgepflanzt werden“. Bis es klappt.

UKA-Experte Pick beobachtet, „dass die meisten Waldbesitzer Interesse an einem resilienten Wald haben und daher auf Mischwald setzen“. Er sieht Windparks als ein Vehikel, um den Waldumbau zu gestalten. „Der muss häufig aktiv vorangetrieben werden“, sagt Pick, „und das kostet.“ Bei Veranstaltungen stellt er regelmäßig fest, wie wenig bewusst vielen Menschen die Notwendigkeit eines Waldumbaus ist. „Mit Windkraft von der Monokultur zum Mischwald? Für viele ist das ein Aha-Erlebnis.“ Auch im Hombressener Forst wachsen künftig mehr Laubbäume. UKA-Experte Pick findet das erfreulich: „Forste sind nach dem Errichten der Windräder meist klimaresilienter und artenreicher als vorher.“

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