- Obwohl die Zustimmung zur Energiewende in Umfragen weiterhin hoch ist, werden lokale Proteste gegen Windkraftprojekte und entsprechende Bürgerbegehren immer sichtbarer.
- Fachleute kritisieren, dass Beteiligungsmöglichkeiten und Umweltprüfungen in sogenannten Beschleunigungsgebieten zunehmend eingeschränkt werden, was das Vertrauen in die Energiewende schwächen könne.
- Beispiele aus der Praxis zeigen: Konflikte entstehen häufig durch mangelnde Kommunikation, politische Blockaden oder das Gefühl vieler Menschen, übergangen zu werden.
- Positive Erfahrungen mit Windprojekten vor Ort können die Akzeptanz langfristig stärken, während lautstarke Proteste oft stärker sichtbar sind als konstruktive Zusammenarbeit.
Umfragen zeigen bislang stabile Zustimmungswerte zur Energiewende. Eine Ausnahme bildet indes eine aktuelle Erhebung des Allensbach-Instituts. Sie verknüpft die Unterstützung für erneuerbare Energien mit dem Atomausstieg – eine Kombination, die nur 43 Prozent der Befragten befürworten. Wird dagegen explizit nach erneuerbaren Energien gefragt, sind die Werte deutlich besser: Laut einer Forsa-Umfrage von 2024 im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt sprechen sich 76 Prozent für mehr Solarenergie und 70 Prozent für mehr Windkraft aus. Ein Jahr später unterstützten in einer YouGov-Erhebung für die Agentur für Erneuerbare Energien 81 Prozent den weiteren Ausbau. Nur sechs Prozent stuften ihn als „überhaupt nicht wichtig“ ein. Auch eine aktuelle KfW-Befragung bestätigt das Bild: 83 Prozent der Haushalte stehen hinter der Energiewende.
Widerstand gegen Windkraft nimmt zu
Dennoch teilen viele Branchenfachleute den Eindruck: Der Widerstand gegen erneuerbare Energien, insbesondere gegen Windkraft an Land, hat zugenommen. Belastbare und vor allem aktuelle Zahlen sind rar, einige Indikatoren deuten aber in diese Richtung. Laut dem Verein Mehr Demokratie gab es zwischen 2017 und 2023 jährlich drei bis acht Bürgerbegehren mit dem Ziel, Windkraftprojekte zu stoppen. 2024 stieg diese Zahl auf 23, im vergangenen Jahr auf 38.
Ein ähnlicher Trend zeigt sich in der Datenbank zu Bürgerbegehren der Bergischen Universität Wuppertal. Mit der Entwicklung bei Klageverfahren hat sich eine Studie aus dem Jahr 2024 befasst: Das Team um die Politologin Annette Elisabeth Töller aus dem Forschungsprojekt Hemm den Wind der Fern-Universität Hagen hat ermittelt, dass Naturschutzorganisationen seit 2010 immer häufiger gegen Windenergieprojekte klagen. Zwischen 2013 und 2016 waren es 27 Verfahren, zwischen 2017 und 2020 schon 63.
Bedarf an Transparenz in der Bevölkerung ist groß
Das musste auch der Energieversorger EnBW erfahren: Bei einem Windprojekt bei Gardelegen in Sachsen-Anhalt führten Proteste zu einem Bürgerentscheid – und schließlich zum Aus des Vorhabens. Rückblickend sei damals vor allem auf frühe Informationsarbeit gesetzt worden, während die kulturelle Bedeutung des Gebiets unterschätzt worden sei, sagt Michael Soukup, EnBW-Teamleiter für Projektentwicklung Windenergie Süddeutschland. Aus solchen Erfahrungen habe man gelernt, Beteiligung früher und verbindlicher anzugehen. Dennoch stünden Partizipation und wirtschaftliche Tragfähigkeit in einem Spannungsfeld zueinander. EnBW definiere inzwischen rote Linien früher, innerhalb deren es Spielraum für Anpassungen gebe, ohne die Wirtschaftlichkeit zu gefährden. Im Zweifelsfall müsse man sich dann eine Alternative suchen, so Soukup. „Ein technisch perfektes, aber sozial nicht tragfähiges Projekt ist für uns langfristig wirtschaftlich genauso wenig tragbar.“
Nabu sieht Beteiligungsmöglichkeiten bedroht
Anstatt Beteiligungsmöglichkeiten auszubauen, würden diese politisch jedoch zunehmend eingeschränkt, kritisiert Rebekka Blessenohl, Referentin für erneuerbare Energien und Naturschutz beim Umweltverband Nabu. In den sogenannten Beschleunigungsgebieten gebe es keine Umweltverträglichkeitsprüfung mehr und auch die zivilgesellschaftliche Beteiligung entfalle in der Regel. Zugleich werden in Politik und Wirtschaft Stimmen lauter, die das Verbandsklagerecht beschneiden oder abschaffen wollen. Damit werde, so Blessenohl, nicht nur an einem Grundprinzip der Demokratie gesägt, sondern auch die Zustimmung zur Energiewende beschädigt – zumal es zahlreiche andere Baustellen gebe, die den Ausbau der erneuerbaren Energien bremsen. Außerdem mangele es an politischer Verlässlichkeit: Wenn beispielsweise die Ausbauziele ständig verändert wurden, sei das „Gift für die gesellschaftliche Akzeptanz“.
Häufig habe der Nabu mit Projektentwicklern auch sehr gute Erfahrungen gemacht. Viele hatten proaktiv Umweltverbände und Anwohner von Beginn an eingebunden. So ließen sich Konflikte vermeiden. Grundsätzlich dürfe es nicht darum gehen, Akzeptanz durch Kommunikationsstrategien zu erzwingen, sagt die Umweltpsychologin Schweizer-Ries. Gefragt sei vielmehr die „Suche nach tragfähigen, akzeptablen Lösungen – und die entstehen nur im Austausch“.
Wenn der Bürgermeister blockiert
Zur Wahrheit gehört jedoch: Selbst für ein Projekt, das alles richtig macht, gibt es keinen Rundumschutz gegen Protest. Besonders schwierig wird es, wie Marcel Schwalbach zu berichten weiß, wenn der Gegenwind aus der Kommunalpolitik kommt. Schwalbach ist Vorstandsmitglied der Energiegenossenschaft Ilmtal im Weimarer Land, die seit acht Jahren gemeinsam mit weiteren regionalen, genossenschaftlichen Akteuren einen Bürgerwindpark bei Großschwabhausen plant. Die thüringische Landesenergieagentur zeichnete das Projekt im vergangenen Jahr für „vorbildliche Bürgerbeteiligung“ aus.
Angst vor Veränderung führt zu Verunsicherung
Inzwischen hat sich auch eine Bürgerinitiative gegen das Vorhaben gegründet. Mit ihr gebe es immerhin Kontakt. „Das sind keine schlimmen Gespräche“, betont Schwalbach. Viele Menschen hatten Angst vor Veränderung oder konkrete Fragen zur Umsetzung. Fragen, die sich gemeinsam klären ließen. Über fast alle Punkte, wie die Anzahl der Windräder, deren genaue Standorte und weitere Details, habe es vonseiten der Genossenschaften immer Gesprächsbereitschaft gegeben.
Leider verhindere die Gemeinde diesen Austausch, wodurch sich bereits Fehlinformationen zum Projekt festgesetzt hatten. Zuletzt versuchte die Gemeinde, das Projekt über eine Veränderungssperre im Bebauungsplan zu blockieren. Die lief zwar Ende des Jahres aus, aber „all das verzögert das Projekt, treibt die Kosten in die Höhe und senkt die voraussichtliche Gewinnmarge – damit bleibt am Ende auch weniger Geld für die Menschen vor Ort übrig“. Alles sei sehr bedauerlich, aber die Windräder werden kommen, gibt sich Schwalbach zuversichtlich. „Ob unser Atem als ehrenamtliche Genossenschaft reicht, wird sich zeigen. Aber wenn nicht wir, dann wird es ein externer Investor mit mehr Ressourcen und weniger Beteiligung.“
Positive Beispiele überwiegen und lassen Skepsis schrumpfen
EnBW beobachtete ebenfalls, dass Proteste zwar nicht zwingend mehr werden, aber sichtbarer und besser organisiert auftreten. Eine hohe Protestbereitschaft von Windkraftgegnern belegt zudem eine aktuelle Erhebung der Fachagentur Wind und Solar. Sie liegt demnach bei etwa zwei Dritteln, während die große Gruppe der Unterstützer nur zu rund einem Drittel bereit ist, aktiv zu werden. Dadurch würden „kritische Positionen überproportional sichtbar“, heißt es in der Studie.
Erneuerbare haben enormes Potenzial für gesellschaftlichen Zusammenhalt
Zusätzlich zu dieser gesellschaftlichen Verzerrung gebe es auch eine mediale, so Schweizer-Ries. Besonders konfliktbeladene Projekte seien für die Berichterstattung attraktiv. Bei 3300 im vergangenen Jahr genehmigten Windrädern könne man davon ausgehen, dass es in den allermeisten Fällen gut lief.
