Akzeptanz und Beteiligung

Windkraft und Widerstand: Der schwierige Weg zur Akzeptanz für Erneuerbare

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland unterstützt die Energiewende – und doch wachsen Proteste gegen Windkraftprojekte. Umweltpsychologen, Projektentwickler und Bürgerinitiativen erklären, warum Konflikte entstehen – und wie sie sich vermeiden ließen.
Von:  David Zauner
11.05.2026 | 8 Min. | 3
Erschienen in: Ausgabe 05/2026
Plakativ: Windkraftgegner engagieren sich häufig stark und kämpfen mit harten Bandagen, wie auf diesem Banner im mecklenburgischen Gadebusch.
Plakativ: Windkraftgegner engagieren sich häufig stark und kämpfen mit harten Bandagen, wie auf diesem Banner im mecklenburgischen Gadebusch.
Foto: Schoening, dpa, Picture Alliance

Schleppender Ausbau, zähe Genehmigungsverfahren, Flächenkonflikte und ein unsteter politischer Rahmen – die Liste der Hürden für Erneuerbare-Energien-Anlagen ist lang. Viele Stolpersteine hängen direkt oder indirekt mit einer der großen Grundsatzfragen der Energiewende zusammen: der gesellschaftlichen Akzeptanz. Wenn sie fehlt, könne das nicht nur einzelne Projekte ausbremsen, sagt Umweltpsychologin Petra Schweizer-Ries, Professorin für Nachhaltigkeit an der Hochschule Bochum. „Die gesellschaftliche Stimmung spiegelt sich auch in der überregionalen Politik.“ Mit Konsequenzen wie vor einigen Jahren in Bayern, wo die 10H-Abstandsregel den Windenergieausbau zum Erliegen brachte und die Sorge vor lokalem Widerstand zur Erdkabelpflicht führte, einer teuren und zeitaufwendigen Schleife des Netzausbaus. Selbstverständlich sei das keine Einbahnstraße, so Schweizer-Ries. Mediale und politische Kampagnen beeinflussten ebenfalls die Meinungsbildung.

Umfragen zeigen bislang stabile Zustimmungswerte zur Energiewende. Eine Ausnahme bildet indes eine aktuelle Erhebung des Allensbach-Instituts. Sie verknüpft die Unterstützung für erneuerbare Energien mit dem Atomausstieg – eine Kombination, die nur 43 Prozent der Befragten befürworten. Wird dagegen explizit nach erneuerbaren Energien gefragt, sind die Werte deutlich besser: Laut einer Forsa-Umfrage von 2024 im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt sprechen sich 76 Prozent für mehr Solarenergie und 70 Prozent für mehr Windkraft aus. Ein Jahr später unterstützten in einer YouGov-Erhebung für die Agentur für Erneuerbare Energien 81 Prozent den weiteren Ausbau. Nur sechs Prozent stuften ihn als „überhaupt nicht wichtig“ ein. Auch eine aktuelle KfW-Befragung bestätigt das Bild: 83 Prozent der Haushalte stehen hinter der Energiewende.

Widerstand gegen Windkraft nimmt zu

Dennoch teilen viele Branchenfachleute den Eindruck: Der Widerstand gegen erneuerbare Energien, insbesondere gegen Windkraft an Land, hat zugenommen. Belastbare und vor allem aktuelle Zahlen sind rar, einige Indikatoren deuten aber in diese Richtung. Laut dem Verein Mehr Demokratie gab es zwischen 2017 und 2023 jährlich drei bis acht Bürgerbegehren mit dem Ziel, Windkraftprojekte zu stoppen. 2024 stieg diese Zahl auf 23, im vergangenen Jahr auf 38.

Ein ähnlicher Trend zeigt sich in der Datenbank zu Bürgerbegehren der Bergischen Universität Wuppertal. Mit der Entwicklung bei Klageverfahren hat sich eine Studie aus dem Jahr 2024 befasst: Das Team um die Politologin Annette Elisabeth Töller aus dem Forschungsprojekt Hemm den Wind der Fern-Universität Hagen hat ermittelt, dass Naturschutzorganisationen seit 2010 immer häufiger gegen Windenergieprojekte klagen. Zwischen 2013 und 2016 waren es 27 Verfahren, zwischen 2017 und 2020 schon 63.

Bedarf an Transparenz in der Bevölkerung ist groß

Transparenz ist die niedrigste Form der Beteiligung." Petra Schweizer-Ries, Hochschule Bochum
Was steckt hinter dieser vermeintlichen Diskrepanz zwischen breiter Unterstützung und wachsendem Widerstand? Wer nach Erklärungen sucht, stolpert unvermeidlich über das Kürzel Nimby. Es steht für: Not In My Backyard. Dahinter steht die Annahme, Menschen unterstützten erneuerbare Energien nur so lange, bis sie selbst betroffen seien. Doch empirische Daten bestätigen diese These laut Petra Schweizer-Ries so pauschal nicht. Akzeptanz, sagt sie, stehe und falle vielmehr mit der konkreten Ausgestaltung der Projekte. Entscheidend sei die Bereitschaft der Projektträger, Menschen vor Ort frühzeitig in Planung und Entscheidungen einzubeziehen. Günstige Bürgerstromtarife, freiwillige Kommunalabgaben oder eine gut gestaltete Informations-Website seien zwar sinnvoll, würden aber wenig helfen, wenn sich Menschen übergangen fühlten. „Transparenz ist die niedrigste Form der Beteiligung“, so Schweizer-Ries. Bei einem emotionalen Thema wie der Veränderung der eigenen Heimat wollten Menschen nicht nur informiert, sondern ernsthaft eingebunden werden.

Das musste auch der Energieversorger EnBW erfahren: Bei einem Windprojekt bei Gardelegen in Sachsen-Anhalt führten Proteste zu einem Bürgerentscheid – und schließlich zum Aus des Vorhabens. Rückblickend sei damals vor allem auf frühe Informationsarbeit gesetzt worden, während die kulturelle Bedeutung des Gebiets unterschätzt worden sei, sagt Michael Soukup, EnBW-Teamleiter für Projektentwicklung Windenergie Süddeutschland. Aus solchen Erfahrungen habe man gelernt, Beteiligung früher und verbindlicher anzugehen. Dennoch stünden Partizipation und wirtschaftliche Tragfähigkeit in einem Spannungsfeld zueinander. EnBW definiere inzwischen rote Linien früher, innerhalb deren es Spielraum für Anpassungen gebe, ohne die Wirtschaftlichkeit zu gefährden. Im Zweifelsfall müsse man sich dann eine Alternative suchen, so Soukup. „Ein technisch perfektes, aber sozial nicht tragfähiges Projekt ist für uns langfristig wirtschaftlich genauso wenig tragbar.“

Nabu sieht Beteiligungsmöglichkeiten bedroht

Anstatt Beteiligungsmöglichkeiten auszubauen, würden diese politisch jedoch zunehmend eingeschränkt, kritisiert Rebekka Blessenohl, Referentin für erneuerbare Energien und Naturschutz beim Umweltverband Nabu. In den sogenannten Beschleunigungsgebieten gebe es keine Umweltverträglichkeitsprüfung mehr und auch die zivilgesellschaftliche Beteiligung entfalle in der Regel. Zugleich werden in Politik und Wirtschaft Stimmen lauter, die das Verbandsklagerecht beschneiden oder abschaffen wollen. Damit werde, so Blessenohl, nicht nur an einem Grundprinzip der Demokratie gesägt, sondern auch die Zustimmung zur Energiewende beschädigt – zumal es zahlreiche andere Baustellen gebe, die den Ausbau der erneuerbaren Energien bremsen. Außerdem mangele es an politischer Verlässlichkeit: Wenn beispielsweise die Ausbauziele ständig verändert wurden, sei das „Gift für die gesellschaftliche Akzeptanz“.

Auch der Nabu zieht gegen Windkraftprojekte vor Gericht. Zwischen 2010 und 2019 waren es 45 Verfahren, das entspricht rund 0,5 Prozent der Genehmigungsanträge in diesem Zeitraum. Von den Naturschutzverbänden als großem Blockierer könne daher keine Rede sein, sagt Blessenohl. „Wir klagen wirklich nur, wenn alle anderen Beteiligungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind.“

Häufig habe der Nabu mit Projektentwicklern auch sehr gute Erfahrungen gemacht. Viele hatten proaktiv Umweltverbände und Anwohner von Beginn an eingebunden. So ließen sich Konflikte vermeiden. Grundsätzlich dürfe es nicht darum gehen, Akzeptanz durch Kommunikationsstrategien zu erzwingen, sagt die Umweltpsychologin Schweizer-Ries. Gefragt sei vielmehr die „Suche nach tragfähigen, akzeptablen Lösungen – und die entstehen nur im Austausch“.

Wenn der Bürgermeister blockiert

Zur Wahrheit gehört jedoch: Selbst für ein Projekt, das alles richtig macht, gibt es keinen Rundumschutz gegen Protest. Besonders schwierig wird es, wie Marcel Schwalbach zu berichten weiß, wenn der Gegenwind aus der Kommunalpolitik kommt. Schwalbach ist Vorstandsmitglied der Energiegenossenschaft Ilmtal im Weimarer Land, die seit acht Jahren gemeinsam mit weiteren regionalen, genossenschaftlichen Akteuren einen Bürgerwindpark bei Großschwabhausen plant. Die thüringische Landesenergieagentur zeichnete das Projekt im vergangenen Jahr für „vorbildliche Bürgerbeteiligung“ aus.

Unser Ziel ist es, gemeinsam mit den Gemeinden und den Menschen vor Ort ein gutes Projekt für die Region umzusetzen." Marcel Schwalbach, Energiegenossenschaft Ilmtal
„Unser Ziel ist es, gemeinsam mit den Gemeinden und den Menschen vor Ort ein gutes Projekt für die Region umzusetzen“, sagt Schwalbach. Bürgerstromtarife, Gewinnbeteiligungen für lokale Vereine und Stiftungen sowie Teilhabemöglichkeiten an dem Projekt und den Genossenschaften – all das könnte einen echten Mehrwert für die Region schaffen. Trotzdem stoße das Projekt auf erheblichen Widerstand, vor allem seitens des Bürgermeisters. „Unsere Anfragen, das Projekt dem Gemeinderat vorzustellen oder Bürgerformate zu organisieren, wurden immer wieder abgeblockt“, berichtet Schwalbach. „Die Gemeinde hat sogar verhindert, dass wir einen Raum bekommen, sodass wir in der Vergangenheit auf die Nachbargemeinden ausweichen mussten.“

Angst vor Veränderung führt zu Verunsicherung

Inzwischen hat sich auch eine Bürgerinitiative gegen das Vorhaben gegründet. Mit ihr gebe es immerhin Kontakt. „Das sind keine schlimmen Gespräche“, betont Schwalbach. Viele Menschen hatten Angst vor Veränderung oder konkrete Fragen zur Umsetzung. Fragen, die sich gemeinsam klären ließen. Über fast alle Punkte, wie die Anzahl der Windräder, deren genaue Standorte und weitere Details, habe es vonseiten der Genossenschaften immer Gesprächsbereitschaft gegeben.

Leider verhindere die Gemeinde diesen Austausch, wodurch sich bereits Fehlinformationen zum Projekt festgesetzt hatten. Zuletzt versuchte die Gemeinde, das Projekt über eine Veränderungssperre im Bebauungsplan zu blockieren. Die lief zwar Ende des Jahres aus, aber „all das verzögert das Projekt, treibt die Kosten in die Höhe und senkt die voraussichtliche Gewinnmarge – damit bleibt am Ende auch weniger Geld für die Menschen vor Ort übrig“. Alles sei sehr bedauerlich, aber die Windräder werden kommen, gibt sich Schwalbach zuversichtlich. „Ob unser Atem als ehrenamtliche Genossenschaft reicht, wird sich zeigen. Aber wenn nicht wir, dann wird es ein externer Investor mit mehr Ressourcen und weniger Beteiligung.“

Positive Beispiele überwiegen und lassen Skepsis schrumpfen

Viele lokale Konflikte ließen sich mit einer inklusiveren Regionalplanung vermeiden, argumentiert Umweltpsychologin Schweizer-Ries. Windvorranggebiete könnten stärker auf Gemeinden ausgerichtet werden, die bereits offen für Windenergie sind. Je mehr erfolgreiche Beispiele es gebe, desto mehr würde die gesellschaftliche Skepsis schrumpfen. Natürlich gebe es auch jene, die sich fundamental gegen Windkraft stellen und häufig überregional aktiv seien: „Die reisen von Veranstaltung zu Veranstaltung und erzeugen so den Eindruck eines breiten lokalen Protests.“

EnBW beobachtete ebenfalls, dass Proteste zwar nicht zwingend mehr werden, aber sichtbarer und besser organisiert auftreten. Eine hohe Protestbereitschaft von Windkraftgegnern belegt zudem eine aktuelle Erhebung der Fachagentur Wind und Solar. Sie liegt demnach bei etwa zwei Dritteln, während die große Gruppe der Unterstützer nur zu rund einem Drittel bereit ist, aktiv zu werden. Dadurch würden „kritische Positionen überproportional sichtbar“, heißt es in der Studie.

Erneuerbare haben enormes Potenzial für gesellschaftlichen Zusammenhalt

Zusätzlich zu dieser gesellschaftlichen Verzerrung gebe es auch eine mediale, so Schweizer-Ries. Besonders konfliktbeladene Projekte seien für die Berichterstattung attraktiv. Bei 3300 im vergangenen Jahr genehmigten Windrädern könne man davon ausgehen, dass es in den allermeisten Fällen gut lief.

Es gibt eine sehr laute Minderheit, die pauschal gegen Windenergie ist – und diese Stimmen erhalten medial besonders viel Raum.“ Rebekka Blessenohl, Umweltverband Nabu
„Es gibt eine sehr laute Minderheit, die pauschal gegen Windenergie ist – und diese Stimmen erhalten medial besonders viel Raum“, sagt auch Rebekka Blessenohl vom Nabu. Die vielen Fälle, in denen die Beteiligten konstruktiv zusammenarbeiten, fänden dagegen öffentlich kaum Widerhall. Dabei seien gerade die positiven Beispiele für die gesellschaftliche Stimmung enorm wichtig, gibt Schweizer-Ries zu bedenken. Erneuerbare Energien hätten, wenn sie gut umgesetzt würden, ein enormes Potenzial für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Studien zeigten immer wieder: Gemeinden mit erfolgreichen Windprojekten vor Ort seien dafür deutlich aufgeschlossener: „Die Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz“, so die Umweltpsychologin, „steht deshalb tatsächlich am Anfang und am Ende der Energiewende.“

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Kommentare (3)

Ich kann mich beiden Kommentaren voll anschließen - wir haben es mit hochprofessioneller Demagogie zu tun, die nicht nur die Energiewende, sondern die gesamte Demokratie gefährdet. Wir haben uns als Verein gegründet, weil wir als Bürger*innen einer Anlieger-Gemeinde die destruktive Haltung unseres Gemeinderates zur Windpark-Planung vor Ort und die bis dato unwidersprochenen, lautstarken Fake News zur Energiewende nicht mehr hinnehmen wollen. Wir fühlen uns aber ziemlich allein gelassen in unserem (ehrenamtlichen) Engagement. https://energiewende-vogt.de/

26.05.2026 - 14:20 | Hilke Patzwall

Ich höre immer wieder den Vorschlag (leider auch aus der Politik), dass man es besser erklären müsse. Meiner nun 14 Jahren Erfahrung nach liegt es aber nicht auschließlich am Erklären, sondern vor allem auch am Zuhören. Projektentwickler kommen gerne mit der Haltung, dass sie Fragen beantworten, aber selbst keine oder kaum welche stellen. Das führt nicht wirklich zu einem Vertrauensaufbau. Daher empfehle ich immer eindringlich, selbst Fragen mitzunehmen. Und die erste Frage sollte nie heißen"Was sagen Sie dazu?" oder "Wie gefällt Ihnen das Projekt?". Man muss mit den Menschen in den Dialog kommen. Und das auch nicht nur an einem Infoabend, sondern im Dauerzustand. Dazu fehlt natürlich häufig die Zeit, das Geld und auch die Nerven. Aber wir müssen darin besser werden, allesamt.

19.05.2026 - 15:00 | Michael Krieger

Der Artikel beschreibt die Praxis aus meiner Sicht gut, wenn wir es mit besorgten Bürgern und sachlichen Einwänden zu tun haben. Die "sehr laute Minderheit, die pauschal gegen Windenergie ist", ist jedoch in vielen Fällen eine sehr hoch und propagandistisch effizient organisierte und bundesweit vernetze Gruppe.
Diesem Ansturm an hochentwickelten Fake-News und Propaganda sind weder die meisten Bürgermeister, Windkraftinitiatoren noch diejenigen in den Verwaltungen gewachsen, die die Eingaben bearbeiten müssen oder die Bürgerversammlungen moderieren. Da braucht es gut auf destruktive Propaganda geschulte Berater und Fachpersonal. Auch Naturschutzverbände werden gegen den Willen der eigenen Mehrheit gelegentlich von solchen Propagandaakteuren unterwandert oder machen sich aufgrund von geringem Verständnis deren Argumente zu eigen.
Da braucht die demokratische Zivilgesellschaft deutlich mehr professionelle Unterstützung.
Wer bietet das an?

19.05.2026 - 12:56 | Matthias Eberius

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