Statt in Wälder gehören Windräder in Forsten: Monokulturen, die wenig Zukunft haben. Diese Anlagen bringen Einnahmen für Besitzer – und stärken sogar die Klimaresilienz der Wälder.
Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Das gilt auch für Bäume. Allerdings sollen sich die Bäume beim Wachsen bitteschön beeilen, denn sie werden dringend gebraucht. Als nachwachsender Rohstoff soll Holz den Abschied von den fossilen Energien erleichtern, indem es in Holzkraftwerken oder auch in Form von Pellets verbrannt wird. Es soll häufiger als Baumaterial eingesetzt werden und so Beton- und andere Bauabfälle vermeiden helfen. Und nicht zuletzt sollen Bäume als Kohlenstoffspeicher und -umwandler den Klimawandel abbremsen.
Verabschieden muss sich die Forstwirtschaft generell von Monokulturen. Hunderte und Tausende Bäume einer Sorte, in Reih und Glied gepflanzt, sind besonders anfällig für Stürme und Schädlinge. Besser gewappnet sind Mischwälder mit vielen unterschiedlichen Baumarten. Wie diese Mischwälder künftig aussehen werden, hängt von Böden und Wasser, von Wind und Wetter und nicht zuletzt vom Tempo des Klimawandels ab. Überall in Deutschland suchen Förster und Waldbesitzer nach Antworten auf die Frage, wie der Wald klimaresilient wird. Weil die Gegebenheiten vor Ort so unterschiedlich sind, werden auch die Antworten unterschiedlich ausfallen. „Einmal Fichte geht noch“ wird allerdings keine dieser Antworten sein.
Es braucht mehr Windräder
Was also tun mit Flächen, auf denen nur noch dürre Skelette in die Höhe ragen? Eine Idee: Windräder hinstellen. 80 Prozent des Stroms sollen 2030 durch erneuerbare Energien erzeugt werden, so will es die Bundesregierung. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es mehr Windkraftanlagen. 145 Gigawatt an Leistung durch Windenergie werden erwartet, die deutschlandweit rund 30 000 Windräder liefern derzeit nicht einmal die Hälfte davon. Ein Grund sind Vorgaben in den Bundesländern, die häufig gebührende Mindestabstände zwischen Häusern und Windkraftanlagen festlegen. Um überhaupt noch Standorte zu finden, die weit genug entfernt sind von Dörfern und Städten, wirkt der Wald immer attraktiver. Das gilt insbesondere für waldreiche Bundesländer wie Baden-Württemberg und Hessen, wo mehr als die Hälfte des Windstroms im Wald erzeugt wird, aber auch für Bayern, Rheinland-Pfalz und das Saarland.
Wald und Identität
Laut der Fachagentur Wind und Solar standen zum Jahreswechsel 2533 Windräder im deutschen Wald und sorgten für zwölf Prozent der gesamten Kapazität. Das könnten künftig mehr werden. Doch wer im Wald weitere Windkraftanlagen plant, hat mit Protesten zu rechnen. Widerstand regt sich – über die Angst um Pflanzen- und Tierwelt hinaus – vor allem dann, wenn für die Windräder im angegriffenen Wald gesunde Bäume gefällt werden sollen. Wie sehr jedes Projekt in die Lebensrealität der Menschen eingreift, werde häufig unterschätzt, sagt Sophie Apel, CEO von Avaly. Das Startup spezialisiert sich darauf, vor Ort die Akzeptanz von Erneuerbare-Energie-Projekten zu erhöhen. „Für viele Menschen ist Wald etwas sehr Persönliches, geradezu Identität-Stiftendes“, sagt Apel. Gerade weil das Unbehagen über gefällte Bäume so persönlich und mit so vielen Emotionen verbunden sei, sagt die Avaly-Gründerin, könnten Sachargumente kaum greifen.
Viele Naturschutzverbände reagieren weniger emotional auf geplante Windparks im Wald. Ihre Linie: Schutzgebiete und ökologisch wertvolle Laubwälder sind tabu, Monokulturen nicht. Doch auch in diesen Fällen sollten möglichst bereits bestehende Forstwege benutzt werden, um den Flächenverbrauch zu reduzieren. Der liegt im besten Fall bei rund 0,5 Hektar – weniger als ein Fußballfeld. Das Fundament aus Stahl und Beton hat, je nach Modell, einen Durchmesser von etwa 24 bis 28 Metern. Dazu kommen Zuwegungen und Platz für einen Kran, der sowohl für den Aufbau als auch für Reparaturen notwendig ist.
Forst statt Wald
Wo der Wald eher eine Erinnerung ist, wird die Diskussion um Windräder meist entspannter geführt. Das gilt etwa für das Projekt in Erndtebrück. „Auf den heute kahlen Hügeln springen die Verwüstungen besonders ins Auge, die der Klimawandel mit Trockenheit und Borkenkäferbefall mit sich gebracht hat. Die einstigen Fichtenforste sind weitgehend verschwunden, die verbliebenen oft schwer geschädigt“, sagt Martin Vollnhals, Director Business Development Germany bei Statkraft. Der norwegische Konzern ist federführend beim Windpark Erndtebrück.
Flächen, auf denen keine Bäume mehr stehen, sind am ehesten geeignet für Windparks. Deshalb ist Stefan Siegmund, Abteilungsleiter Projekte beim Windparkbetreiber Energiequelle, die Wortwahl so wichtig.
Einnahmen für Waldbesitzer
Die gesetzlichen Vorschriften gelten übrigens für Forsten genauso wie für Wälder: Auswirkungen auf Menschen, Natur und Landschaft werden im Rahmen eines immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsprozesses geprüft. Eingriffe, die sich nicht vermeiden lassen, sind zu kompensieren. So muss für den Flächenverbrauch an anderer Stelle aufgeforstet werden – mit Pflanzenarten, die dem Klimawandel besser trotzen als Fichte und Kiefer. Das komme dem Wald und dem Klima insgesamt zugute, argumentiert der Energieversorger EnBW: Windkraft biete „den Waldeigentümern in ihrer erschwerten Situation eine zusätzliche Einnahmequelle, um geschädigte Flächen mit klimaresistentem Mischwald wieder aufzuforsten“. Die jungen Bäume müssen allerdings gegen Wildverbiss vor allem von Rehen geschützt werden, das treibt die Kosten in die Höhe. Mit 6000 bis 15 000 Euro pro Hektar rechnet Wolfhardt Paul vom Landesforstbetrieb Sachsen-Anhalt.
2,7 Hektar Privatwald
Die Waldfläche Deutschlands beträgt rund 11,5 Millionen Hektar und macht somit etwa ein Drittel der Landesfläche aus. Ein Viertel des Waldes besteht allerdings aus Monokulturen, meist Fichten, die anfällig für Schädlinge und Krankheiten sind – und dem Klimawandel wenig entgegenzusetzen haben.
Für diese Privatbesitzer ist der Wald durch Holzernte und -verkauf eine zusätzliche Einnahmequelle – solange er denn Wald bleibt. Windenergie kann diesen Einnahmeausfall kompensieren. Diese Logik gilt ebenso für die öffentliche Hand: In vielen Kommunen sind Einnahmen aus dem Holzverkauf fest eingeplant. Diese Einnahmen von sechsstelligen, mitunter sogar siebenstelligen Beträgen brechen jetzt weg.
So profitieren Kommunen
Diese Lücke kann Windkraft schließen. Die Anlagen bringen verlässliche Einnahmen für die Kommunen und planbare Pachteinnahmen für die Waldbesitzer. Die marktüblichen Pachtzahlungen bestehen in der Regel aus einer fixen Mindestvergütung plus einem variablen Anteil, der abhängig ist von den erwirtschaften Erlösen der Windkraftanlagen, sagt Julia Braun vom Freiburger Beratungsunternehmen Sterr-Kölln & Partner. Sie weist darauf hin, dass Waldbesitzer auch direkt in Windkraftanlagen auf ihrem Grund und Boden investieren können: „Dies bedeutet aber ein entsprechendes unternehmerisches Risiko und Kapitalbedarf.“
So profitieren neben Kommunen auch deren Bürgerinnen und Bürger, beispielsweise durch Genossenschaftsmodelle, direkt vom Ertrag der Windräder. Statkraft etwa will in Erndtebrück die Menschen vor Ort über eine Stiftung an den Erlösen des Windparks beteiligen, und zwar mit mindestens 380 000 Euro pro Jahr. „Schon heute setzt die Stiftung ihre Gelder öffentlichkeitswirksam für die Pflege der Denkmäler rund um den Ort, für Seniorentreffen oder auch eine Blumen-Pflanzaktion der Kitas ein“, sagt Statkraft-Manager Vollnhals.
Dann gibt es noch die freiwillige Kommunalabgabe nach EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz). Sie spült bis zu 0,2 Cent pro Kilowattstunde, die mit Windkraft erzeugt wird, in die Gemeindekassen. Das sind schnell sechsstellige Summen, von der alle Menschen vor Ort profitieren. Was die Akzeptanz für Windräder, die von Bäumen umzingelt sind, erhöhen dürfte.