Dossier: Wind im Forst

Zwischen Monokultur und Klimawandel: Wie Windkraft den Forst verändert

Windkraftanlagen auf Forstflächen bieten Waldbesitzern neue Einnahmen und helfen, Monokulturen zu mindern. Doch Genehmigungen, Natur- und Landschaftsschutz sorgen für Konflikte. Ein Überblick, was Forst und Windenergie verbindet – und trennt.
Von:  Michael Prellberg
29.09.2025 | 7 Min. | 4
Erschienen in: Dossier: Wind im Forst

Statt in Wälder gehören Windräder in Forsten: Monokulturen, die wenig Zukunft haben. Diese Anlagen bringen Einnahmen für Besitzer – und stärken sogar die Klimaresilienz der Wälder.

Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Das gilt auch für Bäume. Allerdings sollen sich die Bäume beim Wachsen bitteschön beeilen, denn sie werden dringend gebraucht. Als nachwachsender Rohstoff soll Holz den Abschied von den fossilen Energien erleichtern, indem es in Holzkraftwerken oder auch in Form von Pellets verbrannt wird. Es soll häufiger als Baumaterial eingesetzt werden und so Beton- und andere Bauabfälle vermeiden helfen. Und nicht zuletzt sollen Bäume als Kohlenstoffspeicher und -umwandler den Klimawandel abbremsen.

Der Wald – der Ort, an dem die meisten Bäume wachsen – ist überfordert von diesen gesammelten Begehrlichkeiten. Zumal er bedroht ist: Der Klimawandel setzt ihm existenziell zu. Vier von fünf Bäumen sind gesundheitlich angegriffen, zeigt die aktuelle Waldzustandserhebung. „Unsere Wälder haben Dauerstress“, sagt der zuständige Bundesminister Alois Rainer (CSU). „Wir müssen handeln und unsere Wälder vitaler und stabiler aufstellen“, mit widerstandsfähigeren Arten. Die Fichte zählt nicht dazu. Das ist ein Problem, denn sie lässt sich gut vermarkten. Als lukrativer „Brotbaum“ wurde die schnell wachsende Fichte auch dort angepflanzt, wo sie nicht hingehört. Das rächt sich jetzt. Das zeigen tote Bäume und kahle Flächen, wo früher dunkelgrüne Fichten standen. Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald ist sicher: „Im Tiefland müssen wir uns von der Fichte verabschieden.“

Verabschieden muss sich die Forstwirtschaft generell von Monokulturen. Hunderte und Tausende Bäume einer Sorte, in Reih und Glied gepflanzt, sind besonders anfällig für Stürme und Schädlinge. Besser gewappnet sind Mischwälder mit vielen unterschiedlichen Baumarten. Wie diese Mischwälder künftig aussehen werden, hängt von Böden und Wasser, von Wind und Wetter und nicht zuletzt vom Tempo des Klimawandels ab. Überall in Deutschland suchen Förster und Waldbesitzer nach Antworten auf die Frage, wie der Wald klimaresilient wird. Weil die Gegebenheiten vor Ort so unterschiedlich sind, werden auch die Antworten unterschiedlich ausfallen. „Einmal Fichte geht noch“ wird allerdings keine dieser Antworten sein.

Es braucht mehr Windräder

Was also tun mit Flächen, auf denen nur noch dürre Skelette in die Höhe ragen? Eine Idee: Windräder hinstellen. 80 Prozent des Stroms sollen 2030 durch erneuerbare Energien erzeugt werden, so will es die Bundesregierung. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es mehr Windkraftanlagen. 145 Gigawatt an Leistung durch Windenergie werden erwartet, die deutschlandweit rund 30 000 Windräder liefern derzeit nicht einmal die Hälfte davon. Ein Grund sind Vorgaben in den Bundesländern, die häufig gebührende Mindestabstände zwischen Häusern und Windkraftanlagen festlegen. Um überhaupt noch Standorte zu finden, die weit genug entfernt sind von Dörfern und Städten, wirkt der Wald immer attraktiver. Das gilt insbesondere für waldreiche Bundesländer wie Baden-Württemberg und Hessen, wo mehr als die Hälfte des Windstroms im Wald erzeugt wird, aber auch für Bayern, Rheinland-Pfalz und das Saarland.

Wald und Identität

Laut der Fachagentur Wind und Solar standen zum Jahreswechsel 2533 Windräder im deutschen Wald und sorgten für zwölf Prozent der gesamten Kapazität. Das könnten künftig mehr werden. Doch wer im Wald weitere Windkraftanlagen plant, hat mit Protesten zu rechnen. Widerstand regt sich – über die Angst um Pflanzen- und Tierwelt hinaus – vor allem dann, wenn für die Windräder im angegriffenen Wald gesunde Bäume gefällt werden sollen. Wie sehr jedes Projekt in die Lebensrealität der Menschen eingreift, werde häufig unterschätzt, sagt Sophie Apel, CEO von Avaly. Das Startup spezialisiert sich darauf, vor Ort die Akzeptanz von Erneuerbare-Energie-Projekten zu erhöhen. „Für viele Menschen ist Wald etwas sehr Persönliches, geradezu Identität-Stiftendes“, sagt Apel. Gerade weil das Unbehagen über gefällte Bäume so persönlich und mit so vielen Emotionen verbunden sei, sagt die Avaly-Gründerin, könnten Sachargumente kaum greifen.

Viele Naturschutzverbände reagieren weniger emotional auf geplante Windparks im Wald. Ihre Linie: Schutzgebiete und ökologisch wertvolle Laubwälder sind tabu, Monokulturen nicht. Doch auch in diesen Fällen sollten möglichst bereits bestehende Forstwege benutzt werden, um den Flächenverbrauch zu reduzieren. Der liegt im besten Fall bei rund 0,5 Hektar – weniger als ein Fußballfeld. Das Fundament aus Stahl und Beton hat, je nach Modell, einen Durchmesser von etwa 24 bis 28 Metern. Dazu kommen Zuwegungen und Platz für einen Kran, der sowohl für den Aufbau als auch für Reparaturen notwendig ist.

Forst statt Wald

Wo der Wald eher eine Erinnerung ist, wird die Diskussion um Windräder meist entspannter geführt. Das gilt etwa für das Projekt in Erndtebrück. „Auf den heute kahlen Hügeln springen die Verwüstungen besonders ins Auge, die der Klimawandel mit Trockenheit und Borkenkäferbefall mit sich gebracht hat. Die einstigen Fichtenforste sind weitgehend verschwunden, die verbliebenen oft schwer geschädigt“, sagt Martin Vollnhals, Director Business Development Germany bei Statkraft. Der norwegische Konzern ist federführend beim Windpark Erndtebrück.

Flächen, auf denen keine Bäume mehr stehen, sind am ehesten geeignet für Windparks. Deshalb ist Stefan Siegmund, Abteilungsleiter Projekte beim Windparkbetreiber Energiequelle, die Wortwahl so wichtig. 

 

Einnahmen für Waldbesitzer

Die gesetzlichen Vorschriften gelten übrigens für Forsten genauso wie für Wälder: Auswirkungen auf Menschen, Natur und Landschaft werden im Rahmen eines immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsprozesses geprüft. Eingriffe, die sich nicht vermeiden lassen, sind zu kompensieren. So muss für den Flächenverbrauch an anderer Stelle aufgeforstet werden – mit Pflanzenarten, die dem Klimawandel besser trotzen als Fichte und Kiefer. Das komme dem Wald und dem Klima insgesamt zugute, argumentiert der Energieversorger EnBW: Windkraft biete „den Waldeigentümern in ihrer erschwerten Situation eine zusätzliche Einnahmequelle, um geschädigte Flächen mit klimaresistentem Mischwald wieder aufzuforsten“. Die jungen Bäume müssen allerdings gegen Wildverbiss vor allem von Rehen geschützt werden, das treibt die Kosten in die Höhe. Mit 6000 bis 15 000 Euro pro Hektar rechnet Wolfhardt Paul vom Landesforstbetrieb Sachsen-Anhalt.

2,7 Hektar Privatwald

Die Waldfläche Deutschlands beträgt rund 11,5 Millionen Hektar und macht somit etwa ein Drittel der Landesfläche aus. Ein Viertel des Waldes besteht allerdings aus Monokulturen, meist Fichten, die anfällig für Schädlinge und Krankheiten sind – und dem Klimawandel wenig entgegenzusetzen haben.

Ein Viertel des Waldes besteht allerdings aus Monokulturen, meist Fichten, die anfällig für Schädlinge und Krankheiten sind – und dem Klimawandel wenig entgegenzusetzen haben.“
Knapp die Hälfte (48 Prozent) des deutschen Walds ist in privater Hand. Der Rest gehört dem Bund, den Ländern, den Kommunen oder auch den Kirchen. Zu den privaten Waldbesitzern zählen Großgrundbesitzer wie die Familie Thurn und Taxis (19 000 Hektar) oder Christian Erbprinz zu Fürstenberg (18 000 Hektar). Im Durchschnitt allerdings gehören den zwei Millionen Waldbesitzern in Deutschland jeweils 2,7 Hektar an Wald, das entspricht ungefähr einer Fläche von vier Fußballfeldern.

Für diese Privatbesitzer ist der Wald durch Holzernte und -verkauf eine zusätzliche Einnahmequelle – solange er denn Wald bleibt. Windenergie kann diesen Einnahmeausfall kompensieren. Diese Logik gilt ebenso für die öffentliche Hand: In vielen Kommunen sind Einnahmen aus dem Holzverkauf fest eingeplant. Diese Einnahmen von sechsstelligen, mitunter sogar siebenstelligen Beträgen brechen jetzt weg.

So profitieren Kommunen

Diese Lücke kann Windkraft schließen. Die Anlagen bringen verlässliche Einnahmen für die Kommunen und planbare Pachteinnahmen für die Waldbesitzer. Die marktüblichen Pachtzahlungen bestehen in der Regel aus einer fixen Mindestvergütung plus einem variablen Anteil, der abhängig ist von den erwirtschaften Erlösen der Windkraftanlagen, sagt Julia Braun vom Freiburger Beratungsunternehmen Sterr-Kölln & Partner. Sie weist darauf hin, dass Waldbesitzer auch direkt in Windkraftanlagen auf ihrem Grund und Boden investieren können: „Dies bedeutet aber ein entsprechendes unternehmerisches Risiko und Kapitalbedarf.“

Verschiedene Modelle zur Bürgerbeteiligung können Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen.“ Heiko Bartels, Caeli Wind
Dieses Modell funktioniert ebenso gut für Windenergieprojekte auf öffentlichem Grund. „Ein guter Projektierer sollte verschiedene Modelle zur Bürgerbeteiligung entwickeln können, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen“, sagt Heiko Bartels, Geschäftsführer von Caeli Wind – einer digitalen Plattform zur Vermittlung geprüfter Windflächen. Bartels schlägt „Vergünstigungen bei den Stromtarifen, zinsbegünstigte Sparmodelle oder auch direkte Beteiligungen an den Windenergieanlagen“ vor.

So profitieren neben Kommunen auch deren Bürgerinnen und Bürger, beispielsweise durch Genossenschaftsmodelle, direkt vom Ertrag der Windräder. Statkraft etwa will in Erndtebrück die Menschen vor Ort über eine Stiftung an den Erlösen des Windparks beteiligen, und zwar mit mindestens 380 000 Euro pro Jahr. „Schon heute setzt die Stiftung ihre Gelder öffentlichkeitswirksam für die Pflege der Denkmäler rund um den Ort, für Seniorentreffen oder auch eine Blumen-Pflanzaktion der Kitas ein“, sagt Statkraft-Manager Vollnhals.

Dann gibt es noch die freiwillige Kommunalabgabe nach EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz). Sie spült bis zu 0,2 Cent pro Kilowattstunde, die mit Windkraft erzeugt wird, in die Gemeindekassen. Das sind schnell sechsstellige Summen, von der alle Menschen vor Ort profitieren. Was die Akzeptanz für Windräder, die von Bäumen umzingelt sind, erhöhen dürfte.

Kommentare (4)

Sehr geehrter Herr Schmidbauer,

inhaltlich bin ich ganz bei Ihnen: Forst ist auch Wald. Allerdings würde ich einen Unterschied sehen zwischen Monokulturen und bewirtschafteten Mischwäldern. Letztere haben eine weitaus bessere Chance, Klimaresilienz zu entwickeln. Daher besteht die forstliche Aufgabe m.E. darin, Monokulturen in Misch- oder sogar Dauerwälder zu verwandeln. Das ist eine Aufgabe, die auf Jahrzehnte angelegt ist, aber das ist im Forst/Wald ja immer so.

Je wertvoller der Wald – sprich: keine Monokultur –, desto kritischer muss der Bau von Windrädern gesehen und bewertet (und im konkreten Fall: entschieden) werden. Wie Sie richtig schreiben, wird es selten komplett ohne Rodungen gehen. Und tatsächlich werden die Begrifflichkeiten je nach Absicht besetzt: „wertvoller“ Wald vs. „wertloser Forst“. Gleichwohl gilt es in jedem Fall abzuwägen, ob das Roden einiger Bäume doch zu vertreten ist. Diesen Zwiespalt – wann ist es vertretbar, Bäume zugunsten der Energiewende zu fällen? – will der Beitrag aufzeigen.

24.10.2025 - 13:44 | Michael Prellberg

Die Realität ist aber komplexer, als dargestellt. Auf einer Kahlfläche von 2 ha kann man nun mal keine 4 Windräder bauen sondern nur eines - wenn die Windgeschwindigkeit passt. Windkraft im Wald kann eine Lösung sein, aber eben nur eingeschränkt, für viele Windräder müssen lebensfähige Bäume gerodet werden. Und die Trennung zwischen "Wald" und "Forst" ist auch haarspalterisch, denn unbewirtschaftete Wälder dürfte es in Deutschland kaum noch geben, fast alles ist Forst, nur eben unterschiedlich bestockt. Die Unterscheidung wird heute gerne zum "Framing" genutzt, damit man den Menschen glauben machen kann, ihr Wald würde gar nicht gerodet, sondern nur der Forst. Damit versucht man die Bevölkerung eher zu verwirren, war schon bei der Tesla-Fabrik Grünheide so, bei der nur ein "Forst" gerodet werden musste oder bei den Auseinandersetzungen im Hambacher Forst, der plötzlich ein wertvoller "Wald" wurde, obwohl der auch nur ein "Forst" war.

08.10.2025 - 19:31 | Erwin Schhmidbauer

Hallo Herr Göken,

vielen Dank für Ihren Input! Darüber, was eine Monokultur ist, sind wir uns wohl einig: Wälder, in denen eine einzige Baumart gepflanzt wurde, um sie forstwirtschaftlich zu nutzen. Laut „Monitoring Bioökonomie“ der Universität Kassel werden ein Viertel des deutschen Waldes entsprechend genutzt (als Quelle für diese Aussage wird Holzwarth et al. (2020). Earth Observation Based Monitoring of Forests in Germany: A Review. Remote Sens. doi: 10.3390/rs12213570) angegeben. Worin wir uns einig sind: In den meisten dieser Monokulturen stehen Fichten. Und worin wir uns ebenfalls einig sind: je mehr Mischwald, desto besser. Deshalb freue ich mich, wenn dessen Anteil in den vergangenen Jahren offenkundig gestiegen ist.

mit freundlichen Grüßen
Michael Prellberg

PS: dass in 1,3 Prozent der Wälder Laub- und Nadelholz gleichberechtigt vertreten sind, hat das Thünen-Institut herausgefunden – und unsere Quelle übernommen. Sie haben natürlich recht: Das bringt die Menschheit nicht wirklich weiter.

08.10.2025 - 16:59 | Michael Prellberg

Der Beitrag verwendet Begriffe wie z.B. „Monokultur“, ohne eine Definition dafür anzugeben.

Nach wissenschaftlichem Standard sind aktuell 79 % aller deutschen Wälder „Mischwälder", was in Widerspruch zu den im Beitrag erwähnten Behauptung „Ein Viertel des Waldes besteht allerdings aus Monokulturen, meist Fichten“ steht. Unter den Monokulturwädern gibt es auch viel Fläche mit nur Eiche, nur Buche, nur Kiefer. Derzeit dürfte der Anteil mit Monokultur-Fichte bei ca 12 % liegen. Und noch krasser ist der Widerspruch zu „1 % Mischwald mit gleichen Anteilen“.

Sorry, aber wenn Sie sich eine eigene Definition für Mischwald ausdenken, ist das ziemlich sinnlos, denn dann kann das jeder andere auch für sich tun.

Beste Grüße

Klaus Göken

07.10.2025 - 13:31 | Klaus Göken

Kommentar verfassen

Hinweis: Kommentare werden vor der Freischaltung zunächst gesichtet. Dies kann unter Umständen etwas Zeit in Anspruch nehmen.

*Pflichtfelder

Die E-Mailadresse wird nicht gespeichert, sondern gelöscht, sobald Sie eine Bestätigungsmail für Ihren Kommentar erhalten haben. Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung


Captcha Image
=
Termine
10.02.2026 bis 11.02.2026
2026_webse-2t | Windenergie - Standortsicherung

10.02.2026 bis 12.02.2026
con|energy agentur gmbh

11.02.2026
2026_webinar | Windenergie - Realisierung

12.02.2026
Webseminar | Solarenergie - Betriebsführung