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Cybersecurity

„Nicht mal eben so“: Umsetzung von NIS 2 im Windpark

Wie müssen sich Windparkbetreiber für NIS 2 aufstellen – und welche Probleme tauchen dabei auf? Anke Dethlefsen vom Bürgerwindpark Reußenköge, Dominik Manz von Reußenköge Netz und Infrastruktur und Holger Schrader von der Informationssicherheitsfirma ISecM geben Einblicke in die Implementierung und den Betrieb des ISMS Solvantis.
Interview: Frank Lassak
11.08.2025 | 5 Min.
Erschienen in: Ausgabe 07/2025
Bild: Freepik

Im Interview: Anke Dethlefsen vom Bürgerwindpark Reußenköge, Holger Schrader, geschäftsführender Gesellschafter der ISecM GmbH, und Dominik Manz, Geschäftsführer von Reußenköge Netz & Infrastruktur GmbH.

Frau Dethlefsen, wann haben Sie von der NIS-2-Richtlinie erstmals erfahren? Und wann wurde Ihnen klar, dass sie auch für Ihr Unternehmen relevant sein wird?

Anke Dethlefsen: Wir haben davon erfahren, als Dominik Manz uns darauf aufmerksam gemacht hat, dass so etwas auf uns zukommt. Da die Schwelle, ab der Windparkbetreiber zur kritischen Infrastruktur zählen, bei 104 Megawatt Leistung liegt, war schnell klar, dass Reußenköge von NIS 2 betroffen sein wird. Darauf mussten wir reagieren und uns eine Zertifizierung besorgen. Was übrigens gar nicht trivial war, denn es gibt nur wenige IT-Dienstleister, die darauf spezialisiert sind.

Zu wenig Zertifizierungsfachleute: Das klingt nach einer Schwachstelle. Liegt es womöglich daran, dass der Zug hierzulande erst spät bestiegen wurde, Herr Schrader?

Holger Schrader: Zertifizierungsstellen und Auditoren für das Energiewirtschaftsgesetz gibt es zwar schon länger, aber die Prüfung nach Paragraf 11 Absatz 1b für Energieerzeugungsanlagen ist relativ neu. Und nicht jeder, der Netze prüft, darf auch Energieerzeugungsanlagen prüfen. Wir haben die Entstehungsgeschichte einer Auditorenzulassung bei Reußenköge live miterlebt: Für den Bürgerwindpark war es schwieriger, einen Auditor zu finden, als für Reußenköge Netz- und Infrastruktur.

Dominik Manz: Für uns als Netzbetreiber war das nicht das größte Problem, da der Stromnetzbetrieb in Deutschland schon lang als kritische Infrastruktur gilt und es passende Zertifizierer gibt. Aber wir wollten die Gelegenheit nutzen, ein gemeinsames Informationssicherheits-Managementsystem (ISMS) für uns und den Bürgerwindpark aufzubauen, weil wir uns Synergieeffekte erhofften. Die waren am Ende tatsächlich vorhanden, es stellte sich aber als schwierig heraus, einen IT-Dienstleister zu finden, der sich bei beidem auskennt.

Welche konkreten Herausforderungen für Betreiber von Bürgerwindparks oder andere kleinere Energieunternehmen entstehen durch NIS 2, insbesondere im Vergleich zu den Kritis-Regelungen?

Anke Dethlefsen: Nicht jeder Bürgerwindpark hat eine IT-Abteilung, die groß genug ist, um die für die Zertifizierung nötigen Schritte durchzuführen. Vielerorts ist das nötige Know-how nicht vorhanden. Vor allem für kleinere Windparks oder auch für technische Betriebsführer ist das eine echte Herausforderung – personell und finanziell. Das ist nicht mal eben so zu wuppen.

Dann schlägt die Stunde der Dienstleister, die sich in dem Segment auskennen. Doch davon gibt es bislang nur eine überschaubare Anzahl. Als sich NIS 2 am Horizont abzeichnete: Was bedeutete das für Sie, Herr Schrader?

Holger Schrader: Wir waren bereits mit dem Thema vertraut, da wir zuvor mit Kritis zu tun hatten. Als sicher war, dass NIS 2 kommen wird, haben wir rasch das Marktstammdatenregister ausgewertet und festgestellt, dass es zurzeit 48 Windparks in Deutschland gibt, die die 104-Megawatt-Schwelle überschreiten. Grund genug, unsere Kritis-Expertise auszubauen und NIS 2 ins Portfolio zu integrieren, zumal schon damals erkennbar war, dass die Erneuerbare-Energien-Branche beim Sicherheitsmanagement großen Bedarf haben würde …

... der womöglich noch immer besteht, oder?

Die Politik muss erklären, was NIS 2 bedeutet, und zwar eindeutig.“ Dominik Manz, Reußenköge Netz und Infrastruktur
Dominik Manz: Ganz klar. Die Branche, vor allem der Mittelstand, ist darauf nicht gut vorbereitet. Das liegt nicht etwa an den IT-Dienstleistern oder den Unternehmen selbst, sondern in erster Linie am Gesetzgeber. Die Politik muss erklären, was NIS 2 bedeutet, und zwar eindeutig. Da reicht es nicht aus, zu sagen: Sie müssen sich nach der und der Verordnung richten und das und das ändern. Bestes Beispiel: das für NIS 2 erforderliche Informationssicherheits-Managementsystem. Der Begriff hört sich erst mal gut an. Aber was bedeutet er für die Unternehmen, welche Kosten sind damit verbunden? Ich glaube, es wird einige Firmen überraschen, dass ihre vorhandene IT-Infrastruktur eventuell nicht für NIS 2 ausreicht. Auch für uns war das eine echte Herausforderung.

Neben der Bedrohung in Form von Cyberangriffen und Sabotage gibt es demnach ein betriebswirtschaftliches Risiko, falls die Zertifizierung nicht erteilt wird?

Anke Dethlefsen: So ist es. Und die Bußgelder sind nicht unerheblich. Im schlimmsten Fall kann man die Betriebserlaubnis verlieren.

Holger Schrader: Damit das nicht passiert und Betreiber nicht persönlich haften müssen, wollen wir dem NIS-2-Monster die Zähne ziehen, indem wir den Unternehmen Werkzeuge an die Hand geben, die sie in die Lage versetzen, die Voraussetzungen der Zertifizierung zu erfüllen, ohne dafür riesige Investitionen in IT und Personal stemmen zu müssen.

Eines dieser Werkzeuge trägt den Namen Solvantis. Klingt wie ein Hustenlöser. Was ist es wirklich?

Holger Schrader (lacht): Husten löst Solvantis vermutlich nicht, dafür aber etliche andere Probleme. Es ist ein maßgeschneidertes Baukastensystem für die Implementierung und den Betrieb eines Managementsystems zur Informationssicherheit. Es strukturiert Maßnahmen zur Cybersicherheit und schützt dadurch die kritischen Informationen des Unternehmens. Dazu zählen Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit von Abrechnungsinformationen sowie regulatorische Berichte. Zudem gewährleistet es die von NIS 2 geforderte Widerstandsfähigkeit der Windparks und bietet Betreibern Schutz vor digitalen Angriffen.

Ein Rundum-sorglos-Paket?

Holger Schrader: Im Idealfall schon ...

Anke Dethlefsen: … allerdings ist es ohne geschultes Fachpersonal nicht nutzbar. Bevor wir das System implementieren und einsetzen konnten, haben wir ein Lenkungskommittee eingesetzt, das eng mit ISecM zusammengearbeitet hat. Hinzu kam: Die Beschäftigten mussten für das Thema sensibilisiert werden. Sicherheitsroutinen, Passwortschutz, Home-Office-Regelungen – all das kostet nicht nur Zeit und Geld. Bisweilen ist auch viel Überzeugungsarbeit nötig.

Dominik Manz: Um das Personal zu sensibilisieren, haben wir gemeinsam mit ISecM sogar den Ernstfall simuliert, also eine Situation durchgespielt, bei der ein Windparkbetreiber digital angegriffen wird. Da wurde den Teilnehmenden schnell klar, weshalb es wichtig ist, die vielen Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen und sich nach den strengen Ablaufprotokollen zu richten.
Schrader: Je mehr die Belegschaft diese Routinen verinnerlicht, desto besser ist der Schutz. Wobei auch klar ist, dass die steigende Anzahl und die Intensität der digitalen Angriffe es erfordern, dass das Abwehrsystem mitwachsen muss. Damit steigen auch die Anforderungen an das Personal. Das ist die Realität. Sie zu beschönigen, hilft leider nicht.

 

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