Selbst entwässert sind Moore landwirtschaftlich nicht besonders ergiebig. Warum also nicht Photovoltaik (PV) auf diese eher kargen Böden stellen? Das sei durchaus attraktiv für Landwirte, heißt es beim Solarparkentwickler WI Energy. „Durch die Pachtzahlungen können Eigentümer mit einer geregelten Zahlung über einen langen Zeitraum rechnen.“ In Varel hat WI Energy gerade einen Solarpark mit einer Leistung von 38,8 Megawatt-Peak in Betrieb genommen – auf einer Moorfläche.
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es handelt sich keineswegs um ein intaktes und damit schützenswertes Moor. Wie 92 Prozent der Moore in Deutschland (siehe Kasten) wurden die Flächen entwässert und landwirtschaftlich genutzt. Das ändert sich mit den 84.000 Solarmodulen: Zwar weiden noch immer Schafe auf den 40 Hektar, aber nun wird sie schrittweise wiedervernässt.
Früher machten Moore mehr als fünf Prozent der Fläche Deutschlands aus. Das entspricht 1,5 Millionen Hektar, etwa die Größe von Schleswig-Holstein. Ein Sechstel dieser Fläche ist unwiederbringlich verloren, vom Rest sind mehr als 90 Prozent entwässert (degradiert) und damit keine intakten Moore mehr. Die Bundesregierung hat im April 1,75 Milliarden Euro für Landwirte bereitgestellt, um auf 90.000 Hektar – das entspricht etwa dem Stadtgebiet von Berlin – eine Wiedervernässung anzugehen und neue Nutzungsformen zu finden.
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) sieht im „Anbau von Schilf als Baustoff für Dächer oder Fleisch aus der Haltung von Wasserbüffeln neue Einkommenschancen“. Rainer erwähnt ausdrücklich „innovative Nutzungsformen wie Moor-Photovoltaik“, natürlich nur auf degradierten Flächen. Aus den Bundesmitteln bezahlt werden nicht nur Baumaßnahmen, um den Abfluss von Regen- und Stauwasser zu unterbinden, sondern auch Einbußen beim Anbau und Verkauf der bisherigen Agrarprodukte.
Seit 2023 fördert der Bund über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) neue Solaranlagen auf trockengelegten Moorflächen – wenn diese dabei dauerhaft wiedervernässt werden. Um das in Varel zu erreichen, wird die Entwässerung gestoppt. Der Wasserstand wird über einen Pumpenschacht reguliert: Damit der Solarpark die EEG-Vorgaben für Moor-PV erfüllt, muss der Wasserstand im Sommer 30 Zentimeter und im Winter 10 Zentimeter unter Flur gehalten werden.
Projektentwickler kritisieren hohe Bürokratie
Es sind solche bürokratischen Vorgaben, die Thies Jensen ärgern. „Der Gesetzgeber macht Moor-PV deutlich schwieriger als nötig“, sagt Thies Jensen, Teamleiter von Wattmanufaktur. „Die hohen bürokratischen Vorgaben und die einzuhaltenden Zielwasserstände führen zu einem hohen Investitionsrisiko.“ Der Solarparkentwickler Wattmanufactur hat den ersten deutschen Moor-Solarpark im schleswig-holsteinischen Lottorf geplant und gebaut und kennt die Schwierigkeiten. Größte Hürde: „die Wirtschaftlichkeit.“ Der Lottorfer Solarpark mit seiner Leistung von 17 Megawatt-Peak hat rund 15 Prozent mehr gekostet als Photovoltaik auf normalen landwirtschaftlichen Flächen.
Dafür gibt es Gründe. Um die Solarmodule fest zu verankern, muss die in Teilen zwei Meter dicke Torfschicht durchbohrt werden, bis mineralischer Boden erreicht wird. In Lottorf sind die Rammpfosten statt anderthalb Meter häufig mehr als drei Meter lang. „Der Stahl musste aufgrund des sauren Bodens extra versiegelt werden“, sagt Jensen. Außerdem mussten Kettenfahrzeuge für den Transport genutzt werden, „sonst sinkt man ein“. In Varel macht WI Energy ähnliche Erfahrungen. Die Gründungen sind dort aufgrund des Torfs sogar bis zu 4,80 Meter tief. Auch hier erfordert der saure Boden (pH-Wert 4,2) speziell beschichteten Stahl.
- Für die Standfestigkeit müssen die Modulpfosten ab Gelände-Oberkante bis zu 6 Meter tief in den Boden gerammt werden (herkömmliche Anlagen: 1,50 Meter).
- Da der Moorboden sehr säurehaltig ist, müssen die Pfosten speziell beschichtet werden.
- Naturschutzrechtliche Auflagen
- Hydrologische Gutachten erforderlich
- Moorschutz und Renaturierung sind verpflichtend
- Angepasste Montagetechnik (leichte Konstruktionen)
- Umweltmonitoring während und nach Bauphase
Wissenschaftler suchen nach wirtschaftlichen Konzepten
„Technisch gibt es immer Lösungen“, sagt Agnes Katharina Wilke, Expertin für Moor-Photovoltaik beim Fraunhofer ISE in Freiburg. Wichtiger sei die Frage, ob Moor-PV auch betriebswirtschaftlich sinnvoll ist. Genau das will das Projekt MoorPower herausfinden. Es untersucht beispielsweise, welche Materialien zum Einsatz kommen, wie gut sie die Anlage schützen und wie sie mit dem sauren oder basischen Moorboden interagieren. Besonderes Augenmerk legt Projektleiterin Wilke auf die langfristige Tragfähigkeit der Verankerungen. „Ideal wären Unterkonstruktionen aus Holz, etwa Robinie“, sagt Wilke: „Das könnte beim Rückbau im Boden gelassen werden, wirft aber auch viele Fragen der Degradation auf.“
Damit spricht die ISE-Expertin ein spezielles Problem von Moor-PV an: die Folgen der Wiedervernässung. Wie bei nassen Böden für Wartung und Pflege an die Anlage herankommen? Wie sollen Module ersetzt, wie die Verankerung stabilisiert werden? Wie verhindern, dass die Natur die Module überwuchert? Der Tipp von Agnes Katharina Wilke: von vornherein längerfristig denken und sich fragen: „Was soll in 20 oder 30 Jahren mit der Anlage und der Fläche passieren?“ Dann ist das Moor tatsächlich wieder Moor, also ausgesprochen nass.
- Stahlunterkonstruktion mit Magnelisbeschichtung gegen Korrosion
- Tiefgründung unterhalb der Torfschicht für Stabilität
- Oberirdische Kabelverlegung zur Vermeidung von Feuchtigkeitsschäden
- Einsatz von Kettenfahrzeugen zur Bodenschonung