Sie drehen sich an hohen Türmen, liefern Strom und halten Böen, Frost, Hitze und Regen stand. Rund 88.000 Rotorblätter bilden aktuell das Rückgrat der Windenergie an Land in Deutschland. Mehr als 42.000 von ihnen arbeiten an Anlagen, die älter sind als 20 Jahre oder diese Schwelle bis 2030 erreichen. Nicht alle werden dann sofort abgebaut. Doch mit jedem Weiterbetrieb, jedem Repowering und jedem Rückbau rückt die Frage näher: Was geschieht mit den Blättern, wenn sie ausgedient haben?
Alte Rotorblätter: Energie und Rohstoffe für die Zementindustrie
Bis Ende des Jahrzehnts fallen in Deutschland pro Jahr bis zu 20.000 Tonnen Rotorblattmaterial an, schätzt das Umweltbundesamt; in den 2030er Jahren werden es vermutlich bis zu 50.000 Tonnen pro Jahr sein. Anders als Stahl, Kupfer oder Beton, den anderen Hauptbestandteilen von Windenergieanlagen, lassen sich die Blätter nicht in etablierte Recyclingkreisläufe einspeisen, da sie überwiegend aus glasfaserverstärkten Kunststoffen (GFK), Harzen und Klebstoffen bestehen. Bei manchen jüngeren Anlagen kommen zudem Carbonfasern hinzu.
Geocycle im schleswig-holsteinischen Lägerdorf bindet den Stoffstrom der abgerüsteten Blätter in die Zement- und Ziegelproduktion bei Holcim ein. Dort erfüllt das Material eine doppelte Funktion: Die Harzanteile liefern Energie, die Glasfasern und mineralische Bestandteile können Rohstoffe im Klinker ersetzen. Dieser Weg ist für große Mengen praktikabel, da er an bestehende Industrieprozesse andockt. Aus Sicht der Kreislaufwirtschaft bleibt er freilich eine Zwischenlösung: Die Fasern kehren nicht als hochwertige Komponenten zurück, sondern gehen als Grundstoff in einem anderen Produkt auf.
Ältere Anlagen wurden nicht mit Blick auf die spätere Entsorgung gebaut
Schon beim Rückbau müssen Betreiber, Dienstleister und Entsorger wissen, welche Materialien in den Blättern stecken, ob Carbonfasern enthalten sind, welche Harzsysteme verwendet wurden und wie sauber sich die Stoffströme trennen lassen. Genau daran hakt es jedoch häufig: Ältere Anlagen wurden nicht unbedingt mit Blick auf die spätere Entsorgung gebaut, die Qualität der aufbereiteten Fraktionen schwankt. Der entstehende Standardisierungsrahmen DIN-4866 für den Rückbau von Windenergieanlagen soll mehr Verlässlichkeit schaffen. Entscheidend ist letztlich: Je besser ein Rotorblatt vor dem Zerkleinern identifiziert und dokumentiert wird, desto größer ist die Chance, dass aus dem Abfall ein verwertbarer Sekundärrohstoff wird.
Hersteller denken Weiternutzung der Rotorblätter mit
Damit verschiebt sich der Blick von der Entsorgung alter Blätter zur Konstruktion neuer. Die Hersteller versuchen, Rotorblätter so zu entwickeln, dass sie am Ende ihrer Laufzeit leichter zerlegt und wiederverwertet werden können. Siemens Gamesa ist damit derzeit am weitesten: Nach ersten Einsätzen im Offshore-Windpark Kaskasi in der Nordsee kommt die Recyclable-Blade-Technologie des Herstellers inzwischen in größerem Maßstab zum Einsatz. Im Offshore-Projekt Sofia von RWE wurden 150 dieser Rotorblätter an 50 der insgesamt 100 Turbinen installiert. Die Blätter verwenden ein spezielles Harzgemisch, das am Ende der Laufzeit die Trennung von Harz, Glasfasern, Holz und weiteren Bestandteilen erleichtern soll.
GE Vernova geht mit dem Zebra-Projekt einen anderen Weg und entwickelt derzeit Rotorblätter auf Basis thermoplastischer Harze, deren Bestandteile leichter recycelt werden können. Wann sie marktreif sein werden, ist noch ungewiss. Nordex beteiligt sich an einem EU-Projekt, das die Aufwertung zurückgewonnener Glas- und Carbonfasern voranbringen soll; vollständig recycelbare Rotorblätter will das Unternehmen 2032 auf den Markt bringen. Enercon nennt 2030 als Zielmarke für wiederverwertbare Blätter. Vestas hingegen arbeitet an einem chemischen Recyclingverfahren für im Einsatz befindliche epoxidbasierte Blätter und will die Lösung in den kommenden Jahren gemeinsam mit Stena Recycling skalieren.
Rotorblätter sollen in Stoffströme der Kreislaufwirtschaft integriert werden
Lange Zeit galten Rotorblätter in der Branche vor allem als Hochleistungsbauteile, die leicht, steif, ermüdungsfest und wetterbeständig sein mussten. Heute sollen sie nicht nur Jahrzehnte im Wind bestehen können, sondern nach ihrem Lebenszyklus von 25 bis 30 Jahren in die Stoffströme der Kreislaufwirtschaft integriert werden. Für den Rückbau bestehender Anlagen hilft das indes nur begrenzt. Für sie bleiben Zerkleinerung, einzelne Spezialverfahren und Re-Use-Anwendungen vorerst die wichtigsten Wege zur Nachhaltigkeit.