Retrofitting

Retrofit statt Neubau: Wie Windräder mit neuer Technik länger laufen

Viele ältere Windenergieanlagen lassen sich mit überschaubarem Aufwand modernisieren. Neue Hard- und Software steigern Effizienz, verlängern die Lebensdauer wichtiger Komponenten und schützen die Anlagen besser gegen Cyberangriffe.
09.07.2026 | 3 Min.
Erschienen in: Spotlight: Repowering
Auch das ist Retrofit: Der Zackenkamm mindert das Geräusch der sich drehenden Rotoren.
Auch das ist Retrofit: Der Zackenkamm mindert das Geräusch der sich drehenden Rotoren.
Foto: Paul Langrock

Clipper ist insolvent, seit 2012 schon. Wie also heute Fehler in deren Windturbinen beheben, wie Ersatzteile besorgen? Die Antwort gibt Martin von Mutius: „Wir haben 58 Anlagen des Typs Clipper Liberty 2.5 in drei Tagen in Schuss gebracht – per Retrofit“, sagt der Leiter des Retrofit-Teams bei Bachmann. Seine Leute rüsteten die alten 2,5-Megawatt-Anlagen mit einer neuen, modularen Turbinensteuerung aus und brachten die Software auf den Stand der Technik. „Installation und Inbetriebnahme waren in weniger als 72 Stunden erledigt“, sagt Mutius. Fertig vorbereitete Schaltschrank-Panels erlaubten eine Plug-and-Play-Installation. Dazu wurden kostengünstige 2D-MEMS-Sensoren eingebaut, mithilfe deren Daten die Betreiber sowohl Wartungsarbeiten planen als auch Ausfälle vermeiden.

Ausfälle häufen sich, je älter Windenergieanlagen werden. Betriebskosten steigen und Erträge sinken. Ein Retrofit kann diese Entwicklung aufhalten oder zumindest verzögern. Sinnvoll ist er vor allem dann, wenn das Fundament und die wichtigsten Komponenten noch gut in Schuss sind. So ermöglicht ein Retrofit einen wirtschaftlichen Weiterbetrieb von Windkraftanlagen auch nach Ablauf der EEG-Förderung. Spätestens nach zwei Jahren, so die Faustregel, hat sich die Investition amortisiert.

Wie geht Retrofitting bei Windenergieanlagen?

Betreiber suchen eine kostengünstigere Alternative bei kleineren Serviceanbietern.“ Ronny Meyer, Deutsche Windtechnik
Retrofitting meint sowohl die umfassende Modernisierung von Anlagen – wie bei Clipper – als auch gezielte Eingriffe in einzelne Komponenten oder Systeme. Manchmal müssen „nur“ verschlissene Großwälzlager, Getriebeteile oder Hydraulikkomponenten durch widerstandsfähigere Ersatzteile ausgetauscht werden. Bei anderen Anlagen verbessern aufgeklebte spezielle Rotorblattprofile die Aerodynamik. Zunehmend im Fokus stehen Upgrades der Software: Herstellerunabhängige SCADA-Systeme ermöglichen eine transparente Überwachung und Optimierung ganzer Windparks. Übergeordnete Steuerungen ermöglichen, dass Anlagen unterschiedlicher Hersteller zusammenarbeiten und netzkonform betrieben werden. Oft wird beim Retrofitting auch ein Condition-Monitoring-System eingebaut, um anhand der gelieferten Daten potenzielle Probleme frühzeitig zu erkennen und idealerweise per Fernwartung zu lösen.

Dass üblicherweise der Hersteller die Wartung übernimmt, behagt nicht allen. Eine steigende Zahl von Betreibern will laut BWE-Serviceumfrage den Service entweder selbst übernehmen oder an andere Anbieter übergeben. Das liege an Kunden mit älteren Anlagen, sagt Ronny Meyer, Vorstand der Deutschen Windtechnik: „Sie suchen eine kostengünstigere Alternative bei kleineren Serviceanbietern“, und das mitunter schon nach acht bis zwölf Jahren. Entsprechend früh wird Retrofitting notwendig.

90 Prozent der Turbinen könnten besser auf den Wind ausgerichtet werden

Neue Software, kombiniert mit ebenfalls neuen Sensoren, liefert mitunter überraschende Erkenntnisse. „Viele alte Anlagen bringen nicht die optimale Leistung“, sagt Thomas Andersen, Vice President beim Automatisierungsspezialisten Emerson. „Infolgedessen treten häufig Fehlstellungen bei Azimut- und Pitch-Winkeln auf, ebenso wie Überdrehzahlen bei Turbinen.“ 90 Prozent der Turbinen könnten besser auf den Wind ausgerichtet werden, sagt Andersen. Fehlstellungen führen „zu einer erhöhten Belastung der Turbine, was wiederum den Verschleiß von Komponenten beschleunigt“. Moderne Steuerungssoftware erlaube es, die jährliche Energieproduktion pro Anlage um zwei bis vier Prozent zu steigern und gleichzeitig die Lebensdauer der wichtigsten Turbinenkomponenten um bis zu zehn Jahre zu verlängern.

Entscheidend dabei: Die Eigentümer von Windparks brauchen den Zugang zu den erhobenen Daten. „Behalten sie die alten Steuerungssysteme, fehlt ihnen in der Regel der Zugang zu jenen Daten und Erkenntnissen, die sie benötigen, um die internen Abläufe der Anlage vollständig zu verstehen“, warnt Emerson-Manager Andersen. Sein Tipp: Beim Retrofit auch das SCADA-System zu tauschen und auf diese Weise die Kontrolle über sämtliche erhobenen Daten zu übernehmen. Die damit verbundene Möglichkeit zum Fernzugriff reduziere die Stillstandzeiten erheblich, bestätigt Martin von Mutius. „Das ist häufig finanziell der entscheidende Punkt“, sagt der Bachmann-Experte. Für ihn ebenso maßgeblich ist die bessere Cybersicherheit nach einem Retrofitting: „Alte Lösungen sind einfach anfälliger gegen Cyberattacken.“

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Auch das ist Retrofit: Der Zackenkamm mindert das Geräusch der sich drehenden Rotoren.
Foto: Paul Langrock