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Länderreport

Mehr Wald, weniger CO₂: Panamas Strategie für Energiewende und Klimaschutz

Panama ist eines von weltweit nur drei Kohlenstoff-negativen Ländern – ohne viel dafür zu tun. Zumindest bislang. Neuerdings setzt das zentralamerikanische Land auf CO₂-neutrale Stromerzeugung und Aufforstung.
Von:  Jan Oliver Löfken
23.03.2026 | 7 Min.
Erschienen in: Ausgabe 03/2026
Riesen Leistung: Mit einer installierten Kapazität von 270 Megawatt ist der Windpark Penonomé der größte Mittelamerikas.
Riesen Leistung: Mit einer installierten Kapazität von 270 Megawatt ist der Windpark Penonomé der größte Mittelamerikas.
Foto: Samuel, AdobeStock

Jeffrey Dietrich sieht sich als glücklichen Menschen. Seine Lodge am Fuß des Mount Totumas ist umgeben von Nebelwaldbergen und einer kleinen Kaffeeplantage. Brüllaffen sind zu hören, Kolibris und Quetzals zu sehen und mit etwas Glück sogar Ozelote, Tapire und Jaguare. Der nächste Ort ist eine Fahrtstunde über Holperpisten und durch Bachfurten entfernt – dort endet das Stromnetz. Energie für die abgelegene Lodge des US-Amerikaners liefert ein wasserreicher Bach: Der treibt eine Turbine an, gekoppelt an einen 9,6-Kilowatt-Generator. Dadurch hat Dietrich „sogar mehr Strom, als wir benötigen“.

Wasserkraft versorgt ganz Panama: Gut 60 Prozent des Strombedarfs – rund 13 Terawattstunden – decken Wasserkraftwerke. Die stehen vor allem im bergigen Nordwesten und leisten bis zu 300 Megawatt (MW). Solarparks tragen rund acht Prozent zur landesweiten Stromerzeugung bei, Windräder gut fünf Prozent. Wichtiger sind fossile Kraftwerke rund um den Panamakanal und in den Städten Colon und Panama City, befeuert mit Gas und Öl. Zusammen decken sie etwa ein Viertel des Strombedarfs. Auch ein Kohlekraftwerk nahe der Kupfermine in der Provinz Colon ist noch nicht ausgemustert.

Panama: Ein Land als CO2-Senke

Trotzdem gilt Panama neben Bhutan und Suriname als Kohlenstoff-negativ. Dieser Status hat allerdings wenig mit der Wasserkraft und noch weniger mit dem Verhalten der 4,5 Millionen Panamenos und Panamenas zu tun. Der Grund liegt in den teils noch ursprünglichen Wäldern des Landes, das kaum größer ist als Bayern. Insgesamt machen die Walder, von denen einige für die Gewinnung von Teak und anderen Tropenhölzern bewirtschaftet werden, rund 60 Prozent der Staatsfläche aus. Sie speichern jährlich 23 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2). Niedriger liegen die Emissionen mit rund 15 Millionen Tonnen, sodass das gesamte Land als CO2-Senke wirkt.

„Es ist der Regenwald, der uns Kohlenstoff-negativ hält“, sagt Juan Carlos Monterrey Gomez, Klimaschutzbeauftragter des Umweltministeriums Mi Ambiente. Er vertritt sein Land auf den Weltklimakonferenzen, auf denen er sich für einen stärkeren Klimaschutz einsetzt. Gomez weiß, dass der Status Panamas als CO2-negativ alles andere als gesichert ist. Die Bevölkerung und damit auch der Energiebedarf wachsen. Zudem verlor Panama zwischen 2002 und 2024 laut Schätzungen von Global Forest Watch 98.000 Hektar seiner Walder zugunsten von Weide- und Ackerflächen. Dieser Trend hat sich durch strenge Naturschutzgesetze verlangsamt und soll in naher Zukunft umgekehrt werden.

Panama setzt auf eine kombinierte Strategie für die Zukunft

Wir wollen in den kommenden zehn Jahren mindestens 100.000 Hektar wieder aufforsten." Juan Carlos Monterrey Gomez, Klimaschutzbeauftragter des Umweltministeriums
„Wir wollen in den kommenden zehn Jahren mindestens 100.000 Hektar wieder aufforsten und als Kohlenstoffspeicher zurückgewinnen“, sagt Gomez. Das Land setze bewusst nicht auf voneinander getrennte Pläne für Aufforstung, den Schutz von Feuchtflächen und Mangroven, die Energiewende oder den Erhalt der Wasserressourcen und Artenvielfalt. Gomez setzt „auf eine kombinierte Strategie, genannt Nature Pledge, die all diese Ziele zusammen verfolgt“.

Bei der Energiewende Panamas steht der Ausbau der erneuerbaren Energien im Vordergrund: 2050 soll der Stromsektor komplett CO2-neutral sein. Dafür wird im Westen ein weiteres Großwasserkraftwerk mit 228 MW Leistung am Rio Changuinola entstehen. Konzessionen für neue Solarkraftwerke, oft gekoppelt mit Batteriespeichern als Puffer, werden gerade ausgeschrieben. Bis 2028 sind landesweit Anlagen mit mindestens 250 MW, bis 2039 weitere mit bis zu 3600 MW Leistung vorgesehen. Denn trotz Regenzeit und vielen Wolken hat Panama mit durchschnittlich 1700 bis 2000 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr ein ebenso gutes Einstrahlungspotenzial für Photovoltaikanlagen wie etwa Griechenland oder der Süden Spaniens.

Neue Windparks und neue Gaskraftwerke

Der Ausbau der Windkraft konzentriert sich auf das Binnenland, Offshore-Windparks sind derzeit nicht geplant: zu teuer. Parallel dazu baut das Land neue Gaskraftwerke mit bis zu 1000 MW Leistung. Der Grund: Versorgungssicherheit für Zeiten mit wenig Wind und starker Bewölkung. „Die Energiewende funktioniert nicht ohne Verantwortungsbewusstsein. Nur eine Matrix, die Wasserkraft, Solar und Wind mit thermischen Kraftwerken kombiniert, ist wirtschaftlich und nachhaltig“, sagt Miguel Bolinaga, Präsident des größten Energieversorgers AES Panama. Sein Unternehmen, das mehrheitlich dem Staat gehört, erzeugt mehr als ein Drittel des Stroms. Ähnlich engagiert zeigt sich Enel: Der italienische Konzern steuert mit eigenen Wasserkraftwerken, Solar- und Windparks ein gutes Viertel zur Stromversorgung in Panama bei und erweitert vor allem seine Solarparks.

Obwohl die Region am Pazifischen Feuerring gutes geothermisches Potenzial bietet, wird dort aus Erdwärme kein Strom gewonnen. Während das benachbarte Costa Rica mit grundlastfähigen Geothermie-Kraftwerken zwölf Prozent seines Strombedarfs deckt, fehlt in Panama detailliertes Wissen über den geologischen Untergrund. Die wenigen groben Karten – erstellt vom US Geological Survey – basieren auf mehr als 50 Jahre alten Daten. Damit besteht ein hohes Risiko für teure, aber erfolglose Bohrungen. Daher setzt das Land lieber auf ausgereifte und günstigere Technologien.

Pragmatismus beim Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft

Dieser Pragmatismus spiegelt sich auch im Einstieg in die Wasserstoffwirtschaft wider. Das Land hat zwar dank seiner Lage am Panamakanal eine Produktion von Wasserstoff und darauf basierenden Treibstoffen für Schiffe und Flugzeuge ins Auge gefasst. Man wartet aber ab, ob es überhaupt zum Hochlauf einer globalen Wasserstoffwirtschaft kommt. So bleibt offen, ob und wann sich Panama zu einem internationalen Drehkreuz für grünen Wasserstoff und Ammoniak für die maritime Logistikkette entwickeln wird.

An allererster Stelle steht der Ausbau des öffentlichen Verkehrs." Juan Carlos Monterrey Gomez, Klimaschutzbeauftragter des Umweltministeriums
Klarer und sichtbarer sind dagegen die Fortschritte im Verkehrssektor. „An allererster Stelle steht der Ausbau des öffentlichen Verkehrs, den wir stark subventionieren“, sagt der Klimaschutzbeauftrage Gomez. Zwei Metrolinien bilden bereits eine stark frequentierte West-Ost-Achse durch Panama City. Eine dritte 25-Kilometer-Trasse gen Norden entlang des Kanals ist im Bau, zwei weitere in Planung. Mit umgerechnet gerade mal 25 bis 70 Cent ist eine Fahrt günstig. Das Gleiche gilt für das engmaschige Busnetz, das etwas chaotisch wirkt, aber gut funktioniert.

Alle Städte des Landes von Colon im Norden und Chitre im Süden bis David im Westen sind mit Fernbussen an die Hauptstadt angebunden. Noch in diesem Jahr startet der Bau einer Bahntrasse zwischen Panama City und David. Der Ausbau der Elektromobilität könnte bald folgen. „Doch wir werden erst verstärkt auf Elektrofahrzeuge setzen, wenn sie deutlich günstiger werden“, sagt Gomez.

Mehr Wald: Panama ist Vorreiter für Aufforstung

Während Panama bei neuen Technologien erst einen deutlichen Preisverfall abwartet, nimmt es bei der Aufforstung von Wäldern eine Vorreiterrolle ein. Schon heute finden sich über das Land verteilt Dutzende Aufforstungsprojekte internationaler Investoren aus Nordamerika und Europa. Der US-Konzern Microsoft beispielsweise investiert in die Aufforstung von 10.000 Hektar degradierter Weideflache auf der südlichen Halbinsel Azuero. Andere setzen auf Teak-Plantagen vor allem in den Provinzen Darien im Osten und Chiriqui im Westen.

Der aus Hamburg stammende Sozialunternehmer Andreas Eke hat mit der Firma Futuro Forestal und der Genossenschaft Generation Forest bereits mehr als 10.000 Hektar in verschiedenen Landesteilen aufgeforstet. Er legt großen Wert auf Arbeitsplätze und Einkommen für die lokale, oft indigene Bevölkerung. „In Panama erzeugt jeder investierte Dollar mehr Holzvolumen und höhere Biodiversität als anderswo“, sagt Eke und verweist auf die stabilen rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen im Land. Vorteilhaft sind auch die Logistik mit dem weltweit zweitgrößten Freihafen in Colon und die Eins-zu-eins-Kopplung des panamaischen Balboas an den US-Dollar.

Viel Wissen zur Strategie für Aufforstung steuern Forschende des Smithsonian Tropical Research Institute bei, das seit 1923 in Panama aktiv ist. Aktuell sucht auch der deutsche Forstwissenschaftler Florian Schnabel von der Universität Freiburg mit seiner Arbeitsgruppe nach der besten Baumarten-Mischung, um aus Viehweiden schnell und effektiv Wälder mit großer Biodiversität für Pflanzen und Tiere zu schaffen. „Auf dieser Basis kann Panama ein Laboratorium und ein Vorbild für die Aufforstung tropischer Wälder weltweit werden“, sagt Schnabel.

Klimawandelfolgen: Die nächste Dürre droht

Die Zeit drängt. Zwar entnimmt das Land jedes Jahr – rein rechnerisch – CO2 aus der Atmosphäre, leidet aber selbst stark unter den Folgen des Klimawandels. So wurden kürzlich die etwa 1200 indigenen Bewohner der Insel Gardi Sugdub im karibischen San-Blas-Archipel aufs Festland umgesiedelt. Wegen des steigenden Meeresspiegels wird die maximal einen halben Meter aus dem Meer ragende Insel immer häufiger überflutet und zunehmend unbewohnbar. Dieses Schicksal droht Dutzenden, nach neuesten Schätzungen sogar Hunderten weiteren Inseln.

Und das ist nicht die einzige Folge des Klimawandels: Im von Weide- und Ackerflachen geprägten Süden drohen Hitzewellen mit Temperaturen deutlich über 40 Grad. Dürren wie zuletzt im El-Nino-Jahr 2023 konnten häufiger auftreten. Drohender Wassermangel gefährdet nicht nur die Wasserversorgung der Menschen und die Schleusen des Panamakanals: Die Wasserkraftwerke liefern dann deutlich weniger Strom. Das gilt für die riesigen Kraftwerke an den Stauseen ebenso wie für die kleine Turbine von Jeffrey Dietrich am Mount Totumas.

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