Zur Webseite des Anbieters
Speicherforschung

Nach Lithium: Welche Batterien zukünftig die Energiewende tragen

Lithium-Batterien sind heute Standard – doch ihre Grenzen werden sichtbar. Natrium-Ionen und Redox-Flow-Systeme könnten schon bald eine größere Rolle spielen. Wir zeigen, welche Systeme künftig den Markt bestimmen könnten.
24.04.2026 | 9 Min.
Es muss nicht immer Lithium sein: Das CTG Jimusaer ESS im Nordwesten Chinas ist das weltweit erste Energiespeicherprojekt mit Vanadium-Redox-Flow-Batterie im Gigawattstunden-Maßstab.
Es muss nicht immer Lithium sein: Das CTG Jimusaer ESS im Nordwesten Chinas ist das weltweit erste Energiespeicherprojekt mit Vanadium-Redox-Flow-Batterie im Gigawattstunden-Maßstab.
Foto: RKP

Es sind hektische Zeiten. Die Netzanschlüsse für Batteriespeicher – kurz BESS für Battery Energy Storage System – sind umkämpft. Zugleich ist es ein Wettlauf gegen die Zeit, denn – Stand heute – um von Netzentgelten befreit zu bleiben, müssen die Anlagen bis 2029 in Betrieb gehen. Auf der technischen Seite ist der Wettlauf bereits entschieden. Vorerst zumindest. „Fast jeder Betreiber von Großbatteriespeichern setzt heute auf Lithium-Eisenphosphat, kurz LFP“, sagt Leonhard Gandhi, Energiemarktexperte vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Diese Variante der Lithium-Ionen-Batterien ist technisch ausgereift, wird in großem Maßstab vor allem in China produziert und sehr günstig angeboten. LFP-Batteriezellen rangieren aktuell zwischen 40 und 60 Dollar pro Kilowattstunde Speicherkapazität. In den vergangenen zwei Jahren haben sich die Preise halbiert, seit 2020 gedrittelt. „Die Gründe liegen in einem scharfen Wettbewerb und erheblichen Überkapazitäten in der chinesischen Zellproduktion“, sagt Dirk Uwe Sauer, Professor für elektrochemische Energiewandlung und Speichersystemtechnik an der Rheinisch-Westfälischen Hochschule Aachen (RWTH).

Die Verfügbarkeit preiswerter LFP-Batterien befeuert den Antragsboom für BESS-Anlagen in Deutschland, zumal sie „eine deutlich höhere Sicherheit als NMC-Zellen bieten“, sagt Sauer. Lithium-Ionen-Batterien mit Kathoden auf der Basis von Nickel, Mangan und Kobalt (NMC) enthalten im Vergleich zu LFP-Speichern deutlich mehr chemische Energie, die ein Löschen im Brandfall nahezu unmöglich macht. Auch die Langzeitstabilität mit bis zu 10.000 Vollzyklen beschränkt den Einsatz in Großbatteriespeichern für 15 bis 20 Jahre nicht. In der Realität werden BESS eher in Teilzyklen gefahren, die Batterien also nur selten bis auf ein Minimum entladen. Das verlängert die Lebensdauer der Batterie. Nicht zuletzt ist die Reaktionsgeschwindigkeit der Stromspeicher schnell genug, um Strom selbst in Bruchteilen einer Sekunde für eine das Stromnetz stabilisierende Momentanreserve zur Verfügung zu stellen. „Die Batterien reagieren sogar schneller als die angeschlossene Leistungselektronik, die das Wechselspiel mit dem Stromnetz reguliert“, sagt Sauer.

Lithium-Eisenphosphat-Batterien: Eine Frage der Energiedichte

In einer grundlegenden Disziplin haben LFP-Systeme allerdings das Nachsehen: bei der Energiedichte. Sie gibt an, wie viel Raum ein Stromspeicher für eine bestimmte Strommenge benötigt. Das ist gerade für Großbatteriespeicher an Standorten mit hohen Grundstückspreisen relevant. Spitzenreiter bei der sogenannten volumetrischen Energiedichte ist die NMC-Lithium-Ionen-Batterie. Komplette Packs – also Systeme mit Batteriezellen und Elektronik – kommen auf 450 bis 700 Wattstunden pro Liter (Wh/l). LFP-Packs speichern mit gut 300 bis 400 Wh/l etwa ein Drittel weniger Strom. Aber da sie nur rund die Hälfte von NMC-Speichern kosten, bleiben sie für BESS-Betreiber erste Wahl.

„Es gibt Wege, die Energiedichte weiter nach oben zu treiben“, sagt Sauer. Möglich wird das mit dem Metall Mangan. Es ist zwar teurer als Eisen, aber deutlich günstiger als Nickel oder Kobalt. Batterien mit Lithium-Eisen-Mangan-Phosphat (LFMP) haben das Potenzial, die Energiedichte um bis zu 20 Prozent zu steigern. Noch werden LFMP-Batteriezellen nicht im großen Maßstab gefertigt. Doch lange wird es bis zu LFMP-Batteriepacks mit 350 bis 450 Wh/l wahrscheinlich nicht mehr dauern.

BESS-Alternative 1: Natrium-Ionen-Batterien

Wie lange LFP-Batterien mitsamt optimierten Varianten den BESS-Markt beherrschen werden, lässt sich schwer vorhersagen. Der nächste Kandidat bringt sich bereits in Stellung: die Natrium-Ionen-Batterie. Das Element Natrium ist im Unterschied zu Lithium weltweit in großen Mengen verfügbar und deutlich günstiger. Der größte BESS mit Natrium-Ionen-Batterien und 100 Megawattstunden Speicherkapazität ist im chinesischen Qianjiang bereits 2024 ans Netz gegangen. In Bremen hat der Schweizer Batteriehersteller Phenogy vergangenes Jahr eine Natrium-Ionen-Anlage mit immerhin einer Megawattstunde Speicherkapazität in Betrieb genommen. Und aktuell erweitert RWTH-Batterieforscher Sauer seinen Forschungsbatteriespeicher M5BAT mit Natrium-Ionen-Packs, die insgesamt sogar anderthalb Megawattstunden speichern werden. In vielen Testläufen erprobt Sauers Arbeitsgruppe, wie sich Natrium-Ionen-Batterien im Vergleich zu verschiedenen Lithium-Ionen-Batterien im realen Marktbetrieb behaupten können.

Natrium-Ionen-Batterien nähern sich heute der Preisparität, haben aber bessere Aussichten auf eine Kostenreduktion.“ Helmholtz-Institut Ulm für Elektrochemische Energiespeicherung
Natrium-Ionen-Batterien speichern mit 200 bis 300 Wattstunden pro Liter allerdings grob ein Drittel weniger Strom als LFP-Systeme bei gleichem Volumen. BESS-Anlagen benötigen also etwas mehr Platz. Aktuell liegen die Preise mit etwa 60 Dollar pro Kilowattstunde nur noch knapp über denen von LFP-Batterien. „Natrium-Ionen-Batterien nähern sich heute der Preisparität, haben aber bessere Aussichten auf eine Kostenreduktion“, berichtete jüngst das Team um Marcel Weil vom Helmholtz-Institut Ulm für Elektrochemische Energiespeicherung im Journal of Energy Storage.

Spätestens wenn der aktuell moderate Preis für Lithium wieder anzieht, werden Natrium-Ionen-Batterien ihren Kostenvorteil ausspielen können. „So frisch die Technologie ist, wird sie mit Sicherheit bleiben“, ist auch Sauer überzeugt. Sinkende Preise hält er für wahrscheinlich, da die Skalierung der Produktionsanlagen gerade erst begonnen hat. Wegen der großen Ähnlichkeit könnten Fertigungslinien für Lithium-Ionen-Batterien rasch umgestellt werden. „Diese Hürde ist sehr klein“, sagt Sauer.

BESS-Alternative 2: Redox-Flow-Speicher

Weniger optimistisch beurteilt Sauer dagegen die Chancen von Redox-Flow-Speichern. Sie funktionieren wie eine Batterie mit Tanks. Zwei flüssige Elektrolyte mit gelösten Metallverbindungen – etwa Vanadium in verschiedenen Oxidationsstufen – werden aus externen Behältern durch eine Reaktionszelle mit porösen Elektroden und Membranen gepumpt. In dieser Zelle finden elektrochemische Redoxreaktionen statt, Elektronen fließen über den äußeren Stromkreis. Die Energiemenge ergibt sich aus dem Tankvolumen und lässt sich an einem Standort flexibel durch zusätzliche Tanks erweitern. Redox-Flow-Speicher gelten als sehr sicher. Im Unterschied zu Lithium-Ionen- und Natrium-Ionen-Batterien gibt es mit den wasserbasierten Elektrolyten kein Brandrisiko. Allerdings ist die Energiedichte deutlich geringer und damit der Platzbedarf für eine BESS-Anlage erheblich größer.

Aktuell baut das Unternehmen Flexbase in Laufenburg im Schweizer Kanton Aargau den weltweit größten Redox-Flow-Speicher auf. 2028 soll er mit einer Kapazität von 1600 Megawattstunden in Betrieb gehen. Die Kosten liegen – vor allem wegen des teuren Rohstoffs Vanadium – bei geschätzt 250 Euro pro Kilowattstunde Speicherkapazität, das Vierfache im Vergleich zu LFP-Speichern. Zudem ist der Wartungsaufwand größer, um die Flüssigkeiten mit Pumpen und Ventilen in einem Kreislauf zu halten. Flexbase will in Laufenburg Erfahrungen sammeln, um Redox-Flow-Speicher in Zukunft effizienter und auch günstiger zu machen. So setzt eine neuere Redox-Flow-Variante auf Eisen, um das teure Vanadium zu ersetzen. Erkennbare Fortschritte sind essenziell, „sonst läuft auch dieser Technologie die Zeit davon“, sagt RWTH-Experte Sauer.

  LFP-Batterien (Lithium-Eisenphosphat) Natrium-Ionen-Batterien  Redox-Flow-Speicher
Technologiestatus technisch ausgereift, aktuell dominierend noch im Aufbau, erste Großanlagen und Tests etabliertes Konzept, aber geringere Marktdynamik
Verfügbarkeit / Produktion Massenproduktion, vor allem in China Produktion im Hochlauf, Skalierung beginnt Einzelprojekte, noch begrenzte Verbreitung
Kosten ca. 40 bis 60 Dollar pro kWh ca. 60 Dollar pro kWh  ca. 300 Dollar pro kWh
Preisentwicklung stark gefallen (halbiert in 2 Jahren, gedrittelt seit 2020) gute Aussichten auf weitere Kostensenkung Potenzial für Senkung, aber aktuell teuer
Rohstoffe Lithium, Eisen Natrium (weltweit reichlich verfügbar) häufig Vanadium (teuer), teils Eisen als Alternative
Energiedichte (volumetrisch) ca. 300–400 Wh/l  ca. 200–300 Wh/l deutlich geringer als Batterien
Platzbedarf mittel höher als LFP sehr hoch
Skalierbarkeit standardisiert, weit verbreitet gute Skalierungsperspektiven sehr flexibel über Tankvolumen
Marktrolle aktuell Marktführer bei BESS  aufstrebende Alternative Nischenlösung
Zukunftsperspektive  kurz- bis mittelfristig führend gute Chancen bei steigenden Lithiumpreisen Chancen bei längeren Speicherzeiten, aber unsicher

 

BESS: Längere Speicherdauer und weniger Zyklen gefragt

In 15 bis 20 Jahren allerdings kann der Markt für Großbatteriespeicher schon ganz anders aussehen. Denn mit immer mehr Speichern und fortschreitender Energiewende verlängert sich die benötigte Speicherdauer. „Was heute installiert wird, ist vor allem für den Regelenergie- und Intradaymarkt ausgelegt“, sagt ISE-Forscher Gandhi. Das bedeutet: viele Zyklen, bis zu sechs pro Tag, und schnell verfügbare, aber geringe Strommengen. „Diese Märkte werden relativ rasch gesättigt sein und dadurch weniger lukrativ“, sagt Gandhi. Um neue Märkte zu erschließen, müssten die Speicherzeiten stetig zunehmen. Derzeit sind zwei bis drei Stunden normal, „in zehn Jahren sind wir sicherlich bei 5 bis 15 Stunden Speicherzeit“, so Gandhi. Das entspricht dann etwa einem Lade- und Entladezyklus pro Tag oder gar nur noch 50 bis 100 Zyklen pro Jahr.

Hybridsysteme aus schnellen und langsameren Speichern mit viel Kapazität sind möglich.“ Leonhard Gandhi, Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE)
Weniger Zyklen verlangen allerdings nach größeren Speicherkapazitäten, damit sich ein BESS-Betrieb weiterhin lohnt. Die schnellen Zyklen, die LFP-Batterien ermöglichen, wären dann weniger gefragt. „Dann können andere Speicher wie Redox-Flow- oder auch Natrium-Schwefel- oder Eisen-Luft-Systeme an Bedeutung gewinnen“, sagt Gandhi. Er geht davon aus, dass diese Alternativen innerhalb der nächsten zehn Jahre konkurrenzfähig werden – also dann, wenn sich die heute installierten BESS allmählich dem Ende ihrer Laufzeit nähern. Bei einem RepoweringAustausch älterer EE-Anlagen durch moderne Anlagen zur Leistungssteigerung am gleichen Standort.Austausch älterer EE-Anlagen durch moderne Anlagen zur Leistungssteigerung am gleichen Standort. hält Gandhi „Hybridsysteme aus schnellen und langsameren Speichern mit viel Kapazität für möglich“. Welche Technologien dafür eingesetzt werden, werde von den Kosten und den konkreten Anwendungswünschen abhängen.

Die Zukunft der Batterie: Vielfalt

Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur wird sich der jährliche Batteriebedarf bis zum Jahr 2040 auf mindestens vier Terawattstunden vervierfachen. Haupttreiber ist demnach die Elektromobilität, gefolgt von stationären Speichern. Damit vervielfacht sich auch der Rohstoffbedarf: Lithium, Kobalt, Nickel werden knapper und teurer. Diesen drohenden Flaschenhals analysierte jüngst die Forschungsgruppe von Heidi Heinrichs vom Forschungszentrum Jülich im Fachblatt Resources, Conservation & Recycling. Ihr Ergebnis: „Wir brauchen mehr unterschiedliche Batterien, da ein großer Marktanteil von Lithium-Ionen-Batterien zu Engpässen bei Lithium, Nickel, Kobalt und Graphit führen kann.“ Heinrichs sieht die Notwendigkeit, immer mehr alte Batterien effizient zu recyceln. Eine weitere Option: In stationären Speichern ließen sich zunehmend ausgediente, aber immer noch funktionierende Lithium-Batterien aus Elektroautos einsetzen.

Passende Termine

Kommentar verfassen

Kommentare werden vor der Freischaltung zunächst gesichtet. Das kann unter Umständen etwas Zeit in Anspruch nehmen.

*Pflichtfelder

Bitte berücksichtigen Sie vor dem Kommentieren unsere Community-Richtlinien und unsere Datenschutzerklärung.


Captcha Image
=
Es muss nicht immer Lithium sein: Das CTG Jimusaer ESS im Nordwesten Chinas ist das weltweit erste Energiespeicherprojekt mit Vanadium-Redox-Flow-Batterie im Gigawattstunden-Maßstab.
Foto: RKP
Zur Webseite des Anbieters
Termine
11.05.2026

12.05.2026 bis 13.05.2026
2026_webse-2x0,5t | Solarenergie - Betriebsführung

12.05.2026 bis 13.05.2026

13.05.2026
2026_webinar | Windenergie - Natur- & Artenschutz