Der Iran-Krieg hat die Preise für Öl und Gas weltweit explodieren lassen. In Europas Staaten, die besonders stark von fossilen Importen abhängig sind, läuft die Debatte, wie diese Abhängigkeit gemindert werden kann – gerade hierzulande. So hat ein wissenschaftlicher Beraterkreis von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) empfohlen, das umstrittene Fracking für die heimische Erdgasforderung ernsthaft zu prüfen, während Reiche selbst sich dafür aussprach, unter anderem die Gasförderung auch vor der deutschen Nordseeküste zu ermöglichen. Klar ist: Kurzfristig könnte das in der aktuellen Krise nicht helfen. Doch es fragt sich, ob eine solche Renaissance der heimischen fossilen Energien nicht auch generell die falsche Strategie wäre. Neue Untersuchungen stützen diese Sicht.
So zeigt der britische Thinktank Ember in einer aktuellen Analyse zur Energiesicherheit vor allem eines: Die Verwundbarkeit steckt im fossilen System selbst. Nach den Berechnungen leben rund drei Viertel der Weltbevölkerung in Ländern, die netto fossile Energien importieren. 50 Länder decken danach mehr als die Hälfte ihres Primärenergiebedarfs über fossile Einfuhren. Diese Nettoimporteure gaben 2024 zusammen rund 1,7 Billionen Dollar für fossile Energien aus. Und die Rechnung wächst schnell: Jeder Anstieg des Ölpreises um zehn Dollar pro Barrel treibt die weltweiten Netto-Importkosten laut Ember um etwa 140 Milliarden Dollar pro Jahr nach oben. Die Straße von Hormus gilt dabei als gefährlichster Engpass des globalen Rohstoffsystems; durch sie läuft etwa ein Fünftel des weltweiten Öl- und LNG-Handels. Genau diese Achillesferse der Weltwirtschaft ist im aktuellen Krieg wieder sichtbar geworden.
Schutz gegen Schocks: Energieversorgung elektrifizieren aus erneuerbaren Quellen
Die politische Schlussfolgerung daraus? Mehr Fracking oder neue Gasprojekte mögen auf den ersten Blick wie mehr Versorgungssicherheit wirken, tatsächlich verlängern sie aber nur die Logik der Abhängigkeit. Denn fossile Sicherheit ist immer prekär – sie hängt an Förderländern, Pipelines, Tankerrouten und Preissprüngen auf Weltmärkten. Ein wirklich robuster Schutz gegen Schocks entstehe, so Ember, nur dann, wenn Länder ihre Energieversorgung elektrifizieren und dafür heimische erneuerbare Quellen nutzen. Der Thinktank argumentiert, dass Technologien wie Solar- und Windkraft, Wärmepumpen und Elektroautos inzwischen marktreif, breit einsetzbar und vielfach preislich konkurrenzfähig seien.
Der Thinktank verweist darauf, dass es bereits heute technische Lösungen gebe, um mehr als 75 Prozent der Weltwirtschaft zu elektrifizieren – und dass jedes Land genügend Potenzial für heimischen Wind- und Solarstrom habe, um diesen Bedarf zu decken. Würden die „Electrotech“-Lösungen fossile Energien bei Verkehr, Wärme und Stromerzeugung systematisch ersetzen, könnten die Nettoimporteure ihre fossilen Einfuhren nach Embers Modellrechnungen bereits um rund 70 Prozent senken. Besonders stark wirkt der Hebel im Verkehr: Elektroautos allein könnten die Importrechnung um mehr als ein Drittel drücken.
Erneuerbare und Elektrifizierung sind echte Alternative zu fossilen Technologien
Ember verweist auf die inzwischen erreichte Größenordnung der sauberen Technologien. Elektroautos haben danach 2025 demnach weltweit bereits rund 1,7 Millionen Barrel Öl pro Tag verdrängt – fast so viel wie die 2,4 Millionen Barrel pro Tag, die Iran 2025 über Hormus exportierte. Zugleich könnte nach den Berechnungen allein der Zuwachs der globalen Solarstromproduktion im Jahr 2025 rechnerisch so viel gasbefeuerte Stromerzeugung ersetzen wie sämtliche LNG-Mengen, die im selben Jahr durch die Straße von Hormus verschifft wurden. Solche Vergleiche sollen zeigen: Erneuerbare und Elektrifizierung sind nicht mehr nur eine Klimaschutzperspektive für irgendwann, sondern bereits eine reale Größenordnung im Energiesystem, die fossile Schocks abfedern kann.
Globaler Ausbau der Erneuerbaren geht mit hoher Dynamik weiter
Dass diese Entwicklung nicht bloß ein Szenario bleibt, sondern sich weltweit beschleunigt, zeigt eine zweite neue Untersuchung. Laut dem Report „Renewable Energy: Strategic Intelligence“ des Londoner Markt- und Analyseunternehmens GlobalData, aus dem mehrere Fachmedien zitieren, dürfte sich die weltweit installierte Leistung erneuerbarer Energien von 4,1 Terawatt im Jahr 2025 auf 8,4 Terawatt im Jahr 2031 mehr als verdoppeln. Das entspräche einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 13 Prozent. Treiber ist vor allem die Photovoltaik: Sie stellte 2025 bereits gut 56 Prozent der globalen erneuerbaren Kapazität und soll bis 2031 auf fast sechs Terawatt anwachsen. Schon 2025 erzeugte Solarenergie laut GlobalData weltweit rund 2800 Terawattstunden und überholte damit sogar die Windkraft knapp. Besonders stark wächst der Markt im asiatisch-pazifischen Raum, allen voran in China. Dort wurden 2025 rund 1150 Terawattstunden Solarstrom produziert – etwa 41 Prozent der weltweiten PV-Erzeugung. Die Aussage hinter diesen Zahlen ist klar: Der globale Ausbau der Erneuerbaren geht mit hoher Dynamik weiter.
Für die aktuelle Debatte ist das zentral. Denn wer jetzt wieder auf mehr Erdgasförderung setzt, investiert in eine Infrastruktur, die teuer, langsam und – bei Importen – geopolitisch anfällig bleibt. Wer dagegen Strom aus Sonne und Wind ausbaut, investiert in eine Infrastruktur, deren „Brennstoff“ nicht importiert werden muss. Die jüngsten Zahlen von Ember und GlobalData ergeben ein strategisches Bild: Die Antwort auf Preisschocks liegt nicht im Versuch, noch etwas mehr fossiles Gas aus heimischem Boden oder aus der Nordsee zu holen, sondern im schnelleren Umbau zu einem elektrischen Energiesystem.
Acht Millionen E-Autos in Europa sparten Ölimporte von 2,9 Milliarden Euro ein
Eine weitere aktuelle Analyse liefert noch die alltagsnahe Botschaft dazu: Nach Berechnungen der europäischen NGO Transport & Environment (T&E) trifft der aktuelle Ölpreisschock Fahrerinnen und Fahrer von Benzinern fünfmal stärker als Menschen mit Elektroauto. Bei einem Ölpreis von über 100 Dollar pro Barrel steigen danach die Kosten für einen durchschnittlichen Benziner auf 14,20 Euro je 100 Kilometer – das sind 3,80 Euro mehr als bisher. Beim E-Auto liegen die Kosten im Schnitt bei 6,50 Euro je 100 Kilometer. Der krisenbedingte Aufschlag beträgt hier 70 Cent; Grund dafür ist, das teureres Gas indirekt auf den Strompreis wirkt. Für Vielfahrer in Firmenflotten wird der Unterschied noch deutlicher: plus 89 Euro im Monat beim Benziner, aber nur 16 Euro beim E-Auto.

